Reaktion auf Kunstaktion in Bornhagen "Dreckspack, lasst den Höcke in Ruhe!"

Aktivisten haben in einem thüringischen Dorf einen Ableger des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet - direkt vor dem Haus des AfD-Mannes Björn Höcke. Das Dorf steht Kopf, Tumulte inklusive.

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Von , Bornhagen


Es dauert vier Stunden, bis das akribisch vorbereitete Spektakel die erwünschte Wucht entfaltet. Um 9.55 Uhr rollen zwei Streifenwagen auf den Kirchplatz von Bornhagen, einen Schotterweg im Süden des malerischen Dörfchens. "Das ist nicht rechtens", ruft ein Beamter dem Kamerateam zu, das sich dort gerade positioniert. "Jetzt machense ma die Kamera aus und löschen das Material."

Reporter und Polizisten liefern sich daraufhin ein hitziges Wortgefecht - es soll nicht das letzte bleiben an diesem Vormittag. Bornhagen, ein 270-Seelen-Idyll im thüringischen Eichsfeld, ist der Wohnort des AfD-Politikers Björn Höcke. Und es ist der Schauplatz einer politischen Kunstaktion, wie sie das betuliche Eichsfeld wohl noch nie erlebt hat.

Im Garten der Nachbarn von Familie Höcke ist in den vergangenen Tagen klammheimlich ein Ableger des Berliner Holocaust-Mahnmals entstanden. 24 Nachbildungen der bekannten Betonstelen stehen nun in Bornhagen, errichtet für nur einen einzigen Betrachter: Björn Höcke.

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Aktion gegen Höcke: Aufregung in Bornhagen

Der Chef der Thüringer AfD, der dem strammrechten Parteiflügel zugerechnet wird, schaut seit diesem Morgen beim Blick aus dem Fenster auf das Mahnmal. Geplant, gegossen, heimlich angekarrt und errichtet wurden die Stelen von Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit, kurz ZPS. Die Künstler haben für diesen Zweck extra das Nachbarhaus angemietet. Das Ziel: Provokation.

Der Plan geht auf.

Um kurz nach zehn kommt ein älterer Herr auf den Kirchplatz gehastet, er schnaubt vor Wut. "Die sollen sich wegmachen, das Dreckspack", ruft er den Journalisten zu, "macht euch weg, lasst doch den Höcke in Ruhe!" Der Wüterich, ein kleiner Herr in Trainingsjacke, gibt sich als Rentner aus dem Ort zu erkennen. Die Familie des AfD-Politikers kenne er gut, sagt er, "der Höcke ist mein bester Freund."

Was ihn so aufrege? "Dass immer alle um den Höcke herumschwirren", sagt er. Das Mahnmal der Aktivisten interessiere ihn gar nicht, die Familie des Politikers solle nur einfach in Ruhe gelassen werden. "Wir sind froh, dass wir so einen Kerl haben", legt er nach. "Weil er gute Politik macht."

"Es ist wirklich groß geworden"

Die Initiatoren des Höcke-Mahnmals sehen das natürlich anders. Das Mahnmal sei eine Reaktion auf dessen berüchtigte Dresdner Rede aus dem Januar. Damals hatte der AfD-Mann vor Gesinnungsgenossen unter anderem gesagt: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."

Das Bornhagener Mahnmal sei eine Reaktion auf diese Rede, sagt Morius Enden vom ZPS, der an diesem Morgen lächelnd zwischen den Stelen wandelt. Und es sei offenbar gelungen, Höcke damit wirklich zu überraschen - der habe am frühen Morgen ziemlich gestaunt: "Irgendwann standen drei Leute im Fenster", sagt Enden, "und haben so geguckt." Der 26-Jährige reißt die Augen und den Mund auf und wiegt leicht den Kopf.

Die Aktion erschöpft sich nicht in Betonquadern: In einem unaufgeräumten Raum des ZPS-Unterschlupfs, der ursprünglich mal als Küche geplant war, hängt ein Plakat voller Namen und Linien an der Wand. In der Mitte steht "Björn Höcke", drumherum schwirren Begriffe wie "Deutsches Kolleg", "Bund Deutscher Unitarier", "Republikaner". Draußen bauten die Aktivisten "den erinnerungspolitischsten Beton aller Zeiten", drinnen analysierten sie das Gebaren ihres Nachbarn.

Höcke habe von alldem nichts mitbekommen, da ist sich Aktivist Enden sicher. Wie es gelungen sei, 24 Betonquader unbemerkt neben dem Haus des AfD-Mannes aufzustellen? "Mit einem absolut tollen Team und Präzisionsarbeit", sagt Enden - die Kosten spielte ein Crowdfunding, unterstützt von einer aufwendigen Kampagne, an diesem Tag binnen vier Stunden ein. Mehr Details wolle er über die Vorbereitungen nicht verraten, sagt Enden, nur das noch: "Es ist wirklich groß geworden."

Gegen 10.15 Uhr klingelt es an der Tür. Es sind die beiden Polizisten; sie haben es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, das kuriose Treiben im Dorf irgendwie zu sortieren. "Haben Sie die Parkplatzsituation mal bedacht?", fragt der eine, "die Leute parken ja schon auf dem Gehweg." Sein Kollege gibt sich diplomatischer. "Sprechen Sie vielleicht mal mit dem Bürgermeister, damit es keinen Ärger gibt", sagt er - und schiebt noch eine Frage hinterher: "Gibt es hier feste Öffnungszeiten?" Die Antwort: "Nö."

Die Aktivisten wollen kein Holocaust-Museum und erst recht keinen Publikumsverkehr - denn das würde bei einem Teil ihrer Arbeit ziemlich stören: An mehreren Bäumen im Garten hinterm Haus sind Kameras installiert - mit Blickrichtung zum alten Pfarrhaus, in dem die Höckes wohnen. Im ZPS-Unterschlupf gibt es auch ein Zimmer, rechts neben der Haustür, das sie "Überwachungsraum" nennen. Sechs Bildschirme sind darin auf- und nebeneinander gestapelt, auf dem Tisch liegen zwei angebissene Waffeln auf einem Teller. Künstler, die Politiker überwachen?

Allerdings, und das laut ZPS schon seit zehn Monaten. Die Aktivisten gründeten einen "Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz", der Höcke bespitzelte. Angeblich wissen sie nun, wann ihr ungeliebter Nachbar sein Holz hackt, welche Verlage ihm Broschüren schicken, wie es seinen Schafen geht. All das wollen sie öffentlich machen - es sei denn, der AfD-Mann leistet Abbitte und kniet vor dem Bornhagener Holocaust-Mahnmal nieder.

"Ich muss jetzt mal 'nen Knüppel herholen"

Keine Frage, Björn Höcke ist ein streitbarer und umstrittener Politiker, seine Nähe zu ultrarechten und auch rassistischen Ideen lässt sich nicht leugnen, selbst seine eigene Partei wollte ihn loswerden - vergeblich. Aber rechtfertigt das Schnüffelmethoden und eine Erpressung mit Details aus seinem privaten Umfeld?

"Gegen Nazis wenden wir Nazimethoden an", sagt Enden. Das klingt kernig - aber es beantwortet nicht die Frage, ob die Lage in Deutschland tatsächlich so ernst ist, dass im politischen Gefecht auch das Privatleben angegriffen werden darf. Und ist es nicht am Ende Höcke selbst, der sich als Opfer einer linksgrünen Schmutzkampagne inszenieren kann - und von der Aktion womöglich noch profitiert?

In Bornhagen gibt es Unterstützung für Höcke. "Das hat was mit Pietät zu tun", sagt kopfschüttelnd einer der Bauarbeiter, die neben der Kirche vor Höckes Haus gerade einen Behindertenparkplatz pflastern. "Die sollen bei ihm auf der Arbeit einfallen und nicht hier", sagt ein anderer, und ein dritter: "Das ist doch hier seine Privatsphäre, mit Familie und so."

Dass Höcke in Bornhagen keine Revolte gegen sich fürchten muss, war schon vorher klar. Bei der Thüringer Landtagswahl vor drei Jahren, lange vor dem bundesweiten Durchbruch der AfD, erreichte er in seinem Dorf beachtliche Zahlen: 36,5 Prozent der Bornhagener Zweitstimmen entfielen auf seine Partei, der Direktkandidat selbst bekam sogar mehr als 38 Prozent.

Am Mittag wird der Auflauf vor dem Haus der Höckes immer größer. Ein halbes Dutzend Einsatzwagen stehen inzwischen da, das Ordnungsamt ist vor Ort, überall laufen Reporter und Kameramänner umher. Vor dem Haus der Aktivisten rottet sich am Nachmittag ein aufgebrachter Mob zusammen, ein Polizist rechnet sie der AfD zu.

Die Gruppe stellt sich in die Einfahrt zum Haus, das die Künstler angemietet haben - und versucht, Journalisten den Zugang zu verwehren. Es kommt zu einer Rangelei, Tätlichkeiten, Schläge gegen Kameras - auch ein Team von SPIEGEL TV wird attackiert. Wenig später greift die Polizei ein und schickt die bürgerwehrähnliche Truppe heim: Die brausen wenig später in acht Autos davon.

Schnell wieder abgehauen ist auch der wütende Rentner, der sich als Höckes bester Freund bezeichnet hat. "Ich muss jetzt mal 'nen Knüppel herholen", hatte er einigen Journalisten zum Abschied zugebrüllt, "früher hätt' ich euch mit der Schlinge weggefangen!"

Zwei Straßen weiter hat er sich wieder beruhigt. Die Fernsehteams haben seine Tirade aufgenommen, auch er ist an diesem Tag seine Botschaft losgeworden. "Ich geh jetzt nach Hause", sagt er ganz friedlich. "Ich hab genug gesagt."

Mitarbeit: Adrian-Basil Mueller



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