Amsterdam Das Bordell als mitarbeitergeführtes Unternehmen

In Amsterdam soll ein Bordell entstehen, das von den Prostituierten selbst geführt wird. Schon bald sollen sie dort ohne Zuhälter arbeiten können. Die Gemeinde will damit Gewalt gegen Frauen und Zwangsprostitution bekämpfen.

Bordell in Amsterdam: Prostituierte müssen einen hohen Anteil ihrer Einnahmen abgeben
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Bordell in Amsterdam: Prostituierte müssen einen hohen Anteil ihrer Einnahmen abgeben

Von , Amsterdam


Eine Adresse gibt es bereits: Oudezijds Achterburgwal, Stadtteil De Wallen, im Zentrum von Amsterdam. Dort soll in den kommenden Monaten ein Bordell entstehen, das von Prostituierten selbst geführt wird. Keine Zuhälter, keine Gewalt, kein Zwang. Stattdessen Prostituierte, die ihre eigene Firma betreiben. Es wäre das erste Bordell dieser Art in den Niederlanden.

In der vergangenen Woche beschloss der Stadtrat, die Möglichkeiten für eine solche Einrichtung zu untersuchen. "Schon seit mehreren Jahren gibt es unter Sexarbeitern den Wunsch, einen eigenen Betrieb zu beginnen", sagt Jasper Karman, der Sprecher von Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan. Die Stadt unterstützt die Idee - und könnte sogar Vermieter der Räume werden.

In den vergangenen Jahren wurden viele der typischen roten Fenster in Amsterdam geschlossen, hinter denen Prostituierte auf Kunden warten. Die Gebäude wurden zu Wohnungen oder Restaurants - doch Menschenhandel, Ausbeutung und Zwangsprostitution wurden damit nicht aus der Welt geschafft.

"Missstände in der Prostitution anpacken"

"Das Konzept passt zu den Bemühungen der Stadtverwaltung, die Missstände in der Prostitution anzupacken", erklärt Karman. Ein solches Unternehmen hätte den Vorteil, dass die Prostituierten selbst die Bedingungen bestimmen, zu denen sie arbeiten. Sie könnten zum Beispiel so auch über Arbeitszeiten entscheiden.

Bisher scheiterte die Idee vor allem aus zwei Gründen: Es fehlten die Räumlichkeiten und die fachliche Unterstützung. Nun scheint es eine Lösung für beide Probleme zu geben. Am Oudezijds Achterburgwal besitzt die Gemeinde vier Gebäude, ein weiteres im Westen der Innenstadt. Dort könnten insgesamt rund fünfzig Prostituierte arbeiten.

Zurzeit wird ein Käufer gesucht, der die Immobilien an eine Gruppe Prostituierter vermieten könnte. Sollte sich niemand finden, wäre als letzte Möglichkeit schließlich auch die Stadtverwaltung bereit, die Gebäude zu vermieten, sagt Sprecher Karman. Die Gemeinde würde wohl an eine Stiftung oder ein Unternehmen vermieten, in der oder dem sich die Prostituierten zusammenschließen müssten.

Die zweite Schwierigkeit, die praktische Umsetzung, könnte die Organisation HVO Querido aus dem Weg räumen. Die Mitarbeiter unterstützen Prostituierte, Opfer von Menschenhandel und Obdachlose. Sollte das Bordell eröffnet werden, könnte HVO Querido für die Weiterbildung der Prostituierten sorgen. Sie müssen lernen, wie man ein Unternehmen führt, die Verwaltung organisiert, rechtliche Fragen klärt. Anfangs würden sie wohl von der Organisation unterstützt, später sollen sie den Betrieb alleine führen.

Der Betrieb könnte im Juli beginnen

In den nächsten Monaten werden HVO Querido und die Stadtverwaltung Details des Projekts erarbeiten: Welche juristische Form könnte das Bordell haben? Welches Unternehmensmodell dahinter stecken? Welche Risiken gingen Gemeinde und Prostituierte ein? Wenn sich dabei keine Schwierigkeiten mehr ergeben, könnte der Betrieb im Juli dieses Jahres beginnen.

Marjan Wijers, Expertin und Aktivistin auf dem Gebiet von Frauenrechten, hält das Konzept für keine schlechte Idee. Sie weist aber auch darauf hin, dass die meisten Prostituierten bereits als Selbstständige arbeiten würden. Es gehe bei dem neuen Konzept "um Sexarbeiter, die selbst die Macht über ihren Arbeitsplatz bekommen sollen, ohne von einem Unternehmer abhängig zu sein", sagt sie.

In den Niederlanden brauchen Bordellbetreiber eine Genehmigung ihrer Gemeinde. Die Bundesregierung beschloss in der vergangenen Woche, das deutsche Prostitutionsgesetz zu reformieren, Bordelle brauchen dann auch hierzulande eine Betriebsgenehmigung, Prostituierte müssen ein Gewerbe anmelden.

Das Problem in den Niederlanden: Es werden kaum noch neue Genehmigungen vergeben, Prostituierte sind gezwungen, in den bestehenden Bordellen zu arbeiten. Dort müssen sie oft die Hälfte der Einnahmen an den Betreiber abgeben. Oder sie zahlen "irre hohe Zimmermieten", sagt Wijers. "Der Straßenstrich ist die einzige Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten."

Weil die meisten Gemeinden Straßenprostitution zurückgedrängt haben, besteht auch diese Möglichkeit kaum noch. "Man muss kein Hellseher sein, um voraussagen zu können, dass das nicht nur zu hohen Zimmerpreisen führt, die nicht mehr im Verhältnis zu den Einnahmen stehen - sondern auch zu Machtmissbrauch und Willkür."



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x-1111 16.02.2015
1. Sehr gute Idee
Das ist ein sehr guter Ansatz, der allemal pragmatischer und sinnvoller erscheint als die moralischen Grabenkämpfe, in die sich Prostitutionsgegener und Befürworter zur Zeit europaweit verstricken. Vor allem weil es so wenig gesicherter Erkenntnisse gibt und die, die es gibt dann häufig auch noch ignoriert werden. Wenn jede Prostitution Zwang ist, müsste solch ein Bordell wie in Holland zum Scheitern veruteilt sein. Da darf man also gespannt sein. In jedem Fall müsste man die Prostitiuerten in solch einem Betrieb nicht mit dem Strafgesetzbuch vor sich selbst schützen. Es wäre ein echter Fortschritt für weibliche und männliche Prostitutierte aber letztendlich auch für die Freier, die halbwegs sicher sein könnten, nicht indirekt Zwang und Gewalt zu fördern. Der Ansatz Bordellbetriebe stärker zu kontrollieren im neuen deutschen Gesetz ist richtig. Aber er ändert wohl nichts daran, dass bei den Prostituierten, die das Geld erarbeiten, erschreckend wenig hängen bleibt. Weil sich viel zu viele andere eine goldene Nase mit ihnen verdienen. Das sind aber nicht nur die Bordellbetriebe, sondern auch der ganze undurchschaubare Bereich, der die Prostitution organisiert und letztendlich Prosituierte vermittelt. Gegen die Traumrenditen dieser Zuhälter ist das neue deutsche Gesetz leider wohl wirkungslos. Hier gibt es in jedem Fall echte fianzielle Ausbeutung, die in keiner anderen Branche so geduldet würde und kein Arbeitnehmer ertragen müsste. Und diese unglaublichen Gewinne sind natürlich auch ein Anreiz, Menschen mit kriminellen Methoden zur Prostitution zu bringen.
lasorciere 16.02.2015
2.
Sehr gute Idee, das könnte auch in Deutschland funktionieren, wenn alle anderen Möglichkeiten verboten werden, zum Beispiel die Ausbeutung durch einen Zuhälter.
klaxklix 16.02.2015
3. Sachorientiert
Eine sachorientiertes Vorhaben. Das ist leider bei der Prostitutionsdebatte hierzulande oft nicht das Ziel. Der große Fortschritt bei dem Amsterdamer Vorhaben ist, dass die Prostitution als normaler Teil des Lebens anerkannt wird. Wenn man das macht, kann man den Teil der Prostitution, der ausgerottet werden muss - Zuhälterei und Zwangsprostitution - viel effektiver bekämpfen.
CommonSense2006 16.02.2015
4. find ich absolut super
Sollte in D auch so gemacht werden: Neue Konzessionen nur für Bordelle, die von den Mitarbeitern besessen und geführt werden. Das Geschäft wird es immer geben, aber das wäre mal ein Weg, die Zuhälter rauszudrängen.
Wheredoyouwanttogotoday? 16.02.2015
5. Wohnungsbordell
Die kleinen Wohnungen sind doch meistens von ein paar Freundinnen betrieben, die sich dann Damen verschiedenen Typs dazu suchen. Unsere tolles Eckpunktepapier zum Prostitutions "Schutz" Gesetz stützt aber eher Großbordelle, die die neuen Formalitäten (16 verschiedenen Medepflichten) besser erledigen lassen können. Na ja, wenn dann mehr Menschen akzeptieren können, dass P ein selbstbestimmter Beruf ist, ist es auf jeden Fall gut.
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