27.05.2013 – 11:45 Uhr

Ausländerfeindlicher Anschlag in Solingen: Das Brandmal

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Porträts:

Christian R.

Markus G.

Christian B.

Felix K.

Der Richter

Die Familie

Essay:

Der Journalist

Der Weg:

1. Gartenheim Gabelsberger Straße

2. Bozener Straße

3. Kreuzung Schlagbaum

4. Tankstelle

5. Tannenstraße / Sudetenstraße

6. Untere Wernerstraße 81

AP

Dieser Anschlag hat Deutschland verändert: Vor 20 Jahren, in der Nacht zum 29. Mai 1993, brannte das Haus der türkischstämmigen Großfamilie Genç in der Unteren Wernerstraße 81 im nordrhein-westfälischen Solingen. Der Brandanschlag gilt heute als eine der folgenschwersten rassistischen Taten in der Geschichte der Bundesrepublik, er wurde zum Symbol für Fremdenhass und militante Ausländerfeindlichkeit.

Zur Tatzeit hielten sich 19 Mitglieder der Familie Genç in dem Haus auf. Fünf von ihnen kamen durch den Brand ums Leben. Die zwölfjährige Gülüstan starb an einer Rauchvergiftung, ebenso die neunjährige Hülya und die vierjährige Saime. Die 18-jährige Hatice wollte aus dem Haus rennen, brach aber in der Diele zusammen und starb an einem Hitzeschock. Die 27-jährige Gürsün sprang aus einem Fenster im Dachgeschoss, schlug auf der Kante eines Betonschachts auf und verletzte sich tödlich. Die dreijährige Tochter, die sie zuvor in Richtung der rettenden Feuerwehrleute fallen ließ, überlebte den Aufprall. Ein sechs Monate alter Säugling wurde ebenso lebensgefährlich verletzt wie der 15-jährige Bekir Genç, der schwere Verbrennungen erlitt. Insgesamt wurden acht Menschen verletzt.

Schon kurz nach der Tat nahm die Polizei vier deutsche Männer fest, sie stammten alle aus Solingen und waren zwischen 16 und 23 Jahre alt. Die vier sollen das Haus angezündet haben. Ein komplizierter Indizienprozess begann. Zwei der Verdächtigen gestanden die Tat. Aber im Laufe der Verhandlung widerrief einer der beiden sein Geständnis, bis heute beharrt er darauf, unschuldig zu sein. Der dritte und vierte Mann erklären ebenfalls bis heute, den Brand nicht gelegt zu haben. Zudem gibt es Zweifel an den Ermittlungsergebnissen.

Doch alle vier Angeklagten wurden 1995 wegen Mordes an fünf Menschen, wegen versuchten Mordes an 14 Menschen und wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Inzwischen haben alle ihre Haftstrafen abgesessen.

Hier erzählen wir die Geschichte der Täter, der Opfer und wie die Tat Solingen verändert hat.

Christian R.: Der Brandstifter

Am Anfang steht ein Gerücht. Christian R., einer der vier Brandstifter von Solingen, soll in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets leben. Tatsächlich ist jemand dieses Namens dort gemeldet - doch ist er es?

Ist es der aus zerrütteten Verhältnissen stammende Neonazi, dem das Oberlandesgericht Düsseldorf eine "schizoide Persönlichkeitsstörung" und eine "schwere seelische Abartigkeit" bescheinigte? Ist es der, der schon als Schüler eine Lagerhalle angesteckt haben soll? Der schließlich bekannte, Feuer im Wohnhaus der Familie Genç gelegt zu haben?

Er?

In der Gegend, in der Christian R. seit vielen Jahren leben soll, sieht es aus wie überall in Deutschland: Einfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten, in den Einfahrten parken Kombis von Skoda und Familienkutschen von Opel. Hier grenzt Durchschnitt an Normalität und geht fließend in Spießigkeit über. Samstagvormittags rollen die Menschen in ihren Autos zu Aldi oder Lidl, sonntags machen sie Radtouren und abends gucken sie "Tatort".

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Vor dem Haus mit der Nummer 6, auf einer Stufe neben der Tür, steht ein Aschenbecher, darauf der Slogan "Come together". Durch das Fenster kann man in eine helle Wohnung blicken, viel Holz, gepflegt, aufgeräumt wirkt sie, über dem Fernseher ist das Foto eines kleinen Mädchens zu sehen. "Ich habe eine Tochter", wird Christian R. später sagen. Noch aber sitzt er im Garten, mit einer Flasche Bier in der einen und einer selbstgedrehten Zigarette in der anderen Hand. Er betrachtet seinen Karpfenteich und ist ganz ruhig.

R. wuchs in Pflegefamilien und Heimen auf, seine alleinerziehende Mutter gab ihn in fremde Obhut, da war der Junge gerade drei Monate alt. Schon im Kindergarten verhielt er sich auffällig und aggressiv. Er wechselte häufig die Schulen, zog ständig um, machte "erlebnispädagogische Maßnahmen" in Skandinavien mit, doch das vielleicht einzige, was der Teenager dort lernte, waren die rechtsradikalen Sprüche eines anderen Jugendlichen. Bald schon fühlte er sich selbst wie ein "kleiner Hitler", wie er vor Gericht offenbarte.

"Es ist gut, dass ich weggegangen bin." Warum? "Das wäre gefährlich geworden, für beide Seiten."

"Störkraft", "Kahlkopf", "Werwolf" - Christian hörte harte Musik und drosch noch härtere Sprüche: "Scheißkanaken!" An die Wände seiner Heimatstadt Solingen sprühte er einschlägige Parolen, verteilte Flugblätter und las die "Deutsche National-Zeitung". Die Richter fanden später, dass R. wegen seiner schweren Kindheit "besonders anfällig" für rassistische, ausländerfeindliche Parolen und ein besonders leichtes Opfer der "geistigen Brandstifter gewesen" sei. Das Haus der Familie Genç guckte sich der damals 16-Jährige aus, weil er schräg gegenüber wohnte.

Sein Zimmer in der Dachgeschosswohnung seiner Mutter hatte er mit rechten Devotionalien ausgestattet. Dort hingen unter anderem ein Werbeplakat der "Wiking-Jugend", ein Hakenkreuz, ein Zeitungsausriss aus "Rostock muss brennen" und die auf Papier geschmierte Parole: "Rassenmischung ist Völkermord." Seine türkischen Nachbarn nannte er "Spakalutzen" und den Kumpels, mit denen er am Abend der Tat trank, kündigte er an, dass das Haus der Familie Genç bald brennen werde. Das war Christian R.

Der Mann im Garten heißt tatsächlich so und er ist auch der Christian R. "Ja, Solingen", sagt er einfach und nickt. Er trägt eine schwarze Trainingshose, ein dunkelblaues T-Shirt, seine Hände sind schmutzig, die dunklen Haare mit viel Gel aufgerichtet. Über den Anschlag zu reden, weigert er sich, nur so viel: "Es ist gut, dass ich weggegangen bin." Warum? "Das wäre gefährlich geworden, für beide Seiten." Inwiefern? "Wenn ich bedroht werde, gebe ich Gas."

Mehr will Christian R. an diesem Abend nicht sagen, man möge ihn bitte anrufen und einen Termin absprechen. "Machen wir dann ganz kurzfristig", verspricht er. Doch ziemlich bald verlangt er Geld für ein Gespräch, über seine Freundin lässt er ausrichten, es gehe ihm finanziell schlecht, weshalb er 400 Euro haben wolle für ein Treffen in einer Eisdiele. Doch darauf lassen wir uns nicht ein.

Vielleicht hat Christian R. ohnehin keine Antworten. Vor einigen Jahren, gerade aus dem Knast entlassen, zeigte er auf einer rechten Kundgebung den Hitlergruß. Von der Richterin gefragt, ob er nichts aus seiner Strafe und aus der schrecklichen Tat gelernt habe, gab R. sich ahnungslos: Solingen, war da was?

Die Tat: Der Polterabend

28. Mai, 20.30 Uhr: Markus Gartmann hat den Tag "so irgendwie verbracht". Nachmittags im "Donau-Grill" am Automaten gedaddelt und ein paar Gläser Bier getrunken. Abends trifft er sich mit Felix K. und Christian B., man kennt sich aus der gemeinsamen Clique. Felix K. will zusammen mit einem weiteren Jugendlichen auf den Polterabend einer Bekannten, Christian B. hat "Bock auf Glatzen", in der Umgebung von Solingen will er ein paar Skinheads treffen. "Nicht zuletzt wegen des in Aussicht gestellten Freibiers sprach auch er sich schließlich für den Besuch des Polterabends aus", heißt es später im Urteil des Oberlandesgerichts.

Gegen 21 Uhr erreicht die Gruppe das Gartenheim Gabelsberger Straße, in dem bereits mehr als 80 Leute feiern. Sie bleiben dennoch unter sich, die Party begeistert sie wenig. "Keine Frauen, keine gute Musik, das Einzige war der Alkohol", sagt Christian B. laut Urteil. Also trinken sie. Felix K. zehn Gläser, Gartmann 20 Gläser Bier, Christian B. trinkt nach eigenem späteren Bekunden "ein Bier nach dem anderen", es werden am Ende 30 bis 40 Gläser sein.

Im Verlauf des Abends kommt es zu mehreren Auseinandersetzungen. Als ein Kumpel der Jungs beginnt, Gläser über den Zaun des Gartenheims zu werfen, kippt die Stimmung. Es endet in einer Prügelei. Felix K. wird später in eine Hecke geschubst, Christian B. erhält einen heftigen Faustschlag auf die Nase. Sie fliegen raus, einige Partygäste - darunter auch zwei Albaner, die schon viele Jahre in Solingen leben - begleiten die Störenfriede bis zum einem Seitenausgang des Gartenheims. Verärgert über die Art und Weise, wie man sie "verjagt" hat, stehen Gartmann, Christian B. und Felix K. schließlich auf dem Rasen an der Bismarckstraße. Sie überlegen, was sie nun machen sollen. Es muss laut Urteil zwischen 0.05 und 0.15 Uhr gewesen sein. Es überwog demnach der "Wunsch, nach Hause zu fahren".

Markus Gartmann: Der Lügner

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"Mensch, wie siehst du denn aus?" Der Rechtsanwalt schreckt zurück. Vor ihm steht ein unrasierter Mann, mit Brillengläsern, dick wie Flaschenböden, und langen, fransigen Haare. Dem Mann fehlen mehrere Zähne, er riecht streng. Sein Gesicht ist lädiert, er sei in eine Schlägerei geraten, wird er später erzählen, mit einem Bekannten. "Ja, klar, passiert eben", sagt der Mann.

Markus Gartmann hat vor 20 Jahren der Bundesrepublik endgültig die Illusion geraubt, dass ausländerfeindliche Brandanschläge Auswüchse der untergegangenen DDR-Diktatur sein könnten. Zusammen mit seinen Komplizen Christian R., Christian B. und Felix K. steckte Gartmann, so hat es das Oberlandesgericht Düsseldorf in seinem 345-seitigen Urteil festgestellt, am 29. Mai 1993 das Wohnhaus der Familie Genç in Solingen an. Fünf Frauen und Kinder starben in dieser Nacht.

Johannes Rau, damals Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, dachte, als er vor der noch rauchenden Ruine in der Unteren Wernerstraße stand, über die Grenzen von Politik nach: "Es lohnt sich alles nicht, du kannst die Welt nicht verändern", das sei ihm durch den Kopf gegangen, so Rau. Wer tut so etwas - und warum?

Das waren die Fragen, doch die Antworten darauf fielen schwer, auch weil die Ermittlungen teilweise chaotisch verliefen. Markus Gartmann stiftete weitere Verwirrung. Zunächst verschwieg der Neonazi die Tat, gestand sie dann der örtlichen Kriminalpolizei doch, wiederholte sein Geständnis mit leichten Änderungen vor dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe, widerrief es dort aber, gestand dem BKA wenig später erneut, blieb vor Gericht bei dieser Darstellung und widerrief am 80. Verhandlungstag endgültig: Er habe mit der Sache nichts zu tun und sich zu der schrecklichen Tat nur bekannt, weil er unter Druck gesetzt worden sei. Der Senat glaubte ihm nicht und schickte ihn für 15 Jahre ins Gefängnis.

"Nee, Markus, das glaube ich dir nicht."

Wer sich Markus Gartmann heute mit der Absicht nähert, endlich die Wahrheit und Klarheit über die Motive der unterschiedlichen Versionen zu erfahren, wird enttäuscht. Er hält an seiner letzten Version fest, derzufolge er zu Unrecht verurteilt wurde. Der vermeindliche Druck bleibt im Dunkeln. Doch selbst sein Verteidiger Siegmund Benecken, seit langem im Geschäft, ein Staranwalt, wie es oft heißt, sagt zur Unschuldsversion: "Nee, Markus, das glaube ich dir nicht." Genau aber das ist das Problem im Leben des Markus Gartmann, niemand glaubt ihm mehr irgendwas, niemand ist dazu noch bereit.

Sein Bruder und seine Schwägerin haben sich von ihm abgewendet, sein Vater will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Vielleicht hätten sie alle mit einem schrecklichen Geständnis leben können, aber die Ungewissheit konnten sie wohl auf Dauer nicht ertragen. Markus Gartmann hat keine Frau und keine Kinder, er ist allein, sein Leben ist ruiniert. Oft ist er arbeitslos, manchmal malocht er für Zeitarbeitsfirmen in Lebensmittelfabriken, doch an den meisten Tagen schläft er bis mittags und trinkt. Träume scheint Gartmann nicht zu haben, keine Wünsche, keine Hoffnungen, und ob die Leute ihm glauben oder nicht, scheint ihm egal.

Markus Gartmann war wohl das, was wenig sensible Menschen einen Taugenichts nennt. Jahrelang hing er herum, schmiss nach dem Realschulabschluss seinen Wehrdienst, weil ihm der Ton in der Bundeswehr "zu rauh" war. Er trug Zeitungen aus, lebte in den Tag hinein. Seine Mutter starb an Krebs, da war er 20, sein Vater flüchtete in den Alkohol.

Ausriss der türkischen Zeitung "Sabah" (4. April 2013): Zum Bericht über die Morde der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) stellt die Zeitung ein Foto des Brandanschlags von Solingen
dapd

Ausriss der türkischen Zeitung "Sabah" (4. April 2013): Zum Bericht über die Morde der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) stellt die Zeitung ein Foto des Brandanschlags von Solingen

Gartmann war ein unsicherer Typ, ein Mitläufer und Ja-Sager, der Halt suchte zunächst in harter Musik und später bei zweifelhaften Typen. Irgendwann verbrachte er die Tage mit Dosenbier und grölend: "Ausländer raus - Deutschland den Deutschen!" In seinem Kinderzimmer hing eine Reichskriegsflagge an der Wand, er trug Bomberjacke und Springerstiefel.

"Ich war ein Idiot", sagt er heute.

Das Gericht attestierte Gartmann später "Auffälligkeiten in seiner Persönlichkeitsentwicklung". Er leide an einer deutlichen Kontaktstörung und einem "extremen Mangel an Empathie", einer "erheblichen Selbstwertproblematik" und einer passiven Grundhaltung.

"Die Familie tut mir sehr leid. Man kann sich nicht vorstellen, was die durchgemacht hat"

Im Gespräch erzählt Gartmann, was er dem Psychiater einst offenbar verschwieg: Er sei sechs oder sieben Jahre alt gewesen und habe Ärger mit anderen Kindern gehabt. Seine Mutter habe ihm deswegen Hausarrest verpasst, jahrelang sei er nach der Schule immer wieder in sein Zimmer eingesperrt worden, so Gartmann. Erst mit zwölf habe er sich dagegen wehren können.

Ob die Geschichte stimmt, ist kaum zu überprüfen, doch sie wäre vielleicht eine Erklärung dafür, warum ihm die Verbindung zu anderen Menschen noch immer so spürbar schwerfällt, weshalb er stets nach Worten ringt und immer das zu sagen scheint, was er glaubt, dass sein Gegenüber es von ihm hören möchte.

Gartmann sitzt in einem Imbiss und hat einen Dönerteller mit Cola bestellt. Er hockt ganz hinten in dem Lokal, das unweit seiner Wohnung liegt, 40 Quadratmeter Altbau, zwei Zimmer, Küche, Bad. In welcher Stadt er lebt möge man nicht schreiben, bittet er, er hat Angst vor Racheakten. Nach Solingen ist er nach seiner Haftzeit nicht zurückgekehrt. "Ging nicht."

Im Gefängnis hat Gartmann Abitur gemacht und deswegen sogar auf eine vorzeitige Entlassung verzichtet. Eine Zeit lang sah es so aus, als könne er in Freiheit tatsächlich wieder Fuß fassen, dumm ist er nicht.

Gartmann fing ein Studium an, Englisch und Romanistik, dann Germanistik, Sprachwissenschaft, doch nach drei Semestern war endgültig klar: "Das packe ich nicht." Er nahm einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma, das Beste, was er kriegen konnte: für 6,38 Euro die Stunde in einer Lebensmittelfabrik Meerrettich rühren. Später trug er Salami-Würste in eine Räucherkammer. Fast könnte man sagen, das war es dann. Wenn nicht diese eine, alles entscheidende Frage wäre: Wie denkt der verurteilte Mörder Markus Gartmann heute über Tat und Urteil?

"Die Familie tut mir sehr leid. Man kann sich nicht vorstellen, was die durchgemacht hat", sagt er, stockt, und dann: "Aber ich war es nicht."

Die Tat: Die letzten Stunden

28. Mai, gegen Mitternacht. Der letzte Bus ist schon länger weg. Zu Fuß nach Hause gehen will keiner. Nach kürzerer Diskussion entscheiden sich Markus Gartmann, Felix K. und Christian B. laut Urteil bei einem Freund vorbeizuschauen, der um die Ecke wohnt. Nach Überzeugung der Richter erreichen sie gegen 0.25 Uhr dessen Haus in der Bozener Straße. Sie müssen mehrfach klingen, der Freund hat schon geschlafen. Wenig erfreut lässt er die drei eintreten - sie rauchen und sprechen über die Ex-Freundin, hören Musik der Böhsen Onkelz.

Eigentlich wollen Markus Gartmann, Christian B. und Felix K. bei ihrem Kumpel an der Bozener Straße übernachten, doch nachdem sich Christian B. übergeben muss und über seine schmerzende Nase jammert, wollen dann doch alle lieber nach Hause. Um 0.40 Uhr verlassen sie die Wohnung, um weiter durch die Stadt zu ziehen.

Auf der Straße bekommen Felix K. und Gartmann Durst, in der Tankstelle an der Schlagbaumer Straße wollen sie sich laut Urteil noch etwas zu trinken besorgen. Dann gehen sie weitere gut drei Kilometer durch die Innenstadt und erreichen die Kreuzung Schlagbaum. Als sie diese überqueren, kommt ihnen Christian R. entgegen, den sie aus der Szene kennen.

Christian R. hat den Abend des 28. Mai mit drei Kumpels in seinem Zimmer gesessen, Bier getrunken, "Störkraft" und "Kahlkopf" gehört und über die Anschläge in Rostock und Mölln geredet. Er findet das eigentlich nicht so schlecht, es schade nur der ganzen "rechten Bewegung", sagt Christian R., so steht es im Urteil. Er stellt sich auf sein Bett und fordert seine drei Besucher auf, ebenfalls durch das Dachfenster seines Zimmers zu blicken. Er fragt, ob sie "das Türkenhaus da drüben" sehen. Dort lebten "Spakalutzen", das sehe man "schon an den Gardinen". Seiner weiteren Ausführung, das Haus auf der Unteren Wernerstraße 81 werde in naher Zukunft einem Brandanschlag zum Opfer fallen, messen die Kumpels keine Bedeutung bei. "Ja, ja", sagt einer von ihnen.

Später am Abend, Christian R. ist allein, denkt er wieder daran, dass er das wirklich will. "Etwas anzünden und dann rumbrüllen und wegrennen, wenn dann jemand gekommen wäre", so berichtet er später den Kriminalbeamten. Über das Dachfenster klettert er aus seinem Zimmer, über ein am Haus befestigtes Baugerüst gelangt er auf die Straße. Er will sein Vorhaben nicht allein ausführen, das mache "keinen Spaß". Er hält Aussschau nach "ein paar Kumpels" und geht zum nahen Schlagbaum. Aus Richtung Innenstadt kommen ihm Markus Gartmann, Felix K. und Christian B. entgegen.

Christian B.: Der Widersprüchliche

Wenige Tage vor dem Brandanschlag nahm Christian B., damals 20 Jahre alt, an einem Eignungstest des Arbeitsamts teil. Er hätte gern "etwas mit Tieren gemacht“, "in einem großen Zoo" vielleicht, sagte er später. Immerhin "beschäftigte er sich mit seiner beruflichen Zukunft", wurde im Urteil vermerkt. Es schien, als "würde er die Kurve kriegen," erinnern sich Freunde.

Anfang 1993 begann Christian B., sich aus der Skinhead-Szene zurückzuziehen - allerdings gab er die Kontakte auch nie ganz auf. Gerade erst war er nach nur drei Wochen wegen einer "Leistungsfunktionsstörung" aus der Bundeswehr entlassen worden, der "Drill" habe ihm zu schaffen gemacht. Nach langen Streitereien mit seiner Familie zog er wieder in sein Jugendzimmer ein, er intensivierte alte Freundschaften, auch das Verhältnis zu seinem Bruder, den er lange als "weinerlich und zurückhaltend" empfunden hatte, besserte sich wieder.

Das Ergebnis seines Eignungstests erfuhr Christian B. nicht mehr. Am 3. Juni 1993 wurde er festgenommen. Markus Gartmann, der kurz zuvor am selben Tag gefasst worden war und gestanden hatte, hatte im Verhör seinen Namen genannt: Christian B. habe mitgemacht. Doch der bestreitet die Tat bis heute.

Für Politik hat sich Christian B. nie interessiert, das betonte er in den Verhören immer wieder. Später wurde ihm im Urteil eine "nach rechts orientierte Grundeinstellung" bescheinigt, allerdings verfüge er nicht über ein ideologisch gefestigtes Weltbild.

Ein "Nazi" oder ein "Rassist" sei er nicht, er halte sich für einen unpolitischen "Oi-Skin".

Christian B. war 15 Jahre alt, als er einige Skinheads kennenlernte. Bis zur Tatzeit war er häufig mit Rechten aus Solingen, Wermelskirchen oder Wuppertal zusammen, vor allem an den Wochenenden. Mehrfach rasierte er sich eine Vollglatze. Später misst er dem aber keine politische Bedeutung mehr beimessen. In seinen Verhören bezeichnete er es als "Mode." Ein "Nazi" oder ein "Rassist" sei er nicht, er halte sich für einen unpolitischen "Oi-Skin". Das Urteil gibt Christian B. sinngemäß wieder: Hochmütig und stolz sein, auffallen, ziellos provozieren und "böse" auftreten, Spaß haben um jeden Preis, und "Suff, Sex and Fun", das sei das "Oi-Gefühl".

In seinem Tagebuch, das er seit 1992 regelmäßig führt, notierte Christian B. an mehreren Stellen, dass Zufallskontakte zu Ausländern, insbesondere zu Türken, auf ihn "positiv wirkten" (17. Oktober 1992) oder sie sich "als sympathisch" erwiesen (23. Dezember 1992). Die Bezeichnung "Kanake" verwendete er für "alle Leute, die mir feindlich gesinnt sind". Doch war er betrunken, grölte auch er gern Parolen wie "Ausländer raus", "Türkenpack" oder "Scheißtürken".

Wie passt das alles zusammen?

Wir treffen Christian B., sprechen über zwei Stunden mit ihm. Letztlich entscheidet er sich dagegen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Irgendwann werde er das tun, sagt er. Aber nicht jetzt. Zu berichten hätte er viel, etwa wie es ihm nach der Festnahme ergangen ist. Und von seiner zehnjährigen Jugendstrafe. Jeden Tag schrieb er Tagebuch, das sei überlebenswichtig für ihn gewesen. Er machte sein Abitur, studierte, schloss mit Auszeichnung ab.

Denkt er noch oft an den Brandanschlag? "Jeden Tag", sagt er.

Die Tat: Der Anschlag

Früher Morgen des 29. Mai, gegen 0.40 Uhr. Felix K., Christian B. und Markus Gartmann treffen laut Urteil an der Kreuzung Schlagbaum auf Christian R., der ihnen aus der anderen Richtung entgegenkommt. Die vier kommen schnell ins Gespräch. Sie kennen sich aus der Szene, wenn auch eher vom Sehen, flüchtig. Auf einer Fußgängerinsel stehend, berichten Felix K., Christian B. und Markus Gartmann dem Christian R. von ihren Erlebnissen auf dem Polterabend. Der Ärger über den Rauswurf kommt wieder hoch; sie einigen sich, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gebe und dass man diesen einen "Denkzettel" verpassen müsse. So hat es das Gericht festgestellt. R. nennt sofort das Haus der Familie Genç als mögliches Ziel. Die vier machen sich auf den Weg zur nahen Tankstelle. Während Christian R. kurz hinter dem Gebäude verschwindet, warten die anderen drei im Eingangsbereich. Kurz darauf kommt R. mit einem benzingefüllten Behälter zurück.

Gemeinsam gehen die vier über die Tannenstraße und die Sudetenstraße die rund 900 Meter bis zum Haus der Familie Genç auf der Unteren Wernerstraße. Sie sprechen sich ab: Christian B. und Gartmann sollen "Schmiere" stehen, während Christian R. - er hat sich ausdrücklich dazu bereiterklärt- und Felix K. das Feuer legen sollen.

Christian R. geht zunächst bis zur Hauseingangstür, dort blickt er durch die Scheiben. Er bemerkt einen Lichtschein. Da er schon zuvor durch die heruntergelassenen Rollläden Licht aus einem der vorderen Erdgeschossfenster gesehen hatte, horcht er ins Haus hinein. Er hört nichts. Laut Urteil ist Felix K. ihm zum Windfang gefolgt. Dort schütten die beiden das Benzin großflächig gegen die Haustür, die an der Hauswand angebrachte Holzverschalung und auf den Fliesenboden. Das Benzin entzünden sie aus einem sicherem Abstand heraus "möglicherweise mit Zeitungen als Fidibus". Sofort rennen sie aus dem Windfang heraus, weg vom Tatort. Den beiden anderen rufen sie zu: "Lauft!"

Felix K.: Der Unglückliche

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"Flammen schlugen bereits aus dem Dach": Erste Feuerwehrwagen erreichen um 1.47 Uhr den Brandort

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Vor dem abgebrannten Haus der Familie Genç nehmen Verwandte und Freunde Abschied von den Toten (3. Juli 1993)

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Untere Wernerstraße 81: ein Gedenkstein erinnert daran, dass hier das Haus der Familie Genç stand. Es wurde bereits 1993 abgerissen. In den Garten wurden fünf Kastanien gepflanzt - für jede der verstorbenen Frauen und Mädchen eine.

"Felix wird nicht mit Ihnen reden", sagt seine Mutter. Ihr Ärger, ihre Enttäuschung und ihre Wut sind selbst in diesen wenigen Worten am Telefon spürbar. Sie rede nicht mehr mit Journalisten. Ende des Gesprächs.

Als ihr Sohn vor 20 Jahren festgenommen wurde, hat Felix K.'s Mutter auf die Medien gehofft: Diese würden schon die Wahrheit ans Licht bringen. Auch als er angeklagt wurde und in Düsseldorf vor dem Oberlandesgericht stand, war das ihre Haltung: Die Wahrheit würde schon noch herauskommen. Sie versuchte, die "Unschuld" ihres Sohnes zu beweisen. In dem WDR-Film "Gesucht wird… die Wahrheit von Solingen", listete sie Punkte auf, die ihrer Ansicht nach zeigen sollten, dass Felix K. die Tat nicht begangen haben könne. Am 24. Mai 1995, rund zwei Jahre nach dem Anschlag, wurde der Beitrag ausgestrahlt. Der Film sorgte für Aufsehen -aber die Entscheidung der Gutachter und des Richters beeinflusste er nicht. Felix K. wurde später zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Schon wenige Tage nach dem Brandanschlag konzentrierten sich viele Medien bei ihrer Berichterstattung vor allem auf Felix K.: Der Sohn aus gutem Hause, die Eltern sozial engagiert, der Vater Arzt und aktiv in einer Initiative gegen den Atomkrieg, die Mutter in der Tschernobyl-Hilfe. Ein Kind aus der Mittelschicht - und nun ein Mörder, wie konnte das sein? Manche spekulierten über eine jugendliche Rebellion, die Tat als Frust gegen die Eltern. Felix K. habe alles versucht, um seine Eltern zu enttäuschen, hieß es.

Alles Unsinn?

Felix K. wuchs in "geordneten familiären Verhältnissen" auf, heißt es im Urteil. Seine Kindheit bezeichnete er selbst als "schön". Doch in der Schule kam er nicht klar. Zur Enttäuschung seines Vaters schaffte er den Sprung auf das Humboldt-Gymnasium nicht. Auf der Gesamtschule in Solingen-Ohligs kam er besser zurecht. Seinem Lehrer zufolge gehörte Felix K. zu den Kleinsten und Schwächsten der Klasse, mit Clownereien und kleineren Disziplinlosigkeiten habe er sich in den Vordergrund spielen wollen. Doch ab Sommer 1991 wurde es ernst: Felix K. schwänzte immer öfter die Schule. Auch mit seinen Eltern gab es oft Streit, sie kamen mit seinem Verhalten nicht zurecht, auch nicht mit seinen neuen Freunden. Felix K. traf sich nach der Schule und an Wochenenden mit Skinheads aus Solingen.

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Felix K. "übernahm, ohne dies im Einzelnen zu hinterfragen, die rechtsextremistische Einstellung dieser Leute" - laut Urteil ließ er sich die Haare zeitweise kurz schneiden, trug Bomberjacke, Springerstiefel und hatte schnell ein "Sieg heil" auf den Lippen. Trotz des freundschaftlichen Umgangs mit einigen ausländischen Mitschülern machte er in Diskussionen keinen Hehl daraus, dass er die damalige Asylpolitik der Bundesregierung missbilligte. Mit Sprüchen wie "Ausländer raus" provozierte er seine Eltern. Die standen diesem Verhalten ihres Sohnes hilflos gegenüber. In sein Zimmer hängte Felix K. eine Reichskriegsflagge. Bei einem Streit riss der Vater sie von der Wand und vernichtete sie.

Mit Freunden hörte Felix K. „Böhse Onkelz“, "Wotan" und „Störkraft". Er trainierte im Kampfsportclub "Hak-Pao". Dort sollen sich auch "national eingestellte Kameraden" getroffen haben. Immer freitags gab es ein "Special-Forces-Combat-Karate"-Training. Daran hätten nur "alte Nazis" teilgenommen, sagt Felix K. später, diese hätten sich zum Teil in Tarnkleidung gehüllt und im Kampf, mit Messern und Knüppeln, Mann gegen Mann, "einen auf Soldat gemacht".

Felix K. mache "jetzt auch einen auf Oi". "Er ist zwar ein Lutscher, aber er hält die Fresse."

Felix K. seien dieses Spezial-Training zusehends merkwürdig vorgekommen, ist im Urteil zu lesen, im Herbst 1992 habe ein "Umdenkungsprozess" bei ihm eingesetzt. Ausgelöst durch die fremdenfeindlichen Angriffe in Rostock im August 1992 und den Brandanschlag in Mölln im November 1992 habe er sich verstärkt mit seiner eigenen rechtsextremistischen Einstellung beschäftigt, dies mit Freunden und seiner Mutter diskutiert. Wie Christian B. nannte er sich nun einen unpolitischen "Oi-Skin", der lediglich "gut drauf sein" wolle. Christian B. notierte am 31. Oktober 1992 in seinem Tagebuch, Felix K. mache "jetzt auch einen auf Oi". "Er ist zwar ein Lutscher, aber er hält die Fresse."

Im Sportclub "Hak-Pao" nahm Felix K. nicht mehr an den Freitagstrainings teil, stattdessen konzentrierte er sich aufs Thai-Boxen. Später sagte er seinen Eltern, dass er gar nicht mehr dorthingehen wolle. Sein Vater kündigte die Mitgliedschaft in dem Club zum 22. Mai 1993. Am Morgen des 29. Mai brannte das Haus der Familie Genç, am 3. Juni wurde Felix K. verhaftet.

Zur Tatzeit war Felix K. 16 Jahre alt, nach dem ersten Geständnis von Markus Gartmann kam er in Untersuchungshaft. Auch Christian R., der insgesamt 18 verschiedene Versionen seines Geständnisses vortrug, nannte Felix K. zeitweise als Mittäter. Zuletzt bestand R. aber darauf, Alleintäter gewesen zu sein.

Die Tat: Die Entdeckung des Feuers

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29. Mai, 1.30 Uhr. Durmus Genç hat am Abend des 28. Mai das Haus der Familie an der Unteren Wernerstraße verlassen und ist zur Arbeit gegangen. Alle anderen Bewohner, insgesamt 19 Personen, sind zu Hause. Nüchtern protokolliert das Oberlandesgericht, was dann nach seiner Überzeugung geschah: Fast alle schlafen, während sich Markus Gartmann, Felix K., Christian B. und Christian R. dem Haus nähern. Nur Hatice Genç, die Ehefrau von Kamil Genç, ist wach. Weil sie nicht schlafen kann, ist sie durch die Diele in den zur Straße gelegenen Wohnbereich gegangen und hat begonnen, Gardinen zu waschen. Ihren späteren Angaben zufolge ist es gegen 1.30 Uhr, als sie Geräusche hört, die offenbar von draußen kommen. Hatice Genç hält inne, horcht. Sie beruhigt sich, als sie nichts mehr hört, und setzt ihre Arbeit fort.

Gerade, als sie mit weiteren Gardinen ins Badezimmer geht, passiert es: Sie hört ein unglaublich lautes Geräusch, wie eine "große Bombe" sagt sie später. Das muss gegen 1.38 Uhr sein. Sie geht aus dem Bad in den Flur, durch die geschlossene Haustür sieht sie Feuerschein. Sie rennt in Panik durch die Küche und das Wohnzimmer, direkt in das angrenzende Schlafzimmer ihrer Schwiegereltern. Sie weckt ihre Schwiegermutter Mevlüde, ruft: "Es brennt!"

Mevlüde Genç rennt durch die Räume und weckt andere Familienmitglieder. Hatice Genç versucht mit einem Fünf-Liter-Eimer, den sie im Bad mit Wasser füllt, das Feuer zu löschen. Der Brand im Windfang ist da schon sehr groß, die Scheiben der Haustür zerspringen. Mevlüde Gençs Sohn Kamil rennt in den Keller, nur in Unterhose und Unterhemd. Er dreht die Sicherungen für die Stromversorgung heraus, im Erdgeschoss brennen da bereits die Deckenverkleidung und der Teppich der Diele. Der Ausgang nach draußen ist damit versperrt, Kamil flieht durch die Kellertür. Mevlüde Genç ist den Flammen derweil durch das Schlafzimmerfenster entkommen, auch Hatice Genç wählt diesen Weg auf die Straße.

Vom Windfang breitet sich das Feuer bis ins Treppenhaus aus, das schnell vollständig in Flammen steht. Um 1.41 Uhr erreicht der erste Notruf die Feuerwehr. Als diese wenige Minuten später eintrifft, meldet der Einsatzleiter schon von der oberen Straßenecke Paulinenstraße / Untere Wernerstraße, das Haus stehe "nahezu voll in Brand." Viele Bewohner befinden sich da noch in dem Gebäude.

Wolfgang Steffen: Der Rechten Richter

Richter Steffen: "Es hat nie einen Wiederaufnahmeantrag gegeben."
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Richter Steffen: "Es hat nie einen Wiederaufnahmeantrag gegeben."

An dem Freitag, an dem er das Urteil sprechen soll, sind Demonstranten vor dem Gericht aufgezogen. Sie halten Transparente in die Höhe, sie rufen irgendetwas, doch Wolfgang Steffen nimmt sie gar nicht richtig wahr. Er ist in Gedanken, ganz bei sich, seine Personenschützer bahnen ihm den Weg.

Die breitschultrigen Herren der Polizei begleiten den Vorsitzenden des 6. Strafsenats des Oberlandesgerichts Düsseldorf seit Jahren und ständig. Will Steffen etwa mit seiner Frau eine Feier von Freunden besuchen, rücken vorher Beamte mit Spürhunden an und durchsuchen das Haus nach Sprengstoff. Auch beim Joggen am Unterbacher See laufen die Beschützer mit, für Steffen gilt Gefährdungsstufe 1 - dieselbe wie für Bundeskanzler Helmut Kohl.

Am 13. Oktober 1995, einem relativ warmen, aber nebligen Herbsttag, sind die Beamten besonders angespannt. Der Prozess, den Steffen anderthalb Jahre lang geleitet hat, ist einer der spektakulärsten der Bundesrepublik - und nun steht er unmittelbar vor seinem Abschluss. Welches Urteil wird Steffens Senat fällen?

Angeklagt sind vier Männer, die am 29. Mai 1993 das Wohnhaus der Familie Genç in Solingen angezündet haben sollen: Fünf Menschen sind gestorben, der Brandanschlag gilt nun weltweit als Symbol für Fremdenhass und militante Ausländerfeindlichkeit. In der Folge kommt es in Solingen zu Ausschreitungen, die Familien der Täter liefern sich über die Medien eine Schlammschlacht.

Der Prozess habe den Senat an seine Grenzen geführt, sagt Steffen, als er morgens um 10 Uhr den Angeklagten zum letzten Mal gegenübertritt. Die Männer blicken ihn gespannt an:

Christian R., 19, ist ein Junge aus zerrütteten Verhältnissen, aufgewachsen in Heimen und Pflegefamilien.
Christian B., 22, hat seine Ausbildungen und seinen Wehrdienst abgebrochen und lebte in den Tag hinein.
Markus Gartmann, 25, hing jahrelang herum, trug Zeitungen aus, seine Mutter starb an Krebs, sein Vater flüchtete in den Alkohol.
Felix K., 18, ein Sohn aus gutem Hause, die Eltern sozial engagiert, der Vater Arzt - der Sohn Besitzer von Reichskriegsflagge, Springerstiefeln und Bomberjacke.

Der 6. Strafsenat unter Steffens Vorsitz verurteilt die Angeklagten wegen Mordes an fünf Menschen, versuchten Mordes an 14 Menschen und besonders schwerer Brandstiftung zu langen Gefängnisstrafen. Gartmann muss für 15 Jahre hinter Gitter, seine drei Komplizen dagegen bekommen jeweils zehn Jahre Haft nach Jugendstrafrecht.

"Ich bin unschuldig", schreit Arztsohn Felix K. in die Verkündung des Urteils hinein, "dreckige Schweine, Sauerei", "Scheiße, was ist das für ein Rechtsstaat!" und "Das kann nicht sein". Wolfgang Steffen sagt: "Ruhe."

20 Jahre später sitzt der inzwischen pensionierte Richter in einem gediegenen Büro einer Krefelder Kanzlei. Bücher bis zur Decke, Blick in den Garten, der Schreibtisch ist penibel aufgeräumt. Steffen arbeitet jetzt als Anwalt, vor allem für Opfer von Gewalttaten engagiert er sich. "Jetzt sehe ich auch das Leid, für das in Prozessen nur so wenig Raum ist", sagt er. Im Strafverfahren müsse es eben vor allem um den Täter, um sein Delikt, seine Schuld gehen. "Das ist ein Manko."

Der Prozess damals hat den Juristen verändert, 125 Tage lang verhandelten Steffen und seine vier Richterkollegen, sie befragten 285 Zeugen und Sachverständige. Die Beweislage war dünn, Gutachter und Ermittler hatten eklatante Fehler gemacht. Hinzu kamen die widersprüchlichen Aussagen der Angeklagten: Christian R. etwa gestand, doch er behauptete, es alleine gewesen zu sein. Insgesamt 18-mal änderte er seine Aussage. Markus Gartmann wiederum erzählte, sie hätten das Feuer zu viert gelegt. 79 Verhandlungstage lang blieb er bei der Version - dann widerrief auch er sein Geständnis.

"Es hat nie einen Wiederaufnahmeantrag gegeben."

"Es war schwierig", erinnert sich Steffen. Ob er das 345-seitige Urteil für richtig hält, darf er nicht sagen, das Beratungsgeheimnis des Senats gilt unbeschränkt. Nur so viel lässt sich der 74-Jährige entlocken: "Es hat nie einen Wiederaufnahmeantrag gegeben." Allerdings habe ihm der verurteilte Felix K. einmal aus dem Gefängnis geschrieben und erneut seine Unschuld beteuert. "Natürlich kommen Sie da ins Grübeln", sagt Steffen. "Aber das ist ganz normal, vor allem wenn die Angeklagten hartnäckig leugnen."

Nach dem Ende des Solingen-Verfahrens ließ sich der Richter versetzen, er übernahm einen Revisionssenat und überprüfte die Urteile anderer. Die Zeit der erstinstanzlichen Staatsschutzprozesse, die er auch gegen Mitglieder der RAF und IRA geleitet hatte, war damit endgültig vorüber. Der Personenschutz, die ständige Gefährdung seien genug gewesen, sagt er, für ihn und vor allem für seine Familie.

Vielleicht hat ihm auch die öffentliche Aufmerksamkeit zugesetzt, die den Solingen-Prozess begleitete. Noch heute erinnert Steffen sich sehr genau an einzelne Artikel und bestimmte Journalisten. Und auch eine Erkenntnis, die er in dem Verfahren gegen die vier Gescheiterten, gegen diese Taugenichtse und Spontanmörder gewann, machte ihm zu schaffen: "Es braucht nicht mehr als einen Funken, um unermessliches Leid anzurichten."

Die Tat: "Da steht ja nur noch ein Gerippe"

Christian R. ist nach der Tat nach Hause gegangen und eingeschlafen. Um 10 Uhr am Morgen des 29. Mai weckt ihn der Lebensgefährte seiner Mutter. Laut Urteil weist er Christian R. auf das Geschehen auf der anderen Straßenseite hin. Da steht "ja nur noch ein Gerippe“, sagt Christian R. Erst spät am Abend mischt er sich unter die Schaulustigen, vorher fährt er mit seiner Mutter und ihrem Freund nach Köln, sie sehen sich das Bundesliga-Spiel 1. FC Köln gegen Schalke 04 an.

Als Christian R. gegen 0.10 Uhr vor der Ruine des Hauses auftaucht, fällt er einigen Polizisten auf. Zuvor sind bereits seine beiden Kumpels "als Tatbeteiligte in Verdacht geraten", sie haben den Ermittlern von Christians R.s Spruch am Abend zuvor berichtet, einen Brand legen zu wollen. Christian R. wird am Sonntag, den 30. Mai, um 0.40 Uhr festgenommen.

Markus Gartmann will gerade sein zweites Bier bestellen, als Polizeibeamte die Imbissstube in der Solinger Innenstadt betreten. An ihn seien "noch einige Fragen zu stellen", sagen sie. Es ist der 3. Juni 1993, gegen 15 Uhr. Gartmann, der die vergangenen zwei Tage vor allem bei seinem Freund in der Bozener Straße verbracht hat, folgt zur Dienststelle. Hier ist er schon ein paar Mal als Zeuge gewesen - ohne zu gestehen. Das tut er jetzt - umgehend wird er festgenommen.

Christian B. ist schlecht drauf am Vormittag des 29. Mai. Er ruft einen Freund an und sagt ihm, er sei deprimiert. Zwei seiner Kumpel und seine Freundin kommen vorbei. Christian B. erklärt ihnen seine Angst, wegen seiner Zugehörigkeit zur rechten Szene in Verdacht zu geraten. Um die Mittagszeit des 29. Mai ist er bereits von anonymen Anrufern beschimpft und bedroht worden. Christian B. ist verunsichert und entfernt alle Platten mit Musik rechter Bands aus seinem Zimmer. Er erzählt seinen Besuchern, er habe nichts mit der Tat zu tun - und das gelte auch für Markus Gartmann. Doch dieser gesteht wenig später, am 3. Juni, die Tat. Daraufhin wird auch Christian B. festgenommen.

Christian B. bekräftigt in den folgenden Vernehmungen, dass er nichts mit der Tat zu tun habe. Er sei erst auf dem Polterabend gewesen, später sei er mit Gartmann und Felix K. bei einem Freund gewesen. Dort sei es "ungemütlich" gewesen, daher seien die Drei wieder gegangen. Auf dem Weg in die Innenstadt habe er in der Nähe der Eishalle seine Mutter angerufen und sie gebeten, ihn am Graf-Wilhelm-Platz abzuholen. Das habe auch so funktioniert, er sei gegen 3 Uhr zu Hause gewesen.

Mit der Tatsache konfrontiert, dass Gartmann und Christian R. gestanden haben und ihn belasten würden, "stellte er jede Beteiligung an der Tat in Abrede", wie es im Urteil zu lesen ist. Außerdem erklärt Christian B., er sei bei seiner Vernehmung am 3. Juli durch Kriminalbeamte wie ein Mörder behandelt worden. Er sei als "Arschloch" beschimpft worden. Es sei besser, er würde gestehen, "im Gefängnis sei er sicher".

Am Abend des 29. Mai klingeln drei Polizeibeamte bei der Familie von Felix K.. Sie suchen nicht nach ihm, sondern interessieren sich für einen seiner Freunde, der gerade zu Besuch ist. Dieser sei verdächtig, da den Beamten die Bemerkung Christian R.s bekannt ist, ein Türkenhaus anzünden zu wollen. Der Freund, der sich bei Felix aufhält, soll den Spruch gehört haben. Die Polizisten eilen ins Kinderzimmer, durchsuchen den Verdächtigen nach Waffen und legen ihm Handschellen an. Felix K. und ein weiterer Freund fordern die Beamten auf, den Gefesselten sofort wieder freizulassen. Felix K. brüllt, der Freund sei doch "asthmakrank". Er rennt einige Treppenstufen hoch und droht, sich umzubringen. Mühsam beruhigen die Eltern ihren Sohn, dem Verdächtigen werden die Fesseln abgenommen.

Der Verdächtige und später auch Felix K. und drei weitere seiner Freunde werden von den Beamten als Zeugen auf die Wache mitgenommen. Am 2. Juni geht Felix K. in die Schule, er ist "irgendwie anders als sonst", sagen die Mitschüler. "Bedrückt", "ziemlich niedergeschlagen." Da bekannt ist, dass Felix K. am Abend zuvor von der Polizei vernommen wurde, entstehen Gerüchte. Am 3. Juni nimmt er an der Trauerfeier für die Familie Genç teil, am Nachmittag holen ihn zwei Beamte erneut zur Vernehmung ab. Nach dem Geständnis Markus Gartmanns ändert sich die Situation, denn Gartmann sagt: Felix K. war bei dem Anschlag dabei. Um 18 Uhr wird Felix K. festgenommen.

Bis heute bestreitet Felix, an der Brandstiftung beteiligt zu sein. Er erklärt in den Vernehmungen, er sei erst auf dem Polterabend gewesen, zusammen mit Christian B. und Markus Gartmann. Später sei er in der Wohnung des Freundes auf der Bozener Straße gewesen. Dann sei er mit den beiden anderen weiter gezogen. Christian B. habe von unterwegs seine Mutter angerufen, die ihn am Graf-Wilhelm-Platz abgeholt habe. Er sei mit Gartmann noch weiter gezogen, an der BP Tankstelle hätten sie noch Bier gekauft und auf dem Parkplatz der Apotheke, schräggebenüber, getrunken. Dort habe er einen Freund getroffen, der in dieser Zeit bei seiner Familie wohnte. Zusammen sei man nach Hause gegangen, da müsse es kurz nach 3 Uhr gewesen sein.

Am 13. Oktober 1995 werden Christian R., Markus Gartmann, Christian B. und Christian B. wegen Mordes an fünf Menschen, wegen versuchten Mordes an 14 Menschen und wegen besonders schwerer Brandstiftung verurteilt. Inzwischen haben alle ihre Haftstrafen abgesessen.

Bis heute gibt es Zweifel an den Ermittlungsergebnissen: Standen die Beamten unter einem allzu großen Druck, Schuldige zu präsentieren? Warum musste die Wegstrecke, die drei der Jugendlichen am Abend der Tat Richtung Tatort zurückgelegt haben sollen, mehrfach vermessen werden? Liegt es daran, dass die Jugendlichen die rund vier Kilometer, betrunken wie sie waren, überhaupt nicht in der ermittelten Zeitspanne hätten zurücklegen können? Was sind die Beweise aus dem abgebrannten Haus wert, nachdem ein Gutachter den Hauseingang zunächst mit Wasser säubern ließ?

„Wenn drei der Angeklagten unschuldig sein sollten – ihre Verteidigung hat verhindert, dass dies glaubhaft wurde", schreibt Gerhard Mauz 1995 im SPIEGEL, nachdem der Richter das Urteil in Düsseldorf verkündet hatte. Basiert das Urteil nur auf "windigen Indizien?"

"Es ist fast immer auf der Basis von Indizien zu entscheiden. Indizien sind nie nur.“

Familie Genç: "20 Jahre sind wie gestern"

DPA

13. Oktober 1995: Mit Transparenten und Schildern demonstrieren Mitglieder türkischer Vereine vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht, während das Urteil über die vier Angeklagten im Solingen-Prozeß gesprochen wird.

DPA

Düsseldorf, vor dem Oberlandesgericht: Die Familie Genç auf dem Weg zum Prozess

DPA

Bekir Genç erlitt bei dem Brand lebensgefährliche Verbrennungen, bis heute wurde er mehr als 30 Mal operiert

Draußen, vor dem Theater- und Konzerthaus in Solingen, hängt ein rotes Banner, das auf eine "Ü-30-Party" hinweist, Freude garantiert: "Fünf Tanzflächen, zwei Cocktailbars." Drinnen, in einem tristen Raum mit grauem Teppichboden, geht es um unvorstellbares Leid und darum, wie man es überleben kann.

Mevlüde, Durmus und Kamil Genç geben eine Pressekonferenz, weil sie vor langer Zeit die Menschen verloren haben, die ihnen alles waren: Tochter, Schwester, Nichte, Enkelin. Was fühlen sie?

"20 Jahre sind wie gestern", sagt Kamil Genç, 49. "Ich träume immer noch davon. Der Schmerz ist in meinem Körper."

"Der Schmerz ist da", sagt seine Mutter Mevlüde, 70. "Und er wird immer da sein."

Es ist eine merkwürdige Szenerie. Zwei Dutzend Journalisten fragen die Opfer des Brandanschlags von Solingen, was Journalisten seit Jahren fragen - und die Gençs antworten mit bewundernswerter Geduld, was sie ebenso lange bereits antworten: "Deutschland ist und bleibt unsere Heimat. Lasst uns friedlich miteinander umgehen!" Das ist die Essenz der Botschaft, die auszusenden sich die Familie irgendwann entschieden hat.

Die Gençs, die aus dem anatolischen Mercimek stammen und vor mehr als 40 Jahren nach Deutschland kamen, wurden auf schreckliche Weise Ziel ungezügelten Hasses. Aus Zufall oder Willkür: Laut Urteil suchten die Täter von Solingen ihr Haus aus, weil einer der Männer schräg gegenüber wohnte. Doch die Familie antwortete auf das gewaltige Unrecht nie mit neuem Hass, sondern stets mit Gesten der Versöhnung. Mevlüde Genç erklärt das mit ihrem Glauben. Der habe sie gelehrt, dass ein "friedliches Miteinander" der Menschen das höchste Gut auf Erden sei.

Diese Haltung brachte der Mutter als Vertreterin der gesamten Familie hohen Respekt und höchste Ehrungen ein, das Bundesverdienstkreuz wurde ihr verliehen, sie wählte den Bundespräsidenten mit - doch diese Haltung kostete Kraft.

Man kann das erahnen, wenn man heute nach den Tätern fragt und die Antworten der Familie noch formelhafter werden. "Sie haben ihre gerechte Strafe bekommen", sagt Mevlüde Genç, "damit ist es gut." Sie sagt nichts über ihre Gefühle, darüber, wie es ist, dass die Mörder in Freiheit sind, dass sie ihnen jeden Tag auf der Straße begegnen könnte. Auch über ihren Sohn Bekir, dessen Haut zu 36 Prozent verbrannte, mag sie nicht sprechen.

"Wir versuchen, ein gutes Beispiel zu sein", sagt Mevlüde Genç, "trotz der Schmerzen." Ihre Menschlichkeit, die Großherzigkeit war eine Wahl, die sie trafen, als der Hass über sie hereinbrach. Sie haben sich auferlegt, die Folgen auszuhalten.

Auf der Pressekonferenz fragt eine Reporterin die Gençs, was von deren Verständigungsaufrufen zu halten sei, wenn die Eheleute nach den vielen Jahren in Solingen immer noch nicht Deutsch sprächen. Außerdem habe sie Menschen in der Fußgängerzone befragt, und dabei hätten die meisten Leute ein Ende des Gedenkens, nach einem Schlussstrich verlangt. Was sie denn dazu sagten, will die Journalistin wissen.

Einige Reporter schütteln die Köpfe, kaum einer versteht, was die scharfen Fragen an die Opfer bezwecken sollen. Doch die Gençs bleiben gefasst - und antworten immer noch diplomatisch: "Unsere Kinder helfen uns."

Das neue Haus der Familie, nach dem Brandanschlag errichtet, liegt an einer Hauptverkehrsstraße, gegenüber ein Baumarkt. Es ist ein Dreiparteien-Heim, in dem die Wohnungen nicht verschlossen sind, doch an der Klingel findet sich kein Name. Auch steht ein Zaun davor, massiv und grün, wie vor einem militärischen Sperrgebiet, und eine Kamera blickt herab auf jeden Besucher, dessen Bild sofort auf einen Monitor ins Wohnzimmer übertragen wird.

"Ich habe ihnen noch nichts davon erzählt", sagt Mevlüde Genç, "sie sind zu klein."

Ob sie noch Angst hätten, fragt ein Journalist auf der Pressekonferenz.

"Nein", sagt Kamil Genç, "warum?"

Wie erkläre sie ihren Enkelkindern, was passiert sei, fragt ein Journalist.

"Ich habe ihnen noch nichts davon erzählt", antwortet Mevlüde Genç, "sie sind zu klein." Irgendwann werde sie es ihnen sagen, aber nicht, dass die Frauen und Kinder verbrannt sind. Sie werde ihnen sagen, dass sie an einer Rauchvergiftung gestorben seien. Auch die Wahrheit ist eine Frage der Haltung.

Essay

20 Jahre Brandanschlag von Solingen: Erinnerung als Schwerstarbeit

Warum ausgerechnet Solingen? Seit 20 Jahren prägt diese Frage das Erinnern an den Brandanschlag mit fünf Toten. Die Erkenntnis des Totalversagens bei den NSU-Ermittlungen hat ausgerechnet zum Jahrestag des Anschlags die vielen offenen Fragen von damals wieder aufgeworfen - und macht das Erinnern noch schwieriger. mehr...

Von Wolfgang Schreiber, Journalist, damals beim "Solinger Tageblatt"

Wachsendes Mahnmal an der Mildred-Scheel-Schule, Solingen): In große Metallringe sind die Namen derer graviert, die der Opfer des Brandanschlags gedenken. Heinz Siering, Leiter der Jugendhilfe-Werkstatt, hatte die Idee zu der ungewöhnlichen Plastik. Immer noch melden sich bei ihm Menschen, die gern einen Ring daran befestigen möchten, für den gelernten Schweißer kein Problem. Heute sind die zwei überlebensgroßen Figuren, die ein Hakenkreuz zerreißen, bereits von einem ganzen Berg der Namensringe umgeben.
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Wachsendes Mahnmal an der Mildred-Scheel-Schule, Solingen): In große Metallringe sind die Namen derer graviert, die der Opfer des Brandanschlags gedenken. Heinz Siering, Leiter der Jugendhilfe-Werkstatt, hatte die Idee zu der ungewöhnlichen Plastik. Immer noch melden sich bei ihm Menschen, die gern einen Ring daran befestigen möchten, für den gelernten Schweißer kein Problem. Heute sind die zwei überlebensgroßen Figuren, die ein Hakenkreuz zerreißen, bereits von einem ganzen Berg der Namensringe umgeben.

Nicola Kuhrt, Jörg Diehl (Texte), Hanz Sayami, Guido Grigat (Grafik/Layout), Lukas Lojkasek (Fotoredaktion), Sara Maria Manzo (Videoredaktion) und Almut Cieschinger, Mara Küpper (Dokumentation)

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1. Da ist dem Autor aber etwas die Phantasie durchgegangen
MikeNaeheHamburg 27.05.2013
Ich glaube nicht, dass 1993 in einer westdeutschen Stadt viele „Kombis von Skoda“ vor der Garageneinfahrt standen ...
2.
bwl-spaten 27.05.2013
Zitat von sysopDiese Aussage habe ich nicht so richtig verstanden. Was hat sich denn verändert ? Eigentlich suggeriert diese Aussage das die Menschen eher zusammenrücken und kulturelle Grenzen überwinden. Das Gegenteil ist der Fall Wir finden in Deutschland heute Parallelgesellschaften, ganz besonders aus der muslimischen Kultur. Heute ist es im Gegensatz zu früher allerdings eher erlaubt die Probleme beim Namen zu nennen, ohne sofort von der Mehrheit in die rechte Ecke geschoben zu werden. .
Diese Leute sind nicht umgebracht worden weil sie sich nicht integrieren wollten sondern aufgrund ihrer Abstammung. Die Leute die das waren haben vor 70 Jahren auch jeden noch so gut und bis zur totalen Selbstverleugung assimilierten Juden vergast. Man muß echt eine ganz erbärmliche Gestalt sein, um angesichts des zwanzigsten Jahrestages dieses feigen Mordes durch ein paar hirnlose Nazis über die Bringschuld der türkischen Minderheit bzgl. deren Integration zu quatschen.
3. Träum ich?
Zaphod 27.05.2013
Zitat von sysopDiese Aussage habe ich nicht so richtig verstanden. Was hat sich denn verändert ? Eigentlich suggeriert diese Aussage das die Menschen eher zusammenrücken und kulturelle Grenzen überwinden. Das Gegenteil ist der Fall Wir finden in.....
Was ist das denn für ein unsäglicher Kommentar? Nun sind die Türken schuld, wenn die Deutschen sie ermorden? Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus. Der Anschlag von Solingen zeigt, dass die deutsche Gesellschaft schon vor zwanzig Jahren nicht etwa gastfreundlich und integrationsbereit war, sondern zutiefst ausländerfeindlich. Inzwischen ist Ausländerfeindlichkeit salonfähig geworden und jeder kann offen darüber reden, dass sich die Ausländer nicht integrieren. Dass aber tatsächlich die Deutschen den Ausländern die Integration seit Jahrzehnten verweigern, das wird nicht mehr angesprochen. Denn die Deutschen fühlen sich wieder stark und beliebt. Sie glauben, alle müssten sich anpassen, insbesondere diejenigen, die sie als billige Arbeitskräfte ausbeuten. Es ist schlimm, dass es in Deutschland inzwischen so weit gekommen ist!
4.
freiheitsglocke 27.05.2013
Zitat von bwl-spatenDiese Leute sind nicht umgebracht worden weil sie sich nicht integrieren wollten sondern aufgrund ihrer Abstammung. Die Leute die das waren haben vor 70 Jahren auch jeden noch so gut und bis zur totalen Selbstverleugung assimilierten Juden vergast.
Das ist richtig. Allerdings erklärt das nicht den Beifall der Anwohner; so lange sie denen allen nicht extremsten Rassismus unterstellen wollen. Damit man so ein schreckliches Ereignis beklatscht, müssen sich einige Bewohner des Hauses schon sehr arg daneben benommen haben.
5.
anna.madeleine 27.05.2013
...sind wohl kaum die richtigen Begriffe, um Angriffe auf eine Familie zu beschreiben, die seit 40 Jahren in Deutschland lebt und dieses Land als ihre Heimat bezeichnet. Ich möchte hier Noah Sow zitieren: "Fremdenfeindlich ist eine Tat aber nur, wenn sie gegenüber einem Fremden verübt wurde, beispielsweise einem Touristen oder kürzlich Zugezogenen. Ein Politiker oder Lehrer, der seit zwanzig Jahren in der Gegend wohnt, ist kein Fremder (und das unabhängig davon, ob dieser nun die deutsche Staatsbürgerschaft inne hat oder nicht) und sollte auch nicht so bezeichnet werden. Der Ausdruck "fremdenfeindlich" birgt zudem die Gefahr, dass fälschlicherweise ein kausaler Zusammenhang zwischen "fremd sein" und der Tat hergestellt wird, das heißt, dass unterschwellig der Eindruck entstehen kann, die Tat sei verübt worden, weil jemand fremd war. In Wirklichkeit ist es jedoch selbstverständlich so, dass eine Tat nicht verübt wird, weil das Opfer eine bestimmte Eigenschaft oder Herkunft hat, sondern weil der Täter eine bestimmte Einstellung zu diesen Eigenschaften des Opfers hat." (in: Deutschland Schwarz Weiß, S. 32) Ich möchte hier nur anmerken: So lange die deutsche Öffentlichkeit die Selbstbezeichnung von Menschen in Frage stellt ("Die sind ja nicht wirklich Deutsche...") und - womöglich unbewusst - Begriffe reproduziert, die den offensichtlich rassistischen Hintergrund von Straftaten verschleiern, bleiben Anschläge wie der von Solingen Ableger unserer Gesellschaft - einer Gesellschaft, die es ablehnt, sich ernsthaft mit "ihrem" Rassismus auseinanderzusetzen.
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