Versteigerung einer Siedlung in Brandenburg Unter dem Hammer

Ein Berliner Auktionshaus hofft auf Aufmerksamkeit: Ein "ganzes Dorf" soll versteigert werden, die Siedlung Alwine in Brandenburg. Was halten die Bewohner davon?

SPIEGEL ONLINE

Aus Uebigau-Wahrenbrück berichten , und (Video)


Ein Verfassungsartikel könne doch keine Worthülse sein, sagt Andreas Claus und meint einen ganz bestimmten. "Eigentum verpflichtet", heißt es in Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes. "Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Für Claus bedeutet das: Wer ein Grundstück kauft, hat eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die dort wohnen.

Andreas Claus, parteilos, ist Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück. Die Stadt in Südbrandenburg ist eine Flächengemeinde, wenige Menschen, viel Platz. Etwa 5500 Einwohner leben in 21 Orten auf insgesamt 135 Quadratkilometern, einer Fläche, die etwas größer ist als die von Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin und etwas kleiner als die der früheren Bundeshauptstadt Bonn.

Hier seine Amtspflichten zu erfüllen heißt: viel im Auto unterwegs sein. Hier, im Elbe-Elster-Kreis 120 Kilometer südlich von Berlin und 80 Kilometer nördlich von Dresden, Bürgermeister zu sein heißt auch: wenig Aufmerksamkeit bekommen, schon gar keine überregionale. Zumindest war das bis vor Kurzem noch so.

Ein "ganzes Dorf" wird versteigert? - "Das ist Definitionssache"

Der Grund, weshalb sich das geändert hat, weshalb in letzter Zeit Menschen von weit außerhalb der Stadt im Rathaus in Uebigau anrufen, trägt einen etwas veralteten Frauennamen: Alwine. Alwine ist auch der Grund, weshalb Andreas Claus auf das Grundgesetz verweist und auf das, was Juristen die Gemeinwohlbindung des Eigentums nennen. Jedenfalls ist Alwine der Anlass.

Alwine umfasst mehr als 16.000 Quadratmeter Land. Ein halbes Dutzend Häuser steht hier, zehn sind es, wenn man die Doppelhaushälften eigens zählt. Hinzu kommen Garagen, Schuppen und Nebengebäude. Das alles, also ganz Alwine, steht nun zum Verkauf.

Fotostrecke

10  Bilder
Siedlung Alwine: Berliner Auktionshaus versteigert ein "ganzes Dorf"

Am 9. Dezember ist die Versteigerung in Berlin. Das Mindestgebot liegt bei 125.000 Euro. Als "Siedlung mit Dorfcharakter" bewirbt das Auktionshaus Karhausen das Objekt. Ein "ganzes Dorf" werde verkauft, heißt es seitdem in Berichten.

"Das ist Definitionssache", sagt Matthias Knake, der Auktionator. Verwaltungstechnisch sei das natürlich keine eigene Gemeinde oder Ähnliches. Bürgermeister werde der Ersteigerer selbstverständlich nicht. Faktisch könne man es aber schon ein kleines Dorf nennen.

17 Einwohner - oder sind es 14?

In der vergleichsweise abgelegenen Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück ist Alwine ein abgelegener Fleck. Die Fahrt vom Rathaus in Uebigau nach Alwine führt über etwa zehn Kilometer und durch mehrere der 21 Orte der Flächengemeinde, unter anderem durch einen, der den Namen München trägt. "An der Elster" fügen die Menschen hier gelegentlich klärend hinzu, zur Abgrenzung von dem an der Isar. "Hat aber leider nicht das gleiche Gewerbesteueraufkommen", scherzen sie im Rathaus.

"Alwine ist jedenfalls keiner der 21 Ortsteile hier", sagt Peter Kroll. Er ist Vorsteher eines dieser Orte: Domsdorf, 400 Einwohner, zu dessen Gebiet Alwine gehört. "Das ist kein Dorf, sondern eine Siedlung", sagt auch Paul Urbanek. Er ist einer der Bewohner von Alwine, einer von 17, wie er selbst sagt. Es seien allenfalls 15, sagt Ortsvorsteher Kroll, wahrscheinlich eher 14.

Aus der Vogelperspektive ist die Siedlung, in der einst Braunkohlearbeiter wohnten, ein Asphaltkringel an der Landstraße, die wie ein grauer Strahl durch den dichten südbrandenburgischen Wald schießt. Eine Handvoll Gebäude steht innerhalb des Kringels, eine Handvoll außerhalb. Allenfalls von hier oben betrachtet - mit viel Abstand und nicht weniger Wohlwollen - ist Alwine ein Kleinstdorf.

SPIEGEL ONLINE

Auf dem Boden können auch die imposanten Bäume den Blick nicht von den Missständen in der Siedlung weglenken. Gleich am Eingang stehen Autowracks, von den Hausfassaden blättert der Putz. Das Auktionshaus weist auf "Feuchtigkeits- und Fassadenschäden hin", beschreibt das Objekt als "umfassend modernisierungs- und sanierungsbedürftig". Laut Auktionator Matthias Knake gehen derzeit im Jahr nur 16.000 Euro Miete im Jahr ein - statt der vertraglich vorgesehenen 30.000 Euro.

Dennoch gebe es ganz viele Nachfragen, sagt Knake. "Wir bekommen täglich neue." Wie viele Interessenten tatsächlich kommen und ob es am Ende mit dem Verkauf klappt, werde man aber erst am Auktionstag sehen.

Sechs Jahre, ein Telefonat

Glaubt er, dass sich ein Käufer finden wird? Paul Urbanek hebt zweifelnd die Schultern, bis sie beinahe seine Ohren berühren. Der 71-Jährige, der 2011 aus Schleswig-Holstein in die Siedlung zog und die Ruhe sowie die gegenseitige Unterstützung unter Nachbarn schätzt, hätte jedenfalls eine lange Liste an Wünschen, die er an einen neuen Eigentümer richten würde: "Dass er ein bisschen was macht; dass er das Dach neu deckt; dass er den Schimmel beseitigt oben, wo die Gauben sind; dass wir vernünftige Dachrinnen bekommen."

Die bisherigen Eigentümer haben sich nicht gekümmert. 2001 verkaufte die Treuhand Liegenschaften Alwine an zwei Brüder. Paul Urbanek hat nach eigenen Angaben in sechs Jahren ein einziges Mal mit einem der beiden telefoniert. Auch Ortsvorsteher Kroll sagt, er sei keinem der beiden je begegnet.

Einer der beiden Brüder ist nun gestorben. Der andere teilt mit, er sei "im Moment nicht so kontaktfreudig", er wolle nur wenige kurze Anmerkungen zu Alwine machen. Das Objekt habe ihm und seinem Bruder schon damals wegen des "Dorfcharakters" gefallen.

Es sollte demnach schön aufgebaut und zu einem Prestigeobjekt gemacht werden. Leider sei dieses Vorhaben vom Bruder aus beruflichen und privaten Gründen immer wieder verschoben worden. Da sein Bruder vor Kurzem verstorben sei und er selbst "keine Ahnung von der Materie" habe, müsse er das Objekt schweren Herzens abgeben.

Stadt und Land

Für Andreas Claus, den Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück, zeigt die Lage in der Siedlung auch, dass den Entwicklungen des ländlichen Raums wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Von den potenziellen neuen Eigentümern würde er sich wünschen, dass sie Alwine bezahlbar sanieren und es mit den überwiegend älteren Bewohnern "ehrlich meinen".

"Der Verkauf von Alwine ist eine rein privatrechtliche Angelegenheit", sagt Claus. Es stehe zwar kein Dorf zum Verkauf, dessen Bürgermeister man werden könne. Einen möglichen Erwerber sieht er dennoch in der Pflicht.



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RalfBukowski 04.12.2017
1. Omg
...sieht das grauenvoll aus. Wer soll denn sowas kaufen??
peeka(neu) 04.12.2017
2. Die zwölffache Jahresmiete
als Wert von Immobilien ist ja so ein Richtwert. Demnach sollte das Dorf mindestens 192.000€ einbringen. Da augenscheinlich nicht alle Mieten bezahlt werden, liegt der Wert des Dorfes aber wohl deutlich darüber. Das Problem liegt dann allerdings in einem Investitionsstau, der offensichtlich existiert. Vermutlich wird das Dorf an einen professionellen Investor verkauft, der rechnen kann und die "vertraglich vereinbarten" 30.000€ zum größten Teil eintreiben wird. Für die Bewohner bedeutet das nichts gutes. Die Gentrifizierungswirkung könnten sie auf einmal am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Max Super-Powers 04.12.2017
3.
Ganz ehrlich: Hätte ich das Geld, würde ich den Laden ersteigern und den jetzigen Bewohnern schenken.
derBob 04.12.2017
4. Mal ehrlich -
Wo ist der Unterschied, ob in der Stadt ein Mehrfamilienhaus mit 17 Mietern versteigert wird oder eben hier in der Pampa ein paar Hütten. Das passiert wahrscheinlich mehrmals täglich. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind die selben.
Crom 04.12.2017
5.
Keine Miete bezahlen und sich dann wundern, wenn der Eigentümer keine Lust auf kostspielige Investitionen hat, die er sich wahrscheinlich nie amortisieren. Warum legen die Bewohner nicht zusammen und kaufen sich die Buden selbst?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.