SPIEGEL ONLINE: Immer wieder kommt es in Brasilien zu schrecklichen Unglücken, weil Sicherheitsbestimmungen zu lax sind oder nicht eingehalten werden. Ist das womöglich auch ein kulturelles Problem?
Sérgio Abranches: Brasilianer legen wenig Wert auf Vorsorge. Wir hegen ein historisches Misstrauen gegen die Idee des Sparens, der Voraussicht, der langfristigen Planung. Das ist unter anderem eine Folge der Inflationskultur: Jahrzehntelang herrschte in Brasilien Hochinflation, das Geld verlor praktisch täglich an Wert. Viele Familien, die eine Lebensversicherung oder langfristige Anlagen hatten, mussten mit ansehen, wie ihr Geld über Nacht an Wert verlor. Außerdem ist Brasilien eine sehr mobile Gesellschaft. Das erschwert es, mittel- oder langfristig vorauszudenken. Viele Brasilianer sind wurzellos, sie stammen aus dem Landesinneren und sind auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in die großen Städte gezogen. Sie ziehen oft um, viele sind rasch sozial aufgestiegen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass das Leben unvorhersehbar ist, deshalb denken sie nur an das Heute. Mein Vater zum Beispiel war noch Analphabet, er lebte auf dem Land. Ich bin nach Sao Paulo gegangen und Universitätsprofessor geworden, das ist ein sehr schneller, brüsker Wandel. In Europa gibt es das kaum. Gesellschaftlich führt es dazu, dass die Zukunft einerseits als unvorhersehbar gilt, andererseits herrscht genereller Optimismus. Niemand stellt kritische Fragen, niemand denkt darüber nach, welche Unglücke geschehen könnten. Wir erwarten immer nur das Beste.
SPIEGEL ONLINE: Beim Discobrand in Santa María haben vor allem die Behörden und Veranstalter geschlampt
Abranches: Das ist eine Folge dieser Gegenwartsmentalität. Brasilien hat ein großes Problem bei der Regierungsfähigkeit. Die Behörden verstehen nichts von Planung. Vorsorge findet nicht statt, es gibt keine Investitionen, die zukünftigen Schäden oder Kosten vorbauen könnten. Dieses Problem hat nicht nur die Katastrophe von Santa María mit verursacht, es kennzeichnet auch unsere Gesetzgebung. Regeln und Verordnungen sind nicht miteinander vernetzt. Die Regierung subventioniert Diesel, statt in alternative Energien zu investieren. Dabei entstehen riesige Kosten durch die Luftverschmutzung, viele Leute werden krank, für die Behandlung im öffentlichen Gesundheitswesen fehlt das Geld. Straßen werden nicht instand gehalten, Millionen Haushalte sind nicht an die Kanalisation angeschlossen. Investitionen, die für die Bürger unsichtbar sind wie die Investitionen in neue Abwasserleitungen, werden geringgeschätzt und sind bei Politikern daher nicht sehr populär. Sie weihen lieber Brücken oder Straßen ein.
SPIEGEL ONLINE: Vor zwei Jahren kamen nach sintflutartigen Regenfällen in den Bergen bei Rio de Janeiro über tausend Menschen bei Erdrutschen ums Leben. Trotz großspuriger Versprechen der Regierenden wohnen nach wie vor Tausende in Risikogebieten, die Hilfsgelder sind in dunklen Kanälen versickert, beim nächsten Starkregen droht die nächste Katastrophe. Warum machen die Bürger keinen Druck auf die Verantwortlichen?
Abranches: Brasilianer besitzen eine enorme Gabe, sich mit den Dingen abzufinden, das liegt ebenfalls an der enormen Mobilität der Gesellschaft. Das Niveau an Toleranz ist absurd. Wir tolerieren Dinge, die eigentlich unerträglich sind: Die katastrophalen Zustände im Bildungswesen, die Gewalt in den Städten. Wenn es in den Favelas von Rio oder Sao Paulo zu Massakern kommt, geht niemand auf die Straße. Laute Proteste gegen soziale oder politische Zustände wie in Argentinien sind in Brasilien selten, die Gesellschaft empört sich nicht.
SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?
Abranches: An meiner Universität hat der Direktor vor ein paar Jahren mal schriftlich die Professoren aufgefordert, alle Studenten vor Sonnenuntergang nach Hause zu schicken, weil es nachts auf der Straße zu gefährlich sei. Wenn ich Student wäre, hätte ich Krach geschlagen und die Uni besetzt. Das ist doch unmöglich, eine Universität muss auch abends geöffnet sein, damit die Studenten in die Bibliothek können. Aber meine Studenten haben das klaglos hingenommen. Eine Occupy-Bewegung wie in den USA oder Europa ist in Brasilien undenkbar. Der letzte Studentenaufstand fand vor zwanzig Jahren statt. Damals gingen junge Leute mit bemalten Gesichtern auf die Straße und forderten die Absetzung des korrupten Präsidenten Fernando Collor. Brasilien praktiziert eine Kultur des Sich-Abfindens.
SPIEGEL ONLINE: Wirkt sich das auch auf die Vorbereitungen für die Fußball-WM im nächsten Jahr und die Olympischen Spiele 2016 aus?
Abranches: Auf allen Regierungsebenen mangelt es an Planung. Die Bevölkerung macht keinen Druck, damit investiert wird.
SPIEGEL ONLINE: Aber mangelnde Sicherheitsvorkehrungen sind doch keine brasilianische Spezialität. In den USA ist es vor wenigen Jahren zu einem ähnlichen Diskothekenbrand gekommen wie in Santa María
Abranches: In den USA wurden daraufhin die Strafen verschärft und die Sicherheitsauflagen überprüft, so ein Unglück hat sich nie wiederholt. In Brasilien gibt es zwar jede Menge Gesetze und Vorschriften, aber sie werden nicht umgesetzt, ihre Einhaltung wird nicht überprüft. Wir lernen nicht aus einem Unglück, um zukünftige Katastrophen zu vermeiden. Überschwemmungen, Brandkatastrophen, Erdrutsche wiederholen sich ständig. Häuser stürzen ein, weil Bauvorschriften missachtet werden.
SPIEGEL ONLINE: Vergessen Brasilianer womöglich auch schneller?
Abranches: Brasilien hat ein kurzes Gedächtnis, das steht in direktem Zusammenhang mit der mangelnden Voraussicht. Weil wir nicht weit in die Zukunft blicken, erinnern wir uns auch nicht lange zurück. Ich habe meine Studenten mal gebeten, langfristige Szenarien zu entwerfen, sie waren dazu nicht in der Lage, sie konnten nur einige Monate voraus denken. Dann habe ich sie gebeten aufzuschreiben, was in den vergangenen 20 Jahren geschehen ist. Sie waren perplex, als sie feststellten, was sie alles vergessen hatten, obwohl sie einen Teil dieser 20 Jahre bewusst erlebt haben. Sie haben sich nicht mehr an die ersten Handys erinnert, an das Leben ohne Internet. Brasilien ändert sich zu schnell, das beeinträchtigt das Erinnerungsvermögen.
SPIEGEL ONLINE: Hat das Land deshalb so wenig Geschichtsbewusstsein?
Abranches: Brasilien interessiert sich nicht sehr für seine Vergangenheit. Wir lassen unsere historischen Altstädte, Bauten und Denkmäler verkommen. Jüngst sind Bauarbeiter bei den Renovierungsarbeiten im Hafengebiet für Olympia auf Überreste aus der Kolonialzeit und Knochen verstorbener Sklaven gestoßen, kaum einer hat sich dafür interessiert, die Sachen liegen jetzt irgendwo herum.
SPIEGEL ONLINE: Das hat aber auch einen sehr menschlichen Aspekt.
Abranches: Klar, sie behalten keine Wut für lange Zeit. Der Hass wird schnell überwunden. Aber das schafft eine Gesellschaft mit geringer Verteidigungskraft gegen Risiken.
Das Interview führte Jens Glüsing, Rio de Janeiro
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