Strandbesucher in Brasilien Meer sehen

Die Reichen bringen ihre Sorgen mit zum Strand, die Armen lassen sie daheim - so sagt man in Brasilien. Die wunderbaren Fotos von João Castellano zeigen den Beach-Alltag der Armen.

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Beachszene an einem weniger privilegierten Strand in Rio
Joao Castellano

Beachszene an einem weniger privilegierten Strand in Rio

Menschentrauben drängen sich am Strand, es ist laut, es wird gelacht, gekreischt, geschmaust: Aus den Kühlboxen werden Hühnerbeine gezogen, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, Reis mit Erbsen, Caipirinha, eisgekühlt in einer Pump-Thermoskanne. Was niemals fehlen darf: Farofa, Maniokmehl, das über die Speisen gestreut wird und extrem sättigend ist. Je nach den finanziellen Mitteln wird das Pulver pur verwendet oder mit Knoblauch oder Zwiebelwürfelchen veredelt. Besonders schmackhaft - und reichhaltig - wird das Streu, wenn es mit Butter, Ei, Speckstückchen oder Banane angeröstet wird.

Doch Farofa ist mehr als eine Sättigungsbeilage: Strandbesucher aus ärmlichen Vierteln werden Farofeiros genannt, egal, ob sie Maniokpulver bei sich tragen oder nicht. Man kann das durchaus als Schimpfwort verstehen. Farofa bedeutet Vorurteil und Diskriminierung und das Gegenteil eines gepflegten Strandtages an Rios Schönheiten Leblon oder Ipanema. Uma praia de farofa - das ist ein Strand, an dem sich Menschen amüsieren, die auf der Schattenseite geboren wurden.

Der Strand sei der demokratischste Ort, heißt es in Brasilien. In Bikini, Shorts und Badeschlappen seien alle gleich. Arme Schöne, reiche Schöne, arme Dicke, reiche Dicke, arme Dünne, reiche Dünne. Was alle Brasilianer verbindet, ist die Liebe zum Meer, zum Strand. Kein Wunder, bei einer Küstenlänge von mehr als 7000 Kilometern. Doch die Mär von sozialer Gleichheit am Strand ist genau dies - einfach nicht wahr.

Brasilien ist eine tief gespaltene Gesellschaft. Mit Helikoptern knattern die Superreichen auf ihre Privatinseln, oder jagen in ihren Jachten zu exklusiven Stränden. In Rio de Janeiro treffen sich die wohlhabenderen Cariocas in Ipanema, Leblon oder Barra da Tijuca, dort wo der Atlantik auf den weißen Sand rollt, direkt neben den schicken Restaurants und feinen Boutiquen.

Wer arm ist, und nicht in den Favelas in den steilen Hügeln oberhalb der schicken Südzone lebt, spart sich das Geld für die lange Reise mit dem Bus. Man badet dort, wo man wohnt, oft ungeachtet der miserablen Wasserqualität. In der Bucht von Guanabara, an einem der unzähligen Stadtstrände.

Unterscheiden kann man die sozialen Schichten auch daran, was sie zum Strand mitbringen - und was sie dort tun. Wohlhabendere lassen sich bedienen, kaufen Sandwichs, Austern oder Scampispieße und eisgekühlte Getränke von fliegenden Händlern, die gewaltige Kühltaschen über die Strände schleppen. Wer nicht zu den Glücklichen gehört, packt seine Verpflegung eben zu Hause ein.

Angetrieben von der Suche nach Vorurteilen hat der brasilianische Fotograf João Castellano das Treiben von "Farofeiros" beobachtet und in einer wunderbaren Fotoserie festgehalten. Er besuchte Orte, die privilegierte Brasilianer oder gar Touristen wohl niemals besuchen würden. In Rio de Janeiro, São Paulo und Recife mischte er sich unter die Badegäste und schuf Nahaufnahmen aus dem prallen Leben. Der Titel seiner Fotoserie: "Sou Farofa" - Ich bin Farofa.

Joao Castellano

Den Klappstuhl hat diese Einwohnerin von Rio de Janeiro direkt ins Wasser gestellt, die Bierbüchse dient ihr als Befeuchter - in der Favela da Maré im Norden Rios wurde Anfang der Nullerjahre das Piscinão de Ramos angelegt, eine öffentliche Badeanstalt an der - besonders in dieser Region - extrem verschmutzten Guanabara-Bucht.

Die Favela liegt in der Nähe des Internationalen Flughafens und ist in der Vergangenheit vor allem wegen der vielen Gewaltdelikte aufgefallen.

Joao Castellano

Dieser junge Carioca hat ein Mango-Picolé bekommen, ein selbstgemachtes Eis am Stiel, das schneller schmilzt als er schlecken kann.

Joao Castellano

Eine Familie verbringt den Tag am Guarapiranga-Stausee im Süden São Paulos. Ärmere Einwohner der Millionenmetropole besuchen gern diesen Badestrand. Denn die Fahrt zu den Atlantikstränden dauert lang - und ist für viele einfach zu teuer.

Sehen Sie hier noch mehr Aufnahmen von Farofeiros:

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
stefan_sts 07.08.2016
1. Ich freue mich für diese Menschen ,
daß sie ihren Spaß am Strand haben und ihre wohl oft finanziellen Sorgen vergessen können , aber offensichtlich ist/wird Diabetes ein flächendeckendes Problem mit unabsehbaren finanziellen Folgen für die Gesellschaft in absehbarer Zeit , wie auf den Bildern schön erkennbar , sofern der Zuckergehalt von Lebensmitteln nicht deutlich reduziert wird , es ist also durchaus vorstellbar , daß diese Kinder nicht das Alter ihrer Eltern erreichen werden .
air plane 07.08.2016
2. Fotos
Diese Fotografie erinnert ein bisschen an Martin Parr; von einem solidarischen Ansatz kann aber wohl keine Rede sein, dafür werden die Menschen doch zu hässlich dargestellt.
Bueckstueck 07.08.2016
3.
Zitat von air planeDiese Fotografie erinnert ein bisschen an Martin Parr; von einem solidarischen Ansatz kann aber wohl keine Rede sein, dafür werden die Menschen doch zu hässlich dargestellt.
Wie jetzt? Hätte man sie vorher in die Maske schicken sollen oder ggf nur vom Hals aufwärts ablichten dürfen? Wer will denn gestellte Bilder sehen?
spon-facebook-10000151392 07.08.2016
4. das koennte genau so in Suedafrika
sein, denn hier sind nicht alle in Camps Bay ... sondern and den unzaehligen Straenden, mit Sack und Pack, Kind, Oma und Kegel! mit KFC, Nandos und meiner Tee Thermosflasche, Fruehstueck, lunch oder Keksen ... Paradies pur
r.weltner 07.08.2016
5. Wirklich nicht fair!
Diese Fotostrecke ist nicht wirklich fair, schon gar nicht mit den dazu geschriebenen sozial diskriminierenden Texten. Komme selber aus der Werbebranche und finde diese Fotos sind ganz speziell darauf angelegt Menschen sehr ungünstig dar zu stellen. Diese Bilder könnte man genau so an den Stränden der sog. Reichen machen, denn Fettpolster und ungünstige Schatten- und Licht-Einwirkungen lassen auch die schönsten Körper, wenn der Fotograf dies beabsichtigt, sehr schlecht aussehen. Solche Fotos kann man also auch bei uns in Deutschland am Baggersee, von durchaus gut situierten Menschen, die einfach nur ihren Freizeitspaß haben wollen jeden Tag fotografieren. Wer also den künstlerischen und intellektuellen Anspruch erhebt eine sozialkritische Fotoreportage zu präsentieren sollte zu Mindesten die Menschen, deren Erlaubnis für das Foto er ja hoffentlich erhalten hat nicht eine solche Respektlosigkeit entgegen zu bringen. Ein Tip für besseres "Storytelling": Frau Lutteroth lassen Sie mal die Cellulitis-Schenkel und Bierbäuche an "Luxus-Stränden" fotografieren und machen Sie dann auch bitte solche zynischen Texte dazu.
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