Erzrivale Argentinien im WM-Finale Brasiliens nächster Albtraum

Erst das Debakel im Halbfinale - und dann steht auch noch der Erzfeind im Finale: Das schmerzt die Brasilianer, denn mit Argentinien verbindet sie eine große Hassliebe. Die Gastgeber wollen, dass Deutschland jetzt den Titel holt.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


"Fünf! Sechs! Sieben!" Argentinische Fans in Rio bohren mit Wonne in der Wunde, die der deutsche Monster-Sieg gerissen hat. "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen", schreien sie einem der wenigen Brasilianer hinterher, der trotz der 7:1-Katastrophe ein gelbes Trikot angezogen hat. Mit gesenktem Kopf schlappt der Gefoppte weiter. Jetzt nur nicht stehen bleiben, keine Lust auf das Gequatsche der Nachbarn. Brasilien und Argentinien verbindet eine ewige Hassliebe: "Wir lieben es uns zu hassen. Und wir hassen es, dass wir uns lieben", beschreiben Brasilianer die komplizierte Beziehung.

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Heft 28/2014
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Nach dem Sieg über die Niederlande wird Argentinien am Sonntag in Rios Fußballtempel Maracanã gegen Deutschland spielen. Das ist einerseits gut, weil die am Boden liegende Seleção nun nicht Gefahr läuft, auch noch von den Argentiniern im Spiel um Platz drei düpiert zu werden. Andererseits steht Argentinien nun dort, wo die Brasilianer unbedingt hinwollten: im Finale.

"Die Rivalität zwischen Brasilien und Argentinien ist legendär", sagt Marcello Moncavo, 46. Er verkauft an der Copacabana Flaggen, Deutschland geht am besten. "Ich weiß nicht, woher das kommt, aber eigentlich ist es auch egal. Das wird vom Vater an den Sohn weitervererbt." Was das Besondere an der Beziehung ist? "Sie provozieren uns. Ständig behaupten sie, dass Maradona besser sei als Pelé. Dabei hat Maradona nur ein wirklich spektakuläres Tor gemacht - mit der Hand. Er hat im Leben nicht die Klasse von Pelé." Natürlich sei er gegen einen Weltmeister Argentinien, auch wenn das Volk eigentlich den Titel gut brauchen könnte. "Sie leiden, sie hätten es angesichts der Wirtschafts- und Währungskrise im Land wirklich nötig. Aber, trotzdem nein, Argentinien darf den Titel nicht holen."

Mardona ist besser als Pelé? Das provoziert die Brasilianer

Dutzende Argentinier feiern an der Copacabana ihr Team, gut bewacht von der brasilianischen Polizei. Ihre Fahne ist 30 Meter lang, sie ziehen über die Strandpromenade, singen alte Fanlieder, die sie extra für die WM umgedichtet haben: "Hey Brasilien, wie fühlt es sich an? Ihr seht unseren Messi und er holt den Titel für uns. Und Maradona ist besser als Pelé." Nicolas Crego und seine Frau Daiana sind aus Buenos Aires gekommen, sie tanzen mit einer Horde Argentinier in Rio am Strand. Sie tanzen, schwenken ihre Fahnen, die Trompeter blasen ins Horn, die Trommler schlagen den Takt. Die beiden Fußballländer verbindet eine legendäre Feindschaft, und die will gepflegt werden. "Wir sind die beiden größten Länder Südamerikas und haben die größte Fangemeinde. Wir haben die größten Verbände und die längste Fußballgeschichte. Und wir spielen ähnlich gut. Deswegen gibt es eine Rivalität, die sehr tief reicht", sagt Crego. "Es ist sehr schön hier. Und es macht Spaß, die Brasilianer zu ärgern."

Auch der Brasilianer Alex Silva muss sich ärgern lassen - allerdings von den eigenen Landsleuten. Der 26-jährige Sambapfeifenverkäufer trägt das hellblau-weiße Trikot der Feinde. "Wenn ich das Argentinien-Hemd trage, verkaufe ich mehr", sagt er. "Meine Freunde sagen zwar, ich sei ein Verräter. Aber die Argentinier kaufen nicht bei mir, wenn ich mein Brasilien-Trikot anhabe. Es muss also sein." Zum Feierabend zieht er das Hemd schnell aus. In einer Tüte unter dem Arm hat er sein Brasilien-T-Shirt versteckt. Das Schlimmste, was jetzt passieren könne, sei, dass Argentinien das Finale im Maracanã gegen Deutschland gewinnt. "Dann werden sie wieder durch unsere Straßen ziehen und Fensterscheiben zertrümmern", fürchtet Silva.

Tatsächlich kam es nach dem ersten Spiel der Gauchos in Rio zu Handgreiflichkeiten und Sachschäden. "Die Rivalität besteht länger, als ich denken kann. Das geht schon seit den Vierzigerjahren so. Was uns wirklich nervt, ist dass sie ständig behaupten, Messi und Maradona seien besser als die brasilianischen Spieler. Dabei sprechen doch die Zahlen für sich: Wir haben fünfmal den WM-Titel gewonnen, Argentinien nur zweimal." In Wahrheit habe Brasilien überhaupt kein Problem mit Argentinien. "Argentinien hat ein Problem mit uns."

Obwohl die Rivalität zwischen den beiden Ländern so groß ist, fühlen sich Hermann Acilo, 28, und Nicolas Vespasiazo, 30, pudelwohl in Rio. "Es ist sehr schön hier und sicher." Sie sind die 3000 Kilometer mit dem Auto von Mar del Plata gekommen, in zwei Tagen. Ihre Argentinien-Flagge ist so groß wie ein Gleitschirm, der Wind an der Copacabana reißt an dem Stoff. "Die Rivalität zwischen unseren Ländern ist so groß, weil wir uns so ähnlich sind und ähnlich gut spielen", sagt Acilo. Aber Vespasiazo fällt ihm ins Wort: "Das Brasilien-Deutschland-Spiel rechnen wir nicht. Die Brasilianer waren ja völlig von der Rolle. Eine ganz andere Kategorie." Ein Straßenfeger, der die beiden beobachtet hat, sagt: "Sie wissen es noch nicht, aber sie werden gegen Deutschland schrecklich untergehen." Dabei lächelt er zufrieden.

Argentinien hat Messi - und den Papst

"Ach, die Brasilianer, die sind uns doch egal", sagt Sebastian Dellara, 25. Er ist mit seinem Kumpel Francisco Guol, 26, aus Santa Fé im Nordosten des Pampalandes nach Rio gekommen. Beide tragen blau-weiße Perücken, in der Hand einen Schnapsbecher. Sie glauben fest, dass sie am Sonntag den Titel holen werden: "Wir haben zwar nicht das beste Team der Welt. Das hat wohl Deutschland. Aber wir haben mit Messi den besten Spieler der Welt. Und wir haben den Papst. Uns kann nichts geschehen."

Wenn er sich da mal nicht täuscht: Die Deutschen haben schon länger einen Papst. Und am Sonntag ganz sicher die brasilianischen Fans an ihrer Seite.

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Seite 1
HARK 10.07.2014
1. Papst
Ja, damit kann man den Fußball natürlich erklären. In diesem Zusammenhang darf man aber auch nicht übersehen, das wir auch einen Martin Luther haben. Der Fußball-Gott ist Protestant, daran kann es nach dem 7:1 gegen die Herz-Blut Spieler doch keinen Zweifel mehr geben. Oder?
studibaas 10.07.2014
2. Damit ist alles gesagt
""Wir haben zwar nicht das beste Team der Welt. Das hat wohl Deutschland. Aber wir haben mit Messi den besten Spieler der Welt." Stellt euch mal vor, dieser Spieler würde ausfallen. Nicht auszudenken, das könnte enden wie in Brasilien... . An alle die sagen, Brasilien sei insgesamt so schlecht, auch wenn die beiden Spieler da gewesen wären. Hoffen wir, das die Deutsche Gesamtklasse ausreicht, um die Spitzenklassen der beiden Top Spieler der Gegner zu überbieten.
RalfHenrichs 10.07.2014
3. Was mir Sorgen macht
Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Titel. Und die bessere Defensive hat Argentinien.
henrikw 10.07.2014
4.
Zitat von RalfHenrichsDie Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Titel. Und die bessere Defensive hat Argentinien.
Ja, und? Wir brauchen nur ein Spiel gewinnen. Mit dem Titel klappts dann auch.
KingTut 10.07.2014
5. Stimmt
Zitat von HARKJa, damit kann man den Fußball natürlich erklären. In diesem Zusammenhang darf man aber auch nicht übersehen, das wir auch einen Martin Luther haben. Der Fußball-Gott ist Protestant, daran kann es nach dem 7:1 gegen die Herz-Blut Spieler doch keinen Zweifel mehr geben. Oder?
Und wir haben ja auch noch den Heiligen Vater Benedikt XVI. Gott hat also allen Grund sich angesichts dieser komplizierten Konstellation aus dem Finale herauszuhalten. Dass die Brasilianer uns jetzt mehrheitlich den Titel wünschen kann ich aus meinem eigenen privaten und beruflichen Umfeld in jeder Hinsicht bestätigen. Wenn im Artikel auf den Weltfußballer Messi verwiesen wurde, dann möchte ich unter Verweis auf Südafrika 2010 die Frage stellen, wo damals Messis Künste waren, als wir 4:0 gewannen. Trotzdem wird das Spiel wahrscheinlich nicht so einfach für uns wie gegen Brasilien, aber dennoch glaube ich, dass wir unseren 4. Titel holen werden. In einem spanischen Twitter Account las ich vor dem Halbfinale gegen Brasilien folgendes: "Brasilien hat Neymar, Argentinien hat Messi, Portugal hat Ronaldo und Deutschland hat seine Equipe". So urteilen die Anderen über uns und ich denke damit treffen sie den Nagel auf den Kopf, weil bei uns ganz das Team im Vordergrund. Die Fokusieung auf einen "Helden" alleine kam schon Brasilien teuer zu stehen.
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