Trauer in Brasilien "Wir sind überfahren worden"

Es war der schlimmste Tag in der Geschichte des brasilianischen Fußballs. Nach dem Desaster gegen Deutschland kam es in mehreren Städten zu Krawallen. Manche Fans versuchten der Katastrophenstimmung aber auch mit Witzen zu begegnen.

REUTERS

Aus Rio de Janeiro berichtet


"Wann sind wir Brasilianer je so vorgeführt worden", grübelt ein Brasilien-Fan in Rios Nobelviertel Leblon. Über sein gelbes Brasilien-Trikot hat er nach dem WM-Debakel gegen Deutschland einen schwarzen Pulli gezogen. "Was sind wir jetzt noch, wenn wir nicht mehr das Land des Fußballs sind? Wir sind gerade überfahren worden." Auf dem TV-Bildschirm reicht der Platz für die Torschützen schon nicht mehr aus. "7:1. Das ist einfach unbegreiflich", sagt ein anderer. "Das sind nicht wir, wir können doch sonst Fußballspielen", sagt eine 54-Jährige, ihr Brasilien-T-Shirt ist zerknittert, in der Anspannung hat sie die Arme ganz eng vor der Brust gekreuzt.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Verzweiflung, Trauer, Wut und Scham im Land des Fußballs. In vielen Städten Brasiliens kam es nach dem Spiel zu Randale: In Rio musste die Polizei beim Fanfest an der Copacabana eine Massenschlägerei auflösen, frustrierte Fußball-Fans zündeten in São Paulo 15 Busse an, auch in Curitiba wurden Busse demoliert. In Belo Horizonte gab es Prügeleien im Stadion und Kneipen, Schlägereien wurden auch aus Recife und Salvador gemeldet.

Fotostrecke

23  Bilder
Fanbilder: Deutschland jubelt, Brasilien am Boden
In Rio sind die Straßen menschenleer, dunkel. Es ist kalt, es regnet in Strömen. Die Deutschen haben soeben ihr zweites Tor geschossen. Da schallt ein Schrei durch die Nacht: "Mengo!!!" Flamengo ist der brasilianische Club mit der größten Fangemeinde, das Bayern München der Tropen. Niemand hier sagt Flamengo, immer nur "Mengo". Die Deutschen tragen an diesem Abend das WM-Trikot, das exakt aussieht wie das Hemd des vielfachen brasilianischen Meisters. Rot-schwarze Blockstreifen - eine Hommage an die vielen Millionen Fans. Das soll Sympathien bringen. Mengo ist heute Deutschland.

Nach 23 Minuten fließen die ersten Tränen. "Mit Neymar wäre uns das nie passiert", sagt ein Mädchen, vom Sturzregen kleben ihr die Haare am Kopf. Klose hat das 2:0 geschossen und damit Ronaldo in der ewigen Bestenliste der WM-Torschützen vom Thron gestürzt. Gut, Ronaldos Sturz ist nicht weiter schlimm, der ehemalige Superstar des Fußballs wird von vielen Brasilianern als nervig empfunden. Dann geht es sehr schnell, innerhalb von sechs Minuten fallen drei weitere Tore. "Der Trainer müsste das Spiel jetzt unterbrechen können, eine Auszeit nehmen, wie beim Basketball. Die Spieler sind doch total von der Rolle."

Fotostrecke

18  Bilder
WM-Halbfinale: Die DFB-Gala in Bildern
Die Trauer weicht dem Entsetzen, dem Schock, der Scham, schließlich ist die Pein so groß, dass nur noch Galgenhumor hilft. "Rumo ao hexa!", erhebt einer der Fans sein Bierglas. Auf dem Weg zum sechsten. Tor, nicht Titel.

Die Gefühle fahren Achterbahn. Nach dem 7:0 legt sich Torwart Júlio Caesar neben sein Tor und starrt in den Himmel. Längst ist die Stimmung gekippt. Dieses Spiel, dieses Ergebnis kann man nicht ernst nehmen. "Die Deutschen wollen eigentlich gar keine Tore mehr schießen, aber sie können nicht anders." Als Oscar für Brasilien in der 89. Minute das erste Tor macht, springen die Fans von ihren Stühlen: "Los, lauft! Jetzt drehen wir das Spiel!" Na ja, das klappt nicht ganz. Der Schiedsrichter pfeift ab. "Okay, ja, wir haben dieses Spiel verloren. Aber die Deutschen zwei Weltkriege."

7:1. Ein "katastrophales Ergebnis" schreibt "O Globo", der "Estadão" spricht von einer "historischen Demütigung", die "Folha de São Paulo" von einem "Massaker". Die Sportzeitschrift "Lance!" nennt das Ergebnis die "größte Schande in der Geschichte". Und der bekannte TV-Moderator Galvão Bueno sagt: "Auf diese Weise zu verlieren ist hart."

Zum Spiel gegen Deutschland waren alle Spieler der Seleção mit weißen Schirmmützen gekommen, die Aufschrift "Força Neymar" - Kraft, Neymar. Das Ergebnis sei eine Homage an den verletzten Stürmer, wird gewitzelt: "Wenn Neymar nicht spielt, spielen die anderen Spieler auch nicht." Und: "Wenigstens haben wir für unsere Nr. 10 keine zehn Tore kassiert."

Fotostrecke

14  Bilder
Einzelkritik Brasilien: ...irgendwann war es auch egal
Die Autorin auf Twitter:

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mac_Beth 09.07.2014
1.
---Zitat--- "Okay, ja, wir haben dies Spiel verloren. Aber die Deutschen zwei Weltkriege." ---Zitatende--- Sorry, was ist denn das für eine Mentalität Weltkriege mit Fußball zu vergleichen? Ehrlich gesagt überraschen mich solche Kommentare aber wenig, als Deutscher ist man das ja gewohnt. Ich gratuliere beiden Mannschaften zu dieser WM. Ich freue mich zudem sehr für Klose, hab ihm schon jedesmal die Daumen gedrückt, wenn er wieder aufgestellt wurde.
mantrid 09.07.2014
2. Kopf hoch Brasilien
Bei allen Emotionen, es war nur ein Fußballspiel. Weder wird Brasilien im Elend versinken, noch wird Deutschland kampflos Weltmeister. Brasilien hat tolle Fußballspieler und eine große Fußballtradition, daran ändert dieses Spiel auch nichts.
motzbrocken 09.07.2014
3. Gratulation
Das war mal was! An eine solche Demontage eines namhaften WM Teilnehmers mag ich mich nicht erinnern. Unglaubliche 6 Minuten waren das. Weiter so, vorallem wenn es gegen die Niederlande gehen sollte.
moritz1989 09.07.2014
4.
Man die Brasilianer tun mir schon leid, dass ist wirklich bitter im eigenen Land so abgeschossen zu werden. Aber sie haben riesige Fehler gemacht: Das Spiel komplett auf Neymar auszurichten (obwohl ich glaube, dass Neymar die Niederlage nicht hätte verhindern können) und diese hohe Erwartungshaltung an die Nationalmannschaft. Mit diesem Druck kann man gar keinen ordentlichen Fußball spielen. Im Endeffekt haben die Deutschen das eiskalt ausgenutzt - Respekt!
Ursprung 09.07.2014
5. Mein Wunsch
Zitat von sysopREUTERSEs war der schlimmste Tag in der Geschichte des brasilianischen Fußballs. Nach dem Desaster gegen Deutschland kam es in mehreren Städten zu Krawallen. Manche Fans versuchten der Katastrophenstimmung aber auch mit Witzen zu begegnen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/brasiliens-wm-pleite-fans-leiden-nach-dem-7-1-debakel-a-980008.html
Und nun wird David gegen Goliath gewinnen, Nl gegen D!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.