Braunkohletagebau: Die letzten Tage des Doms von Immerath

Von , Immerath

125 Jahre nach seiner Errichtung soll der Dom im rheinischen Immerath dem Erdboden gleichgemacht werden. Die Kirche muss dem Braunkohletagebau weichen, so wie der ganze Ort. Nur das Verfassungsgericht könnte die Bagger noch stoppen.

Immerath: Ein Dorf muss weg Fotos
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Wenn man durch Immerath spaziert, vorbei an den dunkelroten Backsteinfassaden und dem satten Grün der Vorgärten, hört man erst einmal - nichts. Es ist still, vollkommen still, es fahren keine Autos, es schreien keine Kinder, es plappern keine Rentner. Es ist, als wäre man in die malerische Kulisse einer ZDF-Landarztserie gestolpert, während der Drehpause. Gähnende Leere.

Inmitten dieser unwirklichen Abwesenheit von Leben thront eine mächtige Kirche, der Volksmund nennt sie "Immerather Dom", weil sie viel zu groß ist für das Örtchen, das in seinen stolzesten Tagen 1500 Einwohner hatte - wenngleich diese Tage lange zurückliegen.

Inzwischen wohnen nur noch einige Dutzend Menschen in dem Dorf, das vollständig weggebaggert werden soll. Und auch St. Lambertus, der vor 125 Jahren errichtete Dom, wird in einiger Zeit nur noch ein sehr großes, sehr schönes Gebäude sein, denn Mitte Oktober will die katholische Kirche das Haus Gottes entwidmen, wie es im liturgischen Fachjargon heißt. Es folgt sodann der Abriss.

Ende aus der Erde

Immeraths Ende kommt aus der Erde, sein Fluch ist der Reichtum des Bodens. Denn unter dem Ort liegt Braunkohle in erklecklicher Menge, etwa 1,3 Milliarden Tonnen, die der Konzern RWE Power AG abtragen will. Bereits jetzt dehnen sich die Abbaugebiete Garzweiler I und II auf eine Fläche von 110 Quadratkilometern aus. 14 Dörfer mussten bislang weichen, Tausende Menschen wurden umgesiedelt. 2017 werden die Bagger des Energieriesen Immerath erreichen.

Dabei ist die St.-Lambertus-Kirche ein Schmuckstück neuromanischer Baukunst. Die zwei mächtigen Türme, das ausladende Portal mit Säulenkapitellen und der reich verzierte Altarraum stammen aus dem 19. Jahrhundert. Über dem nördlichen Zugang wacht in Sandstein gearbeitet eine Jungfrau Maria mit dem Jesuskind im Arm. In Stein gemeißelt steht die Zeile: "Ich bin die Mutter der schönen Liebe und Furcht, der Erkenntnis und heiligen Hoffnung."

Und Hoffnung hatte man lange Zeit in Immerath. Mitte der neunziger Jahre war der Widerstand gegen die Zerstörung des Ortes noch groß. Sogar der Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff, bezeichnete das Projekt Garzweiler als "ökologisch und sozial unverträglich". Die Risiken für die Natur, so predigte der Oberhirte der Diözese bei seiner Amtseinführung von der Kanzel des Aachener Doms, seien nicht hinnehmbar, außerdem würden bei der geplanten Umsiedlung der Menschen "soziale Netze" zerstört.

Doch der heilige Zorn flaute ab - ähnlich wie es schon in der Nachbargemeinde der Fall gewesen war. Als Mitte der achtziger Jahre der Tagebau das Dorf Garzweiler verschlang, wollte Rheinbraun die dortige Pfarrkirche St. Pankratius zunächst wie eine Scheune taxieren. Bei einem Angebot von rund 3,5 Millionen Mark Entschädigung lenkte die Kirche schließlich ein, der Aufstand fiel aus.

Zu der Höhe der Entschädigung für den Dom von Immerath wollen nun weder das Bistum noch die Kirchengemeinde auf Anfrage Stellung nehmen. Die Frau des Küsters wiederum sagt am Telefon bloß: "Da sprechen wir nicht drüber."

Herr Pütz kämpft

Nicht alle Immerather werden den Schaufelbaggern kampflos weichen. Stephan Pütz etwa hofft, dass der Ort "vor dem Abbau gerettet werden und ich hier wohnen bleiben kann", wie er kürzlich dem SPIEGEL sagte. "Wir sehen nicht ein, unser Leben für den Profit einer Aktiengesellschaft auf den Kopf stellen zu lassen." Seit fast 20 Jahren widersetzt sich der Polizist dem Kohletagebau, gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Für Pütz verstößt die Umsiedlung gegen das Grundrecht auf Heimat. Im Jahr 2000 hatte er zum ersten Mal gegen Garzweiler geklagt. Da war das Dorf noch ein Dorf. Abgeschmettert. Er habe nicht das Recht, gegen den Rahmenbetriebsplan anzugehen. Während die Nachbarn rechts und links wegzogen, kämpfte sich Pütz durch die Instanzen. 2006 ein Etappensieg am Bundesverwaltungsgericht Leipzig: Betroffene müssen nicht warten, bis die Bagger vor der Türe stehen, sondern können schon früher klagen.

Pütz wohnt immer noch in Immerath, im Fasanenweg, als einer der letzten im Ort. Juristisch ist der Beamte mittlerweile in Karlsruhe angekommen, beim Bundesverfassungsgericht. Wann dort ein Urteil fallen wird, ist unklar. Und wie lange die Braunkohle überhaupt noch gebraucht wird, weiß auch niemand genau.

Eines aber steht fest: Der letzte Gottesdienst im Dom von Immerath ist am 13. Oktober um 14.30 Uhr.

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insgesamt 131 Beiträge
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    Seite 1    
1. Egal
Nicht ausspionierbar 19.08.2013
Weg damit, altes muss auch mal weichen können. Gerade veraltetetes wie die Kirche
2.
Crom 19.08.2013
Ein Dorf hat ein "Dom"?
3. Baggert doch
aleger3 19.08.2013
Zitat von sysop125 Jahre nach seiner Errichtung soll der Dom im rheinischen Immerath dem Erdboden gleichgemacht werden. Die Kirche muss dem Braunkohletagebau weichen, so wie der ganze Ort. Nur das Verfassungsgericht könnte die Bagger noch stoppen. Braunkohle: Warum der Immerather Dom abgerissen wird - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/braunkohle-warum-der-immerather-dom-abgerissen-wird-a-916853.html)
einfach um die Kirche herum und lasst sie stehen. Das wird nach Ende des Tagebaus und der Flutung eine richtige Attraktion, der rheinische Mont St. Michel.
4. Da die RWE Aktien mehrheitlich
si tacuisses 19.08.2013
Zitat von sysop125 Jahre nach seiner Errichtung soll der Dom im rheinischen Immerath dem Erdboden gleichgemacht werden. Die Kirche muss dem Braunkohletagebau weichen, so wie der ganze Ort. Nur das Verfassungsgericht könnte die Bagger noch stoppen. Braunkohle: Warum der Immerather Dom abgerissen wird - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/braunkohle-warum-der-immerather-dom-abgerissen-wird-a-916853.html)
in Händen kommunaler Institutionen liegen, es also eine Menge kleiner Kommunenkönige gibt, die dort jährlich die Dividende zur Sanierung des Gemeindesäckels gerne einstecken, wird auch dort rücksichtslos vorgegangen. Nach dem Credo: alles Egoisten. Jeder denkt nur an sich. Nur ich, ich denke immer an mich.
5.
740 19.08.2013
haha - ich kann mich noch erinnern - wie böse doch der ddr-braunkohletagebau war....und nun - wo bleibt der aufschrei...
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