Abschied in Immerath Ein Dom macht dicht

Wehmut, Trauer, Wut: Im rheinischen Immerath haben Hunderte Abschied genommen von einer Kirche, die dem Braunkohleabbau weichen soll. Auch der Klerus ist empört ob der weltlichen Ungerechtigkeiten.

Von , Immerath

DPA

Der Unterschied zwischen einer Kirche und einem sehr großen, sehr alten Gebäude ist manchmal nur ein lauer Luftzug. Es ist kurz nach halb fünf am Sonntagnachmittag als der Aachener Domkapitular Rolf-Peter Cremer im "Dom" von Immerath das ewige Licht löscht, also - etwas profaner ausgedrückt - die Kerze aller Kerzen auspustet. Es ist still in diesem entscheidenden Augenblick, die Gemeinde schweigt und starrt, nur vereinzelt sind Schluchzer zu hören.

Das Ende der Kirche, die wegen ihrer imposanten Größe im Volksmund "Immerather Dom" heißt, berührt die Menschen in der Region. Hunderte sind gekommen, um Abschied zu nehmen, um sich zu erinnern und um beieinander zu sein. Einige weinen. "Wir empfinden Trauer und Wehmut, manche auch Enttäuschung und Bitterkeit", sagt Pfarrer Werner Rombach. Doch es ist noch mehr als das.

Das neuromanische Gotteshaus ist 123 Jahre nach seiner Einweihung zum Symbol geworden für die Gefräßigkeit des Braunkohletagebaus und die Ohnmacht der Anwohner. Es ist in der Wahrnehmung vieler Betroffener mittlerweile das Wahrzeichen eines ungleichen Kampfes, des Ringens von David gegen Goliath, allerdings mit anderem Ausgang. "Aller Widerstand", kritisiert Pfarrer Günter Salentin, "war angesichts der Übermacht von Politik, Wirtschaft und Gewinnmaximierung zwecklos."

Reichtum des Bodens

Wie der "Dom" wird nämlich aller Voraussicht nach auch der Ort den Baggern der RWE Power AG weichen müssen. Fast alle Einwohner haben sich bereits in eine künstlich geschaffene Gemeinde mit dem seltsamen Namen Immerath (neu) umsiedeln lassen. Denn der Fluch des rheinischen Dorfes, das in seinen besten Zeiten einmal 1500 Einwohner hatte, ist der Reichtum des Bodens.

Unter dem Ort liegt Braunkohle in erklecklicher Menge, etwa 1,3 Milliarden Tonnen, die RWE abtragen will. Bereits jetzt dehnen sich die Abbaugebiete Garzweiler I und II auf eine Fläche von 110 Quadratkilometern aus. 14 Dörfer mussten bereits weichen, Tausende Menschen wurden umgesiedelt. 2017 werden die Bagger des Energieriesen Immerath erreichen.

Doch es gibt noch etwas Hoffnung. Zum einen wird das Bundesverfassungsgericht demnächst über die Klage des Immerathers Stephan Pütz entscheiden, der sich den Plänen von RWE seit Jahren und mit allen rechtlichen Mitteln widersetzt. Zum anderen ist die Debatte um Garzweiler II in den vergangenen Tagen wieder voll entbrannt. Der Bürgermeister von Erkelenz kündigte sogar an, weitere Umsiedlungsvorhaben boykottieren zu wollen.

"Wir sind nur traurig"

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuvor berichtet, RWE denke wegen der sinkenden Rentabilität über ein vorzeitiges Ende der Braunkohleförderung im rheinischen Garzweiler nach. Das Unternehmen dementierte den Artikel zwar, doch nach SPIEGEL-Informationen gibt es tatsächlich Planungen, wonach einige alte Braunkohlekraftwerke in den nächsten Monaten und Jahren geschlossen werden sollen. Zur Versorgung der verbleibenden Anlagen bräuchte es jedoch keinen zweiten Tagebau, bestätigen RWE-Manager.

Die Menschen in St. Lambertus, wie der "Dom" von Immerath eigentlich heißt, wollen in ihrem letzten Gottesdienst aber nicht spekulieren. Die meisten von ihnen haben sich abgefunden, sich gefügt in diese Zukunft, die ihnen aufgezwungen wurde und die mit dem Verlust der Heimat begann. "Wir sind einfach nur traurig", sagt die Vorsitzende des Kirchenvorstands, Marlies Bereit.

Zu der Höhe der Entschädigung für das Gotteshaus wollten weder das Bistum noch die Kirchengemeinde auf Anfrage Stellung nehmen. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatte Bereit gesagt, RWE habe die Kirche zunächst fünfmal niedriger taxiert als der Gutachter der Gemeinde. Am Ende einigten sich beide Seiten. Was soll auch ein Dom in einem Dorf, in dem niemand mehr lebt?

Und in dem Ende von St. Lambertus steckt - zumindest an diesem Sonntag - noch einmal sehr viel Zauber. Die Kirche, die abgerissen werden soll, ist voller denn je, die Menschen drängen sich, sie harren stundenlang aus in Nischen, Ecken und Winkeln, sie schmettern inbrünstig "Großer Gott, wir loben dich" und sprechen laut und klar das Glaubensbekenntnis. Sie weinen um ihren "Dom" und drücken sich gegenseitig zum Trost. Sie sind einander ganz nah.

In Immerath (neu) aber wird es keine Kirche mehr geben, stattdessen: ein Gemeindezentrum.



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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
Pelao 13.10.2013
1. Ja, so ist das mit der Ungerechtigkeit ...
... die armen Heimatvertrieben, Obdachlosen und Enteigneten aus den Braunkohlegebieten, müssen jetzt in Rumänien um Asyl bitten ... Bleiben wir doch sachlich, der Braunkohletagebau ist die einzige bezahlbare, in Deutschland verfügbare Energiequelle ... Kommen Sie jetzt bitte nicht mit Windkraft und Solarenergie (--> Ökostromumlage) ... die Anwohner der Ortschaften wurden und werden entschädigt! Und die Schätzer schauen nicht nach, ob das zu entschädigende Eigentum am Vortag noch einmal übertüncht wurde, nein sie gehen um des lieben Friedens willen mit der Schätzsumme um einige 10.000 € nach oben ... es ist doch seltsam, daß niemlas über wirklich ungerechte Entschädigungen berichtet wird. ... Diese Kirche ist 125 Jahre alt, es ist schade um das Gebäude, das vielen Menschen Trost und Sicherheit gespendet hat. Hat man darüber nachgedacht, diese Kirche zu versetzten, einen Nachfolgebau in Stile oder mit Elementen dieser Kirche zu bauen?? ... So ließe sich Heimat verpflanzen ... Es geht hier aber nur darum, sogenannte Raffgier anzuprangern ... und im nächsten Artikel darum , daß der Normalverbraucher seine Energiepreise nicht bezahlen kann ... und im übernächsten Artikel um Solidarität mit deutschen Solarstromproduzenten und danach darum, daß man die Nordseeküste vor den wildwuchernden Windparks retten muß ... wo ist da bitte die Kongruenz? ... Ein Vorschlag zur Güte, mit einem konsequenten Ausbau der deutschen Steinkohleförderung könnten viele Orte gerettet werden, das industrielle Herz de BRD würde wieder schlagen und deutsche Untertagetechnologie würde auch weiterhin ein Exportschlager bleiben ... wie wärs? ... Untertage werden keinen Dörfer abgebaggert.
Steinwald 13.10.2013
2. Es
Es ist kaum zu glauben, daß es so etwas heute noch gibt. Wenn man mir erzählte, die Menschen vernichten ganze Dörfer, um an Kohle zu kommen, die sie verbrennen, würde ich denken, das ist aus dem finsteren Mittelalter. Es passiert aber heute, 2013, und es ist schrecklich. Und ein Grund, diesen unsäglichen Braunkohletagebau endlich zu beenden. Es war schon längst höchste Zeit.
mbraun09 13.10.2013
3. optional
Skandalös. Geht es um China und Enteignung poltern Medien und Öffentlichkeit um die Wette. Hier werden tausende vertrieben, die Umwelt zerstört für energetisch schwache Braunkohle und es wird totgeschwiegen und zugelassen.
MiguelBln 13.10.2013
4. Enteignung?
Mir ist etwas - rein jusitisch gesehen - nicht ganz klar: Wenn ein Privatunternehmen, hier eben die RWE AG, ein Grundstück nutzen will, dann muß sie es käuflich erwerben. Wenn der Käufer aber sagt: "Nö, will ich nicht" dann ist doch die Sache eigentlich erledigt, oder? Meines - zugegebenermaßen laienhaften - Wissens nach kann doch nur der Staat enteigenen. Warum hat die Kirche denn dann erst das Grundstück nebst "Dom" an die RWE verkauft? Hätte sie es nicht einfach behalten können?
veremont 13.10.2013
5. Kulturbau
Für mich ist es völlig unverständlich ein solches Gebäude abzureißen. Ich weiß noch was für ein Aufschrei durch die Medien ging als in Mexiko eine alte Pyramide abgerissen wurde. Gut, dieser "Dom" ist nicht so alt - trotzdem ist es - und das sage ich völlig unabhängig von Religionsaspekten - ein wichtiger Kulturbau den man nicht einfach so für Nichts abreißen kann. Der Denkmalschutz macht bei jeder kleinen Brücke einen Mords Aufstand wenn die ertüchtigt werden muss und hier? Da wird mal eben eine ganze Kirche abgerissen. Das ist so lächerlich, das schreit zum Himmel mit welch verschiedenem Maß gemessen wird. Der Abbau von Bodenschätzen hat Vorrang - das ist mir bewusst und das ist auch gesetzlich verankert - aber hier sollte man hinterfragen warum RWE die Kirche nicht versetzen muss. DAS ist teuer. Auf jeden Fall sollte Deutschland nach dieser Aktion ganz, ganz ruhig bleiben wenn in Mexiko mal wieder eine Pyramide abgerissen wird. Von dem ökologischen Desaster mal ganz zu schweigen. Wir regen uns auf wenn irgendwo Regenwald abgeholzt wird für unser Palmöl. Also liebes Deutschland - Klappe halten und steck den erhobenen Zeigefinger weg.
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