Braunsbach nach dem Unwetter "Solche Naturgewalten sind nicht beherrschbar"

Drei Bäche fließen durch Braunsbach, kleine Rinnsale eigentlich. Sonntagnacht stürzten sie den kleinen Ort ins Chaos. Eindrücke am Tag nach dem Unwetter.

Aus Braunsbach berichtet


Renate K. führt auf den Balkon ihres Hauses. "Sehen Sie sich das Schlamassel selbst an." Dort, wo normalerweise der Schlossbach kanalisiert durch den Ort fließt, türmt sich eine Halde aus Autos, Steinen, Schlamm und Stämmen. Es riecht nach Öl, der Inhalt des Tanks nebenan hat sich in rot schillernden Pfützen in den Senken verteilt.

Die Straße hinauf breitet sich eine Schneise der Zerstörung aus. Der Bach hatte sich in der Nacht in einen reißenden Strom verwandelt und alles mitgerissen, was sich ihm in den Weg stellte. Da neben dem Schlossbach auch noch der Orlacher Bach und der Grimmbach durch den Ort führen, sind weite Teile des Zentrums verwüstet.

Zwei Häuser sind eingestürzt, viele weitere müssen wohl abgerissen werden. Todesopfer sind keine zu beklagen, anders als in Schwäbisch Gmünd, Weißbach und bei Schorndorf. Doch es wird lange dauern, bis Braunsbach die Folgen des Naturunglücks bewältigt hat. Viele Einwohner können vorerst nicht in ihre Häuser zurück, einige werden psychologisch betreut.

Dem kleinen Ort in Hohenlohe nahe Schwäbisch Hall wurde seine geografische Lage zum Verhängnis, nachdem in der Nacht starke Regenfälle auf die Region niedergegangen waren.

"Höhenunterschiede von beachtlichem Ausmaß"

"Das Landschaftsbild überrascht mit Höhenunterschieden von beachtlichem Ausmaß", heißt es auf einer Umgebungstafel, die in der Mitte des Ortes im Schlamm steht. "Es hat sich kein Experte vorstellen können, dass diese drei Bäche, die sonst kleine Rinnsale sind, so viel Wasser mit sich führen würden", sagt Michael Knaus, der Stellvertreter des Landrats.

Knaus leitete in der Nacht den Einsatz von Feuerwehr, Polizei, Rotem Kreuz und DLRG. Über 300 Rettungskräfte waren in der Nacht im Einsatz. Wegen der Wassermassen konnten sie nur mit Verzögerung in den Ortskern gelangen. "Wir sind froh, dass alle Menschen hier überlebt haben", sagt Knaus.

Da Wasser und Stromversorgung nicht mehr funktionieren, haben Hilfskräfte Trinkwasser angeliefert. Für Bewohner wurden in der nahen Veranstaltungshalle Ilshofen Feldbetten aufgebaut.

Amateurvideoaufnahmen aus Braunsbach:

Facebook/Claudia Rost

Inzwischen gehen die Pegel zurück, die Einsatzkräfte können im Ortskern bereits mit Baggern und Kipplastern arbeiten. Es gibt viel aufzuräumen. Dort, wo einst die Orlacher Straße durch den Ort führte, versperrt eine meterhohe Barriere den Weg. Knaus zeigt auf den Schuttberg. "Da ist alles drin: Straßenbelag, Häuser, Bordsteine, eine Brücke."

"Ich bin gerade noch rausgekommen"

Auch abseits der Hauptschneisen schrubben schlammverschmierte Bewohner die Erdgeschosse ihrer Häuser aus. Viele Fensterscheiben und Schaufenster sind zerschmettert, vor einem Lebensmittelgeschäft liegt ein ganzer Baumstamm quer. Zerstörte Autos sind zu skurrilen Gebilden aufgetürmt, ein BMW hängt an einer Straßenlaterne, einem Kleinwagen scheinen Äste aus dem Motorraum zu wachsen.

Frank Harsch, der Bürgermeister, saß gerade im Amtszimmer des Rathauses, als die Bäche anschwollen. Dann musste es schnell gehen. "Ich bin gerade noch rausgekommen", erzählt er. Er ging bergauf - bergab wäre es lebensgefährlich gewesen. "Es ging um Sekunden."

Die Lehren aus der Naturkatastrophe von Braunsbach? Vorerst keine. Alarm und Einsatz hätten funktioniert, sagt der stellvertretende Landrat Knaus. Bürgermeister Harsch sagt: "Solche Naturgewalten sind nicht beherrschbar."

Sie seien mit einem blauen Auge davongekommen, sagt auch Renate K. Der Nachbar habe noch rechtzeitig sein Auto verlassen können, und um ihre Existenz fürchte sie nicht. "Wir sind gut versichert", sagt sie. "Mein Mann ist Versicherungsmakler."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.