Verunglückter Flugschüler in Braunschweig "So einen Fall habe ich noch nicht erlebt"

Beim Absturz eines Segelflugzeugs in Braunschweig starb ein 15-jähriger Pilot. Ab wann dürfen Minderjährige allein fliegen? Was passiert, wenn in der Luft Probleme entstehen? Ein Ausbilder gibt Antworten.

Abgestürztes Segelflugzeug
DPA/ news38

Abgestürztes Segelflugzeug

Ein Interview von Felix Keßler


Zur Person
  • privat
    Peter Hofmann, 60 Jahre alt, ist Landesausbildungsleiter Segelflug und Motorsegelflug des Luftsportverbandes Bayern. Der Mechaniker aus Forchheim wuchs in einer Fliegerfamilie auf: Vater, Onkel, Bruder und Cousin waren ebenfalls Piloten.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Absturz eines 15-jährigen Flugschülers in Braunschweig wird gegen den Ausbilder ermittelt. Wie läuft eine Segelflugausbildung bei Minderjährigen grundsätzlich ab?

Peter Hofmann: Alle Segelflugschüler müssen eine dreiteilige Ausbildung absolvieren. Erst machen sie 50 bis 80 Starts in Begleitung eines Lehrers. Dann müssen zwei Ausbilder voneinander unabhängig die Erlaubnis zum Alleinflug geben. Doch auch da dürfen die Schüler das Sichtfeld des Lehrers auf dem Flugplatz nicht verlassen. Nach einer theoretischen Prüfung kommen längere Überlandflüge und schließlich die praktische Prüfung. Dass die Ausbildung mit 14 Jahren begonnen werden kann, ist schon seit Jahrzehnten so und in der EU einheitlich geregelt.

SPIEGEL ONLINE: Beim Absturz hat es sich um einen sogenannten Alleinflug gehandelt. Welche Funktion hat bei diesen Flügen der Ausbilder?

Hofmann: Der Lehrer steht dabei am Boden und behält den Flugschüler im Auge. Beide müssen über Funk miteinander verbunden sein, sonst darf nicht geflogen werden. Ständige Ansagen vom Lehrer kommen da aber nicht, höchstens wenn sich die Wind- oder Wetterverhältnisse ändern. Oder wenn ein Schüler beim Landeanflug seine Höhe korrigieren soll. Ansonsten greift man als Ausbilder gar nicht ein.

SPIEGEL ONLINE: In Braunschweig hat der Ausbilder den Schüler noch zum Absprung aufgefordert, doch der Fallschirm soll sich nicht geöffnet haben. Wie ist der Ablauf in einem solchen Notfall an Bord?

Hofmann: Notfallszenarien werden schon am Anfang der Ausbildung trainiert. Wenn der Ausbilder sieht, dass der Pilot in der Luft Probleme hat, gibt er über Funk Anweisungen. Erst wenn sich auch dadurch nichts bessert, kann der Ausbilder den Piloten zum Absprung mit dem Fallschirm auffordern. Bis es dazu kommt, muss im Vorfeld einiges richtig krass schiefgelaufen sein. Ich bin jetzt fast 40 Jahre Fluglehrer und habe so einen Fall noch nicht erlebt, auch in meinem Umfeld habe ich davon noch nicht gehört. Das ist eine wirklich schlimme Sache.

SPIEGEL ONLINE: Sind auch regelmäßige medizinische Untersuchungen der Piloten vorgeschrieben?

Hofmann: Auf jeden Fall! Die Schüler müssen sich vor Beginn der Ausbildung bei einem Fliegerarzt untersuchen lassen. Herz und Augen, aber auch Blut- und Urinwerte müssen regelmäßig gecheckt werden, sonst geht kein Schüler in die Luft. Außerdem müssen die Piloten charakterlich geeignet sein. Wer schwerere Verkehrsvergehen oder Drogendelikte auf dem Kerbholz hat, darf die Ausbildung gar nicht erst antreten.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie 15-Jährigen vom Segelfliegen abraten?

Hofmann: Überhaupt nicht! Mein eigener Sohn hat mit 14 seine Flugausbildung begonnen. Auf dem Weg zur Fluglizenz lernen die Jugendlichen unglaublich viel - und zwar längst nicht nur über das Fliegen. Beim Segelfliegen geht nichts im Alleingang. Teamgeist und das Übernehmen von Verantwortung gehören zu den ersten Tugenden, die junge Piloten lernen. Letztlich kommt der Wunsch zum Segelfliegen aber immer von den Schülern selbst. Allen, die ich als Lehrer betreut habe, hat das Fliegen großen Spaß gemacht.

Video: Starten, landen, pauken! - Die Flugschule in Jesenwang (SPIEGEL TV 2001)

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