Tod nach Brechmitteleinsatz in Bremen Erinnerung muss sein

Laye-Alama Condé starb durch den Einsatz von Brechmitteln in Gewahrsam der Bremer Polizei. Seit Langem setzt sich eine Initiative für ein Denkmal ein. Höchste Zeit, dass es aufgestellt wird.

Trauer um Laye Condé am zehnten Todestag (7. Januar) in Bremen: Tod nach Brechmitteleinsatz
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Trauer um Laye Condé am zehnten Todestag (7. Januar) in Bremen: Tod nach Brechmitteleinsatz

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Natürlich kann man fragen: Soll nun jedem, der im Gewahrsam des Staates oder der unter staatlich angeordnetem Zwang ums Leben gekommen ist, ein Denkmal gesetzt werden? Zyniker fragen so und manch angeblich tugendhafte Bürger, die meinen, ihnen könnte so etwas nie zustoßen, da sie sich stets gesetzestreu verhielten.

In der Nacht zum 27. Dezember 2004 war in Bremen der 35 Jahre alte Laye-Alama Condé aus Sierra Leone festgenommen worden, weil die Polizei ihn im Verdacht hatte, "Drogencontainer", also haselnussgroße, mit Kokain gefüllte Kügelchen, geschluckt zu haben. Schwarzafrikaner galten damals schon wegen ihrer Herkunft grundsätzlich als verdächtig in der Hansestadt, in der es eine Dealerszene gab, an der viele Bürger Anstoß nahmen.

Er wehrte sich verzweifelt gegen die Zwangsmaßnahmen, die er nach der Festnahme über sich ergehen lassen musste. Natürlich hätte er sich alles gefallen lassen können. Hätte er dies auch müssen? Er wurde auf einem Stuhl fixiert, sein Kopf wurde festgehalten, damit eine Nasensonde zwecks Zufuhr eines Brechmittels plus Wasser platziert weden konnte. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, den schwallartig hochkommenden Mageninhalt wieder hinunterzuschlucken statt auszuspucken. Dabei geriet Flüssigkeit in seine Lunge, es kam zu Sauerstoffmangel im Blut.

Nach kurzer Zeit war er nicht mehr ansprechbar. Am 7. Januar 2005 starb Condé an den Hirnschäden, die durch diese Zwangsbehandlung entstanden waren.

Nach dem Tod des Mannes wurde jener Arzt angeklagt, der im Auftrag des Bremer Senats sogenannte Exkorporationen vorgenommen hatte. Er war selbst Ausländer. Er arbeitete für ein privates Institut, dem der Bremer Senat hoheitliche Aufgaben übertragen hatte. Seine Qualifikation war fraglich. Der Brechmitteleinsatz - hochumstritten damals, nachdem es etwa in Hamburg schon einen Toten gegeben hatte - war politisch gewollt und wurde gefördert. Der ehemalige Bremer Bürgermeister und Justizsenator Hennig Scherf (SPD) bestand als Zeuge vor Gericht später darauf, vom Hamburger Fall nichts gewusst zu haben und empörte sich, dass man ihm nun Vorhaltungen mache, nur weil er "hinter der Strafverfolgung gestanden" habe.

Am Ende blieb eine Geldauflage

2008 wurde der angeklagte Arzt freigesprochen. Dieses Urteil hob der Bundesgerichtshof auf die Revision der Nebenklage wegen Rechtsfehlern 2010 auf; eine andere Bremer Strafkammer sprach den Arzt 2011 ebenfalls frei. Der Bundesgerichtshof hob auch diesen Freispruch wieder auf. 2013 endete der dritte Versuch, den Tod Condés zu sühnen, mit einer Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldauflage von 20.000 Euro. Der Angeklagte, den die Ereignisse und die nicht enden wollenden Rechtsstreitigkeiten über die Maßen belasteten, erkrankte schwer. Zudem schien dem dritten Gericht eine weitere Aufklärung nach so langer Zeit nicht mehr möglich.

Die Bemühungen der Nebenklage, eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge durchzusetzen, waren damit gescheitert. Es ging den Vertreterinnen des Opfers nicht in erster Linie um eine Bestrafung des Mediziners, der Aufgaben auszuführen hatte, die andere Ärzte reihenweise ablehnten. Die Anwältinnen der Angehörigen des Toten wollten es vielmehr auch in diesem Einzelfall gerichtlich bestätigt wissen, dass der gewaltsame Einsatz von Brechmitteln gegen die Prinzipien des Rechtsstaats verstoße. Schließlich hatte inzwischen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Zwangsmaßnahme als Folter eingestuft und Deutschland dafür verurteilt.

Damit der Tod Condés nicht völlig aus dem öffentlichen und vor allem aus dem politischen Gedächtnis der Hansestadt verschwinde, bemüht sich eine Initiative darum, eine Gedenkstätte für das letzte Todesopfer jener heute verbotenen Methode der Strafverfolgung zu errichten. Manche Bremer sind darüber alles andere als erfreut und fragen: Muss das wirklich sein?

Keine Gedenkstätte "muss" sein. Es gibt keine Pflicht zum Erinnern. Aber einer Gesellschaft, die sich ihrer Freiheit gewiss fühlt und stolz ist auf den Staat, der sie gewährt, steht es gut an, Irrtümer und Fehlentwicklungen staatlichen Handelns nicht einfach dem Vergessen anheim zu geben.

Das Leben Condés war nicht weniger wert als das eines geachteten Bürgers. Sein Tod war eine Schande für den Rechtsstaat. Daran soll nicht erinnert werden?

insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
shooop 20.01.2015
1. Ich bin für die Gedenkstätte
Auch in unserer Demokratie kann es dazu kommen, dass Menschen durch die "Hand der Gesellschaft" zu Tode kommen und das grausame Prozeduren erzwungen werden. Das haben die Verantwortlichen damals mit Sicherheit so nicht gewollt, aber Politiker müssen immer so viel Demut haben, im Zweifel der Gesundheit und dem Leben des potentiellen Straftäters den Vorrang vor Rechthaberei und Strafverfolgung zu geben und stets wachsam zu sein, dass solche Grenzen nicht überschritten werden.
Rhein 20.01.2015
2.
Interessant, wie hier aus einem Drogendealer ein Heiliger gemacht werden soll. So tragisch der Tod von Conde auch ist, er hat gegen die Prinzipien unseres Rechtstaates verstoßen, indem er Drogen verkauft hat. Ein Denkmal für einen Drogendealer, dafür fehlt mir das Verständnis.
outwiper 20.01.2015
3. Hat er denn
nun Container geschluckt, oder nicht? Geht aus dem Artikel nicht hervor. Wenn ja, sollte es keine Gedenkstätte geben.
optism 20.01.2015
4. Denkmal für Dealer?
Das Ergebnis des Vorgehens ist tragisch: Ein Mensch ist tot. Inkompetenz und falsche Vorschriften führten dazu. Was allerdings etwas aufstößt ist, dass tatsächlich Drogenkügelchen gefunden wurden. Das wird in fast allen Artikeln geflissentlich unterschlagen. Der Mann war nunmal ein Dealer, ein Krimineller. Das rechtfertigt in keiner Weise seine Behandlung, doch ein Denkmal will ich ihm nun auch nicht gesetzt sehen. Der Skandal der schlechten Aufklärung der Vorgänge, dass letztlich niemand, außer einer Geldstrafe, für das rücksichtslose und gefährliche "Exkorporieren" zur Rechenschaft gezogen wird, ist worüber man sich aufregen muss. Auch hier sehe ich ein Denkmal allerdings als unpassend an.
vulcan 20.01.2015
5. fragwürdig
Äußerst fragwürdige Methode, klare Sache. Andererseits: Als Drogendealer ist man (wie hier) nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Gibt's auch ein Denkmal für Drogentote? Weiterhin: Die "Dealerszene" gibt es in Bremen immer noch - auch mit Schwarzafrikanern. Keine Ahnung, wieso der Artikel das in die Vergangenheitsform setzt. Wie gesagt, das Beispiel des Condé ist recht drastisch, ansonsten hält sich mein Mitleid mit Drogenhändlern in Grenzen.
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