Oslo-Attentat: Breivik-Bericht listet schwere Polizeifehler auf

Das Urteil fällt vernichtend aus: Dem Bericht einer unabhängigen Kommission zufolge hätten der Anschlag im Osloer Regierungsviertel und das Massaker auf der Insel Utøya verhindert werden können - wenn die Polizei nicht geschlampt hätte.

Oslo - Es ist eine lange Liste, und sie wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei in Norwegen: Der Bombenanschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo hätte verhindert werden können, wenn die "bereits existierenden Sicherheitsmaßnahmen effektiv angewandt worden wären", heißt es in einem Bericht, der an Regierungschef Jens Stoltenberg übergeben wurde. Erstellt wurde er von einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der Anschläge von Oslo und Utøya, er umfasst 20 Kapitel und rund 500 Seiten.

Laut dem Bericht einer zehnköpfigen Kommission unter Leitung der Anwältin Alexandra Bech Gjörv hätte der rechtsextreme Attentäter Anders Breivik "früher gestoppt werden können". "Ein schnellerer Polizeieinsatz war eine realistische Möglichkeit", schreiben die Autoren. Die Langsamkeit der Polizei in der "ersten Phase" ihres Einsatzes sei "inakzeptabel". Die Behörden seien darin gescheitert, die Menschen auf Utøya zu schützen und Breivik zu stoppen.

Demnach seien ein Autobomben-Anschlag "auf den Regierungskomplex und koordinierte Angriffe seit Jahren stets wiederkehrende Szenarien bei Bedrohungs- und Sicherheitsanalysen" gewesen. Die Anschläge seien aber auch die "möglicherweise schockierendsten und unfassbarsten Taten, die Norwegen je erlebt hat".

Der Bericht bemängelt konkret unter anderem Kommunikationsprobleme und die Missachtung von Einsatzregeln. So habe es viel zu lange gedauert, bis eine Beschreibung von Breivik und seinem Fahrzeug durchgegeben wurde. Die Meldung zu Breiviks möglichem Fluchtfahrzeug sei nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel zu lange in der Einsatzzentrale liegen geblieben, heißt es.

Das Schlauchboot der Sondereinheit fiel aus

Die unerfahrenen Polizisten dort hätten versäumt, die Verkehrsleitzentrale anzuweisen, den Verkehr um Oslo anzuhalten. So hätte Breivik möglicherweise daran gehindert werden können, die Insel Utøya zu erreichen. Zwischen der Bombenexplosion in Oslo und Breiviks Festnahme auf Utøya vergingen mehr als drei Stunden, obwohl Breiviks Name den Sicherheitsbehörden bereits bekannt war.

Laut dem Bericht dauerte es 35 Minuten vom Eintreffen der ersten Polizisten aus einem örtlichen Kommissariat am Festlandufer gegenüber von Utøya und der Ankunft von Spezialeinheiten auf der Insel. Die ersten beiden Polizisten hätten dem Regelwerk zufolge alles unternehmen müssen, um auf die Insel zu gelangen, blieben aber auf dem Festland. Sie gaben an, kein Boot gefunden zu haben. Als schließlich Angehörige der Polizei-Sondereinheit Delta aus dem 40 Kilometer entfernten Oslo versuchten, auf die Insel zu gelangen, fiel ihr überladenes Schlauchboot aus. Die Polizisten mussten daraufhin auf zwei Privatboote umsteigen.

Außerdem schreibt die Kommission, dass bereits seit 2004 geplant gewesen sei, die Straße entlang des Regierungssitzes in Oslo für den Verkehr zu schließen. Dies sei aber wegen bürokratischer Hemmnisse nicht geschehen. Breivik konnte so einen Lieferwagen mit einer 950 Kilogramm schweren Bombe direkt vor dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude parken. Stoltenberg befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags nicht in dem Gebäude.

Breivik hatte am 22. Juli 2011 mit einer Autobombe acht Menschen in Oslos Regierungsviertel getötet. Anschließend erschoss er in einem Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya 69 Menschen. Bereits kurz nach den Anschlägen war die norwegische Polizei in die Kritik geraten. So feuerte Breivik auf Utøya mehr als eine Stunden lang auf die Teilnehmer des Lagers, bevor er festgenommen werden konnte.

Seit Mitte April steht Breivik vor Gericht, das Urteil gegen ihn soll am 24. August verkündet werden. Die Staatsanwaltschaft will den Angeklagten in die Psychiatrie schicken, was Breivik verhindern will. Die Verteidigung fordert im Falle einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe.

aar/fdi/AFP/AP

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insgesamt 57 Beiträge
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1. „Hätte verhindert werden können...”,
spaltpilz 13.08.2012
wie es die Überschrift verheißt und „ Hätte MÖGLICHERWEISE verhindert werden können”, wie es aus dem Text hervorgeht, ist ein nicht ganz unbedeutender Unterschied
2.
sprechweise 13.08.2012
*Die unerfahrenen Polizisten dort hätten versäumt, die Verkehrsleitzentrale anzuweisen, den Verkehr um Oslo anzuhalten. So hätte Breivik möglicherweise daran gehindert werden können, die Insel Utøya zu erreichen.* Naja, und woher hätten die Polizisten das wissen können? In einer anderen Situation hätte der Stau auch von Nachteil gewesen sein können. So ist der Vorwurf wenig überzeugend
3.
2004/38/ec 13.08.2012
Der Artikel ist m.E. unlogisch und wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Anfangs heisst es: ---Zitat--- ...Der Bombenanschlag im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo hätte verhindert werden können... ---Zitatende--- Begründet wird dies nicht weiter. Die einzige konkrete Aussage ist dann: ---Zitat--- ...die Meldung zu Breiviks möglichem Fluchtfahrzeug nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel [ist] zu lange in der Einsatzzentrale liegen geblieben... ---Zitatende--- Mag stimmen, aber nach der Explosion kann selbige nicht mehr verhindert werden. Würde mir mehr Konsistenz und Aussagekraft wünschen. So ist der Artikel ein wenig Mager, effektiv erfährt man nur dass eine "unabhängigen Kommission" einen "Bericht" vorgelegt hat.
4. Nichts zu retten
Bundeskanzler20XX 13.08.2012
Zitat von sysopDas Urteil fällt vernichtend aus: Dem Bericht einer unabhängigen Kommission zufolge hätte der Anschlag im Osloer Regierungsviertel verhindert werden können - wenn die Polizei nicht geschlampt hätte. Breivik-Attentat in Oslo: Kommission kritisiert norwegische Polizei - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,849768,00.html)
Glaube ich nicht. Wer geht denn davon aus, dass ein Bombenleger im Anschluss seines Bombenattentats noch auf eine ferne Insel fährt um dort ein Massaker anzurichten? Es konnte in dem Moment der Bombenexplosion niemand wissen wie lange der Täter schon auf der Flucht ist oder ob er noch in der Nähe verharrt. Videoaufnahmen und Zeugenaussagen werden schließlich erst im zuge der Ermittlungen begutachtet, bis dahin ist genug Zeit die Stadt zu Fuß verlassen zu können. Nehmen wir an die Polizei hätte die Stadt abgeriegelt, Breivik hätte aber keine Waffen oder sonstiges in dem Fluchtfahrzeug mitgeführt. Er wäre ohne Probleme durch die Kontrolle gekommen. Taten von Einzeltätern die geschickt vorgehen sind nicht zu verhindern!
5. Gefährlicher Artikel
kork22 13.08.2012
Hätte! Natrürlich taucht so einer wie Breivik in irgendwelchen Protokollen auf. Ebenso auch die Attentäter vom World Trade Center. Hinterher ist es einfach, in den Protokollen nach den entsprechenden Namen zu schauen. Das Problem der Ermittlungsbehörden ist doch vor allem, aus der Masse der Daten VORHER das richtige herauszupicken. Und wie viele Leute wollen Sie dann VORHER auf reinen Verdacht hin genauer überwachen? Das Ganze führt nur in eine Richtung: Wenn man dies alles verhindern will, braucht man einen Polizeistaat. Oder man hält nachher besser an manchen Stellen mal den Mund.
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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.