Sexualstraftäter als Kollege: Arbeitskampf am Containerterminal

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Containerterminal in Bremerhaven: Belegschaft gegen Sexualstraftäter

Mit einem spontanen Streik protestierten Hafenarbeiter eines Containerterminals gegen einen Kollegen. Der Mann ist ein verurteilter Sexualstraftäter, die Belegschaft will auf keinen Fall mit ihm zusammenarbeiten. In dem Fall gibt es nur Verlierer.

Als Marcel B. zum Dienst erschien, legten seine Kollegen die Arbeit nieder. Der Hafenarbeiter am Bremerhavener Containerterminal Eurogate wollten nicht mit dem 37-Jährigen zusammenarbeiten - weil er ein vorbestrafter Sexualstraftäter ist. Und sie wollen auch künftig nicht arbeiten, wenn B. anwesend ist.

Das Landgericht Bremen hatte den Mann Ende 2012 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Er hatte seine Stieftochter missbraucht und Kinderpornografie besessen. Eurogate kündigte dem Mann, der 37-Jährige wehrte sich juristisch. Er wollte als Freigänger wieder arbeiten - und bekam in der ersten Instanz vor dem Bremerhavener Arbeitsgericht recht. Eurogate musste ihn weiter beschäftigen. Dagegen ist das Unternehmen in Berufung gegangen.

Schon während des ersten arbeitsrechtlichen Streits sammelte die Belegschaft Unterschriften - man wollte den 37-Jährigen nicht mehr als Kollegen haben. Als der Mann am vergangenen Freitag zur Arbeit erschien, traten die Kollegen in einen Streik. Erst als Marcel B. das Gelände verließ, wurden wieder Container verladen.

Aufforderung zum Arbeiten wurde fünfmal ignoriert

"Teile der Belegschaft akzeptieren Urteile nicht und handeln illegal, und Eurogate begleitet das wohlwollend", sagt B.s Anwalt Klaus Jürgen Meyer. Als Arbeitgeber müsse sich Eurogate auch schützend vor seinen Mandanten stellen, wenn einige aus der Belegschaft nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten.

Dem widerspricht Eurogate-Chef Andreas Bergemann. "Wir haben uns schützend vor den Arbeitnehmer gestellt." Der Beschäftigungsversuch am vergangenen Freitag sei schließlich unternommen worden. "Er wurde mit Zustimmung des Arbeitnehmers abgebrochen." Zudem habe man die Belegschaft "fünfmal unmissverständlich aufgefordert, die Arbeit aufzunehmen. Das wurde nicht befolgt".

Das, meint Anwalt Meyer, hätte sich Eurogate nicht gefallen lassen dürfen - Abmahnungen und Lohnkürzungen wären seiner Ansicht nach angebracht. Beide Maßnahmen lehnt das Unternehmen ab. "Dadurch hätte der Mitarbeiter auch nicht arbeiten können", sagt Bergemann. "Wir wollen die Situation nicht weiter eskalieren lassen."

"Der Betriebsrat hat Verständnis für die Reaktionen"

Dem Unternehmenschef zufolge entstand durch den spontanen Streik ein Schaden in fünfstelliger Höhe. Eine weitere Arbeitsniederlegung am Dienstag blieb wohl nur aus, weil sich Marcel B. krankmeldete. In einer Pressemitteilung erklärte das Unternehmen, die Belegschaft habe verlangt, es solle dafür gesorgt werden, dass der Mitarbeiter nicht mehr eingesetzt werde. "Andernfalls könne mit weiteren Reaktionen gerechnet werden", heißt es. "Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass die Belegschaft nicht mit dem Mann zusammenarbeiten will", sagt Bergemann.

Der Streik sei weder von der Gewerkschaft noch vom Betriebsrat initiiert gewesen, sagt Betriebsratschef Karl-Heinz Dammann. Aber er sagt auch: "Wir stehen zu den Kolleginnen und Kollegen, der Betriebsrat hat Verständnis für die Reaktionen." Er selbst, so Dammann, kenne keinen Kollegen, der für Marcel B. Verständnis habe. Und Unterstützung für die Protestmaßnahmen gibt der Betriebsrat, indem er "die Kollegen davor schützt, dass sie juristisch oder arbeitsrechtliche Probleme kriegen".

Man mag die Reaktion der Belegschaft verstehen - doch unproblematisch ist sie nicht. Rein juristisch gesehen hat Marcel B. seine Strafe vom Gericht erhalten, und nun verbüßt er sie. Rechtlich gesehen steht es der Belegschaft nicht zu, den 37-Jährigen zu sanktionieren. "Er ist bestraft und wird von den Kollegen erneut bestraft. Das verstößt gegen den Rechtsstaat", sagt Anwalt Meyer.

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil könnten Monate vergehen

Es scheint schwer vorstellbar, dass die Reaktion der Bremerhavener Eurogate-Belegschaft ebenso ausgefallen wäre, wenn Marcel B. wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis gemusst hätte. "Hinter den Reaktionen steht die Tat meines Mandanten, ich weiß", sagt Anwalt Meyer. "Aber die Tat hat nichts mit dem Arbeitsverhältnis zu tun."

Und genau das sieht die Belegschaft offensichtlich anders. "Die Kolleginnen und Kollegen wollen nicht mehr mit Marcel B. zusammenarbeiten", sagt Betriebsratschef Dammann. Das werde auch so bleiben. "Erst wenn der Mann nicht mehr hier beschäftigt ist, kehrt der Betriebsfriede ein - da sind wir uns im Betriebsrat alle einig."

Der Fall ist ein Problem, das Eurogate so schnell nicht loswerden dürfte. Bis eine rechtskräftige Entscheidung fällt, könnten noch Monate vergehen. Mindestens so lange hat B. einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung, und den will er laut seinem Anwalt auch wahrnehmen.

"Unser Wunsch ist, dass der Betriebsfrieden einkehrt", sagt Betriebsratschef Dammann. Da ist er ausnahmsweise einer Meinung mit Anwalt Meyer. "Jeder will Ruhe", sagt der Verteidiger. "Aber die Frage ist: Wer gießt Öl ins Feuer?"

Mit Material von dpa

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insgesamt 351 Beiträge
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1. Vielleicht...
mabo08 28.06.2013
hätte er sich das mit seiner Stieftochter mal vorher überlegen sollen. Das seine Kollegen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen ist seine eigene Schuld!
2.
vox veritas 28.06.2013
Zitat von sysopMit einem spontanen Streik protestierten Hafenarbeiter eines Containerterminals gegen einen Kollegen. Der Mann ist ein verurteilter Sexualstraftäter, die Belegschaft will auf keinen Fall mit ihm zusammenarbeiten. In dem Fall gibt es nur Verlierer. Bremerhaven: Arbeiter wollen Sexualstraftäter nicht als Kollegen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/bremerhaven-arbeiter-wollen-sexualstraftaeter-nicht-als-kollegen-a-908445.html)
Tja, es gibt halt Recht und Gerechtigkeit. Manchmal ist beides unvereinbar.
3. Ich frage mich dabei,
heinz4444 28.06.2013
ob ein Gefängnisaufentalt nicht sowieso ein Kündigungsgrund ist. Der AN kann ja in solchen Fällen,nicht wie im Arbeitsvertrag festgelegt,dem AG seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen?
4. Da triumphiert der Mob mal wieder
An-On 28.06.2013
weil er jemanden gefunden hat, auf den er herabsehen kann. Und der Betriebsrat, dessen Aufgabe es waere, die Interessen des gemobbten zu schuetzen, schaut zu. Ganz toll.
5. Was ist das für eine Wortwahl?
Greetings 28.06.2013
Zitat: "...sagt Betriebsratschef Dammann." Zitatende Es gibt die Funktion Betriebsratschef nicht. Was soll das sein? Handelt es sich eventuell um den Betriebsratsvorsitzenden? Dann nennt es auch so. Es ist ein erheblicher Unterschied ob es ein Chef (Vorgesetzter) oder ein Vorsitzender (Vetreter) ist. Bitte den Text korrigieren.
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