Britische Giftschleuder Das Leiden der Kinder von Corby

Der "Duft von Corby" war sprichwörtlich: Jahrelang wurden beim Abriss einer Fabrik in der britischen Stadt stinkende Giftstoffe freigesetzt. Heute ist klar, dass die Emissionen bei Kindern körperliche Missbildungen verursachten. Ihre Familie zogen vor Gericht - und bekamen jetzt endlich recht.

Aus Corby berichtet


Lewis Waterfield sitzt im "Spread Eagle", einem Backstein-Pub in der nordenglischen Stadt Corby, und guckt auf seine langen, feingliedrigen Hände. Er deutet auf den Daumen seiner linken Hand - oder vielmehr den Zeh seines rechten Fußes, der an der Stelle des Daumens sitzt. "Er hat nie richtig funktioniert", sagt Lewis.

Ein Spezialist in Leeds hat den Zeh an die Hand genäht, als Lewis elf Monate alt war. Er hatte die Hoffnung, dass Nerven, Muskeln und Sehnen anwachsen und den Zeh zu einem richtigen Daumen machen. Doch auch die nächsten sechs Operationen im Alter von zwei, sieben und neun Jahren haben die Taubheit in dem Gliedmaß nicht beseitigen können.

Heute ist Lewis 15 Jahre alt, und diese Woche hat er endlich eine offizielle Erklärung bekommen, warum er ohne Daumen auf die Welt gekommen ist. Ein Richter des High Court in London urteilte am Mittwoch, dass die Geburtsdefekte von 16 Kindern in der 60.000-Einwohner-Stadt Corby "statistisch signifikant" seien und "realistisch betrachtet" mit dem Abriss des Stahlwerks von British Steel zusammenhängen könnten. Verseuchter Schlamm und Staub hätten sich während der Arbeiten über weite Teile der Stadt ausgebreitet, hieß es in der Urteilsbegründung.

Eine endgültige Feststellung der Ursache verschob der Richter auf später, aber die Familien der Kinder feierten das Urteil nichtsdestotrotz als Durchbruch. "Es war ein großer Tag", sagt Lewis' Mutter Sarah Pearson. Abends waren sie die Top-Meldung in den nationalen Nachrichtensendungen, bis Mitternacht saß die vierköpfige Familie vor dem Fernseher und konnte sich nicht sattsehen. Auch am Tag danach strahlt die 39-Jährige noch über das ganze Gesicht. Zehn Jahre, nachdem die Familien Klage gegen die Stadt Corby eingereicht hatten, waren sie zum ersten Mal vor Gericht gehört worden, und der Richter hatte ihnen recht gegeben.

"Ich habe mir gesagt: So ist die Natur eben"

In den britischen Medien wurden sogleich Parallelen zur Geschichte von Erin Brockovich gezogen, der furchtlosen amerikanischen Rechtsanwaltsgehilfin, die 1993 eine Sammelklage gegen den kalifornischen Energieriesen Pacific Gas and Electric wegen Trinkwasserverseuchung anstrengte und das Unternehmen zur Zahlung einer Rekordsumme an die Opfer zwang. Der Fall wurde weltberühmt, als er 2000 mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Lewis Waterfield und seine Mutter haben den Hollywood-Blockbuster nie gesehen. Als ihr Sohn 1994 zur Welt kam und nur drei Finger an der linken und vier Finger an der rechten Hand hatte, ging Sarah nicht von äußeren Einflüssen als Ursache aus. "Ich habe mir gesagt: So ist die Natur eben", erzählt sie. Erst 2002 erfuhr sie aus der Lokalzeitung "Evening Telegraph", dass es in Corby noch mehr Kinder mit fehlenden Fingern und verkrüppelten Beinen gab. Sie las den Appell, dass betroffene Familien sich der Sammelklage gegen die Stadt anschließen sollten.

Sie zögerte keine Sekunde. Endlich gab es eine Erklärung für Lewis' Behinderung. Die Argumentation leuchtete ihr sofort ein. Der Abriss der riesigen Stahlfabrik hatte sich von 1983 bis 1999 hingezogen. Die Luft war voller Staub, und der Geruch war bald als "Duft von Corby" bekannt. Zwar wohnen die Pearsons im acht Meilen entfernten Burton Latimer, doch war Sarah während der Schwangerschaft zwei- bis dreimal die Woche in Corby zum Einkaufen.

In seiner 400-seitigen Urteilsbegründung sah es der Londoner High Court nun als erwiesen an, dass der Stadtrat von Corby beim Abriss des Stahlwerks schwer fahrlässig gehandelt habe. Es war eine schallende Ohrfeige für die Behörden. Vertreter der Stadtverwaltung zeigten sich nach dem Urteil "sehr überrascht" und "sehr enttäuscht".

"Sie haben mit allen Tricks gearbeitet"

Der Anwalt, der die Stadt so erfolgreich in die Defensive getrieben hat, sieht nicht aus wie Julia Roberts. "Eher wie Anthony Hopkins", sagt Danielle Holiday und grinst ihren Boss an. Desmond Collins lacht. Das Gespann sitzt in Collins' schmuckloser Kanzlei in Watford, anderthalb Autostunden von Corby entfernt. Im Eingangsbereich hängen gerahmte Zeitungsausschnitte. Der Todeszug von Watford, die Ölkatastrophe von Buncefield, es fehlen nur noch die Schlagzeilen über Collins' neuesten Erfolg: die Kinder von Corby.

Die Familien sind zu Collins gekommen, weil er in Corby aufgewachsen ist, aber weit genug weg wohnt, um nicht Teil des lokalen Establishments zu sein. Der erfahrene Anwalt sagt, er habe von Anfang an geglaubt, dass die Chancen für die Kläger gut stünden. Dass zehn Jahre bis zu diesem Urteil vergehen würden, hatte er allerdings nicht vorhergesehen.

Es war sein bislang schwierigster Fall. Die Kanzlei ist nicht groß, bei einem Jahresumsatz von 1,5 Millionen Pfund fallen zwei Millionen Pfund Prozesskosten spürbar ins Gewicht. Zudem waren die Ressourcen ungleich verteilt: Den drei Collins-Anwälten standen sieben von der Stadt gegenüber. Es war ein Drama, wie Hollywood es nicht besser hätte erfinden können.

"Sie haben mit allen Tricks gearbeitet, die es gibt", sagt Collins. Wichtige Dokumente zu den Abrissarbeiten waren nicht auffindbar, mal waren sie angeblich einem Feuer zum Opfer gefallen, mal einer Überschwemmung. Collins sagt, er wolle das nicht kommentieren, merkwürdig sei es aber schon. Der Chef der Stadtverwaltung, Chris Mallander, beteuert hingegen, die Stadt habe "alles getan, um die Familien nicht unnötigem Stress auszusetzen".

Solche Sätze lösen bei Lewis' Familie Wut aus. Besonders übel nehmen sie es Mallander, dass er in seiner ersten Reaktion auf das Urteil sagte, die Stadt denke über eine Berufung nach. "Ich verstehe nicht, warum sie sich nicht einfach entschuldigen können und den Kindern eine Entschädigung zahlen", sagt Sarah. "Sie haben es doch nun schriftlich, dass die Stadt fahrlässig gehandelt hat."

"Wir kämpfen bis zum Ende"

Mallander jedoch argumentiert, dass der kausale Zusammenhang zwischen den giftigen Partikeln in der Luft und den Geburtsdefekten noch nicht hergestellt sei. Die Familien stellen sich daher auf weitere Jahre des Prozessierens ein. In 16 separaten Prozessen muss nun jeder Fall einzeln beurteilt werden. "Die Stadt wird verbissen gegen jegliche Zahlung kämpfen", prognostiziert Collins.

Der Stadtrat habe auch immer wieder versucht, in der Bevölkerung Stimmung gegen die Kläger zu machen, sagt der Anwalt. Durch Leserbriefe und Zitate in der Lokalzeitung seien die klagenden Familien als Goldgräber dargestellt worden, die es auf das Geld der Steuerzahler abgesehen hätten. Das habe aber niemanden überzeugt, sagt Pearson. Sie habe nur Unterstützung erfahren. "Alle wissen, dass die Stadt Mist gebaut hat."

Lewis hat unter der öffentlichen Debatte gelitten, als er jünger war. Nach der letzten Operation mit neun Jahren war er in eine Depression verfallen. Inzwischen hat er sein Gleichgewicht jedoch wiedergefunden, er macht einen ruhigen, reifen Eindruck. Das Urteil des High Court lässt ihn hoffen, dass ein Ende der Prozesse in Sicht ist. Aufgeben will die Familie auf keinen Fall. "Wir kämpfen bis zum Ende", sagt Sarah. Die drei anderen nicken.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bürger mr 01.08.2009
1. Was lange dauert .............
Es ist immer wieder erstaunlich, aber angesichts schier zahlloser Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit (Banken) nicht verwunderlich, daß Großkonzerne mit Behörden und Bürgern "Schlittenfahren". Das Leid der Menschen zählt nicht, der Schmerz der Opfer wird öffentlich zur Schau gestellt, instumentallisiert, über Jahre werden die Opfer auf eine Bühne gezogen die nicht die Ihre ist . Es ist Moralisch höchst verwerflich , nicht erst seit der Feststellung der Schuld durch ein Gericht, daß der Konzern hier mit einer Berufung spielt. Wo sind die Gesetze für den Menschen, Europa ? , demnächst sind hier bei uns wieder Wahlen, mit etwas Glück kapieren es auch die Wähler daß es immer nur um Macht und deren Gebrauch geht, den "richtigen" Gebrauch .
Holledauer, 01.08.2009
2. Das hätte genauso in Deutschland passieren können,
denn auch bei uns machen Behörden keine Fehler, insbesondere dann nicht, wenn Beförderungen der Amtsinhaber oder eine politische Karriere auf dem Spiel stehen. Wenn Sie als nicht öffentliche Institution etwas verschwinden lassen, dann haben Sie sofort den Staatsanwalt im Haus. In der öffentlichen Verwaltung ist so etwas völlig risikofrei! Willige Gutachter und Kollegen aus anderen Referaten helfen dabei gerne nach dem Motto, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Zudem trägt der Steuerzahler voll und ganz das Prozessrisiko. Es gibt zwar ein eine gesetzlich definierte Amtshaftung, aber bis die greift, da muss ein Wunder geschehen.
jensadolf 02.08.2009
3. Die Kinder von Corby und kann das bei uns passieren?
Nicht kann passieren sondern passiert! Leukämie zum Beispiel im Umkreis der Atomanlagen. Gibt es irgend eine Untersuchungen zu Wechselwirkungenj bei den vielen Chemischen Stoffen in Nahrungsmittel? Ich brachte einer Freundin die wegen üblen Ärtzepusch jetzt einen künstlichen Darmausgang trägt Salbe. Diese Salbe hat 30 verschiedene Stoffe drinnen. Und eigendlich braucht sie nur drei Grundstoffe. Kohle machen darum geht es der Mensch ist hier wie dort Scheissegal. Ich sehe viele Reiche herum laufen und lese der ist 70 und sieht eher aus wie 50. Menschen aus dem Präkariat oder Bildungsfernen Schichten sehen mit 50 aus wie 60. Diese Dinge wie in Corby sind so alltäglich wie essen und trinken nur hören wir davon nichts
avollmer 02.08.2009
4. Korrupt oder doof?
Wenn dann Ausführung wie "sehr überrascht" kommen, dann fragt man sich ob es sich um Fälle von gekaufter Naivität oder von galoppierender Blödheit handelt. Eine dritte Möglichkeit fällt mir dazu leider nicht ein. Es wäre eine wissenschaftliche Studie wert, die Ursachen für diese Denkblockaden zu untersuchen. Vielleicht gibt es einen aufzuklärenden Zusammenhang zwischen bestimmten Positionen in Verwaltung, Managment und Politik, der zu diesem Realitätsverlust führt. Wenn es nämlich nicht monetäre Vorteile sind, dann muss man befürchten, dass irgendwelche Chemikalien in Behördenbüros zu neuronaler Degeneration geführt haben und das assoziativ Denken blockieren. Man sollte dann die sehr überraschten Opfer in die Frührente schicken.
wild_at_heart 05.08.2009
5. Aha...
Zitat von jensadolfNicht kann passieren sondern passiert! Leukämie zum Beispiel im Umkreis der Atomanlagen. Gibt es irgend eine Untersuchungen zu Wechselwirkungenj bei den vielen Chemischen Stoffen in Nahrungsmittel? Ich brachte einer Freundin die wegen üblen Ärtzepusch jetzt einen künstlichen Darmausgang trägt Salbe. Diese Salbe hat 30 verschiedene Stoffe drinnen. Und eigendlich braucht sie nur drei Grundstoffe. Kohle machen darum geht es der Mensch ist hier wie dort Scheissegal. Ich sehe viele Reiche herum laufen und lese der ist 70 und sieht eher aus wie 50. Menschen aus dem Präkariat oder Bildungsfernen Schichten sehen mit 50 aus wie 60. Diese Dinge wie in Corby sind so alltäglich wie essen und trinken nur hören wir davon nichts
Wenn man sich schon Jensadolf nennt. Naja... Es stimmt schon: die Welt ist schlecht, alles ist furchtbar und "die da oben" bestimmen über "die da unten". So ein Blödsinn! Tatsache ist, dass man halt nun mal in einem Rechtsstaat auch rechtsstaatliche Instrumente wie Gerichtsverhandlungen und Untersuchungen, also unabhängige Jurisprudenz, zum Zuge kommen lassen muss. Justitia ist blind, nicht immer perfekt. Aber in diesem Falle wohl doch. Ist doch gut so! Ausserdem: "bildungsfern" ist in diesem Falle, wie meist, ein Adjektiv. Also wirds dann halt auch klein geschrieben, gell!? ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.