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Locked-in-Patient Tony Nicklinson: Endlich

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Tony Nicklinson wollte nicht mehr leben, er litt am Locked-in-Syndrom und stritt seit Jahren für sein Recht zu sterben. Zuletzt hatte es ihm der Oberste Gerichtshof in London verwehrt. Sechs Tage später ist er tot. Es ist das Ende eines Lebens, das er selbst als Alptraum beschrieb.

Tony Nicklinson hat eine letzte Nachricht hinterlassen. "Auf Wiedersehen Welt, die Zeit ist gekommen, ich hatte Spaß", twittert seine Tochter am Mittwochmittag. Ihr Vater habe es ihr aufgetragen, kurz vor seinem Tod. Er sei friedlich gestorben.

Tony Nicklinson hat seinen Kampf gewonnen. Er ist tot.

Er sei in seinem Haus in der Grafschaft Wiltshire eingeschlafen, teilte seine Familie mit. Er habe schon länger an einer Lungenentzündung gelitten, in den vergangenen Tagen habe er schnell abgebaut. Und zudem jedes Essen verweigert, wie seine Anwälte sagten. Die Polizei ermittelt nicht.

Sein Tod kommt sechs Tage nach einem Urteil, das für Nicklinson ein schwerer Rückschlag war. Der Oberste Gerichtshof in London hatte entschieden, dass Nicklinson sich nicht beim Sterben helfen lassen darf. Er konnte sich nicht selbst umbringen. Er konnte sich ja nicht einmal selbst kratzen. Der 58-Jährige litt am sogenannten Locked-in-Syndrom, war Gefangener im eigenen Körper. Vom Hals abwärts war der Brite vollkommen gelähmt, sein Geist topfit.

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Locked-in-Syndrom: Gefangen im eigenen Körper
Nicklinson war einer der wenigen Betroffenen, die der Krankheit ein Gesicht gaben. Er war es, der eine TV-Dokumentation über sein Leben drehen ließ. Der Journalisten zu sich nach Hause einlud, damit sie sein Leben dokumentierten. Der sich weinend und sabbernd fotografieren ließ, um seine Qualen zu verdeutlichen. Der sich mit einem erschreckend ehrlichen Appell an das Oberste Gericht in London wandte, um für sein Recht auf den Tod zu streiten.

Von dem Urteil waren zwei Locked-in-Patienten betroffen. Doch der zweite Mann wird in den Gerichtsunterlagen lediglich unter dem falschen Namen "Martin" geführt, es gibt keine Interviews von ihm. Seine Geschichte ist nicht minder tragisch. Sie kommt jedoch nicht so nah an die Menschen heran.

Tony Nicklinson war anders.

Er wollte den Menschen sein Leid begreiflich machen, sie zum Mitfühlen zwingen. "Mein Leben kann zusammengefasst werden als langweilig, miserabel, erniedrigend, würdelos und unerträglich", wird er in den Gerichtsunterlagen zitiert. Dort ist in zahlreichen Details ein Leben dokumentiert, das Nicklinson selbst seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr leben wollte, das für ihn ein "Alptraum" war.

Er habe seine Selbstständigkeit verloren, er könne beispielsweise nur zu fixen Zeiten auf die Toilette gehen, heißt es in den Dokumenten. "In extremen Situationen habe ich in den Rollstuhl gemacht und dort gesessen, bis meine Betreuer zu ihrer normalen Zeit kamen."

All diese Dinge - dass andere ihm seine Zähne putzen, dass er sich nicht selbst kratzen kann, dass er kein normales Gespräch führen kann - seien physisch, schreibt Nicklinson in einem Artikel für die BBC. Man könne sich an sie gewöhnen. Er weiß das. "Aber womit ich nicht leben kann, ist das Wissen, dass ich im Gegensatz zu euch keinen Ausweg habe, wenn mir dieses Leben unerträglich wird." Auch mit dem letzten Satz seines Artikels richtet er sich direkt an die Leser: "Der nächste Schlaganfall könnte euch treffen. Würdet ihr so enden wollen wie ich?"

Jane kann ihren Mann nicht töten

2005 endete Nicklinsons erstes Leben, das Leben, das er kannte und das er liebte. Ein Schlaganfall machte es zunichte.

Im Dezember 2010 traf er sich mit einer Journalistin des "Independent". Erst vor wenigen Monaten schrieb sie ihre Begegnung erneut auf. Sie habe schon hunderte Menschen interviewt, aber ihr Gespräch mit dem Ehepaar Nicklinson sei eines der traurigsten gewesen. Tony habe viel geweint, besonders schlimm sei es gewesen, als Jane erklärte, dass sie ihren Mann - entgegen seinem Wunsch - nicht töten könne. Sie liebe ihn.

Tony und Jane lernten sich demnach 1984 in Dubai kennen, sie war Krankenschwester, er Bauingenieur. 20 Jahre lebten sie im Mittleren Osten, in Malaysia und Hongkong. Sie bekamen zwei Töchter, Lauren und Beth, beide sind heute junge Erwachsene. Tony liebte Rugby, Bier und Whisky. Er war 51, als der Schlaganfall kam.

Die Ärzte retteten sein Leben, er verfluchte sie später dafür. In den Monaten nach dem Schicksalsschlag glaubte er noch an eine Genesung. Dann, als klar war, dass sie nicht kommen würde, dachte er, er könnte sich an die neue Situation gewöhnen. Es klappte nicht.

Die einzige Möglichkeit, mit seiner Ehefrau, mit seinen Töchtern, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, waren seine Augen. Mit einem Blinzeln signalisierte er seiner Frau, wenn sie den richtigen Buchstaben in die Höhe hielt. Mit seinen Augenbewegungen konnte er eine spezielle Software bedienen, die ihm half, seine Gedanken in elektronische Worte zu fassen.

So gelang ihm auch sein erster Tweet am 13. Juni. Seitdem schrieb er auf seinem Account über seine Schmerzen, über seine Hoffnungslosigkeit und seinen Todeswunsch. Es gibt aber auch die andern Einträge, fröhlichere, unbeschwerte, die dadurch nur umso präsenter machen, dass in diesem gelähmten Körper ein denkender, fühlender Geist saß. Es sind Witze über Huren, Nonnen oder die Blähungen seines Hundes, die Nicklinson in mühsamer Arbeit tweetete.

Via Twitter verkündete er auch seine Enttäuschung nach dem Londoner Urteil: "Für mich bedeutet das leider eine erneute Zeit voller körperlicher Schmerzen, Elend und geistiger Qualen bis wir herausgefunden haben, wer über mein Leben bestimmt - ich oder der Staat."

Damals kündigte seine Frau Jane an, dass ihm nur zwei Möglichkeiten blieben: Er könne abwarten, was eine Berufung bringe, wieder vor Gericht ziehen, weiterkämpfen. Oder er könne sich zu Tode hungern.

Tony Nicklinson hat sich entschieden.

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1. Endlich... ?!
rademenes, 22.08.2012
Entschuldigung, aber wessen Perspektive beschreibt den der Titel des Artikels? Ich nehme an, nicht jene der Autorin? Dann würde ich es kennzeichnen --> ""... Ansonsten wäre es doch befremdlich...
2. recht auf sterben
ziegenzuechter 22.08.2012
Zitat von sysopDPATony Nicklinson wollte nicht mehr leben, er litt am Locked-In-Syndrom und stritt seit Jahren für sein Recht zu sterben. Zuletzt hatte es ihm der Oberste Gerichtshof in London verwehrt. Sechs Tage später ist er tot. Es ist das Ende eines Lebens, das er selbst als Alptraum beschrieb. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,851516,00.html
ich fand es in der schule schrecklich, als wir in religion das thema hatten und die lehrerin die meinung vertrat, dass man sterbehilfe nicht legalisieren brauche, weil wegen der ach so tollen medizin heute niemand mehr vor seinem tod leiden muesse. (palliativmedizin usw). diese haltung ist menschenverachtend wie auch dieser fall auf schockierende weisse zeigt. wie kann man nur so brutal sein, einem menschen, der so leidet, diesen wunsch ueber jahre zu verwehren. meiner meinung nach ist das auch nichts anderes als folter. jedenfalls ist es das unnoetige zufuegen von physischen und psychischen schmerzen und das ueber jahre. widerlich.
3. optional
docturtle 22.08.2012
@Ziegenzüchter: Ich seh das genau so! Wenn der Mensch ein Recht auf Leben hat, hat er genauso ein Recht auf Sterben! Und wenn bei einem Menschen keine Aussicht auf Besserung gegeben ist (was bei einem Locked-In-Syndrom definitiv der Fall ist), sollte jeder für sich selbst entscheiden können, dem ein Ende zu setzen! Dass er es am Ende nur durch seine Lungenentzündung und Nahrungsverweigerung geschafft hat, ist einfach nur traurig! Da würde es wesentlich humanere Möglichkeiten geben, wenn es legalisiert wäre.
4. Sterben in Zeiten der 3 Klassen Medizin
Skrupellos 22.08.2012
Schrecklich, wie wenig es in unser christlich geprägten Gesellschaft respektiert wird, wenn jemand sich wünscht zu sterben. Dabei wird der Entwicklung unserer Medizin keine Rechnung getragen. Auch Menschen mit schwersten Krankheiten werden jahrelang am Leben gehalten. Und ein Leben in der "Medizinmaschine" kann entwürdigend und wie im Gefängnis sein. Besonders als Kassenpatient wartet man 4 Stunden auf einen Arzt, der einem nicht zuhört und im Vorbeigehen seinen Gerätepark gegen private Zuzahlung als notwendige Diagnosehilfe verordnet. Nachdem man weitere 2 Stunden gewartet hat bis man alle Geräte einmal benutzt hat, danach nochmal 5 Minuten mit dem Arzt, der dann eine Diagnose sagt, die er vorher schon im Vorbeigehen vermutete. Dann die Überweisung zum Facharzt, wo man die gleiche Tortur nochmal durchlebt. Pflegedienste, die die Langzeitbehandlung sicherstellen, leiden unter starker Fluktuation und kommen zu festen Zeiten und haben kaum Zeit. Wenn da der Patient mal eingenässt ist, bleibt halt keine Zeit noch ein Frühstück zu machen, oder es wird gesagt die Pflegestufe deckt nicht das Anziehen frischer Sachen ab und der Patient bleibt in seiner Unwürde zurück. Ich kann einen Menschen, der dauerhaft gepflegt werden muss sehr gut verstehen, wenn da nur noch der Wunsch ist, den anderen nicht mehr zur Last zu fallen und seiner eigenen Perspektivlosigkeit zu entgehen.
5.
harry_buttle 22.08.2012
Was ich daran nicht verstehe ... Tony Nicklinson konnte ja offenbar noch die Gesichtsmuskulatur kontrollieren, zumindest aber die Augen. Und er konnte damit kommunizieren. Warum konnte/durfte er nicht unter notarieller oder gar richterlicher Aufsicht den Auftrag geben, eine entsprechende Apparatur zu installieren die seinen Anweisungen gehorcht und ihn auf seinen eigenen Wunsch hin, zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt vom Leben zum Tode befördert? Technisch sicher kein Problem. Ist Beihilfe zum Selbstmord strafbar, insbesondere wenn der "Begünstigte" unfähig ist sich selbst zu beschaffen was er dafür benötigt und seine objektive Situation geeignet ist, sein Ansinnen nachzuvollziehen? Welch unwürdiges und elendes Ende musste er beschreiten, Tod durch Nahrungs- und ich denke auch Medikamentenverweigerung. Man hätte ihn auf seinen Wunsch hin auch gleich im Grand Canyon aussetzen können, der soll ja tödlich sein. Es wäre wenigstens eine tolle Kulisse gewesen ... Alles gute für Tony Nicklinson und alles gute für seine Lieben.
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