Genua nach der Brückenkatastrophe "Unsere neue Regierung wird aufräumen"

Die Messe für die Opfer der Brückenkatastrophe von Genua ist gelesen, die Aufräumarbeiten gehen voran. Aber für die Einwohner der Stadt ist an Normalität noch lange nicht zu denken. Viele suchen einen Schuldigen.

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Aus Genua berichtet


Die Trauer für die Opfer ist vorbei, die kirchlichen Würdenträger und die Minister haben die Messehalle von Genua längst verlassen, da klatscht die Gruppe am Ausgang Beifall, wieder und wieder. 70, vielleicht 80 Menschen stehen Spalier für die Toten. Sie schwenken Fahnen ihrer Stadt, applaudieren den Angehörigen und den Männern, die 19 Särge nach draußen tragen: einen nach dem anderen. Drinnen riecht es nach Sommerregen, denn gerade hat es zu schütten begonnen in Genua.

Der letzte Leichenwagen fährt ab, die Gruppe löst sich auf. Viviana Pirlo und Mariangela Lisce umarmen einander. Fast zwei Stunden lang haben die Frauen, beide um die 50, an diesem Samstagnachmittag hier am Hallenausgang ausgeharrt und applaudiert. Obwohl sie keinen einzigen der Toten persönlich kennen, die meisten Opfer kamen von außerhalb. "Wir Genuesen wollen unseren Respekt erweisen", sagt Viviana Pirol. Und ihre Freundin sagt: "Ich bin Hunderte Male über diese Brücke gefahren. Das hätte mir auch passieren können. Jedem von uns hier in Genua."

Die Genuesen wollen nicht in Depression versinken

Schon auf der Trauerfeier haben sie ständig in die Hände geklatscht, die Tausenden Besucher in der Messehalle und vor den Großbildleinwänden davor: als der Erzbischof die Namen der Opfer vorgelesen hat, als der Geistliche die Särge gesegnet hat - ja sogar, als die Politiker der neuen Regierung die Halle betreten haben.

Es wirkt, als wollten die Genuesen sich selbst aus dem Schockzustand holen, der tagelang das öffentliche Leben geprägt hat nach dem "Crollo", dem Einsturz der Morandi-Brücke. Sich Mut machen, Ängste abschütteln vor dem nächsten "Crollo" in einem Gebiet voller alter Brücken und Tunnel. Verhindern, dass ihre Stadt in Depression versinkt. Nach vorne blicken, auch wenn es schwer wird für Genua in den Wochen und Monaten danach. Und weil sie sonst niemanden haben, richten viele Genuesen nun ihre Hoffnungen auf Italiens neue Populistenregierung. "Die Politiker von früher haben doch gemeinsame Sache mit den Autobahnbetreibern gemacht", sagt Mariangela Lisce. "Aber unsere neue Regierung wird endlich aufräumen, das erwarte ich zumindest."

Niedergang der Industrie hat Genua hart getroffen

Die Katastrophe mit bislang 43 Toten und einigen Schwerverletzten trifft eine Stadt, die nach jahrzehntelangem Niedergang mitten im Strukturwandel steckt. In den Siebzigerjahren, als die Werften, Chemiefabriken und Stahlöfen auf Hochtouren liefen, hatte "La Superba", die "Hervorragende", noch mehr als 800.000 Einwohner. Heute sind es 580.000, die Schwerindustrie ist größtenteils abgezogen, in den vergangenen Jahren traf dann Italiens Wirtschaftsmisere die Region.

"Viele hier haben das Vertrauen in den Staat verloren", sagt Domenico Palumbo, Soziologieprofessor der Universität Genua. "Und gerade die jungen Menschen ziehen nach Mailand, Turin oder ins Ausland, weil es hier so wenige Möglichkeiten für sie gibt." Die Jugendarbeitslosenquote beträgt rund 40 Prozent. Und die Geburtenzahl war 2017 so niedrig wie nie seit Beginn der Erfassungen. Mit 28 Prozent über 65-Jährigen ist Genua italienischen Medien zufolge die älteste Stadt Europas.

Und doch war die alte Mittelmeermetropole zuletzt auf einem guten Weg. Ihr Hafen, der größte Italiens, prosperiert wieder: Unternehmen aus Mailand, Turin oder Südfrankreich verschiffen ihre Waren in die Welt. Und die Kreuzfahrtschiffe fahren hier nicht mehr bloß ab, sondern kommen auch her. Hat doch Genua nicht nur die nahe gelegenen bunten Küstendörfer der Cinque Terre zu bieten, sondern auch eine der größten Altstädte Europas. Zehntausende Genuesen leben mittlerweile vom Tourismus. "Genua profitiert von seiner strategischen Lage", sagt Mario De Fazio, Redakteur der lokalen Zeitung "Il Secolo XIX". "Umso wichtiger ist die Infrastruktur."

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Der "Crollo" jedoch bringt den Boom im Hafen und Tourismus in Gefahr. Denn die Morandi-Brücke war der zentrale Verkehrsknotenpunkt der Region.

Es rumpelt und dröhnt jedes Mal, wenn der Bagger eine neue Ladung Trümmer auf einen der Kipplader fallen lässt. Die Kipper fahren den Schutt durch das weitgehend ausgetrocknete Bett des Polcevera-Flusses, ein paar Kilometer weiter untersuchen Ermittler die Überreste der Brücke. Die Unglücksursache steht noch nicht fest. Aber die Aufräumarbeiten kommen gut voran, seit am Samstagmittag der letzte Vermisste tot aufgefunden wurde. Jetzt müssen die Bagger nicht mehr so vorsichtig sein.

Nur eine einzige Ausweichroute

Wenige Kilometer hinter den Brückenüberbleibseln ragen Hunderte Meter hohe Hügel in die Luft. Genua ist ein schmaler Streifen flaches Land, eingeklemmt zwischen Vorgebirge und Meer. Die Straßen rundherum führen durch Dutzende Tunnel und Brücken. Das Viadukt über den Polcevera verband den industriell geprägten Westen Genuas mit dem bürgerlichen Osten, West- mit Ostligurien. Und wer von Südfrankreich in die Toskana wollte, musste über diese Brücke. 25,5 Millionen Fahrzeuge haben sie vergangenes Jahr überquert. Und nun? Will man nicht Dutzende Kilometer über Bergsträßchen fahren, gibt es nur eine einzige Ausweichroute: quer durch die Stadt.

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"Ich fürchte, es wird hier monatelang Staus geben", sagt Fabrizio Ineglio, 45, als er sein Taxi über diese Straße steuert. Schon vor dem Crollo sei der Pendlerverkehr zwischen beiden Teilen Genuas immer dichter geworden: Im Westen sind der Containerhafen, viele Betriebe und der Flughafen angesiedelt. Im Osten liegen die Altstadt, viele Wohnsiedlungen, Fähr- und Kreuzfahrthafen sowie das Messegelände. "Wenn jetzt der Durchreiseverkehr dazukommt, reicht ein Unfall, ein liegen gebliebenes Auto, und alles ist blockiert", sagt Ineglio, der seit 18 Jahren Taxi fährt. Seine Kollegin Sabrina, 47, fürchtet um ihr Geschäft. "Viele Touristen werden nicht mehr kommen, weil sie nicht im Stau stehen wollen oder Angst haben, dass wieder eine Brücke zusammenstürzt." Und der ehemalige Hafenchef Luigi Mero warnt, bis zu 50.000 Arbeitsplätze seien bedroht. Die Schiffs- und Logistikkonzerne könnten angesichts des befürchteten Verkehrskollapses in Genua auf andere Häfen ausweichen.

Die Stadt braucht so schnell wie möglich ein neues Viadukt: Da sind sich alle ausnahmsweise einig, Politiker, Einwohner und der Autobahnbetreiber. Der Hauptgeschäftsführer der "Autostrade per l'Italia" hat am Samstag 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau und Hilfszahlungen versprochen. Sein Unternehmen könne innerhalb von acht Monaten eine neue Brücke errichten, sobald die Genehmigungen dafür vorlägen, behauptete Giovanni Castellucci. Die Verantwortung für den Einsturz wies er aber zurück.

Dass der Staat ein besserer Betreiber wäre, ist zweifelhaft

Castelucci und die Haupteigentümer der Autostrade, die Unternehmerfamilie Benetton, stehen unter Druck. Viel zu lange haben sie zum Desaster geschwiegen. Die Regierung hat nach eigenen Angaben bereits Maßnahmen eingeleitet, um Autostrade die Betriebsgenehmigung zu entziehen. Kompromisslos gibt sich vor allem Vizepremier Luigi di Maio. Er ist der Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, die jahrelang eine neue Alternativtrasse zur Morandi-Brücke bekämpft hatte - und deren Gründer Beppe Grillo in einem kürzlich gelöschten Blog Warnungen vor einem Einsturz als "Märchen" verspottet hatte.

Die Entschuldigung von Autostrade helfe kaum, sagt Di Maio. "Der einzige Weg, den die Regierung verfolgen wird, ist, weiterzumachen mit dem Widerrufungsverfahren." Doch die vorzeitige Kündigung der bis 2038 laufenden Betriebsgenehmigung wird Italiens Steuerzahler womöglich teuer zu stehen kommen. Autostrade könnte im Falle eines Zwangsentzugs mit anschließendem Gerichtsverfahren Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe erkämpfen. Und dass der Staat Italien ein besserer Betreiber für diese Autobahnen wäre, ist zweifelhaft. Die Staatsgesellschaft Anas macht seit Jahren Schlagzeilen mit Baupannen und Korruptionsskandalen.

Viele suchen einen Schuldigen

Und doch bejubeln viele Genuesen die Attacken von Di Maio, Premierminister Giuseppe Conte oder Innenminister Matteo Salvini auf Autostrade. "Viele Leute suchen einen Schuldigen, sie wollen Rache", sagt Soziologieprofessor Palumbo. "Sie wollen, dass jetzt etwas passiert, sofort. Und die Populisten bedienen diesen Wunsch." Obwohl noch nicht geklärt ist, wer wirklich verantwortlich ist für das Unglück: Autostrade, die Aufsichtsbehörden oder andere. Palumbo hält gar nichts vom Vorgehen der Politiker: "Der US-Autor Henry Louis Mencken hat einmal gesagt: 'Stets weiß man für jedes menschliche Problem eine Lösung - sauber, einleuchtend, und falsch.'"

"Sie sollen dafür bezahlen!", ruft Patrizia Salmonese und deutet auf ihre Wohnung unter einem stehen gebliebenen Brückenpfeiler. Gerade war die 55-Jährige noch einmal in dem Apartment in der Via Enrico Porro, im Sperrgebiet bei der Brücke. Zusammen mit Feuerwehrleuten und einer Nichte hat sie ihre Habseligkeiten geholt, in Einkaufswägen gepackt und die Karren zum Auto geschoben. Jetzt räumt sie den Smart voll mit Koffern, Taschen, Kleidersäcken. Sie zieht zu ihrer Nichte, notgedrungen.

600 Anwohner müssen umziehen

27 Jahre hat Patrizia Salmonese in der Via Enrico Porro gelebt. Jetzt muss sie raus, wie rund 600 weitere Anwohner, wohl für immer. Die Häuser sollen nun demoliert werden. "Ich lasse mein Herz in dieser Wohnung zurück", sagt Patrizia Salmonese, und ihre Augen werden feucht. Sie weint oft in diesen Tagen. Und wenn sie eine Brücke überqueren muss, kriegt sie Angstzustände.

Aber bald soll alles besser werden. Alle Entwurzelten, so haben die Politiker versprochen, sollen ein neues, schönes Zuhause bekommen: die ersten schon in den nächsten Tagen.

Patricia Salmonese will ihnen glauben. "Unsere neue Regierung wird etwas hinbekommen", sagt sie. "Die alten Parteien haben uns so oft enttäuscht. Aber die Fünf-Sterne-Bewegung ist anders." 53 Prozent der Genuesen haben bei der Wahl im März für die Fünf Sterne oder die Lega gestimmt. Bald werden sie die neuen Machthaber in Rom an ihren Versprechungen messen.

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susuki 19.08.2018
1.
Wie beim Reichstag-Brand wird man einst sagen: "Es müssen die 5 Stern Faschisten gewesen sein". . . Wie damals, sie waren es eben nicht. Das "Qui bono" ist auch hier Mist.
stefano.fereri 19.08.2018
2. Was ist das größere Problem - kaputte Brücken oder Wutbürger?
Die Suche nach "Schuldigen" ist ein Übel unserer Zeit, ein bisschen wie eine Wiederkehr der mittelalterlichen, volksfesthaften Zusammenkunft beim Guillotinieren. In besonders unappetitlicher Weise ist das in Deutschland nach dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg zutage getreten. Eine Mischung aus Kopfab- und Wutbürgertum. In Italien mögen mafiose Strukturen oder Korruption eine Rolle spielen, dann und nur dann ist Bürgerempörung berechtigt und angemessen. Hingegen halte ich es für unanständig, nach dem Verlust von Angehörigen Rachegelüste auszuleben.
kajosch55 19.08.2018
3. Nach dem ersten Satz
war der Schreibversuch schon erledigt und gescheitert. Nicht weil Herr Hecking diverse Worte nicht in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge bringen kann, sonder weil dieser erste Satz einen zynischen und äußerst verachtenswerten Charakter offenbart. Die Trauer ist nicht vorbei, nur weil ein Schleiberling das ansagt!
skeptikerjörg 19.08.2018
4. Am liegt es nicht
Vor ein paar Wochen hat 5-Sterne noch heftig dagegen polemisiert, dass der Staat viel zu viel Geld in Infrastruktur investiere. Mal sehen, wie viel von den 24 Milliarden aus dem EU-Strukturfonds die rechtspopulistische Regierung nun in öffentliche Infrastruktur umsteuert und wie viel den "Freunden" zufließt.
111ich111 19.08.2018
5. Unglücksfälle passieren
Unglücksfälle passieren. Ob sie jetzt vermeidbar gewesen wären oder nicht. Es bedarf einer Aufarbeitung und einer Vermeidung einer Wiederholung. Und ggf. eines juristischen Verfahrens bei offensichtlichem Verschulden. Aber Unglücksfälle zu politisieren, ist einfach unerträglich.
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