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Bürgerkrieg und Dürre: Uno warnt vor Hungertragödie in Ostafrika

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In Somalia tobt ein Bürgerkrieg, die Nachbarländer leiden unter extremer Dürre, die Region steuert direkt in eine Tragödie. Millionen Menschen sind vom Tod bedroht, Flüchtlingslager mit dem Ansturm überfordert - und erstmals seit fast 30 Jahren spricht die Uno offiziell von einer Hungersnot.

AFP/ AU-UN

Hamburg - Somalia wartet seit 20 Jahren auf Frieden. Ostafrika wartet seit vielen Monaten auf Regen. Die Kombination von Bürgerkrieg und Dürre am Horn von Afrika, gepaart mit ineffizienter Landwirtschaft und einer Vervierfachung der Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte, hat verheerende Folgen. António Guterres, Chef des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, spricht von der "größten humanitären Katastrophe der Welt" und einer "menschlichen Tragödie unermesslichen Ausmaßes".

Zehn Millionen Menschen in Somalia, Dschibuti, Uganda, Äthiopien und Kenia brauchen schnell Hilfe. Das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen versucht, bis zu 1,5 Millionen Leute mit Lebensmitteln zu versorgen. Eine halbe Million Kinder sind laut Uno-Kinderhilfswerk Unicef vom Hungertod bedroht.

Am Mittwoch erklärten die Vereinten Nationen die dramatische Lage wegen der Dürre in Teilen Somalias offiziell zur Hungersnot. Es ist das erste Mal seit der Hungersnot in Äthiopien 1984/1985, dass der Begriff offiziell verwendet wird. Eine Hungersnot wird dann ausgerufen, wenn mehr als 30 Prozent der Kinder unterernährt sind und täglich mindestens zwei von 10.000 Menschen durch die Lebensmittelknappheit ums Leben kommen. In Teilen Südsomalias liegt die Sterblichkeitsrate laut Uno bereits bei sechs Menschen pro 10.000 Einwohner.

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Ostafrika: Lage verzweifelt, Lager überfüllt
Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia, 80 Kilometer von der somalischen Grenze entfernt. Es ist das größte Flüchtlingslager der Welt, existiert seit 20 Jahren. Dort arbeitet Bettina Schulte. Die 30-Jährige ist Mitarbeiterin beim Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Sie ist seit neun Monaten in dem Lager.

Neuankömmlinge, sagt Schulte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, seien oft "zehn bis 20 Tage gelaufen und vollkommen erschöpft. Viele haben keine Schuhe, haben nichts gegessen, ihre Kleidung ist total verstaubt." Kinder, die das Lager erreichten, würden sich oft auf die Wasserhähne stürzen und gierig trinken. Andere schliefen vor Erschöpfung schnell ein. Sehr viele junge Neuankömmlinge hätten ein oder zwei Babys auf dem Arm.

Neuankömmlinge stürzen sich auf Wasser

Die Menschen in der Region sind oft Viehzüchter. "Viele Bauern verlieren wegen politischer Instabilität ihr Land", sagt Schulte, denn im benachbarten Somalia tobt weiter der Bürgerkrieg. Flüchtlinge berichteten von Unterdrückung und Vertreibung. Andere sind Opfer der Dürre. Ostafrika erlebt die schlimmste Trockenheit seit 60 Jahren. In fünf der vergangenen sieben Jahre regnete es nicht oder nur wenig. Der nächste Regen ist, wenn überhaupt, im Oktober zu erwarten, die nächste Ernte damit frühestens im kommenden Jahr.

Viele Felder sind schon verwüstet, Tiere haben kein Futter und kein Wasser. Tausende Rinder und Ziegen verenden, der Rest ist abgemagert und krank. Die Menschen in der Region klammern sich oft bis zuletzt an ihren Besitz - ein wenig Land, ein paar Stück Vieh. Erst wenn der Boden nichts mehr abwirft, das Vieh verendet ist, begeben sie sich zu Zehntausenden auf den gefährlichen Weg in Nachbarländer und Flüchtlingscamps wie Dadaab.

Das Lager wurde 1991 erbaut. Es umfasst 50 Quadratkilometer und ist in drei kleinere, gleich große Lager aufgeteilt. Ursprünglich war es für insgesamt 90.000 Leute ausgelegt. Nun sind knapp 400.000 Flüchtlinge hier, mehr, als Bochum Einwohner hat. Und täglich werden es mehr.

"Von Oktober bis Dezember kamen etwa 6000 Flüchtlinge pro Monat neu dazu", sagt Schulte. "Im Januar ist dieser Wert auf 10.000 Menschen pro Monat gestiegen." Seit Juni habe sich diese Zahl mindestens verdreifacht. Mehr als 30.000 Neuankömmlinge pro Monat. "Es war schon vorher dramatisch - und jetzt ist es drei- oder viermal so schlimm."

Enormer Bedarf an Geld und Land

Mit dem Platz, der für eine Familie vorgesehen war, müssen nun fünf zurechtkommen. Der Andrang ist so groß, dass gut 65.000 Personen jenseits der Campgrenzen leben, "im No Man's Land", sagt Schulte. "Dort ist es für uns extrem schwierig, adäquate Hilfe zu leisten." Besonders die Versorgung der Leute mit Wasser sei problematisch. Außerhalb des Camps "dürfen wir keine festen Strukturen bauen, zum Beispiel Wasserleitungen oder Krankenhäuser". Bald sei es möglicherweise notwendig, sich über das Verbot hinwegzusetzen: "Wir können das nicht mehr mit ansehen." Zudem dürfe seit 2008 kein zusätzliches Land mehr an Neuankömmlinge vergeben werden, sagt Schulte. Kenias Regierung will erst dann dafür ihr okay geben, wenn sichergestellt ist, dass sich in neuen Lagern nicht die radikalislamischen al-Schabab-Milizen aus Somalia einnisten.

Die Flüchtlinge außerhalb des Lagers geraten zudem mit der lokalen Bevölkerung aneinander. "Das sind traditionell Nomaden, die mit ihren Herden umherziehen", sagt Schulte. "Ihr Land ist jetzt erst einmal eingenommen von den Flüchtlingen." Und die holzten Wälder ab, um Hütten zu bauen. "Das sehen die Einheimischen natürlich nicht gerne." Allerdings gebe es auch "einen hohen Grad an Solidarität."

Selbst eine Erweiterung des Dadaab-Teilcamps Ifo würde die Überfüllung kaum lindern. Der Ausbau könnte zwar 40.000 Leute aufnehmen. Aber, "wenn es morgen geöffnet würde, wäre es sofort voll - und der Rest immer noch überfüllt", sagt Schulte. "Ifo II ist nicht die Lösung. Wir brauchen ein zweites, drittes, viertes, fünftes Camp."

Keine Aussicht auf Besserung

Die Bewohner lebten in Lehmhütten, in Zelten seien "fast nur" die Neuankömmlinge außerhalb des Lagers untergebracht. Zweimal im Monat sei Essensausgabe für die Bewohner. "Die Alteingesessenen haben ihren ganz normalen Alltag - Schule, Sport, die Mädels kochen zu Hause für die Familie, abends sitzt man zusammen", sagt Schulte. Neuankömmlinge "wollen überleben und sich zurechtfinden" - für sie seien Fragen wichtig, wie etwa: "Wie baue ich mein Zelt auf? Wie bekomme ich Angehörige her? Wie komme ich zum Krankenhaus?"

"Bis jetzt konnten wir alles managen", sagt Schulte. Der große Andrang in den vergangenen Wochen mache die Arbeit aber extrem schwierig. Auf einen Lehrer kämen hundert Schüler, mangels Klassenzimmer finde Unterricht im Freien statt, die Krankenhäuser seien komplett überfüllt.

Was könnte helfen? "Geld", sagt Schulte, "der Bedarf ist enorm." Zwei Jahrzehnte lang beherberge die kenianische Regierung in Dadaab Flüchtlinge, und nun müsse sie ihre Kapazitäten erhöhen. Deshalb müsse sie Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft bekommen - und es brauche mehr internationales Engagement wegen der Lage in Somalia. Laut World Food Programme (WFP) sind mindestens 500 Millionen US-Dollar notwendig, um die Hungerkatastrophe bis Ende des Jahres zu lindern.

Flüchtlingslager als Heimat

So notwendig diese Hilfe kurzfristig ist - langfristig ändert sie nichts. "Wir sehen kein Indiz dafür, dass der derzeitige Trend der Neuankömmlinge nachlassen wird", sagt Schulte. "Selbst nach der Dürre werden wir 10.000 Flüchtlinge im Monat bekommen."

Die Lage verbessern würde es, wenn die Leute nach Somalia zurückkehren könnten - zumindest im Camp. Doch das wird so schnell nicht geschehen. Seit dem Sturz von Diktator Siad Barre 1991 herrscht Bürgerkrieg. Die Infrastruktur liegt nahezu komplett in Trümmern. Die überforderte Übergangsregierung ist nicht einmal Herr über die Hauptstadt Mogadischu.

Dort liefern sich Regierungstruppen mit radikalislamischen al-Schabab-Milizen seit Jahren einen erbitterten Kampf. Die Schabab kontrolliert faktisch den Süden des Landes. 2010 warf sie die letzten Hilfsorganisationen raus. Erst vor wenigen Tagen gab es Signale, Helfer dürften wieder unbehelligt im Land arbeiten. Ob die Milizen das Versprechen halten, ist ungewiss.

Trotz 20 Jahren Bürgerkrieg träumen laut Schulte vor allem die Jugendlichen im Flüchtlingslager von der Heimat. "Die wollen zurück und mit der Bildung, die sie hier erhalten haben, das Land aufbauen." Allerdings sei das Bild von Somalia bei denen, die nie da gewesen seien, verwässert - und das seien nicht wenige. "Es gibt 8000 Enkelkinder im Camp von denen, die 1991 hergekommen sind", sagt Schulte. Wenn man diese Kinder frage, wo ihr Zuhause sei, antworteten sie: "Block B2."

"Solange die Situation in Somalia so ist", sagt Schulte, "wird es Dadaab geben."

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1. wsd
Juergen Wolfgang, 20.07.2011
Zitat von sysopIn Somalia*tobt ein*Bürgerkrieg,*die Nachbarländer*leiden unter extremer Dürre, die Region steuert direkt in eine Tragödie. Millionen Menschen sind vom Tod bedroht, Flüchtlingslager mit dem Ansturm überfordert - und erstmals seit fast 30 Jahren*spricht die Uno offiziell von einer Hungersnot. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,775372,00.html
Die katholische Kirche sollte sofort einen oder mehrere See-Frachter mit Lebensmitteln auf den Weg schicken. Die Kirche hat Geld im Überfluss!!
2. na und ?
MarkH, 20.07.2011
Zitat von sysopIn Somalia*tobt ein*Bürgerkrieg,*die Nachbarländer*leiden unter extremer Dürre, die Region steuert direkt in eine Tragödie. Millionen Menschen sind vom Tod bedroht, Flüchtlingslager mit dem Ansturm überfordert - und erstmals seit fast 30 Jahren*spricht die Uno offiziell von einer Hungersnot. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,775372,00.html
deutschland stirbt aus anderen Gründen aus Es gibt global gesehen genügens Länder auf der Welt, die sehr viel reicher sind als DE und nicht einspringen, um zu "helfen"
3. ...
juxeii 20.07.2011
Es ist schon bezeichnend dass Fr. Dr. Merkel diese Not bis jetzt noch nicht alternativlos beseitigen will. Wenn wir schon zig Milliarden für den € verbrennen müssen, dann doch lieber in Form von Hilfspaketen nach Afrika. Insofern zeigt sich hier sehr deutlich wen die Politik lieber zu "retten" gedenkt!
4. Klimawandel
atzigen 20.07.2011
Zitat von sysopIn Somalia*tobt ein*Bürgerkrieg,*die Nachbarländer*leiden unter extremer Dürre, die Region steuert direkt in eine Tragödie. Millionen Menschen sind vom Tod bedroht, Flüchtlingslager mit dem Ansturm überfordert - und erstmals seit fast 30 Jahren*spricht die Uno offiziell von einer Hungersnot. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,775372,00.html
Und jetzt ist wie in letzter Zeit einmal mehr der Populistisch begründete Klimawandel dafür verantwortlich. Der extreme Bevölkerungszuwachs der letzten 30 Jahre sowie noch eine GANZE REIHE anderer URSACHEN werden wie gewohnt nur ,wenn überhaupt, am Rande Erwähnt. Da werden Ursache und Wirkung in geradezu verantwortungsloser weise vertauscht.
5. Nur...
mm01 20.07.2011
Zitat von Juergen WolfgangDie katholische Kirche sollte sofort einen oder mehrere See-Frachter mit Lebensmitteln auf den Weg schicken. Die Kirche hat Geld im Überfluss!!
die muslimischen Glaubensbrüder in Saudi Arabien und sonstigen Ölexportländern haben mehr.... Die werden sicher wieder so großartig spenden wie nach der Flut in Pakistan.
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