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Nach tödlichem Unfall eines Bauern: Die zweifelhafte Verehrung eines Stieres

Von Veronika Wulf

Kühe im Stall: Haben Tiere die gleichen Rechte wie Menschen? Zur Großansicht
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Kühe im Stall: Haben Tiere die gleichen Rechte wie Menschen?

Ein dreijähriger Bulle verletzte einen Bauern in Nordrhein-Westfalen tödlich. Eine radikale Tierschützerin erklärte das Tier zum Helden - und handelte sich so zwei Strafanzeigen ein.

Hamburg - "Und wieder steht ein Held aus unserer Mitte auf - Ein Bulle nimmt Rache", ist der Artikel überschrieben, den die Tierrechtsorganisation Animal Peace auf ihrer Webseite viva-vegan.info veröffentlichte. Sie kommentierte damit ein Unglück, das sich vor drei Wochen in Nümbrecht bei Köln zutrug.

Ein 61-jähriger Bauer wollte gerade eine Stalltür reparieren, als er offenbar von seinem Bullen angegriffen wurde. Der 18-jährige Sohn des Landwirtes fand seinen Vater am Abend tot im Stall.

Ein tragischer Unglücksfall, wie er in landwirtschaftlichen Betrieben selten vorkommt. In den meisten Fällen wurden Bauern von den Rindern tödlich überrannt, manche Tiere wiegen bis zu einer Tonne.

Während die Familie trauert, glorifiziert Silke Ruthenberg, die Vorsitzende des Vereins Animal Peace, den Stier: "Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen." Den Bauern bezeichnete sie als "Sklavenhalter".

Zwei Strafanzeigen gegen die radikale Veganerin

Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Landwirtschafts-Zeitschrift "Top Agrar" und Mitgliedsorganisationen des Deutschen Bauernverbands berichteten über den Artikel. Bald brach auf Facebook ein Shitstorm über Animal Peace und die Autorin Silke Ruthenberg herein, Medien berichteten.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und die Kreisbauernschaft Oberbergischer Kreis erstatteten beide am vergangenen Freitag Strafanzeige bei den Staatsanwaltschaften München und Köln gegen Ruthenberg. Sie berufen sich auf Paragraf 189 des Strafgesetzbuches: "Wer das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

"Ein Kollege hat mich auf den Artikel von Animal Peace aufmerksam gemacht", erzählt Helmut Dresbach, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Oberbergischer Kreis, welcher der getötete Bauer angehörte. "Ich war sprachlos, erschrocken und kann bis heute eine gewisse Wut nicht verbergen." Da es in Pfaffenhofen in Bayern einen ähnlichen Fall gab, auf den Ruthenberg ebenso reagierte, und sie "nicht zur Vernunft" zu bringen sei, müsse man etwas unternehmen.

"Wir fühlen uns persönlich angegriffen"

Er meldete sich bei der Bauernfamilie, die sich in tiefer Trauer befindet. Ruthenbergs Artikel habe ihnen zusätzlich zu schaffen gemacht. Frau und Kinder des verunglückten Bauern gaben Dresbach schließlich die Vollmacht, in ihrem Namen Anzeige zu erstatten. "Wir haben nichts gegen seriöse Tierschutzvereine", betont Dresbach. "Aber wir fühlen uns persönlich angegriffen von Frau Ruthenberg."

Auch Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer von der AbL, möchte das Verhalten der Tieraktivistin nicht unbestraft lassen. "Das ist einfach menschenverachtend", sagt er. Er handelt nicht, wie die Kreisbauernschaft, im Namen der Familie, sondern sieht eine "allgemeine Verunglimpfung der Bauern" durch Ruthenbergs Artikel. Viele Landwirte hätten bei ihm angerufen und sich bedankt.

Am 17. Januar haben die AbL und Animal Peace noch gemeinsam in Berlin unter dem Motto "Wir haben es satt" gegen die industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion demonstriert. Die AbL war einer der Organisatoren. Geschäftsführer Janßen forderte nun in einer Pressemitteilung "alle Bündnisse gegen Megaställe" auf, jegliche Zusammenarbeit mit Animal Peace zu beenden.

Shitstorm statt Zucchini-Spaghetti

Silke Ruthenberg lässt sich davon nicht beeindrucken. "Wir als vegane Bewegung wollen provozieren und zu politischem Denken anregen", sagt sie. "Ich habe das bewusst mit einem revolutionären Duktus geschrieben." Dass der Artikel so eine große Resonanz hervorrufen würde, hätte sie nicht erwartet. Schlecht findet sie es aber auch nicht - im Gegenteil. "Es ist absolut in unserem Sinne, dass das so große Verbreitung gefunden hat", sagt sie.

"Hauptsache die Debatte wurde angestoßen und es wird in der veganen Szene nicht immer nur über Zucchini-Spaghetti gesprochen", sagt Ruthenberg, die selbst seit 30 Jahren Veganerin ist. "Da mache ich mich gern zum unkultivierten Bauernhasser." Ihr sei sogar mit Mord und Vergewaltigung gedroht worden, sagt die 47-Jährige. Von wem, kann sie nicht genau sagen, wahrscheinlich seien es erboste Bauern.

Es sei nicht ihre Absicht gewesen, die Landwirte zu provozieren, vielmehr gehe es um eine "gelebte, kompromisslose Solidarität mit den Tieren". Sie selbst bezeichnet sich als "Anwältin der Tiere". Wie der Bauer, dessen Bulle sie nun ehrt, mit seinen Tieren umging, wisse sie nicht. Sie würde ihn auch nicht der Tierquälerei bezichtigen. "Aber er hat einen Milchkuhbestand", sagt Ruthenberg, "da weiß ich schon genug." Schließlich würden den Milchkühen "ihre Kinder weggenommen".

Nackt durch die Innenstädte, mit Handschellen am Gorillakäfig

Der umstrittene Artikel spiegele nicht die Meinung aller bei Animal Peace wider, sagt Silke Ruthenberg, doch der Verein stehe "im Großen und Ganzen" hinter ihr. Animal Peace wurde 1987 in Frankfurt am Main gegründet, um eine Gleichberechtigung der Tiere gegenüber dem Menschen zu erreichen. Der Verein war in den Neunzigerjahren die größte Tierschutzorganisation Deutschlands und vor allem für seine radikalen Aktionen bekannt.

Die Aktivisten protestierten mit Hühnerkadavern aus Legebatterien, ketteten sich an einen Gorillakäfig im Münchner Zoo, besetzten eine Nerzfarm in der Oberpfalz, liefen nackt durch Innenstädte und drohten, von einem Gebäude zu springen, wenn nicht auf der Titelseite einer Tageszeitung über Tierversuche berichtet würde. Viel Aufmerksamkeit und die ein oder andere Anzeige waren die Folge. Manchmal setzte es auch Prügel von Bauern, wie bei einem Protest gegen Pferdeschlachtung in Österreich.

Im Jahre 1999, als Schweinepest, BSE und Legebatterien viel diskutiert wurden, zählte Animal Peace noch um die 30.000 Mitglieder. Heute sollen es noch etwa 5000 sein - genaue Angaben sind auf der Seite der Organisation keine zu finden.

Silke Ruthenberg will gegen die beiden Strafanzeigen vorgehen - wenn nötig bis zum Bundesverfassungsgericht, wie sie sagt.

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