Urteil über drittes Geschlecht "Bei Toiletten gibt es nur zwei Türen, das darf nicht so bleiben"

Das Verfassungsgericht fordert die Einführung eines dritten Geschlechts. Die Kläger feiern das historische Urteil - und prophezeien, dass sich nun nicht nur das Leben von Intersexuellen ändern wird.

Plakat der Initiative "Dritte Option" (Archivbild)
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Plakat der Initiative "Dritte Option" (Archivbild)

Ein Interview von


Amnesty International spricht von einem "wichtigen Schritt", die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bejubelt die "historische Entscheidung": Das Bundesverfassungsgericht fordert den Gesetzgeber auf, ein drittes Geschlecht offiziell einzuführen.

Dem Urteil zufolge verstößt die bisherige Logik des Geburtenregisters, das lediglich die Optionen "weiblich" und "männlich" vorsieht, gegen das Grundgesetz. Die Entscheidung der Verfassungsrichter hatte eine junge Person erzwungen, die sich Vanja nennt und intersexuell ist - also weder eindeutig männlich noch weiblich. Vanja lässt sich mit den Pronomen er/sie bezeichnen und fordert für sich als Kategorie "inter" oder divers".

Die eigens für das Verfahren gegründete Initiative "Dritte Option" unterstützte Vanjas Gang durch die Instanzen. Im Interview erläutert Sprecher Moritz Schmidt, wie es dazu kam - und was das Urteil für Intersexuelle bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, störe ich beim Feiern?

Moritz Schmidt: Na ja, da wir alle in unterschiedlichen Städten wohnen, mussten wir uns erst einmal alleine freuen. Aber wir organisieren noch eine große Feier.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Entscheidung der Verfassungsrichter für Sie?

Schmidt: Wir haben da eine kleine Revolution angestoßen, glaube ich. Das ist die bedeutendste rechtliche Veränderung zum Thema Geschlecht, die es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. Und für alle Betroffenen ist es wichtig, endlich eine Anerkennung ihrer geschlechtlichen Identität zu haben: Ja, es gibt uns - und ihr könnt nicht mehr so tun, als gäb's uns nicht!

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es überhaupt zu der Klage in Karlsruhe?

Schmidt: Angeregt und mit unserer Hilfe durchgezogen hat das alles Vanja - weil in Deutschland nur klagen darf, wer persönlich betroffen ist. Wir haben uns dann als "Dritte Option" seit 2013 regelmäßig getroffen und Mitte 2014 den Antrag beim Standesamt im niedersächsischen Gehrden eingereicht, dort kam Vanja zur Welt. Dann ging es vors Amtsgericht Hannover, das Oberlandesgericht in Celle und den Bundesgerichtshof. Der hat unser Ansinnen im Sommer 2016 abgelehnt, im September haben wir dann Verfassungsbeschwerde eingereicht.

SPIEGEL ONLINE: War dieser lange Rechtsstreit nicht eine enorme emotionale Belastung?

Schmidt: Wir waren immer davon überzeugt, dass das Verfassungsgericht uns recht geben wird - und deshalb war auch Vanja immer guter Dinge. Als ich neulich mit Vanja darüber gesprochen habe, hat er/sie aber schon gesagt: Ich bin froh, wenn es endlich vorbei ist. Und diese Erleichterung war jetzt auch deutlich zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun weiter?

Schmidt: Unsere Befürchtung ist, dass der Gesetzgeber nicht wie gefordert das Personenstandsrecht bis Ende 2018 ändert. Dabei gibt es bereits einen Gesetzentwurf des Deutschen Instituts für Menschenrechte, an dem wir auch mitgearbeitet haben. Den könnte der Bundestag einfach beschließen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Schmidt: Und dann hoffen wir auf eine gesellschaftliche Öffnung, es muss sich ja noch viel ändern. Das Thema Geschlecht sollte insgesamt unwichtiger werden. Das Verfassungsgericht hat jetzt zum Beispiel auch die Möglichkeit eröffnet, auf eine Geschlechtszuordnung im Personenstand komplett zu verzichten. Das wäre aus unserer Sicht die perfekte Lösung, aber darauf konnten wir aus juristischen Gründen nicht klagen.

SPIEGEL ONLINE: Die Entscheidung der Verfassungsrichter betrifft ja erst mal nur die Geburtsurkunde, ist das nicht eher ein symbolischer Erfolg?

Schmidt: Wir gehen davon aus, dass daraus viele Änderungen folgen. Im Reisepass und in allen Formularen in Behörden wird es drei Optionen geben müssen. Und das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes betrifft zum Beispiel auch öffentliche Toiletten: Derzeit gibt es da nur zwei Türen, das darf nicht so bleiben. Und es gibt natürlich nicht nur solche bürokratischen Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn noch?

Schmidt: Es werden zum Beispiel noch immer viele Kleinkinder operiert, weil sie nicht eindeutig als Mädchen oder Junge zur Welt kommen. Das wird wegen dieses Urteils jetzt nicht einfach aufhören, da braucht es noch viel Aufklärungsarbeit etwa für Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also noch viel Arbeit für Ihre Initiative.

Schmidt: Was mit uns passiert, steht noch nicht fest - aber es wird auf jeden Fall Leute geben, die sich für dieses Thema weiter engagieren. Das werden vielleicht aber auch erst mal andere machen. Wir haben jetzt wirklich lange genug geklagt.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Onkel Mattel 08.11.2017
1. Unisex
Wie im Flugzeug, in der Bahn oder in Reisebussen. Fertig aus. Problem gelöst.
Paul Butterfield 08.11.2017
2. Absurd ...
... lieber EINE Toilette für alle. Was soll all der Etepetismus? Einerseits ein cooles drittes, viertes, fünftes und meinetwegen sechstes und siebentes Geschlecht "erfinden", aber dann nicht andererseits die Geschlechtertrennung des Biedermeiers aufrechterhalten.
RamBo-ZamBo 08.11.2017
3. asdf
Wieviele Menschen betrifft das eigentlich in Deutschland?
Barxxo 08.11.2017
4. 3/4 Mann wohin?
Ernsthaft jetzt, zwei Toiletten reichen, man geht einfach da rein, wo man am wenigsten auffällt. Ansonsten wird es auch bei 3 Toiletten irgendwann Menschen geben, die sich ausgegrenzt fühlen und am Schluss wird Gastronomie sinnlos, weil der nötige Raum für WCs nicht mehr finanzierbar ist.
Mr.Trumple 08.11.2017
5. Toll
für 0,2 % der Bevölkerung sollen die Toiletten jetzt eine "dritte Türe" bekommen - so verlangt es jedenfalls der Sprecher dieser Gruppe. Ich fass´ es nicht.
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