Bunkersammler Herr Beitlich und seine Liebe zu Gisela

Alte Bunker sind für viele ein Ärgernis. Hässlich sind sie, kaum nutzbar - und der Abriss oft unmöglich. In Gießen lebt ein Mann, der große Freude an den alten Klötzen hat: Daniel Beitlich sammelt Bunker.

Gesa Fritz

Von Gesa Fritz


Wenn Daniel Beitlich von Gisela erzählt, gerät er schnell ins Schwärmen. "Lustig" soll sie sein, irgendwie "mystisch" und von besonderer Anziehungskraft. Beitlich zumindest konnte ihr nicht widerstehen und hat sie im Dezember 2013 kurzerhand gekauft. Gisela ist ein Bunker und die bisherige Krönung eines Hobbys. Denn Beitlich sammelt Bunker.

Tauschpartner oder gar Handelsbörsen gibt es für dieses Sujet nicht. Privatpersonen nehmen sich eher selten eines ausrangierten Bunkers an. So steht der Mann aus Gießen mit seinem Hobby deutschlandweit recht einsam da. "Wer ist auch so bekloppt und sammelt so was", sagt der 44-Jährige fröhlich. Die Sammlung ist noch klein, vier Bunker nennt er bisher sein eigen. Doch sie soll wachsen.

Gisela steht am Rande eines Gewerbegebiets in Gießen, unter hohen alten Bäumen, und ist von eher unscheinbarer Gestalt. Ihr schräges Dach ist grün bemoost, die Wände schwarz verwittert. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine längst verlassene Scheune.

Faszinierende Legenden

"Hat sie nicht einen morbiden Charme?", fragt Beitlich begeistert. Er erklärt: "Was wir da sehen, ist nur das Tarngebäude, der Zugang zum eigentlichen Bunker." Denn Gisela hat es in sich. Die eigentliche Anlage befindet sich unter der Erde. Über etwa 2000 Quadratmeter erstrecken sich hier dunkle Gänge und lange Säle. Möglicherweise gibt es sogar noch ein bisher unentdecktes Tunnelsystem.

Den klangvollen Decknamen haben die Nazis dem Gebäude verliehen. Mitte der dreißiger Jahre erbaut, war Gisela als Nachrichtenzentrale konzipiert. Später sollen hier vor allem junge Frauen zu Nachrichtenhelferinnen ausgebildet worden sein. "Bis Kriegsende war es eine ganz wichtige Station. In Deutschland soll es nur vier bis fünf dieser Ausbildungszentren gegeben haben", erzählt Beitlich. Vermutlich bis zu hundert Frauen haben damals in unterirdischen Sälen vor ihren hölzernen Stecktischen gesessen und gelernt. München am einen Ende der Leitung musste dann von Hand mit Berlin am anderen Ende verbunden werden.

Das Inventar ist nicht erhalten, der Parkettfußboden längst Geschichte. Nach dem Krieg brachen harte Zeiten für Gisela an. Sie wurde geflutet. Von den Nazis oder den Amerikanern? Man weiß es nicht so ganz genau. "Um die Bunker ranken immer viele Mythen, wirklich belegt ist nur wenig", sagt Beitlich. Gerade diese Legenden sind es, die ihn so sehr faszinieren.

Heute sind weite Teile von Gisela wieder trockengelegt, sie müffelt noch ein bisschen alt und abgestanden, doch schon nächstes Jahr will ihr 44-jähriger Besitzer mit einer "zarten" Renovierung beginnen. Er hat Erfahrung: Von Beruf entwickelt er Immobilienprojekte, dabei stößt er auch auf die ausrangierten Schutzgebäude. "Ich habe nichts mit rechtem Gedankengut zu schaffen und interessiere mich auch nicht fürs Militär", versichert Beitlich.

"Als Bunkersammler ist man immer ein bisschen Outlaw"

Bunker zu sammeln, ist ein kostspieliges Hobby. Welche Summe für Gisela im Dezember 2013 den Besitzer wechselte, darüber schweigt Beitlich. Einen anderen Bunker in Gießen, wohl eher ein Schnäppchen, hat er bei einer Zwangsversteigerung für 70.000 Euro erworben. An dem Gebäude namens "Hansabunker V 18" war zuvor ein Unternehmen mit seinen Abrissversuchen gescheitert. In Frankfurt - dort nennt Beitlich einen als Kirche getarnten Zivilbunker sein Eigen - sollen die Preise für solcherart Gebäude zwischen 200.000 und vier Millionen Euro liegen.

Eine wirtschaftliche Nutzung ist nur für zwei seiner Bunker vorgesehen: Im Hansabunker haben sich Start-up-Unternehmen eingemietet. Der kirchenähnliche Bunker in Frankfurt soll einmal Apartments beherbergen.

Ohne finanzielle Daseinsberechtigung ist dagegen Beitlichs ebenfalls in Gießen beheimateter Spitzbunker. Der runde Stahlbetonturm ragt sieben Etagen in den Himmel empor. Bomben, so die Theorie, werden von seinem Spitzdach seitlich abgelenkt. Im Boden ist das Bauwerk nur wenige Meter tief verankert, bei einer Detonation soll es sich höchstens widerwillig zur Seite neigen. Einst bot der Bunker Schutz für 420 dicht an dicht platzierte Menschen - heute ist er ziemlich zweckfrei. Und Gisela, ja Gisela könnte vielleicht gelegentlich Raum für Kunstprojekte bieten, überlegt Beitlich.

So trifft es sich für die Bunker hervorragend, dass der 44-Jährige von Grund auf Jäger und Sammler ist. Ihm geht es um das Haben. Und ums Erhalten. "Außerdem ist man als Bunkersammler immer ein bisschen Outlaw." Interessant eben. Selbst das antiquierte "Na, Kleines, soll ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen..." könnte mit Bunkern prima funktionieren.



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Seite 1
Notstromagregat 08.03.2014
1. 420
420 dicht an mich platzierte Menschen ? Da bekomme ich doch Platzangst. Bunker haben mich schon immer begeistert auch als Pazifist, da könnte man doch...
sudiso 08.03.2014
2. optional
sind doch einfach interessant die bunker. in zukunft werden sich die menschen sowieso neue lebensräume suchen müssen. der weltraum kommt zur zeit und in den nächsten jahre nicht infrage. bleiben nur die ozeane und halt bunker in der erde/gebirge etc. hoch hinaus mit wolkenkratzen kann man auch nur bis zu einem bestimmen punkt.
beegee 08.03.2014
3. Hä?
Zitat von sysopGesa FritzAlte Bunker sind für viele ein Ärgernis. Hässlich sind sie, kaum nutzbar - und der Abriss oft unmöglich. In Gießen lebt ein Mann, der große Freude an den alten Klötzen hat: Daniel Beitlich sammelt Bunker. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/bunker-sammler-daniel-beitlich-sammelt-alte-schutzanlagen-a-955836.html
Kaum nutzbar? Abriss oft unmöglich? Also bei uns in Aachen werden/wurden gerade drei Bunker abgerissen bzw. umgebaut. Einer wird abgerissen und es entstehen Luxuswohnungen, einer wir umgebaut zu Luxuswohnungen und einer wir abgerissen und ein Hotel drauf gebaut. In drei weiteren sind Proberäume für Musiker untergebracht. Die BIMA (Bundesastalt für Immobilienaufgaben) verkauft die Bunker inkl. Grundstück für bis zu einer Millionen Euro. Da würde ich "kaum nutzbar" aber mal Ocker widersprechen.
akmsu74 08.03.2014
4. Winkel-Türme
Ich kenne die Winkel-Türme in Wünsdorf (bei Berlin / OKW + OKH) vom eigenen ansehen. Die sind eine etwas kleinere Konstruktion, als die hier erwähnten - es passten nur etwas über 300 Leute rein. Die Konstruktion selbst hat sich aber ausgezeichnet bewährt! Von den 19 Türmen in Wünsdorf ist trotz gründlicher Angriffe der Alliierten kein einziger während des Krieges zerstört worden - nicht durch Luftangriffe und auch nicht bei der Einnahme des Geländes durch die Rote Armee. Alle seither zerstörten Winkel-Türme sind Sprengversuchen oder "Geburtstagsfeiern" hoher sowj. Offiziere zum Opfer gefallen. ...und angesichts so mancher Neubauarchitektur finde ich die nicht mal besonders hässlich...
schwarzerrabe 08.03.2014
5. Bunker können schön sein.
Zwischen den Fahrstreifen der Rosa-Luxemburg-Straße in Frankfurt-Heddernheim steht zum einen ein alter Bunker, zum anderen eine Beton U-Bahnhaltestelle aus den siebziger Jahren. Müsste ich einen Architekturpreis vergeben würde er an den leichten anmutigen Bunker gehen und nicht an das Monstrum aus den Siebzigern.
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