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Burlesque-Seminar: Strippen wider den tierischen Ernst

Von Wladislawa Kolosowa

Sie sind Bankangestellte, Lehrerinnen, Studentinnen - doch ihre Alltagsrollen lassen sie jetzt hinter sich. In einer Berliner Bar wollen ganz normale Frauen die Kunstform Burlesque erlernen. Und siehe da: Stilvoll zu strippen kann wunderbar befreiend sein.

Burlesque-Tanzkurs: Mit Witz, Charme und Korsett Fotos
Spooky Sally

Berlin - Sektgläser gibt's bei den "Teaserettes" nur hinter der Bühne. Die Tänzerinnen räkeln sich auch nicht darin, wie Dita von Teese es tut, sondern trinken daraus. "Oft fragen Veranstalter an, ob wir auch in so einem Riesenglas planschen können", sagt Chefin Sandy Beach und stößt mit ihren neuen Schülerinnen auf das Kennenlernen an. "Wir sagen dann: 'Höchstens, wenn ihr uns einen Bierkrug hinstellt.'"

Auf "die Teese", und auf den neuen Film "Burlesque" ist Sandy nicht gut zu sprechen, "zu perfekt, zu künstlich", lautet ihr Urteil. Das echte Burlesque hat für sie "mehr mit Humor und Selbstironie" zu tun denn mit einem durchgestylten Körper.

Sandys Schülerinnen johlen zustimmend: Sie haben den Workshop gebucht, weil sie mit Witz und Charme unterhalten wollen, nicht mit dem perfekten Hintern. Sechs junge Frauen sind an diesem Morgen in eine Rockabilly-Bar in Kreuzberg gekommen, um von Sandy und ihrer Kollegin Cherry Temple die Kunst des erotischen Showtanzes zu lernen.

Noch tragen sie Rollkragenpullover und Sneakers und die Haare zum Pferdeschwanz. Niemand, der mit ihnen U-Bahn gefahren ist, käme auf die Idee, dass in ihren Sporttaschen nicht Turnschuhe und Jogginghose verstaut sind, sondern Highheels und Strapse.

"Stinknormale Frauen"

"Am meisten gefällt mir an Burlesque, dass stinknormale Frauen das machen", sagt Susanne, eine Lehrerin die für den Workshop extra aus Süddeutschland angereist ist. "Sie haben große Brüste oder kleine Brüste. Sie haben Bauch oder keinen Bauch, einen dicken Po oder kleinen Po. Hauptsache ist die Ausstrahlung." Sandy nickt anerkennend. "Aber nun an die Arbeit", sagt sie. "Feminismus machen wir morgen, jetzt machen wir die Choreo."

Binnen zwei Tagen soll jede eine Bühnenrolle entwickeln und eine Nummer einstudieren. Morgen fallen die Hüllen vor dem Publikum - aber nicht ganz. Höschen und Pasties - bunte Nippelhütchen - bleiben dran. Bis dahin gibt es viel zu lernen: laszive Bewegungen und kecke Gesichtsausdrucke, wie man lange Handschuhe mit den Zähnen auszieht und sich aus dem BH pellt, ohne sich zu verheddern.

Beim Aufwärmen mit "Teaserobics" lernen die Schülerinnen die Grundbewegungen: Die zackigen Po-Wackler "Bumps", die lasziven "Grinds", den "Schimmy", und den "Po-Wäscher", bei dem die Hände auf dem Hintern kreisen.

"Ich bin Mieze" - "Und ich Popsi"

Dann werden die Rollen der Mädchen besprochen. "Sexy Dame?" Bloß nicht! Susanne will lieber eine Nummer mit Knarre. Sie will wie ihr Vorbild Bettie Page sein, das amerikanische Fetischmodel - dominant, aber auch ein bisschen kokett.

Eine Opernsängerin aus Dänemark möchte zunächst in die Rolle einer Meerjungfrau schlüpfen - zu Hause hat sie noch einen Fischschwanz von einer Aufführung übrig - entscheidet sich letztendlich für eine sexy Mieze, die ihre Milch umschmeißt und stattdessen Wodka trinkt.

Eine Kamerafrau gibt das Cowgirl, eine Bankangestellte die "Gold Minka" einer superreichen Adligen. Und eine Studentin möchte Mary Popp-It sein - eine zerstreute Mary Poppins, die mit viel Slapstick-Humor ihre Requisiten aus der Tasche holt und sich dann entblättert.

Komische Rollen

Sandy klatscht ob dieses Vorschlags vor Begeisterung in die Hände. Die Schauspielerin spielt am liebsten komische Rollen. Als "Teaserette" ist sie Mutter Theresa - die Mama der Truppe, die gestrauchelte Mädchen und Jungs von der Straße holt und sich um sie kümmert.

Zu ihren Funden gehören neben Cherry Temple zum Beispiel Cheetah Bang Bang, die unter Raubkatzen aufwuchs und sich für den Berliner Bär hält. Oder Lola Promilla: eine lustige Schnapsdrossel, die sich Nägel ins Gesicht hämmert, so wie früher in Zirkusfreakshows. Auch Männer - die "Teasers" - gehören zu Sandys Truppe: Popsi Hard etwa, ein Cowboy, der auf einer Sahnejoghurtfarm in Oberfranken aufwuchs, oder Dieta vom Tresen, der sexy Ruhrpottjung.

Früher einmal gehörten auf der Bühne Humor, der auch ein bisschen derber sein darf, und erotische Unterhaltung zusammen. "Comedians wurden damals sogar in Burlesque-Shows getestet", sagt Cherry Temple. Nur wem es gelang, die Aufmerksamkeit des Publikums trotz der Konkurrenz durch leicht bekleidete Frauen auf sich zu ziehen, hatte es geschafft. In den Sechzigern verdrängten Pornografie und die sexuelle Revolution diese Mischung aus Kabarett und Tanz, wo ein ausgezogener Handschuh schon eine Sensation war.

Mit Reizen geizen

In der modernen Welt, in der nacktes Fleisch nur einen Klick entfernt ist, ist ein Handschuh, der lasziv von den Fingern gleitet, wieder sehenswert: Die Shows der Teaserettes sind ausgebucht, es mangelt auch nicht an Frauen, die bereit sind, 130 Euro für ein Wochenende Coaching zu zahlen.

Sandy überrascht das nicht. Sie fand schon immer die Filme aus den Fünfzigern am erotischsten: "Solche, in denen an entscheidender Stelle Cut gemacht wurde, und die Hauptdarstellerin am nächsten Morgen geschminkt aufwachte." Ihr Tipp für mehr Erotik im Leben: "Den Spaß an der Verkleidung und am Spiel nicht verlieren. Ein bisschen flirten und nicht gleich ins Internet gehen, wo man alles sofort haben kann."

"Burlesque ist kein billiger Strip", sagt Susanne. "Es geht darum, das Frau-Sein zu zelebrieren. Dass man sich so nimmt, wie man ist." Burlesque, findet Mary Popp-It, habe nichts mit Throphäen-Mädchen zu tun, die sich für Männer ausziehen. "Frauen, die zeigen, was sie haben und auch aussehen wie eine Frau, sind für mich wesentlich emanzipierter als die, die aussehen wollen wie ein zu rund gewordener Mann."

"Jetzt bin ich jemand anders"

Und in Burlesque-Kostümen lässt es sich ziemlich gut Femme Fatale sein: Korsetts machen Sanduhrfiguren - Liedstrich, falsche Wimpern und Lippenstift wiederum sorgen für Puppengesichter. Fächer, Federboas, Schleifen: kleine Requisiten, große Wirkung.

Susanne hat Jeans und Streifenshirt gegen ein schwarzes Spitzenhöschen und ein paillettenbesetztes Jäckchen getauscht, die praktische Unterwäsche gegen ein Korsett. Den Zopf hat sie gelöst. Jetzt fällt das schwarze Haar wie ein Samtvorhang - dicke, schwarze Strähnen, die sich beim Tanzen verführerisch zwirbeln lassen. Das Verkleiden hilft, die Schüchternheit abzulegen.

Nicht Susanne steht auf der Bühne, die sich über pubertierende Schüler ärgert und über Dellen an ihren Oberschenkeln, sondern ein Vamp mit scharfen Kurven und einer noch steileren Attitüde: "Jetzt bin ich jemand anders", sagt sie. "Diese Seite hab ich vielleicht die ganze Zeit schon in mir gehabt, habe sie aber nicht rausgelassen, weil ich mich nicht getraut hab, oder gar nicht wusste, dass sie da ist."

Als die Musik einsetzt, verfängt sich Susanne zunächst in ihren Klamotten. "Wenn dir das später auf der Bühne passiert - lenk die Aufmerksamkeit darauf", rät Sandy. "Mach aus deinem Missgeschick eine Show." Das klappe auch im richtigen Leben ganz gut. Sandy ist dafür, dass im Bett mehr gelacht wird. "Nimm dich nicht so ernst. Das ist das Wichtigste im Leben."

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Burlesque
rodelaax 12.01.2011
Wie würde Homer sagen? "Laaangweilig!"
2. Ophthalmologisch betrachtet
favela lynch 12.01.2011
Sensationell: weibliche und noch sensationeller männliche Selbstverwirklichung nach Bauernart. Früher hatte man dafür Makramé. Aber wir entwickeln uns ja alle weiter. Allein es bleibt visuelle Umweltverschmutzung und der Inbegriff urbaner Spießigkeit. Denn auf dem Lande wird nicht groß geteased, da wird, hach wie burlesk, vollzogen. Natürlich fügt auch dies dem Auge schwere Schäden zu.
3.
zephyros 12.01.2011
einfach nur lächerlich dieser Burlesque-Fimmel
4. nachvollziehbar
moderne21 12.01.2011
Was ist gegen dieses neue und dennoch absehbare soziale Phänomen einzuwenden? Frustrierte und sinnsuchende Großstadtfrauen wollen sich vorgaukeln 'Wir sind interessant und begehrenswert' bzw. 'Wir sind wichtig (http://www.wir-sind-wichtig.de)'. Das geht klar an der Realität vorbei. Aber dies hat die Wirtschaft noch nie gestört. Und die Politik freut sich, dass potientelles Konfliktpotential auf diese Weise ruhiggestellt wird.
5. Das neuestes Weiberhobby
README.TXT 12.01.2011
Sind jetzt Feng Shui und Klangschalen wieder out? Jetzt machen wir auf Stangentanztrulla im Altback-Style, vorher fanden wir das alles entwürdigend, erniedrigend, nuttig,...überhaupt ganz bähbäh. So schnell ändert sich der Wind.
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Burlesque

USA 2010

Regie: Steve Antin

Drehbuch: Steve Antin, Susannah Grant

Darsteller: Christina Aguilera, Cher, Stanley Tucci, Kristen Bell, Peter Gallagher

Produktion: De Line Pictures

Verleih: Sony Pictures

Länge: 118 Minuten

Start: 6. Januar 2011

Offizielle Website zum Film



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