Aids-Hospiz in Burma: Von der Gesellschaft verstoßen

Von Simone Utler

Sie werden von der eigenen Familie abgeschoben, aus ihren Dörfern vertrieben. An Aids erkrankte Menschen stehen in Burma am Rand der Gesellschaft, manche finden nur in einem Hospiz Obdach. Fotograf Damir Sagolj hat das Elend der Menschen in einer Einrichtung in Rangun dokumentiert.

Hospiz in Rangun: Der einsame Alltag der Aids-Kranken Fotos
REUTERS

Hamburg - In der Hütte ist es ist düster und deprimierend. Menschen, die nur noch Haut und Knochen sind, liegen auf Decken oder dünnen Strohmatten auf dem Boden. Neben ihren ausgemergelten Köpfen stehen Blechteller, kleine Handtuchrollen und Plastiktaschen mit dem wenigen Besitz der Menschen.

U Sam Hla liegt mit seinem schmalen Kopf auf einem roten Kissen und starrt gen Decke. Seine Augen liegen tief in der Höhle, das geöffnete Hemd lässt den Blick auf den knochiger Brustkorb frei. U Sam Hla wird nicht mehr lange leben. Er hat Aids und ist einer der 182 Patienten im Hospiz in Rangun.

Das Haus liegt am Rand der mit rund 4,5 Millionen Einwohnern größten Stadt Burmas und ist einer der wenigen Zufluchtsorte für Aids-Kranke in dem südostasiatischen Land. Nach Uno-Angaben waren 2009 schätzungsweise 240.000 der insgesamt 60 Millionen Menschen in Burma mit HIV infiziert. Rund 18.000 sterben jedes Jahr. Im Nachbarland Thailand, dessen Bevölkerung nur wenig größer ist, sind zwar ungefähr doppelt so viele Menschen mit HIV infiziert. Aber der bessere Zugang zu Medikamenten und eine weiter verbreitete Akzeptanz in der Öffentlichkeit ermöglichen den Erkrankten dort ein annähernd normales Leben.

Das Aids-Hospiz in Rangun wurde 2002 von der Aktivistin Phyu Phyu Thin gegründet, die im April dieses Jahres für ihre Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) ins Parlament gewählt wurde. Die Regierung hatte 2010 gedroht, das Hospiz zu schließen, sich aber dann doch dagegen entschieden. Die Nobelpreisträgerin und Oppositionsikone Aung San Suu Kyi besuchte das Hospiz schon mehrfach. Reuters-Fotograf Damir Sagolj hielt den Alltag der Menschen in eindrucksvollen Fotos fest.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehrere Tage im Hospiz für Aids-Kranke am Stadtrand von Rangun verbracht. Warum haben Sie sich gerade für dieses Thema entschieden?

Sagolj: Dass es in Burma viele Aids-Kranke gibt, ist bekannt, darüber wurde schon häufiger berichtet. Ich wollte zeigen, wie erkrankte Menschen von der Gesellschaft behandelt, wie sie von ihren Familien verstoßen und allein gelassen werden. Das soziale Stigma, die schlechte Bildung vieler Erkrankter und das Missmanagement der früheren Militärregierung sind Gründe für die Isolation der Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Hospiz die Menschen aus dieser Isolation befreien?

Sagolj: Das Hospiz ist sehr einfach, es bietet eine Grundversorgung. Die Menschen liegen auf Matten auf dem Boden, an den Bambuswänden hängen Bilder von Aung San Suu Kyi. Zwar kommen regelmäßig Ärzte vorbei und geben den Kranken Medikamente, aber kochen und saubermachen müssen die Patienten selbst. Einige Ehrenamtliche helfen ihnen dabei. Trotz allem: Aus dem ganzen Land kommen Patienten. Einige von ihnen werden aus Krankenhäusern geschickt, andere von Verwandten gebracht - und einige kommen ganz allein dorthin. Von 2010 bis 2011 hat sich die Zahl der Patienten in dem Hospiz verdoppelt.

SPIEGEL ONLINE: Es ist sicher nicht leicht für die Patienten, Fremde an ihrem Schicksal teilhaben zu lassen. Wie wurden Sie aufgenommen?

Sagolj: Die Patienten - und die Freiwilligen - sind sehr offen und freundlich. Sie waren sehr viel herzlicher, als ich es an solch einem düsteren Ort erwartet hätte.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine Situation, die Sie besonders berührt hat?

Sagolj: Der berührendste Moment war, als ich eine Frau und ein Kind sah, die sich an der Hand hielten. Die beiden sind nicht miteinander verwandt - sie verbindet, dass beide alles verloren haben. Die Eltern der zweijährigen Kamana sind an Aids gestorben, die 42-jährige Jam wurde von ihrer Familie verstoßen. Sie hat sich vermutlich an der verschmutzten Nadel eines selbsternannten Mediziners in ihrem Dorf infiziert. Nach dem Ausbruch der Krankheit brachte ihr Mann sie ins Hospiz, fünf ihrer sechs Kinder meiden jeden Kontakt mit ihr. Jam ist so abgemagert und schwach, dass sie kaum gehen oder sprechen kann. Sie isst nicht, und die Medikamente, die ihr verabreicht werden, schlagen kaum an. Kamana ist Jams einziger Lichtblick.

SPIEGEL ONLINE: Es klingt nicht so, als seien solche Schicksale eine Ausnahme.

Sagolj: Nein, ganz im Gegenteil. Geschichten wie die von Jam sind durchaus Alltag in Burma. Eine ehrenamtliche Helferin in dem Hospiz schilderte den Fall eines Aids-Kranken, den seine Dorfgemeinde verhungern ließ. Als der Mann im Koma lag, soll er verbrannt worden sein.

SPIEGEL ONLINE: Burma wurde jahrelang von einer Militärjunta regiert, es gab internationale Sanktionen gegen das Land. Gibt es überhaupt eine flächendeckende Versorgung mit Medikamenten?

Sagolj: Medikamente gegen HIV sind ein großes Thema in Burma. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen bekommen rund 85.000 HIV-Infizierte dort keine Behandlungen, weil es an Geld fehlt - obwohl seit der Öffnung des Landes viel internationale Hilfe kommt. Mediziner in Burma werfen der ehemaligen Militärregierung vor, die Krankheit weitgehend ignoriert zu haben, als sie sich in den neunziger Jahren auszubreiten begann. Trotz der nun veränderten politischen Lage ist die Situation der Patienten weiterhin verheerend, einige Experten gehen aufgrund mangelnder finanzieller Mittel sogar von einer Verschlechterung aus. Unter anderem musste die in Genf ansässige Organisation Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria aufgrund sinkender Spenden ihre Unterstützung weltweit zurückfahren. Das soll in Burma die Medikamentenversorgung für rund 46.500 Menschen betreffen.

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1. Die GI's und Sextouristen haben die Gegendd verseucht!
calunga 17.06.2012
Zuerst waren es die GI's, die während des Vietnamkrieges in Thailand Urlaub machten und die Thaifrauen verseuchten. Später kamen die Sextouristen, aus USA, Europa und zuletzt aus Russland. Besonders Pädofiele und Sextouristen entdeckten dann später Burma und verseuchten das Land. Die Plage HIV wird durch Kondomverbot durch die RKK schön geredet!
2.
weitergereist 17.06.2012
Zitat von calungaZuerst waren es die GI's, die während des Vietnamkrieges in Thailand Urlaub machten und die Thaifrauen verseuchten. Später kamen die Sextouristen, aus USA, Europa und zuletzt aus Russland. Besonders Pädofiele und Sextouristen entdeckten dann später Burma und verseuchten das Land. Die Plage HIV wird durch Kondomverbot durch die RKK schön geredet!
"Das Gesundheitsministerium hat [...] bekanntgegeben, dass seit Ausbruch der HIV-Epidemie im Jahre 1984 ca. 1.100.000 Menschen in Thailand mit HIV/AIDS infiziert wurden, von denen inzwischen etwa 600.000 gestorben sind." So gesehen liegt Myanmar (noch) zurück. Hier kann man der RKK mal nicht die Schuld geben...es mangelt allein an Bildung!
3. ???
eduardschulz 17.06.2012
Zitat von calungaZuerst waren es die GI's, die während des Vietnamkrieges in Thailand Urlaub machten und die Thaifrauen verseuchten. Später kamen die Sextouristen, aus USA, Europa und zuletzt aus Russland. Besonders Pädofiele und Sextouristen entdeckten dann später Burma und verseuchten das Land. Die Plage HIV wird durch Kondomverbot durch die RKK schön geredet!
1,04 Prozent der Einwohner dieses Landes bekennen sich zum Katholizismus. Versuchen Sie es einfach noch einmal.
4. Wer hat es erfunden? Die Thais alleine!
Altesocke 18.06.2012
Zitat von calungaZuerst waren es die GI's, die während des Vietnamkrieges in Thailand Urlaub machten und die Thaifrauen verseuchten. Später kamen die Sextouristen, aus USA, Europa und zuletzt aus Russland. Besonders Pädofiele und Sextouristen entdeckten dann später Burma und verseuchten das Land. Die Plage HIV wird durch Kondomverbot durch die RKK schön geredet!
Sie vergessen die Malayen! Die waren ueber Jahrzehnte die groesste Volksgruppe, die Touristen (Tagestouris im Sueden, auf Stippvisite) nach Thailand 'entsand' hat. Und 'ohne Condom' ist auch fuer die Thai Maenner 'usus', da braucht es keine Amis und Sextouristen. Im uebrigen gilt der Sextrieb des Mannes in Thailand als unkontrollierbar. Falls mal jemand eine neue Ausrede braucht! ;-] ---Zitat--- Im Nachbarland Thailand, dessen Bevölkerung nur wenig größer ist, sind zwar ungefähr doppelt so viele Menschen mit HIV infiziert. ---Zitatende--- Inoffizielle Zahlen gehen akut von ueber 2 Millionen Thais mit HIV-Virus aus. Thailand hat sich nicht 'umsonst' mit den Amis angelegt, Aids-Patente fuer null und nichtig erklaert, und fuer Eigenbedarf selber produziert, um ihre Aids-Kranken laenger ueberleben zu lassen. Nebenbei: Die Amis haben im Vietnam Krieg eine vorhandene Prostitutions-Struktur in Thailand genutzt. Bis vor 1xx Jahren hiessen alle Prostituierten mit extra Vornamen 'Kim', und waren zumeist chinesischer Abstammung. Das Prinzip der Mia Noi (Frau klein/Zweitfrau) ist Jahrhunderte alt und akzeptiert. Ebenso die 'Gig's' (Zumeist junge Maedels, gerne studierend, auf Abruf gegen Vorteilsannahme- Appartment, Mobiles, Autos,...- zu Sex bereit). Fuer ueberwiegend aeltere, weil solvente, Maenner. Und in Pattaya wurde dieses System von den Amis, zur Vereinfachung, etwas zentriert. Die Maedels haben nicht erst angefangen, fuer Geld zu bumsen, als die Amis bezahlen wollten. Ab dem Moment haben sie angefangen, damit Geld zu verdienen. Mit einem Kunden am Tag mehr, als mit 5 oder xx Einheimischen! Ist auch jetzt noch so. In Thai Areas bezahlen Thaimaenner ab 200 Baht (5 €), Farangs/Nicht-Thais bekommen 'Special Price', 400 oder 500 dort. Sollte man aber nicht unbedingt hingehen, aus gesundheitlichen Gruenden, halt! Mit Nicht Thais (Farangs und Asiaten oder Black) wird wird im Schnitt ab dem 5fachen 'Thai'Preis angefangen. Mittlerweile werden durchgaengig, in Touri Regionen ausserhalb Pattayas, 2k angefragt. Je aelter, desto mehr, je Asiate, desto mehr, je Black, desto viel mehr, je mehr US-Soldier, desto teuer.
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Fläche: 676.552 km²

Bevölkerung: 47,963 Mio.

Hauptstadt: Naypyidaw

Staatsoberhaupt: Thein Sein

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Zur Person
  • Damir Sagolj, geboren 1971 in Sarajevo, arbeitet seit 1997 bei der Nachrichtenagentur Reuters als Fotograf. Er war unter anderem im Balkan, im Mittleren Osten und Amerika im Einsatz und ist zurzeit Fotograf in Thailand.
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