Fotos vom US-Kunstfestival Burning Man Die Wüste brennt

Zehntausende treffen sich jeden Sommer in der Wüste Nevadas zum Festival Burning Man. Der Fotograf NK Guy dokumentiert das Treiben seit 16 Jahren. Jetzt erscheinen seine spektakulären Aufnahmen als Bildband.

NK Guy/ TASCHEN

Von , New York


Sein erstes Mal war "sinnlicher Overkill". Wie so viele Novizen kam auch der kanadische Fotograf NK Guy erst mal ziemlich ahnungslos in der Wüste Nevadas an. Eine Zweitagesreise hatte er hinter sich, 1200 Kilometer im Mietwagen, von der Küste in eine der unwirtlichsten Gegenden der westlichen Hemisphäre: die Black Rock Desert.

September 1998: Das alljährliche US-Wüstenfestival Burning Man, ein Bacchanal aus Kunst, Klamauk und Kuriosa, hatte längst einen legendären Ruf. Für Guy aber war alles neu, und das "Chaos und die fremdartige Magie" überwältigten ihn schnell. Proviantmäßig war er zwar halbwegs gerüstet, hatte sogar zu viel Trinkwasser dabei. Doch der Ansturm auf seine Sinne traf ihn völlig unvorbereitet.

So geht es fast jedem, der sich unbedarft zum Burning Man wagt. Spektakuläre Do-it-Yourself-Monumentalkunst, schrille Kostüme, fantastische Fahrzeuge, dazwischen immer wieder Schrott - und zum Finale ein Scheiterhaufen für The Man, einen gigantischen Holzgötzen: Eine Woche in Black Rock City, einer experimentellen Karavan-Kommune in der Marslandschaft Nevadas, die ebenso schnell verschwindet, wie sie aus dem Staub wächst, kann Leben verändern.

"Doch dann wurde es etwas viel Größeres"

Auch für NK Guy, der anfangs nur seine "Dosis alternativer Subkultur" gesucht hatte. Mit Ausnahme von 2005, als er nach London umzog, hat es ihn seither jedes Jahr zum Burning Man getrieben, allen Sandstürmen und nächtlichen Regengüssen zum Trotz.

Mehr als 65.000 Fotos sind dabei zusammengekommen. Erst waren es "Touristen-Schnappschüsse", wie Guy sie lachend nennt. Schließlich aber entstand so ein immenses Archiv vorübergehender, flüchtiger, einmaliger Kunst - verewigt in seinem neuen Buch "Art of Burning Man" (Taschen Verlag).

"Was für eine Gelegenheit für einen Fotografen!", sagt Guy. "Wann kann man schon vor einer explodierenden fliegenden Untertasse stehen?" Das war 2011, als "The Man" auf einem riesigen Sockel aus Holzlatten montiert war - eine schließlich hell lodernde Schüssel.

"Ich kam für eine Party, doch dann wurde es teilweise etwas viel Größeres", schreibt im Vorwort des Bildbandes der Bildhauer David Best, ein Burning-Man-Veteran, der dort seit 15 Jahren hölzerne "Tempel" errichtet.

Aus ein paar Hundert sind mehr als 68.000 geworden

Denn Burning Man - dieses Jahr ab 30. August - ist nicht nur für Künstler. Hippies, Hacker, Punker, Rocker, Glamour-Gays, Nudisten und Party-People tummeln sich dort ebenso wie die "ergrauten Greise" (Guy), die von Anfang an dabei waren, als The Man 1986 noch zur Sonnenwende am Baker Beach im Schatten der Golden Gate Bridge brannte. Die Veteranen bilden jetzt das erfahrene Festival-Management.

Denn Management ist nötig geworden. Aus den ersten paar Hundert, die ab 1990 in die Wüste pilgerten, sind zuletzt mehr als 68.000 "Burners" geworden.

Ein logistischer Albtraum, aus dem strikte Regeln erwachsen sind, Prinzipien genannt. So muss zum Beispiel jeder seinen Müll wieder mitnehmen. Im inneren Zirkel herrscht heute ein Fahrverbot. Und es gibt eine Lotterie für Tickets, die dieses Jahr 390 Dollar pro Person kosten oder 800 Dollar im Vorverkauf. All das gehe zu Lasten des ursprünglichen Festivalgedankens, monieren manche.

Das Happening sei zur Klassengesellschaft mutiert, kritisieren einige, vereinnahmt von Silicon-Valley-Millionären, die ein paar Tage lang so täten, als seien sie von allem Materiellen befreite Geister. Kunst oder Kommerz, die uralte Frage erreichte so auch die Wüste.

Nicht zuletzt deshalb will Guy dieses Jahr mal Pause machen: "Von London aus ist es ein bisschen teuer." Aber er hat ja seine Bilder.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
pedepablo 17.08.2015
1. Kommerz
ja wie es leider so ist (bei uns auch) das immer mehr Menschen auf solche Festivals gehen bzw. wollen, sich aber null damit identifizieren usw. und es so viel kaputt macht :( deswegen gehe ich nurnoch auf unbekannte minifestivals da ist alles noch eine Familie
Minster 17.08.2015
2.
Alles was groß wird, wird irgendwann kommerziell. Das ist nicht mal was schlimmes, nur manche Menschen sind eben der Meinung das man sich damit der Gesellschaft offenbart. Allerdings sollten diese Spaßvögel überlegen was für die Veranstalter jährlich an Kosten aufkommen um dieses Event aufleben zu lassen. Nicht nur das Währung wird immer "teurer", sondern auch die Müllkosten, Wasserkosten, die Gesetzte des Bundestaates werden schärfer, die Auflagen der Behörden größer und und und - wer letztes Jahr den Livestream vom Burning Man geschaut hat, kann das sogar als Wunder bezeichnen, denn normalerweise gibst dort kein Handynetz. Genauso wie Strom und Wasser. Alles muss dort aufgebaut und funktionstüchtig sein für 8 Tage (!!!) Party. Außerdem ist egal wie viel es kostet. Festivals wie Burning Man hat genug Interessenten die da hin wollen, aber eben nicht zu den Glücklichen 68.000 Ticket"gewinnern" zählt. Genauso wie mit Tomorrowland oder Wacken. Insofern: Ich hoffe solche Festivals gibst noch sehr lange. Burning Man steht auf meiner "Must see" Liste. Aber ich bin längst kein Millionär oder Silicon Valley Bewohner um mir den Spaß mal eben gönnen zu können. ;)
Fantail 17.08.2015
3.
Nachdem mir letztes Jahr - am Eroeffnungstag des Burning Man, von dem ich damals noch nichts wusste - noerdlich vom Pyramid Lake in Nevada Tausende Fahrzeuge entgegenkamen (immerhin mitten im Nirgendwo) fragte ich mich verwundert, was die alle dort wollten. Dieses Jahr hatte ich nochmals die Gelegenheit, in meinem RV zum Pyramid Lake zu fahren, und weil ich schon mal da war, fuhren wir auch noch hoch zur Black Rock Desert. Der Untergrund war fest und eben, sodass ich mein 6t-Vehikel weit in die Wueste fahren konnte, um dort zu Uebernachten. Es ist einfach unbeschreiblich dort - und jetzt verstehe ich auch endlich, warum der Burning Man genau in dieser Wueste stattfindet: Pure Magic! :-)
coolpool 17.08.2015
4. Burning Man lebt, veraendert und entwickelt sich
Burning Man lebt, veraendert und entwickelt sich. und die wichtigste bemerkung ist, dass es eben kein msuikfestival, sondern viel mehr in die 'kunst und kultur' richtung geht. hoert sich komisch an, aber burning man istt viel, viel mehr als tomorrowland oder wacken oder... ich koennte einen langen aufsatz darueber schreiben, bzw. das tue ich gerade, weil ich als fotograf im september eine grosse foto ausstellung in miami zu dem thema habe. wer kommen will bitte melden, ;). und wenn ich mir den kommentar zum artikel erlauben darf - als fotograf der seit 2004 zu burning man faehrt - das stimmt so nicht: "eine Lotterie für Tickets, die dieses Jahr 390 Dollar pro Person kosten oder 800 Dollar im Vorverkauf" - die 390$ tickets werden NICHT per lotterie vergeben, sondern an einem vorbestimmten tag als 'first come, first served' online verkauft (es ist zugegebermassen schwierig dranzukommen, tickets sind de facto in 2 minuten ausverkauft) - die 800$ preise (oder inzwischen sogar teurer) werden auf ebay (oder dem ticket portal stubhub) von wiedeverakeufern (und entgegen saemtlichen burning man regeln, prinzipien und ethos) angeboten und verkauft - also nicht wie der artikel-autor schreibt "im vorverkauf". ansonsten (als jemand der auch ein foto buch zu burning man verlegt hat, im US amazon zu haben), die besten bilder gibt's hier: www.TomasLoewy.com/bm/slideshow wirklich: click, lean back and enjoy. am 30.8.2015 fliege ich wieder hin, zu meinem 12ten burning man. und nach 2016, (also meinem dann 13ten) gibt's ein neues 'Radical Burning Desert' buch - und den film dazu.
dbrown 17.08.2015
5. DIe Bilder
sind schon geil, die einzelnen Installationen sicher auch, aber ob ich da wirklich hin muß? Schwer planbar, da Lotterie. Und mittlerweile eindeutig zu viele Menschen. Dann lieber mal 'außerhalb der Saison' hin und die Gegend genießen. Und die Ruhe. :-)
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