Casting zum Global Fashion Festival "Wir suchen coole Kleiderständer"

So haben sich die Mädchen das Casting wohl nicht vorgestellt: Sie sollen still sein, nur "Danke" sagen, nicht nerven. Der Modeltrainer kommandiert im harschen Ton - und rät Schlanken zum Abnehmen. So werden die Nachwuchsmodels für das Global Fashion Festival ausgesucht.


Berlin - "Was ist, schläfst Du ein? Mach mal mehr Dampf! Du sollst doch hier einfach nur durchlaufen." Lara bewegt sich unsicher auf den zehn Zentimeter hohen Absätzen ihrer Riemchensandaletten. Auf dem Marmorboden hat sie damit keinen guten Halt. Sie war schon während der Hinfahrt von Warschau nervös. Die Zurufe und die rhythmische Elektromusik aus dem Nebenraum machen es ihr nicht einfacher.

Mehr als 5000 Mädchen haben sich bereits für das Model-Casting zum Global Fashion Festival 2007 beworben, das vom 17. bis 19. August auf dem Berliner Kurfürstendamm stattfindet. Organisiert wird es von Berlin City Eventmanagement (B.C.E.M.). Wer sich für den Laufsteg qualifiziert, wird in die agentureigene Modelkartei aufgenommen. Rund hundert junge Frauen waren zum Casting am Freitag geladen worden. Jetzt sitzen sie vor dem Eingang des "Showroom Amft" in Berlin-Mitte und warten ungeduldig auf ihren kurzen Auftritt.

1,78 Meter, 59 Kilogramm: "Du musst abnehmen"

Im Warteraum werden sie von Peggy Rockteschel, der Geschäftsführerin der B.C.E.M., auf ihre Aufgabe vorbereitet: "Das Wichtigste ist, dass ihr alles macht, was Torsten euch sagt, und keine Fragen stellt", erklärt die 32-Jährige. Die Mädchen nicken und fragen nicht nach. Torsten Amft ist der Modelcoach, er prüft, ob die Kandidatinnen "laufen können", nimmt ihre Maße und füllt ihre Modelkarte aus. Amft sucht keinen bestimmten Frauentyp. "Es kommt auf die Gesamterscheinung an, gar nicht so sehr auf Schönheit."

Franziska ist 1,78 Meter groß und wiegt 59 Kilogramm. "Wenn du hier erfolgreich sein willst, musst du abnehmen, je drei Zentimeter an Hüfte und Po", sagt Amft. "Ich weiß gar nicht, wie ich noch abnehmen soll", wundert sich die Dessauerin, "mir sagen immer alle, ich sei zu dünn und müsse zunehmen." Aber: Beim Modeln sei nicht das Gewicht ausschlaggebend, sondern die Proportionierung des Körpers, erklärt der Coach.

Eigentlich wolle die 19-Jährige gar nicht unbedingt Model werden. "Nach meinem Abi wollte ich Design studieren, bin aber durch die Aufnahmeprüfung gefallen." Auch Plan B, die Bewerbung als Veranstaltungskauffrau, scheiterte. Jetzt hat sie drei Monate frei und will ein bisschen Geld verdienen. Das brauche sie dringend. "Ich bin nämlich kaufsüchtig", sagt Franziska.

100 Euro hätten die knappe Hot-Pants aus Jeansstoff gekostet, 50 Euro das hautenge, halbtransparente Oberteil. Sie kann verstehen, sagt Franziska, warum so viele Mädchen Model werden wollen. "Das hat mit unserem Schönheitsideal zu tun. Man möchte eben perfekt sein, um begehrt zu werden."

Die Bewerberinnen geben sich alle Mühe, perfekt zu sein. Da klappert es im Wartebereich von Pfennigabsätzen und Taschenspiegeln, aufgeregt wird der Sitz des Push-Up-BHs überprüft. Erst beim Probelaufen werden die Kandidatinnen ganz still, in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Jury, die keine vorlauten Fragen mag.

Lehrstunde über den Modelkodex

"Das Wichtigste ist, dass es nicht nervt", erläutert Model-Coach und einziges Jurymitglied Amft die Eigenschaften eines guten Models.

Der 35-Jährige hat früher selbst gemodelt, kennt die Branche und kann viel über sie erzählen. Wer eigene Vorstellungen habe oder gar egozentrisch sei, fliege ohnehin bald wieder raus. "Wir brauchen coole Kleiderständer", fasst er seine Anforderungen an den Traumberuf zusammen. Natürlich sollen die Mädchen auch intelligent sein. "Aber intelligente Menschen sind ja häufig die ruhigsten."

Unabdingbar seien auch ein gesundes Äußeres, Kritikfähigkeit und Geduld, so Amft. Das Model Vera Gafron, das bereits für Lacroix gelaufen ist, besitze alle diese Voraussetzungen für eine internationale Karriere. Die 21-Jährige assistiert bei der Auswahl der Nachwuchsmodels, zeigt ihnen, wie sie auf und ab laufen sollen und bringt Amft frischen Kaffee.

Katharina, die nächste Anwärterin, legt Amft ihr "Modelbuch" vor, ein Fotoalbum mit großformatigen Bildern. "Das hier ist dein bestes Bild", sagt Amft fachmännisch und deutet auf ein Portrait in Schwarz-Weiß. "Aber der Ausschnitt ist schlecht gewählt." Den habe ihre vorherige Agentur so ausgesucht, verteidigt sich die junge Frau.

Amft wird ungeduldig. "Wenn ich dir einen Tipp gebe, dann bedankst du dich und entschuldigst dich nicht umständlich", weist er sie im Sinne seines Modelkodex zurecht. Katharina sagt brav "Danke".

Ariane Breyer, ddp



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