Chai Time Ein echter Mann trägt Pelz

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn sein Gesichtshaar ordentlich sprießt - das denken zumindest viele Südasiaten. Bei manchen ist der Schnauzer Pflicht, bei anderen muss die Kinnmähne sogar bis zur Brust reichen. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim über eine haarige Angelegenheit.

REUTERS

Kürzlich, vor einem Besuch von, sagen wir mal, etwas konservativeren Herren im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, ließ ich mir einen Bart wachsen. Alte Regel: Äußerliche Anpassung hilft beim Überwinden kultureller Hürden. Dank dieser Erkenntnis sieht man gelegentlich sogar blässliche Journalisten mit rotblondem Flaum auf den Wangen durch den Hindukusch schnaufen. Was das nützen soll? Keine Ahnung.

Ich dagegen glaubte, ich sähe aus wie ein Mullah, nur weil ich mich zwei, drei Wochen lang nicht rasiert hatte - um mich in der Welt bärtiger Männer zu bewegen. Das Problem ist nur: Es dauert verdammt lange, bis so ein Bart die richtige Länge hat, um wirklich hilfreich zu sein.

Der Taliban-Kommandeur mit tiefschwarzem Gesichtshaar bis zur Brust lächelte mitleidig. "Für Ihr Alter ist Ihr Bart aber sehr kurz", sagte er. Mit anderen Worten: Er hatte mich durchschaut, er wusste, dass ich normalerweise keinen Bart trage.

Zottelig oder kantig? Wildwuchs oder Zierhecke?

Ich unterhielt mich mit ihm über den "richtigen" Bart: "Er muss wachsen, wie der liebe Gott ihn wachsen lässt", sagte er. Nicht einmal die Kanten begradigen? "Um Himmels willen!" Ein muslimischer Gelehrter sagte mir dagegen, man müsse einen Bart stutzen und pflegen. "Als Ehrbezeugung gegenüber Gott."

Ja, was denn nun? Zottelig oder kantig? Wildwuchs oder Zierhecke? Selbst bei der Frage nach dem angemessenen Bart kriegen sie sich in die Haare. Da steht man nun mit seinem Pelz im Gesicht und weiß nicht weiter.

Die Begründung für den Vollbart, in welcher Form auch immer, lautet jedenfalls: Der Prophet Mohammed trug einen. Manche glauben, er habe sich lediglich die Haare über der Oberlippe rasiert - sie tun es ihm nach. Man begegnet also häufig Leuten, die aussehen wie Hamburger Seeleute oder Erhard Eppler.

Im Westen galt der Vollbart mal als sexy, dann als Ausdruck alternativen Denkens, zeitweise einfach nur als eklig. Moderedakteure schreiben, im Moment gelte er wieder als chic, aber natürlich nicht in zu langer Form. Der Bart - ein Accessoire.

Schnurrbartvielfalt lässt einen verzweifeln

Im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan dagegen ist er schon seit Menschengedenken eine Selbstverständlichkeit, eine Notwendigkeit, ein Ausdruck von Männlichkeit. Er gehört dazu wie das Steuersenkungsversprechen zur FDP. Bis heute zieht niemand im Land der Paschtunen größeren Spott auf sich als ein Mann ohne Bartwuchs. Ostasiaten sollten sich allein deshalb lieber fernhalten.

Im Rest Südasiens ist es komplizierter. Ein Vollbart kann religiöses, politisches Statement sein. Nicht nur konservative Muslime, auch Sikhs rasieren sich nicht - ihre Religion verbietet es ihnen, jegliches Haar zu schneiden. Gelegentlich sieht man deshalb Männer, die ihren Bart in ein Netz gewickelt haben.

"Warum lässt du dir einen Bart wachsen?", fragte mich neulich ein eher westlich orientierter junger Pakistaner in Islamabad. "Fährst du wieder zu den Taliban?" Manche sind skeptischer: "Du sympathisierst doch wohl nicht mit den Ultras?"

Ganz ohne Haare im Gesicht geht es in Südasien aber nicht. Wo kein Vollbart, dort ist Schnurrbart Pflicht. Ohne fühlt man sich nackt, gilt als irgendwie verwestlicht, verweichlicht gar. Doch die Vielfalt lässt einen verzweifeln: Muss es ein kräftiger Busch sein, Modell Günter Grass (sehr verbreitet), genügt womöglich ein quadratisches Ding (sieht man häufig), oder muss da zwirbelfähiges Material sein, so dass die Pracht auch von hinten zu sehen ist (vor allem bei Unteroffizieren der indischen und pakistanischen Armee beliebt, offensichtlich ein Instrument gegenseitiger Abschreckung)? Wie steht's mit einem dünnen Strich unter der Nase?

Die Hersteller künstlicher Bärte sind leider noch nicht so weit, dass sie wirklich echt aussehende Modelle für jede Gelegenheit anbieten. Daher mein Tipp für Männer, die nach Südasien reisen wollen: Vollbart wachsen lassen und je nach Situation stückweise wegrasieren.



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39 Leserkommentare
krackel 22.10.2011
rudolf_mendt 22.10.2011
derUser 22.10.2011
SirJazz 22.10.2011
enigma2.0 22.10.2011
Hubert Rudnick 22.10.2011
furzinsbettbiskracht 22.10.2011
senfwassertrinkender 22.10.2011
Haio Forler 22.10.2011
virtualtom 22.10.2011
anomie 22.10.2011
marvinw 22.10.2011
no_panic 22.10.2011
swabawath 22.10.2011
richman2 22.10.2011
Ingmar E. 22.10.2011
Trondesson 23.10.2011
Ingmar E. 23.10.2011
wetnoodle 23.10.2011
kritischer.blick 23.10.2011
annalüse 23.10.2011
marypastor 23.10.2011
Altesocke 23.10.2011
Altesocke 23.10.2011
eltoubib 23.10.2011
hansh. 23.10.2011
Kuppelbauer 23.10.2011
Hubert Rudnick 23.10.2011
zorga 23.10.2011
cadaquesien 23.10.2011
Altesocke 23.10.2011
Altesocke 23.10.2011
kaksi 23.10.2011
Cinnamon 28.10.2011
Schorse3 26.09.2012
gestandeneFrau 26.09.2012
gestandeneFrau 26.09.2012
gestandeneFrau 26.09.2012
Gerdd 16.05.2013

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