Anschlag auf "Charlie Hebdo" Für die Freiheit zu spotten

Charb, Cabu, Wolinsiki und Tignous: Die vier Zeichner waren Herz und Seele des Satriemagazins "Charlie Hebdo". Sie und acht weitere Menschen starben bei dem Anschlag auf die Redaktion in Paris. In ganz Frankreich gedenken ihrer Tausende.

Aus Paris berichtet


Der Platz der Republik in Paris ist riesig, doch an diesem Mittwochabend ist kein Durchkommen mehr. Bis in die Metro-Eingänge zurück stauen sich die Menschen. Sie sind alle spontan zusammengekommen, um ein Zeichen zu setzen, wie in vielen anderen Städten Frankreichs. "Charlie! Charlie! Charlie!" ertönt es über den Platz der Republik und: "Hab keine Angst! Hab keine Angst!"

Manche haben Karikaturen der bekannten französischen Satirezeitschrift dabei. "Liebe ist stärker als Hass", sagt eine und zeigt einen strenggläubigen Muslim beim innigen Kuss mit einem Zeichner von "Charlie Hebdo". Beiden läuft die Spucke über die Wangen.

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Gedenken der 100.000: "Hab keine Angst"

"Man kann über die Karikaturen anderer Meinung sein, aber es kann nicht sein, dass Meinungsunterschiede in Blutvergießen enden", sagt die 78-jährige Journalistin Caroline Alexander. Sie hat einen Stift in der Hand und streckt ihn in den Himmel. "Ich bin Teil der 68er-Generation wie Georges Wolinski - wir haben für liberale Werte gekämpft, und wir werden sie uns nicht wegnehmen lassen." Wolinski, 80, war einer der Karikaturisten, der erschossen wurde.

"Lieber aufrecht sterben als kniend leben"

Die Zeichner waren Herz und Seele von "Charlie Hebdo". Vor allem Stéphane Charbonnier, den in Frankreich jeder nur Charb nennt. Wie kein anderer stand er für die Freiheit zu spotten und zu polarisieren. Seit Charb vor fünfeinhalb Jahren die Leitung der viel gelesenen Satirezeitschrift übernommen hatte, prägte er den Ton. Besonders gern nahm er Islamisten aufs Korn. Der 47-Jährige stand deswegen unter Polizeischutz. Unter den Toten soll auch sein Personenschützer sein.

"Ich werde lieber aufrecht sterben als kniend zu leben", sagte Charb der Zeitung "Le Monde" in einem Interview vor zwei Jahren. Damals war gerade ein Anschlag mit einer Brandbombe auf "Charlie Hebdo" verübt worden, nachdem das Magazin Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte. Prompt ließ Charb eine Spezialausgabe über das Leben des muslimischen Propheten vorbereiten. Sie war nach wenigen Stunden ausverkauft.

Die Star-Zeichner von "Charlie Hebdo" prägten die politischen Debatten Frankreichs. Ihre Spuren fanden sich weit über die Satirezeitschrift hinaus. Sie zeichneten auch für andere Zeitungen und Zeitschriften - Wolinski und Charb oft für die Zeitung "Humanité", die der kommunistischen Partei nahesteht.

"Wir müssen unsere Freiheit verteidigen"

Charb war im linken Lager Frankreichs nicht unumstritten. Manche betrachteten ihn als islamophob. Doch auch seine Kritiker stehen am Mittwochabend auf dem Platz der Republik. Solche Meinungsunterschiede sind nun zweitrangig: Es geht um das Recht darauf, sie zu haben.

Mit ihm starb auch "Cabu", wie der 76-jährige Jean Cabut seine Karikaturen signierte. Sein politischer Spott hat mehrere Generationen von Franzosen begleitet. Die besten seiner Werke sind in mehreren Büchern erschienen. Er gehörte wie Wolinski zu den Zeichnern, die schon Jahrzehnte lang für "Charlie Hebdo" arbeiteten. Zudem wurde auch der Karikaturist Tignous, der eigentlich Bernard Verlhac heißt, erschossen. Er zeichnete manchmal auch für die Zeitung "Le Monde" und die Zeitschrift "Le Nouvel Observateur". Die Namen der weiteren Getöteten wurden noch nicht veröffentlicht.

Charb, Cabu, Wolinsiki und Tignous - vor allem Charb - sie waren "Charlie Hebdo", sagt der 59-jährige Philibert Demory auf dem Platz der Republik in Paris. "Eine ganze Zeitschrift, eine Stimme, wurde heute ermordet." Wie so viele ist er gleich nach der Arbeit zu der Spontandemonstration gekommen. "Dieser Anschlag hat ein ganzes Volk getroffen. Wir müssen unsere Freiheit verteidigen."

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