Soziale Ungleichheit in Chicago Eine Straße, zwei Welten

Die Sedgwick Street teilt in Chicago arm und reich, schwarze und weiße Anwohner. Eine Frau mag sich damit nicht abfinden. Sie will ihre Nachbarn mit einem Kunststudio zusammenbringen.

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Der eine Junge krempelt sein Hosenbein hoch, um eine Narbe zu zeigen. Die, sagt er, sei durch eine Kugel entstanden, die seine Wade durchbohrt habe. Der andere Junge starrt entsetzt auf das Bein seines Freundes. Er kann nicht glauben, dass das jemandem passiert ist, so nah an seinem Zuhause.

Eigentlich wird das Leben der Jungs nur durch eine Straße in Chicago getrennt. Und doch sind beide in verschiedenen Welten zu Hause.

Der Junge mit der Schusswunde ist schwarz, sein schockierter Freund weiß. Beide gehen auf verschiedene Schulen in Chicago, der eine auf eine öffentliche, der andere auf eine Privatschule. Sie haben auch sonst keine Berührungspunkte miteinander - bis auf die Sedgwick Street, die ihre Viertel und ihre Lebenswelten trennt. Dort hat sich die Fotografin Martha Irvine für die Nachrichtenagentur AP umgesehen.

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Chicago: An der Sedgwick Street

Auf der Westseite der Straße stehen Sozialbauten, in denen hauptsächlich afroamerikanische Familien leben. Auf der Ostseite befinden sich Eigentumswohnungen und Luxushäuser, in denen meistens weiße Amerikaner wohnen. So wie Charlie Branda. Dass die beiden Jungs sich überhaupt unterhalten haben, ist ihr Verdienst.

Die 53-jährige Mutter und ehemalige Bankkauffrau hat zugesehen, wie andere die Straßenseite wechselten, wenn schwarze Familien ihnen entgegen kamen. Oder wie Leute den Spielplatz verließen, wenn afroamerikanische Kinder dort toben wollten. "So wie es ist, sollte es nicht sein", habe Branda sich gesagt, schreibt Irvine. Branda nahm sich vor, beide Seiten der Sedgwick Street zu verbinden - mit Kunst.

Die Idee dazu kam ihr, als ein junges Mädchen den Satz "Das würde ich gern tun, bevor ich sterbe: ……" mit dem Wort "Kunst" ergänzte. Nachdem Branda ihren Nachbarn von der Vision erzählt hatte, ein eigenes Kunstatelier zu eröffnen, fanden sich Unterstützer. Und im Oktober 2015 wurde das Sedgwick Studio eröffnet.

"Das sieht man heute sonst nirgendwo"

Zu Beginn wurde das Atelier zögerlich angenommen. Doch mit jeder Kunstklasse kamen mehr und mehr Interessenten. Eine der Teilnehmerinnen war Cory Stutts, die Direktorin der benachbarten Privatschule. Weil sie sich schämte, so wenig andere weiße Familien in den Kursen des Ateliers zu sehen, nahm sie die Sechstklässler ihrer Schule mit. Und brachte sie mit den meist afroamerikanischen Schülern der öffentlichen Schule zusammen.

Zuerst, dachte sich Stutts aus, sollten sich die Kinder über Fragen wie "Wovon träumst du?", "Denkst du über den Tod nach?" und "Hast du Angst?" kennenlernen.

"Eine Gruppe weißer Kinder spielt mit einer Gruppe schwarzer, das sieht man heute sonst nirgendwo", sagte Eric Evans, einer der teilnehmenden Schüler. Damit hat das Kunstprojekt im Sedgwick Studio dazu beigetragen, die Kluft der Sedgwick Street zu überwinden.

Wenn Branda heute über die Straße geht, schreibt Irvine, dann spüre sie auf beiden Seiten eine tiefe Liebe zu diesem Ort. "Sie können uns nicht mehr trennen", sagt sie dann.

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