Gefährliche Hunde Eine Liebe, die alles überlagert

Ein Hund beißt zwei Menschen tot. Hunderttausende unterschreiben eine Petition gegen seine Einschläferung. Die Liebe für den Terrier offenbart eine erstaunliche Kälte gegenüber seinen Opfern.

Staffordshire-Terrier-Mischling Chico
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Staffordshire-Terrier-Mischling Chico

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Am 26. Juni 2000 bissen zwei Kampfhunde in Hamburg einen Sechsjährigen tot. Volkan spielte in einem Park Fußball, als ihn ein Staffordshire-Terrier und ein Pitbull attackierten. Polizisten erschossen die Hunde, als es schon zu spät war.

48 Stunden hat es damals gedauert. Dann präsentierte Hamburgs Bürgermeister Ortwin Runde die "Verordnung zum Schutz vor gefährlichen Hunden". Kanzler Gerhard Schröder versprach umgehend, das Züchten, Importieren und Handeln mit Kampfhunden zu erschweren.

Und heute?

Nachdem ein Hund in Hannover zwei Menschen totgebissen hat, zogen 80 Demonstranten vor das Ordnungsamt. Für den Staffordshire-Terrier; gegen seine Einschläferung. "Free Chico", skandierten sie, als sei der Mischling ein politischer Gefangener. Chico Puigdemont quasi.

Mehr als 280.000 Menschen haben mittlerweile eine Petition gegen seine Einschläferung unterschrieben. Der Druck wurde so groß, dass die Stadt Hannover, die den Hund eigentlich einschläfern lassen wollte, von ihrem Plan abrückte. Vielleicht kommt er auf einen Gnadenhof.

Die Debatte ist verrutscht

Volkans Tod und Chicos Angriff sind unterschiedlich: In einem Fall starb ein Dritter, der mit dem Hund nichts zu tun hatte. Chico hingegen tötete seine Halter. Dennoch zeigt der Umgang mit den beiden Fällen, wie sehr sich die Debatte in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Die Debatte ist verrutscht - von einem Extrem ins andere.

Im Video: Hundepsychologie - Kontrollverlust am anderen Ende der Leine

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Es ist gut, dass die Öffentlichkeit genau betrachtet, welche Fehler die Halter gemacht haben; dass die Stadt Hannover dafür kritisiert wird, nichts getan zu haben, obwohl sie vor dem Hund gewarnt wurde; dass Politiker auf gesetzgeberische Schnellschüsse gegen bestimmte Hundearten wie im Jahr 2000 verzichten.

Klischee der gefährlichen Bestie

Ob manche Rassen gefährlicher sind als andere, ist ohnehin umstritten - das Klischee der gefährlichen Bestie hält sich trotzdem hartnäckig. Die Halter von Staffordshire-Terriern oder Pitbulls wehren sich zu Recht dagegen, dass ihr Tier in einen Topf geworfen wird mit scharf gemachten Viechern verantwortungsloser Typen.

Doch bei Chico geht es nicht nur um die Fehler seiner Halter. Er wird verteidigt - seinen Opfern werden Vorwürfe gemacht. Die Vorwürfe werden auf eine Weise formuliert, die einen erschaudern lässt.

Im Zuge der Berichterstattung zu dem Fall schrieb eine Leserin: "Die einzige Gefahr sind die Menschen. Man sollte lieber die Menschen einschläfern, die ihre Kinder, Partner und andere Menschen töten oder mutwillig verletzen."

Die Halter sind schuld

Die Halter sind schuld und sollten bestraft werden - dieser Gedanke findet sich vielfach, auch bei den Unterstützern der Petition. "Das Tier ist nicht schuld sondern diese Menschen!!!!", schrieb eine Nutzerin.

Aus diesen Sätzen spricht eine Liebe für den Hund, die alles andere überlagert - sogar Empathie für die Mitmenschen.

Die von Chico totgebissene Frau hat drei Töchter. Deren Anwalt beklagte, dass sich unzählige Menschen im Netz zu dem Fall äußerten, ohne die Fakten zu kennen. "Das hat Dimensionen angenommen, die die Hinterbliebenen sehr betroffen macht", zitiert ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Eine der Töchter hat ihre Angehörigen gefunden. Vom Balkon aus sah sie den leblosen Körper ihres Bruders. Für sie gibt es keine Petition, niemand geht auf die Straße, um zu fordern, dass lückenlos aufgeklärt wird, warum die Stadt Hannover den Warnhinweisen nicht nachging oder der Familie den Hund wegnahm. Wer zynisch ist, könnte jetzt sagen: Selbst schuld, die Frau hätte ihre Mutter ja dazu bringen können, den Hund wegzugeben.

insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
Buggybear 12.04.2018
1. Stimme zu...
Einfach um es zu ergänzen: der Hund muss nicht zur Strafe getötet werden, das wäre ja unsinnig. Der Hund muss getötet werden, weil er gefährlich ist. Alternativ könnte ihn ja einer der Protestierenden bei sich zuhause aufnehmen...
lachina 12.04.2018
2. Eine Katastrophe ist passiert....
nur wenn jetzt der Hund noch eingeschläfert wird, werden die Toten trotzdem nicht mehr lebendig. Wiedergutmachung ist unmöglich, bleiben Strafe und/oder Rache. Nur - Todesstrafe für einen Hund?
dr.eldontyrell 12.04.2018
3. Zum Nachdenken:
Mitglieder Kinderschutzbund: 50.000 Mitglieder Tierschutzbund: 800.000 Mehr muss man nicht sagen.
ffmfrankfurt 12.04.2018
4.
Was ist denn das für ein Blödsinn? Der Hund kann nichts dafür, dass er zwei Menschen tot gebissen hat. Es wurde falsch mit ihm umgegangen und es gab eine Übersprunghandlung. Oder gilt bei Ihnen Auge um Auge Zahn um Zahn? Dann auch bitte konsequent im Strafrecht so umsetzen.
kasulzke 12.04.2018
5. Natürlich
muss das Vieh eingeschläfert werden. Außerdem Zuchtverbot für bestimmte Rassen, die Missachtung des Leinenzwangs massiv und schmerzhaft bestrafen, und Hunde mit mehr als 20 cm Höhe nur mit Maulkorb in der Öffentlichkeit.
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