Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampagne der Sittenwächter: Chinas neue Angst vor Sex

Von , Peking

Neue Zensurmaßnahmen: Sex in China Fotos
China Film Group Corporation

China hat der Pornografie den Kampf angesagt, die Kampagne zeigt Nebenwirkungen: Behörden zensieren eifrig Filme und TV-Serien, Schwulenaktivisten fürchten Angriffe - und ein Sexualforscher wurde mit Kot beworfen.

Als die Kaiserin zurückkehrte, waren die Brüste plötzlich verschwunden. Ein Epos über die Herrscherin Wu Zetian ist das Fernsehereignis dieser Tage in China, doch nach der Premiere kurz vor Weihnachten schien die Serie plötzlich abgesetzt. Offiziell war von "technischen Problemen" die Rede. In den Medien machte allerdings schnell die Runde, woran es tatsächlich hakte: Die Zensoren störten sich an den freizügigen Dekolletés der Damen aus der Tang-Dynastie. "Die Brüste müssen kleiner werden", zitierten mehrere Blätter einen Insider.

Und siehe da: Als die Serie am Neujahrsabend auf die Bildschirme zurückkehrte, war von den üppigen Dekolletés nichts mehr zu sehen - wenn die fraglichen Frauen gezeigt wurden, reichten die Bildausschnitte plötzlich nur noch bis zum Hals.

Andere Körperteile gefährdeten wiederum die Premiere des aktuellen Blockbusters "Gone with the Bullets". Beim 3D-Kinofilm über das Shanghai der Zwanzigerjahre, der in letzter Minute noch mal in den Schnitt musste, erregten Nahaufnahmen von Beinen und Gesäßen in den Tanzszenen sowie "sexuelle Anspielungen" die Zensoren.

Sobald es in China derzeit um nackte Haut geht oder um Sex, wird es brisant. Seit dem Frühjahr fährt die Führung in Peking eine große Kampagne gegen Pornografie. Stolz wurde an Weihnachten vermeldet, man habe seitdem 15 Millionen "illegale Publikationen" gelöscht. Es geht nicht nur um Pornos: Ein tiefer Ausschnitt ist in den Augen eifriger Sittenwächter plötzlich ebenso verdächtig wie Wissenschaftler, die öffentlich über Sex oder - noch schlimmer - über Homosexualität sprechen.

Es geht um die Moral in China. Und die sehen staatliche Stellen ebenso wie konservative Vereine gefährdet. Deshalb verfügte die Zensurbehörde kürzlich, dass die allgegenwärtigen Videoportale in Serien und Filmen keine Szenen zeigen dürften, in denen es One-Night-Stands, Seitensprünge und sexuelle Anspielungen zu sehen gebe.

Beim Kampf gegen alles Fleischliche ist den staatlichen Sittenwächtern eine umtriebige private Anti-Pornografie-Website beigesprungen. Von sieben Frauen aus Nordchina gegründet, hat sie mithilfe von Freiwilligen nach eigenen Angaben bereits selbst mehr als 2000 Pornoseiten enttarnt. Sie warnen im Web vor Masturbation ("ungesund!") und vor "Predigern des Schwulseins". Und jetzt tragen sie ihren Kampf um eine "reinere Gesellschaft" auch immer öfter in die Offline-Welt.

Das bekam etwa der bekannteste Sexualforscher der Volksrepublik zu spüren. Als Professor Peng Xiaohui im November auf einem Sexologiekongress im südchinesischen Guangzhou sprach, beschimpfte ihn eine Frau mittleren Alters, er habe keinerlei Moral, dann bewarf sie den Wissenschaftler mit Kot.

Die Sittenwächter-Website bestritt umgehend, dafür verantwortlich zu sein. Doch Peng, einer von wenigen Sexualforschern in China, musste sich dort immer wieder als verkommen beschimpfen lassen. Auch die Attacke lobt die Website-Chefin Xia Haixin: "Er hat es verdient, mit Kot beschmiert zu werden."

Peng habe durch seine Ansichten zu Homosexualität Männer zu Schwulen gemacht und damit viele Familien ruiniert. Kurz darauf veröffentlichte ein anderer Sexualforscher eine Droh-E-Mail, die mit Xias Namen unterzeichnet war. "Wir haben Leute in deiner Stadt mobilisiert, die auch dich den Kot schmecken lassen, wenn du in der Öffentlichkeit bist", heißt es darin. Auch er habe viele Teenager verdorben.

Die Sittenwächterin dementiert, die E-Mail geschickt zu haben, dem Inhalt scheint sie aber beizupflichten. "Die Gedanken der Menschen könnten durch Sexologen vergiftet werden", sagte sie der staatsnahen Zeitung "Global Times". Auch der Leiter einer Schwulenberatung, Ah Qiang, wurde kürzlich offenbar von ihren Leuten bedroht. Er spricht von einer "Graswurzelbewegung, die außer Kontrolle geraten ist".

Wird Sex in China also wieder zum Tabuthema? Das ist kaum vorzustellen. Geredet wird über Sex in der Tat zwar kaum, genau deshalb erregen Sexualwissenschaftler solche Aufmerksamkeit. Doch die Gesellschaft ist in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren deutlich freizügiger geworden. In Chinas Städten finden sich alle paar hundert Meter "Erwachsenenläden" genannte Sexshops, es gibt volle Schwulenbars, auf Werbeplakaten wird sich lasziv geräkelt. Die offiziell verbotene Prostitution floriert, auch wenn sie sich oft hinter Fassaden von Friseur- und Massagegeschäften verstecken muss. Die Sittenwächter schieben all dies gern auf den Einfluss des dekadenten Westens.

Und so unterhält sich Sexologe Peng auch mit einem deutschen Journalisten - nur zitieren lassen will er sich dann nicht. Er fürchtet, dann wieder als Agent des Westens gebrandmarkt zu werden. Von den Sittenwächtern abschrecken lassen will er sich aber nicht. Der "South China Morning Post" sagte er: "Ich bin 58 Jahre alt und muss mich vor nichts fürchten." Allerdings glaubt er, "dass diese Art von Belästigungen gegenüber Sexologen eskalieren könnte". Die Aktivisten spürten "die unterstützenden Botschaften, die die offizielle Politik aussendet".

Peng, der auf dem chinesischen Twitter-Klon Weibo Sexberatung anbietet, beklagt seit Langem die Ahnungslosigkeit seiner Landsleute bei allem, was mit Sex zu tun hat. In der Schule findet kaum Aufklärung statt - viele Chinesen hören auch heute noch von den Eltern, dass diese sie unter einem Baum oder am Straßenrand aufgelesen hätten.

Der Professor sagte einst, dass 99 Prozent der Chinesen Analphabeten seien, sobald es um Geschlechtsverkehr geht. Für Peng gibt es nur einen Ausweg, auch im neuen Klima der Züchtigkeit: China müsse noch viel mehr über Sex reden.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warum mit dem Finger auf China zeigen?
Criticz 06.01.2015
Einige der Forderungen findet man bei A. Schwarzer auch.
2. Mein Profil
air plane 06.01.2015
China braucht mehr Pornos und Bordelle, oder was will der Autor uns sagen?
3.
prefec2 06.01.2015
Zitat von CriticzEinige der Forderungen findet man bei A. Schwarzer auch.
Da gibt es einen himmelweiten Unterschied. Während Schwarzer sich für eine moralische Instanz hält, aber mit Bild ins Bett geht und Steuern hinterzieht (so war ja den Medien zu entnehmen), ist sie doch deutlich weniger einflussreich als die chinesische Regierung. Zudem glaube ich nicht, dass Frau Schwarzer etwas gegen Homosexuelle hat. Ähnliche Vorurteile finden eigentlich eher im "frommen" Protestantismus und im "frommen" Islam. Bei den Katholiken wird zwar ähnliches gepredigt, aber gelebt wird was anderes. Und ein paar Rosenkränze später ist auch alles wieder in bester Ordnung.
4. Traurig
homerjay81 06.01.2015
Solche Entwicklungen bzw. Zensurversuche seitens der Regierung finde ich gesellschaftlich gesehen traurig. Es ist aber leider nur eine Frage der Zeit, bis auch hier im Forum die empörten, verklemmten, bigotten, frömmlerischen oder sonstige aus der Deckung kommen um den Kotschmierern zur Seite zu springen. Traurig.
5. Mit dem Unterschied,
seniorvc 06.01.2015
dass staatliche Stellen diesen Schwachsinn hier nicht einmal im Mindesten unterstützen oder gar fördern. Wer Frau Schwarzer ernst nimmt, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia| China-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: