Von Andreas Lorenz
"Wie kann ich meinen Mann schon in der Hochzeitsnacht hinters Licht führen?"
Diese heikle Frage stellen sich viele junge Chinesinnen. Denn sie wollen ihn im Glauben lassen, er sei der erste Mann ihres Lebens.
Weil viele Männer auch heute noch darauf versessen sind, eine Jungfrau zu heiraten, lassen sich in der Volksrepublik jährlich Tausende Frauen ihr Jungfernhäutchen wiederherstellen. Auf diesen Eingriff, der umgerechnet rund 500 Euro kosten kann, haben sich mittlerweile zahlreiche Ärzte spezialisiert. Für Bräute, die sich die teure Prozedur nicht leisten können, bieten Internet-Läden und die etwa 200.000 Sex-Shops des Landes Hilfe: Sie verkaufen künstliche Hymen, die bei Berührung eine rötliche Flüssigkeit absondern. "Wieder Jungfrau in fünf Minuten", lautet einer der Werbesprüche.
Die Jungfräulichkeit sei in der "chinesischen Psyche eingekerbt, vor allem in den ländlichen Gebieten", sagt der amerikanische Journalist und Blogger Richard Burger. Er hat es als erster Ausländer in jüngerer Zeit gewagt, ein Buch über die neusten Tendenzen beim Sex in China zu schreiben. "Hinter der Roten Tür", das bislang nur auf Englisch erschienen ist, zeigt ein Land, dessen Verhältnis zur Sexualität äußerst widersprüchlich geblieben ist.
In einem China, das sich der Welt immer moderner und freizügiger präsentiert, mutet die altmodische Jungfrauen-Obsession seltsam an. Auf den Werbetafeln in den Straßen von Peking, Shanghai oder Kanton rekeln sich lasziv Frauen für Parfum und Shampoo. Im Internet berichten Bloggerinnen freizügig über ihre sexuellen Erlebnisse. Millionen schalten sich ein, wenn die Fernsehsender Kuppel-Shows ausstrahlen. Homosexuelle treffen sich in Schwulenbars.
Sexualkunde "beklagenswert unangemessen"
Die Prostitution blüht auf dem Lande sowohl wie in den Städten, Hunderttausende wohlhabende Männer halten sich Mätressen, so schreibt Burger. Nach einer offiziellen Statistik aus dem Jahr 2010 gehen ein Fünftel aller jungen Leute schon vor der Hochzeit miteinander ins Bett, Experten sagen, dass es in Wahrheit drei Fünftel sind.
Zugleich aber sind viele Chinesen zutiefst konservativ. Das zeige sich nicht zuletzt beim "beklagenswert unangemessenen" Sexualkunde-Unterricht in der Schule, schreibt Burger. Die Funktionäre der Kommunistischen Partei (KP) greifen immer wieder mit Moralkampagnen ein, wenn ihnen das Treiben ihrer Untertanen und die Programme im Fernsehen zu freizügig werden.
Vor wichtigen Parteitagen lassen die Funktionäre Prostituierte von den Straßen holen und sie - manchmal auch ihre Freier - öffentlich demütigen. Stürzt ein Funktionär im innenpolitischen Machtkampf, wirft ihm die staatlich kontrollierte Presse oft einen "anstößigen Lebenswandel" mit einer ganzen Reihe von Geliebten vor.
Dabei waren die Chinesen in der Vergangenheit nicht unbedingt Kinder von Traurigkeit: Für die Daoisten - Anhänger einer Lehre zwischen Religion und Philosophie aus dem 4. Jahrhundert vor Christus - war Sex wichtiger Faktor für gute Gesundheit und langes Leben, er war sogar ein Mittel, unsterblich zu werden. Die beiden gegensätzlichen - und sich zugleich ergänzenden - Pole des Yin und Yang mussten ausbalanciert werden. Im Bereich der Liebe repräsentierte Yang das starke Männliche, das Yin das schwache Weibliche.
Anleitungen aus alten Zeiten lehrten die Männer, ihren Partnerinnen mit ihrem "Jadestab" in deren "Jade-Pavillon" soviel Vergnügen zu bereiten, dass ihr "Yin" ihnen Kraft und Gesundheit bringen möge.
Die Handreichungen sorgten sich allerdings vor allem um die Gesundheit und das lange Leben der Männer: Das daoistische Handbuch "Die Geheimnisse der Jadekammer" befand, Männer, die mit vielen unberührten Mädchen geschlafen hätten, könnten 3000 Jahre alt werden. An das langfristige Wohl der Frauen dachten die Männer damals offenkundig nicht.
Auch Konfuzius, der Philosoph, auf den sich Chinas Kommunisten heute wieder berufen, hatte gegen Sex nichts einzuwenden. Sex und Erotik galten bis zu den Anfängen der Song-Dynastie (960 bis 1279) als wichtige Bestandteile des Alltags, die käufliche Liebe war ausdrücklich erlaubt.
Doch dann wurde China, bis auf Unterbrechungen in der Ming-Dynastie, auf lange Zeit hin prüde. Schuld daran war der Einfluss der "Neo-Konfuzianer", die befanden, dass die "himmlischen Prinzipien" nicht durch "menschliche Begierde" verletzt werden dürften. Nur die Adligen durften sich Konkubinen halten. Vielen Frauen wurden die Füße abgebunden, um ihre Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit einzuengen. Angeblich galt der verkrüppelte Fuß als erotischster Körperteil einer Frau.
Im 17. Jahrhundert verschwanden erotische Literatur und Zeichnungen fast aus der Öffentlichkeit. Als der letzte Kaiser Chinas im Jahr 1911 stürzte, verboten die neuen Machthaber arrangierte Hochzeiten, Konkubinen, Prostitution und das Binden der Füße.
Schminke und Schmuck waren verpönt
Chinas Kommunisten unter Mao Zedong, der 1949 die Volksrepublik ausrief, erwiesen sich als stock-konservativ, auch wenn Mao und andere hohe Funktionäre sich im Privatleben keineswegs an die strengen Regeln hielten. Der vorläufig letzte Höhepunkt der Prüderie war die Kulturrevolution (1966 bis 1976), die Mao entfachte, um innerparteiliche Gegner zu beseitigen. In dieser Periode kleideten sich Frauen fast wie Männer, Schminke und Schmuck waren verpönt, die Liebe galt als Ablenkung von der Revolution, die Prostitution als Überbleibsel der Bourgeoisie.
Erst nach dem Tode Maos 1976 und dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik wurde China wieder liberaler. Heute lassen sich zum Beispiel immer mehr Paare scheiden. Als wichtigster Grund, so Burger, wird Untreue eines Partners genannt. Die Prostitution blüht. In seinem Buch zählt der Autor eine ganze Hierarchie von Sexarbeiterinnen auf:
Die KP versucht offiziell immer wieder, "das Gelbe" - wie die Sünde in Form von Pornografie und Prostitution in China genannt wird, auszumerzen. Doch obwohl sie sich, wie Burger findet, "sexuell unterdrückerisch verhält", dürfte sie auf Dauer auf verlorenem Posten stehen. Die Nachfrage nach käuflichem Sex dürfte zum Beispiel in Zukunft noch steigen.
Schuld daran ist nicht zuletzt die KP selbst mit ihrer Ein-Kind-Politik. Eine Folge dieser Strategie ist ein krasses Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Land. Es werden deutlich mehr Jungen als Mädchen geboren. Obwohl die Regierung dies offiziell verbietet, lassen viele Familien weibliche Föten abtreiben, um einen männlichen Stammhalter zu bekommen. 2020 soll es bereits rund 24 Millionen "Kahle Äste" geben, wie die überschüssigen jungen Männer genannt werden, die keine Frau finden können.
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