Aus Nanzhang berichtet Andreas Lorenz
15 Millionen Protestanten leben derzeit in China, sagt die Regierung, zählt dabei aber nur die Angehörigen der offiziellen Kirchenorganisation. In Wahrheit dürften es rund 60 Millionen sein. Nimmt man die Katholiken dazu, gibt es mehr Christen in China als KP-Mitglieder, und das sind 76 Millionen.
Obwohl der Staat die Zahl der Taufen im Jahr begrenzt - bei den Protestanten sind es rund 1500 - wächst die Zahl der Christen stetig, auch dank der Mission. "Unsere Kirche wächst schneller als die chinesische Wirtschaft", sagt ein führender Protestant. Die evangelischen Hauskirchen, traditionell auf dem Lande zu Hause, dringen inzwischen sogar langsam in die Städte vor.
Die neuen Gläubigen suchen nach einem Sinn im Leben, seitdem die KP nur noch Parolen, aber keine geistigen Inhalte mehr anbietet. Die Kirche steht im täglichen Konkurrenzkampf für Solidarität und Geborgenheit.
"Wir sind ja keine schlechten Menschen"
Frau Xu und Herr Zhao verwalten die Kirche in Acht-Meilen-Brücke. Sie sind misstrauisch gegenüber Besuchern, es dauert eine Weile, bis sie Vertrauen fassen. Sie fürchten sich, sagen sie, vor anderen freikirchlichen Predigern, "die nur Unglück bringen und unsere Familien zerstören".
Außerdem liegen sie im Streit mit den Behörden. Dabei geht es um die Frage, wem die Felder des Dorfes gehören und ob man auf eigenem Grund eine Kirche bauen kann, ohne sich mit der lokalen Regierung zu arrangieren.
Vor einigen Jahren haben die Funktionäre einen Neubau mit Bulldozern einreißen lassen, zwei Gemeindemitglieder landeten jeweils für zwei Jahre im Gefängnis. Das jetzige Gotteshaus "haben wir buchstäblich über Nacht hingestellt", berichtet Zhao. "Wir wollten verhindern, dass sie den Bau unmöglich machen, und wir wollten ein Zeichen setzen."
Mittlerweile haben sich die Gemüter beruhigt, "es ist besser geworden", sagt Zhang. Nun geben die Lehrer der örtlichen Schule den Kindern zu Ostern, dem wichtigsten religiösen Fest der hiesigen Protestanten, sogar schulfrei. "Wir sind ja keine schlechten Menschen", sagt Zhao. Wir sind gottesfürchtig, aber wir sind auch gute Staatsbürger."
In einer Sache sind die Protestanten von "Acht-Meilen-Brücke" bislang allerdings hart geblieben: "Wir lassen uns nicht bei den Behörden registrieren. Wenn wir das tun, dann wird der Staat jemanden schicken, der uns Vorschriften machen will, und dann können wir nicht mehr tun, was wir wollen."
Dazu gehört zum Beispiel die Mission. Einzelheiten wollen sie nicht verraten, aber, so sagen sie: "Wir missionieren im ganzen Land." Nach dem Erdbeben im vorigen Jahr eilten Gemeindemitglieder nach Sichuan, um dort zu helfen - und Gottes Wort zu verbreiten. "Zwei Schwestern sind immer noch da", sagt Frau Xu.
Im "Jerusalem Chinas" stehen Gotteshäuser, größer als europäische Dome
In den Dörfern der Umgebung tauchen in diesen Tagen bunte Flugblätter auf, die sich vor allem an Wanderarbeiter richten. "Zwei Milliarden Menschen glauben an Jesus" heißt es. Und: "Der Geist des Christentums - Fleiß, Selbstdisziplin und Karrierebewusstsein - ist die Kraft, die die Entwicklung in modernen Gesellschaften vorantreibt." Im Übrigen sei die Schöpfungslehre Darwins völlig falsch. Da argumentieren die chinesischen Evangelikalen genauso fundamentalistisch wie ihre Glaubensbrüder in den USA.
Auf das Flugblatt ist eine Telefonnummer in der Stadt Hangzhou gestempelt, doch wer sie anwählt, muss Misstrauen überwinden. Nicht jeder Anrufer bekommt erklärt, welche protestantische Gemeinde für die Schrift verantwortlich ist.
Sogar ins Ausland wollen die chinesischen Hauskirchen den Glauben tragen. Seit Jahren versucht die ländliche charismatische Bewegung "Zurück nach Jerusalem", den Mittleren Osten zurück ins Christentum zu führen. Dafür lernen die chinesischen Missionare arabisch.
Auch die Protestanten in der Händlermetropole Wenzhou, 200 Kilometer weiter südlich, missionieren eifrig. Die Stadt mit rund einer Million evangelischen Christen nennt sich stolz "Jerusalem Chinas", hier stehen Gotteshäuser, die größer sind als europäische Dome. Ärzte und Krankenschwestern in den Hospitälern sind überwiegend Christen.
"Wo immer wir sind, da bauen wir eine Kirche", sagen sie - und da viele Wenzhouer in den letzten Jahren zu viel Geld gekommen sind, halten sie ihr Versprechen. In Spanien, Italien, Frankreich und sogar in den USA, wo sich Wanderarbeiter und Geschäftsleute aus Wenzhou ansiedeln, errichten sie Gotteshäuser - und lassen ihre Prediger aus der Heimat einfliegen.
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