Christiane zu Salm über Trauer "Zeit heilt keine Wunden"

Christiane zu Salm verlor ihren kleinen Bruder, als sie sechs Jahre alt war. Das Thema Sterben und Trauern hat sie seitdem nie losgelassen. Ein Gespräch über das Weiterleben nach dem Verlust.

Christiane zu Salm
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Zur Person
    Christiane zu Salm war bis 2001 Geschäftsführerin des Musiksenders MTV in Deutschland und gründete den früheren Spielesender 9Live. Mit dem Verkauf an ProSiebenSat.1 zog sie sich 2005 aus dem TV-Unterhaltungsgeschäft zurück. Als Kunstsammlerin und Autorin lebt sie mit ihrem Mann, dem TV-Unternehmer Georg Kofler, und ihrer Familie in Berlin und erwarb dort in diesem Jahr den Nicolai Verlag.

SPIEGEL ONLINE: Frau zu Salm, Sie haben sich vor einigen Jahren zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen und ein Buch über das Sterben geschrieben. Nun erscheint ihr neues Buch: "Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen". Eine traurige, aber natürliche Fortsetzung?

Salm: In der Sterbebegleitung habe ich es immer auch mit Angehörigen zu tun. Zu vielen von ihnen ist eine enge Verbindung geblieben, wir gehen zusammen auf den Friedhof und schreiben uns. Ich habe dabei realisiert, dass das Loslassen vom eigenen Leben das eine ist, das Loslassen eines verstorbenen Menschen das andere. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein solcher Verlust das eigene Leben und das einer Familie für immer verändert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bruder starb im Alter von drei Jahren bei einem Unfall, vor den Augen der ganzen Familie. Sie waren damals sechs Jahre alt. Ist dieses Buch auch eine Art später eigener Trauerarbeit?

Salm: Ja, das ist es. Ich denke das Leben seither vom Ende. Ich fühle mich mit Menschen sehr verbunden, die einen geliebten Menschen verloren haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat dieser Einschnitt Ihre Familie verändert?

Salm: Seither lebt meine Familie ein bewussteres, ein dankbareres Leben. Aber wie bei vielen, die in diesem Buch berichten, herrschte auch bei uns eine große Sprachlosigkeit. Das hat mich erschüttert. Meine Eltern waren selber so aufgesogen von ihrem Schmerz, dass sie weder miteinander darüber sprechen konnten noch mit uns Kindern. Das Gefühl des Traurigseins vor anderen, des Trauerns, war nicht erwünscht. Es wurde viel dafür getan, dass man wieder ein ganz normales Leben lebt. Aber diese Gefühle kann man nicht unterdrücken, irgendwann holen sie einen ein und haben auch mich eingeholt. Auch daher rührt die Motivation, dieses Buch zu schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Eine Mutter beschreibt darin das langsame Sterben ihres behinderten Kindes. Eine junge Frau erzählt, wie ihr Mann nach einem Neujahrsspaziergang blutspeiend zusammenbricht und stirbt, ihr Baby stirbt ein paar Monate später.

Salm: Es gab Momente, in denen ich meinem Verleger gesagt habe, ich höre auf, ich kann nicht mehr. Aber ich wollte helfen, und es hat mich zutiefst berührt, dass alle Menschen in diesem Buch es geschafft haben, sich nach einer gewissen Zeit dem Leben wieder zu öffnen. Manche haben sich Hilfe von Therapeuten geholt, andere ein Kind adoptiert oder neuen Sinn im Glauben gefunden. Sie haben akzeptiert, dass dieses Leben so nicht mehr sein wird. Aus den Geschichten geht hervor, was für ein harter, langer und existenzieller Prozess das ist. Ich habe ungeheuren Respekt vor den Menschen, die es geschafft haben. Dieses Buch soll Mut machen.

SPIEGEL ONLINE: Schafft es nicht jeder, irgendwann, notgedrungen? Zeit heilt alle Wunden, sagt man doch.

Salm: Nein, das tut sie nicht. Keiner der Zurückgebliebenen, mit denen ich gesprochen habe, fand, dass die Zeit von alleine irgendetwas heilt. Man existiert vielleicht weiter, aber man öffnet sich nicht für ein neues Leben. Das hieße ja, dass man nur abwarten müsste, bis es vorüber ist. Das ist Quatsch. Auch das berühmte Jahr der Trauer, nach dem alles vorbei sein soll, ist eine Erwartungshaltung von außen. Der eine hat es vielleicht nach einem Jahr verwunden, beim anderen dauert es ein Leben lang.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Disziplin erfordert die Bewältigung von Trauer? Muss man sich zwingen, zu reden und Hilfe anzunehmen, obwohl man sich vielleicht nur verkriechen möchte im eigenen Schmerz?

Salm: In dem Buch gibt es eine Mutter, die ihr Kind verloren hat und sich zwingt, morgens überhaupt aufzustehen, die Zähne zu putzen. Es ist die Kunst der kleinen Schritte, wieder ins Leben zurückzufinden, ganz von vorne und ganz unten anzufangen, um sein Leben wieder zu bewältigen. Leben kann man das fast nicht nennen, eher Überleben. Es gibt aber auch einige, die sich gar nicht gezwungen haben, sondern sich erst mal haben gehen lassen oder sich total zurückziehen - wie die Familie, deren Kind ertrunken ist und die auch bei der Beerdigung niemanden sehen mochte. Es gibt keinen Ratschlag, was besser ist. Wie jeder anders liebt, trauert auch jeder anders. Dies zu akzeptieren, finde ich sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es eine Menge Ratgeberliteratur zu dem Thema. Was bringt die?

Salm: Viele Trauernde haben mir erzählt, dass sie diese Bücher lesen. Aber eine Frau hat an diesem Buch nur mitgemacht, weil ihr die ganzen Ratgeber nach dem Tod ihres Mannes nicht geholfen haben. Sie hat ihre Geschichte erzählt, weil sie hofft, dass es mehr hilft zu erfahren, wie andere es geschafft haben, diesen Verlust zu verwinden.

SPIEGEL ONLINE: Aber das eigene Leid wird doch nicht kleiner, nur weil es anderen auch so geht?

Salm: Es gibt in dem Buch eine ältere Dame, die der Schmerz erwischt, als sie eine Gulaschpackung aus dem Tiefkühler holt, die ihr Mann noch mit einem Datum beschriftet hatte. Jeder, der trauert, kennt diese Momente, in denen es einen umhaut. Die stehen in keinem Ratgeberbuch. Aber wenn man sie liest, fühlt man sich sofort wortlos und bedingungslos verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie die anrührendste Geschichte?

Salm: Aus Respekt vor den trauernden Menschen kann ich tatsächlich nur sagen, dass kein Verlust leichter oder schwerer wiegt als ein anderer. Was nach außen hin schicksalhafter und schlimmer wirken mag, etwa wenn ein Kind stirbt, macht für das eigene Empfinden keinen Unterschied. Der Verlust wiegt immer genau so schwer, wie dieser Mensch ihn empfindet.

SPIEGEL ONLINE: Fällt die Bewältigung der Trauer leichter, wenn man sich noch verabschieden konnte?

Salm: Den Wert des Verabschiedens erkennen viele erst dann, wenn sie es nicht konnten. Es ist immerhin eine unwiederbringliche Möglichkeit, Dinge ins Reine zu bringen, sich zu verzeihen oder auch nur danke zu sagen. Wenn man das nicht hatte, fällt es manchen schon deutlich schwerer, den Verlust zu akzeptieren. Wobei, auch da gibt es andere Fälle: Wenn man eine sehr gute Ehe geführt hat, in der alles geklärt war, kann man den Partner leichter loslassen, auch wenn er plötzlich stirbt.

SPIEGEL ONLINE: Weil jeder anders trauert, ist die Hilflosigkeit im Freundes- und Bekanntenkreis oft groß: Wie soll und kann man helfen?

Salm: Die meisten Trauernden haben mir gesagt, dass der Satz: "Ich bin immer für dich da, ruf mich an, wenn du mich brauchst" ihnen überhaupt nicht hilft. Der Trauernde hat keine Kraft, jemanden anzurufen, das reicht nicht. Man sollte eher fragen: Soll ich nachher vorbeikommen? Und nicht beleidigt sein, wenn das abgelehnt wird. Die Angst, einen Fehler zu machen, kann man überwinden, indem man einfühlsam auslotet, was dem anderen guttut. Die meisten Menschen haben es immer noch mehr wertgeschätzt, wenn ein Brief kam, eine Geste, vielleicht auch nur ein Arm um die Schulter, als wenn Freunde und Bekannte aus Angst fliehen. Das Gefühl, nicht alleine zu sein, ist ungemein wichtig. In vielen Kulturen wird in Gemeinschaft getrauert, der Tote wird zu Hause aufgebahrt, alle kommen, um Abschied zu nehmen. Das gibt es bei uns heute nur noch auf dem Dorf.

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