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Cirque du Soleil: Engel auf Krücken

Von Arne Orgassa

Dergin Tokmak ist wendig, gelenkig und blitzschnell. Obwohl er im Rollstuhl sitzt, gehört der Deutsch-Türke zu den Stars des kanadischen Cirque du Soleil. Als Kind hatte er Polio - doch dann veränderte ein Breakdance-Film sein Leben.

Cirque du Soleil: Die neue Lust am Leben Fotos
Fabian Kimoto

Hamburg - Dergin Tokmak schleppt sich über den Bühnenboden. Seine Arme ziehen ihn vorwärts, die Beine schleift er hinter sich her. Sein Ziel sind die beiden Krücken, die wenige Meter vor ihm in der Manege liegen. Kurz davor stoppt er. Der Artist hebt seinen nackten Oberkörper, die Muskeln sind angespannt. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er ins Publikum.

Er greift zu den Gehhilfen. Im gleißenden Licht der Scheinwerfer umklammert er sie mit seinen Händen, reißt die Krücken wie Trophäen gen Himmel. Der Tanz beginnt.

Blitzschnell stößt sich der Artist vom Boden ab. Wie ein Jaguar sprintet er über die Bühne, dreht seinen Körper um die eigene Achse, wechselt abrupt die Laufrichtung. Er fällt zu Boden, kämpft sich wieder hoch, wirbelt seine Beine in die Luft und verharrt schließlich im Handstand.

Das Publikum jubelt - denn Tokmak tanzt nur auf seinen Krücken.

Die Rolle seines Lebens

Seit 2004 gehört der Deutsch-Türke mit seinem Krückentanz zum Artistenensemble des Cirque du Soleil. Der kanadische Zirkus gastiert derzeit mit dem Programm "Varekai" in Hamburg. Die Show erzählt die Geschichte eines fliegenden Engels namens Ikarus, der schwer verletzt in einem mystischen Zauberwald voller wundersamer Kreaturen abstürzt und daraufhin seinen Lebensmut verliert.

Tokmaks Charakter, der "hinkende Engel", gibt dem zerbrechlichen Ikarus schließlich seine Lebensfreude zurück. Er inspiriert ihn, wieder laufen zu lernen. Dass sich diese Grundidee der Show in Tokmaks Lebensgeschichte widerspiegelt, weiß das Publikum dabei nicht.

Dergin Tokmak ist seit seiner Kindheit gehbehindert. Der 35-Jährige ist der einzige Artist des Cirque du Soleil, der in einem Rollstuhl sitzt. "Natürlich haben mich die anderen Artisten am Anfang verwundert angeschaut. Sie haben nicht geglaubt, dass ich etwas Akrobatisches leisten kann", sagt er. Doch sie wurden eines Besseren belehrt.

Der Tänzer hat es auf die Zirkusbühne geschafft und gehört seither mit seiner Tanzperformance zu den erfolgreichsten Artisten der Welt.

Aus dem Rollstuhl in die Manege

Tokmak hat sich neben seinem Rollstuhl auf dem Boden des Backstagezelts niedergelassen. Seine dünnen Beine hat er zur Seite gestreckt, den muskulösen Oberkörper nach vorne auf den Boden gebeugt. Neugierig mustert er sein Gegenüber, von Berührungsangst keine Spur.

Es sind noch vier Stunden bis zur nächsten Aufführung. Bisher ist kaum Betrieb im Artistenzelt. Nur eine Handvoll Künstler dehnt sich auf den blauen Turnmatten, trainiert an den Fitnessgeräten oder entspannt sich auf weichen roten Sofas. Tokmak blickt sich um, zeigt dann auf seinen Rollstuhl: "Keiner von den anderen würde sich freiwillig da rein setzen." Viele Artisten seien dafür viel zu abergläubisch. Er lacht, mit seiner Gehbehinderung hat er sich längst arrangiert.

Als einjähriges Kind erkrankte der Sohn türkischer Eltern an Poliomyelitis, einer Viruserkrankung, welche die Muskelnerven angreift. Seither hat er die Kontrolle über sein linkes Bein verloren, sein Rechtes gehorcht ihm nur eingeschränkt. "Es ist für mich unmöglich, ohne Hilfsmittel auf meinen Beinen zu stehen", sagt der Artist. Heute gefällt ihm seine Sonderrolle als behinderter Artist.

Ein Tanzfilm verändert Tokmaks Leben

Doch als er beginnt, von seiner Jugend zu erzählen, weicht das verschmitzte Lächeln aus seinem Gesicht. "Natürlich merkte ich schnell, dass ich anders als meine Altersgenossen war." Während seine internationalen Künstlerkollegen ihre Kindheit in Zirkusschulen oder mit Hochleistungssport verbrachten, tingelte Tokmak die meiste Zeit durch die Krankenhäuser seiner Heimatstadt Augsburg. "Ich konnte das Haus doch nicht ohne Rollstuhl oder Krücken verlassen und wurde zum schüchternen Einzelgänger."

Die ansteckende Lockerheit des Artisten ist verflogen. Er spricht über eine Zeit, mit der er längst abgeschlossen hat und erinnert sich nur ungern daran, wie er alleine spielen musste und keinen Anschluss zu seine Altergenossen fand. Erst als er auf den Breakdance-Film "Breakin'" zu sprechen kommt, kehrt seine Unbeschwertheit wieder zurück.

Tokmak war damals zwölf Jahre alt und kam gerade aus der Schule, als sein vier Jahre älterer Cousin ihn vor den Fernseher drängte und das Video einlegte, das sein Leben verändern sollte.

Erst konnte es der Junge im Rollstuhl nicht glauben, was er da sah. Immer wieder spulte er daher das Band zurück, zu dem Mann, der extrem schnell über den Bildschirm tanzte - nur mit Krücken. Er sah einen Tänzer, dessen Beine gelähmt waren wie seine. Von da an wollte Tokmak Breakdancer werden, fing an zu trainieren, und versuchte, die Bewegungen auf seinen Krücken nach zu tanzen. "Ich habe es geschafft, meine Hände wurden zu meinen Füßen", sagt der Artist.

Und wenn der lässige junge Mann mit den wilden dunklen Locken zu den Krücken greift und mit seiner Breakdance-Performance beginnt, dann glaubt man ihm das sofort. Seine Bewegungen wirken abstrakt, abgehackt und doch gleicht sein Tanz einer fließenden Wellenbewegung. "Ich bin selbst überrascht, was ein Körper trotz Behinderung alles leisten kann", ruft er, während er auf seinen Krücken herumwirbelt wie ein Turner auf einem Pferd.

"Da dachte ich, jetzt ist es aus"

Nachdem Tokmak unter seinem Künstlernamen Stix erst in seiner Heimatstadt Augsburg auftrat und später mit Freunden die Tanzgruppe Da F.U.N.K. gründete, wurde 2003 der Cirque du Soleil auf ihn aufmerksam - bis dahin hatte er nie an eine Zirkuskarriere gedacht. "Ein Traum wurde für mich wahr, endlich konnte ich als Künstler die Welt bereisen." Der Breakdancer flog nach Montreal, absolvierte einen Intensivkurs und stand bereits wenige Monate später das erste Mal auf der Bühne.

Von da an begeisterte der "hinkende Engel" Abend für Abend die Zuschauer des Cirque du Soleil in Amerika, Europa und Australien - bis ihn nach zwei Jahren das Schicksal noch einmal einholte.

Es war während einer Aufführung in Boston Anfang 2006: Wie immer sprintete er auf seinen Krücken über die Bühne, drehte sich im Kreis, bis ihn seine Kräfte an diesem Abend verließen. Tokmak verlor das Gleichgewicht, die Krücken rutschten zur Seite und er knallte mit voller Wucht auf den Boden. Benommen und schockiert lag er vor 2500 Zuschauern auf der großen Bühne. "Da dachte ich, jetzt ist es aus."

Mit letzter Kraft richtete sich der Artist von selbst wieder auf und verließ die Manege. Im Backstagebereich dann die Erkenntnis: Sein Ellenbogen musste operiert werden. Eine Rückkehr auf die Bühne schien ausgeschlossen.

Doch aufgeben wollte der Tänzer nicht. Er kam nach Deutschland, erholte sich bei seiner Familie und griff nur wenige Monate nach der Operation wieder zu den Krücken. Auch wenn der Ellebogen schmerzte, Tokmak trainierte verbissen. Er vermisste die Manege, das Publikum, den Applaus.

Der Artist verbrachte jeden Tag mehrere Stunden im Fitnessstudio, stemmte Gewichte und konnte sich Woche für Woche länger auf seinen Krücken in der Luft halten. "Ich will den Leuten mit meiner Performance Mut machen, ihnen zeigen, dass es sich lohnt an seine Träume zu glauben." Im Februar 2007 stand Dergin Tokmak wieder in der Manege.

Seither ist sich Tokmak sicher: "Alles ist möglich - egal was passiert."


Der Cirque du Soleil gastiert noch bis zum 4. Oktober in Hamburg-Moorfleet. Tickets für Varekai sind ab 40 Euro erhältlich. Telefonische Bestellung unter 040 - 999 987 98.

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