Eliteschule Collegium Josephinum Pater L. und die Zäpfchen

Eine katholische Jungenschule in Bonn verabreichte kranken Schülern jahrelang Zäpfchen. Die umstrittene Praxis wurde zwar eingestellt, ein Konzept zur Prävention von sexualisierter Gewalt erarbeitet. Doch die steht ausgerechnet unter der Leitung des Paters, der die Zäpfchen-Medikation befürwortete.

Collegium Josephinum in Bonn: "Nur in Akutfällen und nur im Sanitätsbereich verabreicht"
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Collegium Josephinum in Bonn: "Nur in Akutfällen und nur im Sanitätsbereich verabreicht"


Das Collegium Josephinum im Norden von Bonn, CoJoBo genannt, kämpft um seinen bislang exzellenten Ruf. An der staatlich anerkannten katholischen Privatschule werden nur Jungen unterrichtet, 1200 insgesamt. Träger ist der Redemptoristenorden, einige Lehrer sind Patres. Einer von ihnen ist derzeit suspendiert. Zwei Elternpaare haben Anzeige erstattet, weil der Pater ihre Kinder missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt.

Durch die Missbrauchsvorwürfe geriet die Medikation des schulischen Sanitätsdienstes in den Fokus: Seit Jahrzehnten war es üblich, kranken Schülern Zäpfchen zu verabreichen - bei Kopfschmerzen, Bauchweh, Verrenkungen.

"Sie wurden immer nur in Akutfällen verabreicht, immer nur im Sanitätsbereich und immer nur in Anwesenheit einer dritten Person", sagte Schulleiter Peter Billig. Bei "Akutfällen" gebe es keine Alternative. "Spritzen dürfen nur Ärzte verabreichen und Tabletten entfalten ihre Wirkung erst erheblich später."

Der Schulausschuss der Stadt Bonn hat nun mit Hilfe der Grünen-Fraktion ein Gutachten in Auftrag gegeben, in welchen Fällen aus kindernotfallmedizinischer Sicht eine Indikation für die Vergabe von Zäpfchen an Kinder oder Jugendliche gegeben ist.

Das Ergebnis dürfte für die Leitung des CoJoBo mehr als unangenehm sein. "Eine notfallmäßige Zäpfchengabe an Kinder jenseits des Säuglings- und Kleinkindesalters aus kindernotfallmedizinischer Sicht" stelle eine "contradictio in adjecto", einen deutlichen Widerspruch, dar, konstatiert Dominique Singer, Gutachter vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Entweder es handelt sich um einen echten, zum Beispiel traumatologischen Notfall, dann sind die in Zäpfchenform verfügbaren Präparate nicht ausreichend effektiv; oder die Zäpfchen haben eine gewisse symptomatische Wirksamkeit, dann aber handelt es sich nicht um einen Notfall, der eine dringliche Gabe ohne vorangehende pädiatrische Untersuchung erfordert hätte."

Die rektale Applikationsform sei ab einem gewissen Kindesalter untypisch, schreibt die Gutachterin. Zudem sei die innerschulische Selbstmedikation aus kinderärztlicher Sicht kritisch zu beurteilen, weil sie "ein falsches (unnötig Medikamenten-affines) Signal" setze und in Einzelfällen die Diagnose ernsterer Erkrankungen gar verzögern könne.

"Wie kann es sein, dass so einer die Bischöfe beraten darf?"

Das Gutachten wirft auch deshalb Fragen auf, weil der Provinzial der Redemptoristen, Johannes Römelt, wegen angeblicher "Vorbehalte" gegen das Medikamentenkonzept selbst ein Gutachten in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis ist ein völlig anderes: Der Kölner Sozialpädagogin Michaela Schumacher zufolge hat es am CoJoBo "einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen besonderen Medikamenten" gegeben, "eine Sexualbezogenheit" sei nicht zu erkennen. Kritiker monieren, dass Schumachers Hauptauftraggeber überwiegend aus dem Umfeld der katholischen Kirche kommen.

"Frau Dr. Schumacher ist tatsächlich eine unabhängige Gutachterin", sagt Pater Jürgen L., Leiter des Sanitätsdienstes am CoJoBo und selbst Rettungsassistent. Er betont: "Aus unserer Sicht sind die beiden Gutachten nicht so unterschiedlich." Weil die Zäpfchenabgabe eben nur in Ausnahmefällen praktiziert werde, habe es am CoJoBo seit 2010 nur einen einzigen Fall gegeben. "Damals wurden zuvor die Eltern informiert, die Mutter gab ausdrücklich ihre Zustimmung dazu", so L. Da es pro Jahr im Schulsanitätsdienst etwa 1500 Einsätze gebe, sei dies ein Beweis dafür, dass die Vergabe von Zäpfchen nur im absoluten Notfall erfolge.

Der Schulausschluss der Stadt Bonn fordert nun ein weiteres unabhängiges Gutachten über die Vorgänge und Vorwürfe am CoJoBo sowie eine Untersuchung des Sanitätsdienstes. Dem sieht Pater L. gelassen entgegen. "Für uns ist zuerst das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen entscheidend. Vielleicht ergibt sich auch dadurch eine hinreichende Klärung der Problematik."

Jahrelang hat Pater L. die fragwürdige Medikation durch Zäpfchen unterstützt. Zur Verwunderung der Grünen und des Schulausschusses wurde ausgerechnet er zum Leiter der Arbeit am schulbezogenen Konzept der "Prävention von sexualisierter Gewalt an Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen" ausgewählt. Unter seiner "sachkundigen Leitung" werde das Konzept erarbeitet, loben Oberstudiendirektor Peter Billig und Realschulrektor Dirk Berger in einem Schreiben.

Der Schulausschuss wartet auf ein Zeichen des Ministeriums

Pater L. war auch Mitglied der von der Bischofskonferenz einberufenen Arbeitsgruppe zum selben Thema - und genau das sei auch mit ein Grund dafür, warum er nun die Ausarbeitung des Konzepts für das CoJoBo geleitet hat, sagt er. Zudem sei der hauseigene Kreis bereits im Juli 2011 einberufen worden und insgesamt seien etwa 16 Personen - unter Einbeziehung externer Experten - beteiligt gewesen. "Ich hätte gar keine Möglichkeit gehabt, das Ergebnis zu beeinflussen - und erst recht kein Interesse daran."

"Gegen Pater L. wurden keine Vorwürfe erhoben", teilt Provinzial Römelt in einem Brief mit. "Sein Einsatz als Seelsorger, Lehrer und Leiter des Schulsanitätsdienstes steht nicht in Frage." Im Gegenteil: "Ohne seine besondere Kompetenz wäre der Einsatz des Sanitätsdienstes an unserer Schule nicht möglich." Auf die Gabe von Suppositorien, also Zäpfchen, werde vorläufig verzichtet.

Am 9. Mai tagt erneut der Schulausschuss der Stadt Bonn. Weder die Bezirksregierung als oberste Schulaufsichtsbehörde noch das Ministerium für Schule und Weiterbildung haben bislang auf Anfragen nach Unterstützung reagiert, wie Petra Merz von den Grünen berichtet.

Die Missbrauchsvorwürfe und die fragwürdige Praxis der Zäpfchenabgabe machten deutlich, dass "die vorhandenen Regelungen zur Schulaufsicht über Ersatzschulen zum Wohl und zum Schutz der diesen Systemen anvertrauten Kindern und Jugendlichen dringend einer Überarbeitung bedürfen", appellierte auch Angelika Maria Wahrheit vom Bonner Familiendezernat in einem Schreiben an Staatssekretär Ludwig Hecke.

Dieser teilte SPIEGEL ONLINE mit, das CoJoBo sei keine öffentliche Einrichtung. Der private Schulträger übe die Personalhoheit über seine Lehrkräfte aus, es bleibe den Bonner Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder an öffentlichen oder privaten Schulen anmelden. "Die hier zuständige Bezirksregierung Köln wurde über die Vorwürfe informiert", so Hecke.



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