"Compact"-Konferenz Krude Thesen bei Homophoben-Veranstaltung

Thilo Sarrazin trat auf, Eva Herman meldete sich per Audiobotschaft: Bei einer Konferenz des rechtspopulistischen Blattes "Compact" wurden reichlich krude und homophobe Thesen verbreitet. Rund 500 Menschen demonstrierten gegen die absurde Veranstaltung.

SPIEGEL ONLINE

Von , Schkeuditz


Zumindest der Beginn der Konferenz "Für die Zukunft der Familie" war spektakulär: Minutenlang dröhnte ein mächtiges Trommeln in Bauch und Ohren der Besucher. Dutzende Demonstranten bearbeiteten die Wand der Veranstaltungshalle im nebelverhangenen Schkeuditz bei Leipzig. "Eure Familie kotzt uns an", hatten junge Leute aus dem linken Spektrum auf ihr Plakat geschrieben.

Schon im Vorfeld hatte die Veranstaltung mit dem Untertitel "Werden Europas Völker abgeschafft?" für heftige Kontroversen gesorgt. Geladen waren unter anderen Nahost-Experte Peter Scholl-Latour und Ex-NDR-Moderatorin Eva Herman. Beide sagten ihre Teilnahme kurzfristig ab, der Journalist wegen angeblicher Terminprobleme, die blonde TV-Frau aus Angst um ihre Familie und "weil ich mich den Medien nicht noch einmal zum Fraß vorwerfen will".

Via Audiobotschaft wandte Herman sich am Samstag mit sonorer Stimme an die Konferenzbesucher: "Längst steht die Familienpolitik hierzulande der von Margot Honecker in nichts nach", erklärte sie. Hermans Positionen sind bekannt - aber nichts im Vergleich zu dem, was die übrigen Referenten zu bieten hatten. In letzter Minute abgesagt hatte die Sprecherin der Alternative für Deutschland, Frauke Petry. Man hatte ihr vermutlich erklärt, wie unglaubwürdig das Mantra wirkt, man werde auf keinen Fall mit Rechtspopulisten in Europa koalieren, wenn man gleichzeitig auf einer Veranstaltung auftaucht, auf der krude Thesen zu Demographie verbreitet werden, zur Vererbung, krankmachenden Kindergärten oder Minderjährigen, die durch Propaganda schwul werden.

Putins PR-Truppe

Gleich mehrere aus Russland stammende Referenten traten auf - und machten ordentlich Werbung für die Familienpolitik unter Putin. Eine der Rednerinnen war Jelena Misulina, Mitverfasserin des Anti-Schwulen-Propaganda-Gesetzes, eine missmutig dreinblickende kleine Frau mit hochgesteckten Haaren. Studierte Juristin, Ex-Mitglied der KPdSU, zwischendurch bei den Liberalen von "Jabloko".

Misulina erzählte, sie sei von Demonstranten bei ihrer Ankunft im Airport Messe-Zentrum getreten worden und wolle Anzeige erstatten. "Diese Leute sind intolerant, aggressiv und gut organisiert", schimpfte sie. "Das zeigt, dass wir es nicht mehr mit den schwachen Schwulenvertretern von früher zu tun haben", so Misulina weiter. "Deshalb müssen wir sie auch nicht mehr in Schutz nehmen."

So richtig daran erinnern, wann das im traditionell homophoben Russland überhaupt mal der Fall war, kann sich vermutlich niemand. Misulina hat als Autorin des international heftigst umstrittenen Anti-Schwulen-Propaganda-Gesetzes mit dazu beigetragen hat, dass immer mehr Schwule diskriminiert, verfolgt, beleidigt oder sogar gefoltert werden.

Misulinas Wunschliste für eine allseligmachende Familienpolitik in Russland ist noch lang: Sie träumt von weiteren Gesetzesentwürfen, etwa zu einer Steuer auf Scheidung, einer Empfehlung an Verheiratete, mindestens drei Kinder zu zeugen, oder dem Verbot von Abtreibungspillen. "Mut zur Wahrheit" stand in großen Lettern an der Wand, vor der Misulina stand, als sie behauptete, es gebe keine Gewalt gegen sexuelle Minderheiten in Russland.

"In Deutschland bekommt sie eine Bühne für ihren Blödsinn - und sie wird auch noch ernstgenommen", kritisierte der in Berlin lebende Schwulenaktivist Wanja Kilber, der sich mit seiner Organisation "Quarteera" für russische Homosexuelle einsetzt, die aus der Heimat geflohen sind. Für Kilber steht außer Frage, dass Misulina nach Deutschland gekommen ist, um die Homophobie à la Russland europaweit salonfähig zu machen.

Kilber störte den Vortrag der Russin, stürzte vor die Bühne mit rot bemalten Händen und einer Regenbogenfahne in der Hand, rief "Misulina hat das Blut von homosexuellen und transsexuellen Jugendlichen an ihren Händen, die getötet wurden oder Selbstmord begangen haben". Die Duma-Abgeordnete sprach ungerührt weiter, Kilber wurde herauskomplimentiert.

Veranstalter der Konferenz ist Jürgen Elsässer, Chefredakteur des "Compact"-Magazins - in den Siebzigern noch Mitglied des kommunistischen Bundes, später Lehrer und jahrelang Autor von "Konkret" und "Freitag", heute Rechtspopulist und Verschwörungstheoretiker, der auf Familie schwört und Europas Untergang herbeiredet. Sein Kooperationspartner in Frankreich ist das Institut für Demokratie und Zusammenarbeit - ein "Think Tank", der laut eigener Aussage von russischen Privatleuten gesponsert wird und als "kremlnah" gilt.

Misulina zur Seite steht Stellvertreterin Olga Batalina - platinblonde Helmfrisur, mimikloses Gesicht - von der Putin-Partei Jedinaja Rossija. Sie ließ in Leipzig keinen Zweifel daran, dass eine Einmischung von außen in Sachen Schwulenhatz oder Adoptionsverbot für Ausländer nicht erwünscht ist. "Wir haben Achtung vor allen Ländern der Welt, aber wir werden in Russland unsere Interessen vertreten und verteidigen." Probleme zwischen Minderheiten und Mehrheiten gebe es überall - und man sollte sie lösen, damit das "Land nicht von der Weltkarte verschwindet".

Homophobie als Exportschlager

Béatrice Bourges, radikale Schwulen-Ehe-Gegnerin und "gefährlichste Frau Frankreichs", war die Menschenfängerin des Tages. Sie hat sich ganz der Mission, dem Export ihrer homophoben Ideale verschrieben. "Auch andere Länder werden sich erheben, die Bodenwelle wird alles mitreißen", tönte sie. Auch in Deutschland sei vieles möglich. Frankreich stehe mit dem vereinten Kampf gegen Schwule und Lesben kurz vor einem "Volksaufstand".

Wer erwartet hatte, dass Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") für Furore sorgen werde, wurde enttäuscht: Der SPD-Mann war überwiegend mit sich selbst und der Bewerbung seiner Bücher beschäftigt. Außerdem mit "dem Araber", "dem Chinesen" oder "dem Türken" und den altbekannten Thesen über Vererbung von Intelligenz, angeblich mangelnde Integration unter muslimischen Einwanderern und "mehr Lasten als Nutzen" durch Einwanderung.

Sarrazins Forderung: "Kein Einwanderer soll in den ersten zehn Jahren seines Aufenthalts in Deutschland staatliche Hilfen bekommen - auch keine Sozialhilfe. Nichts." Applaus im Publikum, ungläubige Gesichter auf der Journalistenbank. Auf die Frage von SPIEGEL ONLINE, ob er denn wie Misulina glaube, man könne Kinder durch Propaganda zu Schwulen machen, sagte er: Nein, diese Orientierung sei angeboren. Auf die zweite Frage, ob Deutschland auch ein Anti-Schwulen-Propaganda-Gesetz brauche, antwortete er mit Schweigen.



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