Debatte über Frauenfußball-WM Klappe halten, weiterspielen!

Die Frauen der Fußballnationalmannschaft haben viel zu tun: Sie sollen für das Sommermärchen sorgen, das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessern, den Feminismus stärken. Und, ach ja, gewinnen natürlich auch. Abpfiff! Wir instrumentalisieren die WM zu Tode.

Torschützin Simone Laudehr: Vollgepfropft mit Erwartungen
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Torschützin Simone Laudehr: Vollgepfropft mit Erwartungen

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Das Sommermärchen 2011 ist schon zu Ende, bevor es hätte beginnen können.

Denn es war einmal eine Fußballweltmeisterschaft der Männer, für die sich so recht niemand vor dem Start erwärmen konnte - nach einer Testspielniederlage gegen Italien. Gurkentruppe, keine Chance, intellektuelle Trainingsmethoden, wo gibt's denn das? Das war im Frühjahr 2006.

Doch dann kam das erste Spiel, der Sieg über Costa Rica, die Stimmung stieg, wurde besser und besser, Menschen, die Motivkrawatten verabscheuen, malten sich schwarz-rot-goldene Flaggen auf die Wangen, trafen sich nach der Arbeit im Anzug zum gemeinsamen Fußballschauen. Und da war es, das Märchen. Nicht konzipiert, einfach da.

Bei der Frauenfußball-WM war das anders. Der Kader stand noch nicht, da wurde das Märchen schon herbeigeredet, herbeigeschrieben, vielleicht auch herbeigesehnt. Nicht zuletzt vom DFB selbst. Die Frauen sollen nicht nur gewinnen. Sie sollen uns verzaubern, mitreißen, in Ekstase schießen. Und zwar dalli, dalli.

Zwei Spiele haben die Deutschen schon gespielt. Nur: Wo bitte geht's zur kollektiven Euphorie?

Das Problem ist: So funktioniert das nicht. Wer die Verzauberung kalkuliert, die emotionale Überwältigung per Countdown anzählt, die Freude verordnet, hat schon verloren.

Das ist kein Ballett, das ist Fußball

Denn der bezeichnet auch Fatmire Bajramaj "sozusagen als Özil der Frauen" ("Kicker"), empört sich über den weichgespülten, unambitionierten Mädchenfußball oder wahlweise über die zu große Brutalität auf dem Platz, die so gar nicht weiblich erscheinen mag.

Dass Birgit Prinz sich so empört hat nach dem Wechsel, irgendwie total männlich. Aber das Tempo? Wo bleibt das Tempo auf dem Platz? Die Männer gehen härter in die Zweikämpfe, die Leistung ist einfach besser. Wenn Frauen sich so treten, schrecklich! Und erst die Waden! Richtige Fußballerwaden!

Jungs, das ist kein Ballett, das ist Fußball, möchte man sagen.

Und trotzdem: Frauenfußball ist nicht Männerfußball. Wird es nie sein, kann es nie sein, muss es nicht sein. Das ist die Sache mit dem Chromosom, der kleine Unterschied, genau. Dass man diesen Unterschied nun ausgerechnet da nivellieren will, wo es gar nicht Not tut - nämlich auf dem Platz - ist Teil des Problems.

Frauen müssen nicht genauso hart schießen und genauso schnell rennen wie die Männer oder identische Trikots tragen. Denn ihre Physis ist eine andere. Kann man sich darauf einigen?

Zu sagen, Frauenfußball unterscheidet sich von Männerfußball, ist keine Diskriminierung, es ist ein Fakt. Gleichberechtigung ist nicht dann erreicht, wenn man die sportlichen Leistungsunterschiede unter den Teppich kehrt.

Sondern wenn in Bereichen, die mit Physis und Muskeln nichts zu tun haben - aber sehr wohl mit Leistung - gleiches Recht für alle gilt. Zum Beispiel am Arbeitsplatz. Oder bei den Bewertungsmaßstäben: Fußballerinnen müssen nicht sexy sein, genauso wenig wie Tim Wiese, Per Mertesacker oder Lukas Podolski es sein müssen.

Das Schöne am Märchen: Es passieren wundersame Dinge

Das Geschehen auf dem Platz wird überfrachtet, aufgeladen mit Erwartungen, die sogar das - natürlich außergewöhnlich breite und irgendwie unfeminine (Achtung, Klischee!) - Kreuz der Profifußballerin nicht zu schultern vermag.

Auf dem Feld wird nicht nur zur eigenen Freude - und der zuletzt 17 Millionen TV-Zuschauer - geschossen, gerannt, gekämpft um den Ball. Sondern zugleich auch um Emanzipation, um gleiche Bezahlung, gegen Diskriminierung im Sport, für die Rechte Afrikas und das Ansehen Deutschlands in der Welt, den Tierschutz, den Weltfrieden. Und, natürlich, das Sommermärchen.

Würde das Team die Last der Erwartungen physisch spüren, die Spielerinnen könnten nicht einmal bis zur Mittellinie laufen, ohne Seitenstiche zu bekommen.

Frauenrechtsorganisationen sehen die Fußballerinnen als "Vorbilder", ergo werden Radtouren zum Auftaktspiel organisiert. Aber Vorbilder für was eigentlich? Dass man es auf den Platz schaffen kann, als Frau, in Deutschland, im Jahr 2011? Herzlichen Glückwunsch, wir sind am Ziel.

Im Internet widmen sich Hunderte erwachsene Menschen der Frage, ob die Schrift auf den Trikots der Fußballerinnen tatsächlich Comic Sans ist, lustig und verspielt. So putzig anmutend, dass sich der Designer inzwischen für sie schämt. "Rund und elegant" und "feminin", findet der DFB die Rückennummern. Das Netz kocht. Doch taugt ein geschwungenes Z als Ausdruck der Diskriminierung?

Emanzipation wäre, wenn man über all das nicht mehr reden und schreiben müsste. Wenn einfach elf Frauen auf dem Platz stehen und Fußball spielen könnten. Ohne stupide Männer-Vergleiche, ohne plumpen Sexismus. Mit Ball, mit Schienbeinschonern - aber ohne Überhöhung, ohne Meta-Ebene. Wenn nicht länger all die Missstände in sie hinein projiziert werden würden. Wenn wir trennen würden zwischen Sport und dem Rest der Welt. Einfach Fußball.

Dann könnte das Sommermärchen kommen, vielleicht. Wenn wir es bis dahin nicht so lange totgequatscht hätten, dass wir es am Ende gar nicht bemerken. Denn das ist ja das Schöne am Märchen: Es passieren Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.

insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
malte71, 01.07.2011
1. titel
Zitat von sysopDie Frauen der Fußballnationalmannschaft haben viel zu tun: Sie sollen für das Sommermärchen sorgen, das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessern, den Feminismus stärken. Und, ach ja, gewinnen natürlich auch. Abpfiff! Wir instrumentalisieren die WM zu Tode. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771852,00.html
Zwei Spiele waren zu sehen, so langsam wird zurückgerudert. Nur eine Frage noch: Wer genau sind denn diese "wir", die das Ereignis so überhöht haben?
Björn Borg 01.07.2011
2. Wer ist 'Wir'? Schaut SPON mal in den Spiegel?
Zitat von sysopDie Frauen der Fußballnationalmannschaft haben viel zu tun: Sie sollen für das Sommermärchen sorgen, das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessern, den Feminismus stärken. Und, ach ja, gewinnen natürlich auch. Abpfiff! Wir instrumentalisieren die WM zu Tode. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771852,00.html
Bislang habe ich mich ja immer geärgert, wenn der DFB die Herren-Nationalmannscaft während eines Turniers so dermaßen abschottet. Wenn ich mir aber die Leistungen der Damen-Mannschaft in den letzten beiden Spielen (vor allem im Vergleich zu den glänzenden Vorbereitungsspielen) so ansehe, dann kann ich plötzlich verstehen, wohin das führt, wenn er das nicht tut: Werbekampagnen, Interviews, Tatort-Auftritte, Home-Stories, Omnipräsenz in den Medien und dazu der Druck, Weltmeisterin werden zu müssen: Da muss man ja das Spiel als Nebensache empfunden. P.S.: Warum gehen die Damen eigentlich geschminkt auf das Spielfeld? Meines Erachtens gehört sich das nicht.
storchenfreund 01.07.2011
3. Titel
Zitat von sysopDie Frauen der Fußballnationalmannschaft haben viel zu tun: Sie sollen für das Sommermärchen sorgen, das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessern, den Feminismus stärken. Und, ach ja, gewinnen natürlich auch. Abpfiff! Wir instrumentalisieren die WM zu Tode. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,771852,00.html
Der Artikel bringt es auf den Punkt. Mittlerweile ist der Begriff "Sommermärchen" so beliebig und abgenutzt, daß er bei mir nur noch Kopfschütteln auslöst
Kalle, 01.07.2011
4. Lieber verlieren, aber Frau bleiben
Ich habe mir die Fotoserie angeschaut...also Frauen gibt es.......
mia1602 01.07.2011
5. Besser...
hätte ich nicht formulieren können! Dieser ständige Vergleich mit dem Männern ist unerträglich und scheint sich vor allem beim DFB abzuspielen. So kenne ich das weder beim Volley- noch beim Handball.
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