Debatte über Papst: Gelockertes Kondomverbot entzweit Katholiken

Reformkatholiken und Hilfsorganisationen sind erleichtert. Benedikt XVI. hat erstmals den Gebrauch von Kondomen für erlaubt erklärt, zur Eindämmung von Aids unter bestimmten Bedingungen - doch der erzkonservative Flügel der Kirche ist empört.

Papst Benedikt XVI.: Wende in der Kondom-Politik Zur Großansicht
dapd

Papst Benedikt XVI.: Wende in der Kondom-Politik

Rom - Seine Worte sind eine kleine Revolution. In einem neuen Buch ist Papst Benedikt XVI. zum ersten Mal von einem strengen Kondomverbot abgerückt. Als Beispiel für akzeptable Ausnahmefälle führt der Papst laut Vorabauszügen männliche Prostituierte an, die die Ausbreitung von HIV verhindern wollten.

Die Papst-Äußerungen kommen überraschend und sorgen in der katholischen Kirche für heftige, emotionale Reaktionen. Der rechte erzkonservative Flügel der Katholiken ist entrüstet: "Der alte Mann ist vor dem Druck zusammengeklappt", hieß etwa die Überschrift eines Artikels auf einer der deutschsprachigen Internetseiten.

Reformorientierte Katholiken lobten Benedikt XVI. dagegen für seine Kehrtwende. "Wenn ein Kondom als Verhütungsmittel verwendet wird, wird das sicherlich von der Kirche verurteilt", erklärte Deogracias Yniguez von der Katholischen Bischofskonferenz auf den Philippinen. "Aber wenn es verwendet wird, um eine Krankheit zu vermeiden, dann kann die Kirche eine andere Haltung einnehmen." Der katholische Missionar Shay Cullen, der auf den Philippinen lebt, lobte die Lockerung des Verbots, die Leben retten werde. "Wir sehen einen aufgeklärten Papst, der seiner Sorge um das menschliche Leben Priorität einräumt." Christian Weisner von den deutschen Reformkatholiken "Wir sind Kirche" wertete die Aussagen des Papstes zu den Kondomen als "überraschend". Es sei ein Glück, dass der Papst offenkundig "lernfähig" sei.

Uno-Vertreter: "Positiver Schritt nach vorne"

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, sagte der Nachrichtenagentur dapd: "Wenn es eine Öffnung ist zum Kondomgebrauch, kann ich das nur begrüßen." Allerdings kenne er den Text noch nicht. Den Gebrauch von Kondomen zu verbieten, habe er noch nie für richtig gehalten, schon allein wegen der Aids-Problematik, betonte Schneider.

Im Wortlaut: Der Papst über...
...die Verwendung von Kondomen
"Die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen. Deshalb ist auch der Kampf gegen die Banalisierung der Sexualität ein Teil des Ringens darum, dass Sexualität positiv gewertet wird und ihre positive Wirkung im Ganzen des Menschseins entfalten kann. Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen."
...die Burka und den Bau von Moscheen
"Christen sind tolerant und insofern erlauben sie auch den anderen ihr eigenes Selbstverständnis. Wir sind erfreut darüber, dass es in den arabischen Golfstaaten (Katar, Abu Dhabi, Dubai und Kuwait) Kirchen gibt, in denen Christen die Messe zelebrieren können, und wir hoffen, dass dies überall geschehen möge. Daher ist es nur natürlich, dass Muslime sich auch bei uns zum Gebet in einer Moschee versammeln können. Was die Burka angeht, sehe ich keinen Grund für ein generelles Verbot. Es heißt, einige Frauen würden sie nicht freiwillig tragen, sondern es handele sich vielmehr um eine Art von ihnen aufgezwungener Gewalt. Es ist klar, dass man damit nicht einverstanden sein kann. Wenn sie sie (die Burka) jedoch freiwillig tragen wollten, sehe ich keinen Grund dafür, dies zu verbieten."
...Drogen
"Ich glaube, diese Schlange des Drogenhandels und -konsums, die die Erde umspannt, ist eine Macht, von der wir uns nicht immer die gebührende Vorstellung machen. Sie zerstört die Jugend, sie zerstört Familien, sie führt zur Gewalt und gefährdet die Zukunft ganzer Länder. Auch dies gehört zu den schrecklichen Verantwortungen des Westens, dass er Drogen braucht und dass er damit Länder schafft, die ihm das zuführen müssen, was sie am Ende verbraucht und zerstört. Da ist eine Gier nach Glück entstanden, die sich mit dem Bestehenden nicht begnügen kann."
...Sextourismus
"Die Zerstörung, die der Sextourismus über unsere Jugend bringt, (...) können wir uns gar nicht vorstellen. Da sind Prozesse der Zerstörung im Gang, die außerordentlich sind und die aus dem Übermut und dem Überdruss und der falschen Freiheit der westlichen Welt geboren sind."
...seinen Vorgänger Karol Wojtyla und seinen eigenen Auftrag
"Wir weben an einem gemeinsamen Tuch. Karol Wojtyla war sozusagen von Gott der Kirche geschenkt in einer ganz bestimmten, kritischen Situation, in der nun einerseits die marxistische Generation, die 68er-Generation, den ganzen Westen in Frage stellte und in der, im Gegenteil, der reale Sozialismus zerfallen ist. In diesem Gegeneinander den Durchbruch zum Glauben zu öffnen und ihn als die Mitte und den Weg zu zeigen, das war ein historischer Augenblick besonderer Art. Nicht jedes Pontifikat muss einen ganz neuen Auftrag haben. Jetzt geht es darum, dies weiterzuführen und die Dramatik der Zeit zu erfassen, in ihr das Wort Gottes als das Entscheidungswort festzuhalten - und zugleich dem Christentum jene Einfachheit und Tiefe zu geben, ohne die es nicht wirken kann."
Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Johannes Friedrich, sagte, er wäre "froh", wenn sich jetzt die Meinung durchgesetzt hätte, dass die Verwendung von Kondomen zur Vorbeugung von Aids in bestimmten Fällen angebracht ist. "Weil das Menschen das Leben retten könnte", argumentierte Friedrich.

Erleichterung auch bei Hilfsorganisationen: Dass das Oberhaupt der katholischen Kirche die Nutzung von Präservativen in Einzelfällen für erlaubt erklärt habe, sei ein "entscheidender und positiver Schritt nach vorn", erklärte der Chef des Uno-Programms gegen Aids, Michel Sidibe. "Dieser Schritt erkennt an, dass ein verantwortungsvolles Sexualverhalten und der Gebrauch von Kondomen eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von HIV spielen", hieß es in der Erklärung. Er habe im Jahr 2009 weitreichende Diskussionen mit dem Vatikan zur Vorbeugung von HIV und Aids geführt, erklärte Sidibe. "Gemeinsam können wir eine Welt ohne neue HIV-Infektionen und ohne Diskriminierung schaffen", hieß es.

Beobachter: "Papst unterschätzt Tragweite der Erklärung"

Die afrikanische Organisation "Kenya Treatment Access Movement", die gegen die Ausbreitung von Aids kämpft, erklärte laut der britischen BBC, der Papst zeige, dass er die Realität akzeptiere. "Wenn es der Kirche nicht gelungen ist, dass die Menschen ihren moralischen Werten folgen und enthaltsam leben, muss sie eben den nächsten Schritt gehen und zum Gebrauch von Kondomen aufrufen", so ein Sprecher.

Es gehe bei den Äußerungen des Papstes um mehr als nur eine neue Nuance, sagte Clifford Longley, britischer Autor der katholischen Zeitung "The Tablet". Mit dem "kleinen Zugeständnis" könne das gesamte Konstrukt der katholischen Kirche zur Verhütung zusammenbrechen. Auch der Papst selbst unterschätze offenbar die Tragweite seiner Aussage.

Benedikt XVI. hatte in Interviews mit dem deutschen Journalisten Peter Seewald, die am Mittwoch in Form eines Buchs erscheinen, zwar grundsätzlich die ablehnende Haltung der Kirche zu Verhütungsmitteln betont, aber gesagt, wenn es darum gehe, die Ansteckungsgefahr mit dem HI-Virus zu verringern, könne der Einsatz von Kondomen in "begründeten Einzelfällen" erlaubt sein. Die Verwendung von Kondomen sei natürlich keine moralische Lösung, sagte der Papst laut Vorauszug aus dem Buch. Doch ihr Gebrauch durch Prostituierte sei "ein erster Schritt zu einer Moralisierung" und könne helfen, ein Bewusstsein zu entwickeln, "dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will". Das Buch soll am Mittwoch kommender Woche unter dem Titel "Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit" erscheinen.

Tatsächlich stellen die neusten Papst-Worte eine Abkehr von einer über Jahrzehnte starren Position der katholischen Kirche dar: Noch 2009 hatte der Papst auf einer Afrika-Reise erklärt, Kondome würden das Aids-Problem in Afrika nicht lösen, sondern im Gegenteil sogar verschärfen. Damit hatte der Papst heftige Kritik von europäischen Regierungen, Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen auf sich gezogen. Der Vorgänger Benedikts XVI., Johannes Paul II., hatte 1993 die eheliche Treue als einziges Mittel gegen Aids bezeichnet.

anr/dapd/AFP

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Ich finde der Papst geht langsam in die richtige Richtung.
Gockeline 21.11.2010
Selbst seinen Fehler gab er zu, den Piusbruder Wlliams wieder aufzunehmen. Er gab es sogar zu unwissend gewesen zu sein. Das ist mehr als ein Fortschritt für einen Papst. Bisher habe ich ihn mehr kritisiert. So gefällt er mir schon besser. Er zeiugt sich zum ersten mal als Mensch.
2. Erlaubnis für männliche Prostituierte
Antje Technau 21.11.2010
Zitat von sysopReformkatholiken und Hilfsorganisationen sind erleichtert. Benedikt XVI. hat erstmals den Gebrauch von Kondomen für erlaubt erklärt, zur Eindämmung von Aids unter bestimmten Bedingungen
Die Erlaubnis des Papstes gilt laut dem Interviewzitat nur für *männliche Prostituierte*, weil bei denen die Verhütungsfrage keine Rolle spielt. Die "Erlaubnis" des Papstes, Kondome zu benutzen, gilt ausdrücklich nicht für weibliche Prostitierte oder heterosexuelle Paare. empört ist noch milde ausgedrückt :-) Die Fundis stehen kurz davor sich vom Papst loszusagen: Der alte Mann ist vor dem Druck zusammengeklappt (http://www.kreuz.net/article.12232.html)
3. Gehorsam ade?
kyon 21.11.2010
Zitat von sysopReformkatholiken und Hilfsorganisationen sind erleichtert. Benedikt XVI. hat erstmals den Gebrauch von Kondomen für erlaubt erklärt, zur Eindämmung von Aids unter bestimmten Bedingungen - doch der erzkonservative Flügel der Kirche ist empört. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,730305,00.html
Empörung? Wo soll das nur hinführen? Gilt denn nicht mehr die Regel: Solange ihr die Beine unter meinen katholischen Tisch tut, habt ihr das zu tun, was ich sage?
4. Auch ich bleibe "empört"!
Rolf Schmid 21.11.2010
Zitat von sysopReformkatholiken und Hilfsorganisationen sind erleichtert. Benedikt XVI. hat erstmals den Gebrauch von Kondomen für erlaubt erklärt, zur Eindämmung von Aids unter bestimmten Bedingungen - doch der erzkonservative Flügel der Kirche ist empört. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,730305,00.html
Allerdings weit weniger über dieses erste Anzeichen von päpstlicher Einsicht und Verantwortung für andere Menschen. Sondern deswegen, weil er nicht auch endlich mit dem Anarchismus der Ehelosigkeit für Priester ein Ende macht, um die Hunderttausend fachen Missbräuche Jugendlicher endlich einzudämmen! DAS wäre noch wesentlich wichtiger als in bestimmten Ausnahmefällen Kondome zu tolerieren! Und darüber sollten sich endlich auch die besonders rückständigen Fundamental-Katoliken aufregen!
5. ...
Tomcic 21.11.2010
Zitat von kyonEmpörung? Wo soll das nur hinführen? Gilt denn nicht mehr die Regel: Solange ihr die Beine unter meinen katholischen Tisch tut, habt ihr das zu tun, was ich sage?
Vielleicht gehen die dahin wo sie eigentlich hingehören? Zur Pius-Bruderschaft?
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