Debatte um Babyklappen: Mutterschutz gegen Kinderrecht

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Babyklappen und anonyme Geburten sollen Säuglinge vor dem Tod bewahren.  Die Einrichtungen funktionieren nur, wenn die Mütter unerkannt bleiben. Das beschneidet die Rechte der Kinder - eine aktuelle Studie zeigt die Schwachstellen des rechtlich fragwürdigen Systems.

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Corbis

Baby: Recht, die Herkunft zu erfahren

Ein Säugling lag tot im Altpapiercontainer, einen weiteren fanden Mitarbeiter einer Recycling-Firma leblos in einem Schuhkarton, insgesamt fünf Kinder wurden 1999 allein in Hamburg ausgesetzt. Von einem "Findelkinder-Boom" war gar die Rede. Der Begriff mutete zynisch an, er offenbarte Hilflosigkeit. Wie konnten Frauen im Jahr 1999 davon abgehalten werden, Kinder zu gebären und sie dann auszusetzen? Eine Antwort war die erste Babyklappe Deutschlands, die in der Hansestadt eingerichtet wurde. Sie fand bald viele Nachahmer.

Das Prinzip ist immer gleich, die Kausalität wird unterstellt: Mütter töten ihre Kinder oder setzen sie aus, weil ihnen keine Alternative zur Verfügung steht. Verkürzt bedeutet das: Babyklappen retten das Leben der Säuglinge.

Schon 1999 gab es schwerwiegende Bedenken. Die Zahl ausgesetzter und getöteter Babys ist laut der Hilfsorganisation Terres des Hommes trotz der Errichtung der Klappen nicht gesunken, soweit sich das erheben lässt. Dagegen wenden Befürworter von Babyklappen und anonymer Geburt ein, die Zahl der Fälle wäre ohne die Angebote noch höher - überprüfen lässt sich das nicht.

Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt nun die Schwachstellen des Konzepts, das die Anonymität der Mütter über alles stellt - und den Schutz der Kinder so häufig nicht gewährleisten kann, obwohl genau das seine Absicht ist. Deutlich wird, dass in der Absicht, die Mütter unerkannt zu lassen, vor allem die Transparenz leidet.

Das DJI stellte fest, dass der Verbleib von rund 200 abgegebenen Kindern - etwa einem Fünftel aller Fälle - völlig unklar ist. 591 Jugendämter und 344 Anbieter der anonymen Kindesabgabe wurden schriftlich befragt. Wurden die Babys adoptiert? Gab die Mutter ihren Wunsch nach Anonymität auf? Wurden die Kinder von ihren Müttern zurückgenommen? 80 Prozent der angeschriebenen Jugendämter und Träger beteiligten sich an der Untersuchung, deutlich weniger machten Angaben zur Nutzung der Babyklappen.

Das Recht, die eigene Herkunft zu erfahren

Dass niemand weiß, wer die Mütter der abgegebenen Säuglinge sind, war im Konzept vorgesehen. Dass niemand weiß, was aus den Kindern wird, nicht.

Die Rettung der Kinder wurde zum obersten Ziel erklärt. "Wenn auch nur ein einziges Kinderleben durch eine Babyklappe gerettet wird, dann müssen alle Bedenken zurückstehen", sagte Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer 2009. Was aber nützt die Rettung der Säuglinge, wenn ihr Schutz in der Folge nicht gewährleistet werden kann?

"Babyklappen haben in der Öffentlichkeit einen guten Ruf. Wenn man sich mit dem Thema eingehend befasst, ist das nicht nachvollziehbar. Weder den Müttern noch den Kindern ist damit geholfen", sagt Monika Bradna vom DJI, eine der Autorinnen der Studie. "Babyklappen und anonyme Geburt sind rechtlich nicht legitimiert, sie werden nur geduldet."

Kinder haben ein Recht auf Leben, aber auch darauf, ihre Herkunft zu erfahren, wie das Bundesverfassungsgericht 1989 urteilte. Dies wird den anonym abgegebenen Kindern verwehrt, es sei denn, die Mutter meldet sich. "Wenn Kinder nichts über ihre Herkunft wissen, kann das ihre Identitätsentwicklung beeinträchtigen", sagt Bradna.

Keine zentrale Erfassung, keine Standards

Auch die Rechte der biologischen Väter werden missachtet. Der Studie zufolge wird etwa die Hälfte der Kinder aus Babyklappen direkt in Adoptivfamilien vermittelt, bei anonym im Krankenhaus geborenen Kindern ist es ein Drittel.

Dem Ziel, die Kinder zu schützen, wurden viele Standards geopfert. Die Studie offenbart vor allem, wie groß das Durcheinander in diesem sensiblen Bereich ist, wie groß der Vertrauensvorschuss. Denn eine Kontrolle kann es kaum geben, nicht einmal das Bundesfamilienministerium weiß, wie viele Babyklappen in Deutschland genau existieren. Die Autorinnen der Studie haben zudem weitere Defizite identifiziert. "Im Bereich der anonymen Kindesabgabe ist nichts geregelt", sagt Bradna.

Anonyme Kindesabgaben werden nicht zentral erfasst. Laut Bradna führen manche Träger gar keine Dokumentation, "die wissen nur die Anzahl der abgegebenen Kinder". Bei kleinen Vereinen, die alles ehrenamtlich machen, oder auch in einer Klinik könne schon ein Personalwechsel dazu führen, dass niemand mehr über den Verbleib der bisher abgegeben Kinder Bescheid wisse. "Angesichts der Tatsache, dass nichts vorgeschrieben ist, kann man froh sein, dass es teilweise gut dokumentierte Daten gibt", sagt Bradna.

Bei weitem nicht alle Träger haben Kooperationsverträge mit dem Jugendamt, teilweise gibt es auch nur mündliche Absprachen. "Manche Träger melden dem Jugendamt erst nach zwei Monaten oder später, dass ein Kind da ist." Einheitliche Verfahren für die eventuelle Rückgabe der Kinder an die Mütter gibt es ebenfalls nicht - die Träger entscheiden nach Gutdünken.

"Vertrauliche Geburt" als Ausweg?

Einige Träger bestellen Mitarbeiter zum Vormund abgegebener Kinder, einige vermitteln in Adoption - ein echtes Problem, bei dem schnell der Verdacht des Kinderhandels im Raum stehen kann. Der Schutz der Kinder wird auf die Vertrauensfrage reduziert.

Das Bundesfamilienministerium will nun unter dem Schlagwort "Vertrauliche Geburt" einen rechtlichen Rahmen schaffen. "Das Konzept der vertraulichen Geburt schließt an die Ergebnisse der Studie an: Die Anonymitätsbedürfnisse der Mütter bleiben gewahrt, die Kinder können zum späteren Zeitpunkt Kenntnis über ihre Herkunft erlangen", sagt Bradna.

Ziel ist es, den betroffenen Kindern zehn Jahre nach der Geburt einen Informationsanspruch über ihre Herkunft zu geben. Die Anonymität der Mütter soll bis dahin garantiert werden. Wann das Gesetz in Kraft treten wird, ist allerdings offen. "Grundsätzlich ist die vertrauliche Geburt eine Verbesserung für Mutter und Kind", sagt Bradna. Es fehle aber an Modellen, wie sie sich konkret gestalten ließe. Zudem löse sie nicht die Frage, wie aktuelle Angebote anonymer Kindesabgabe gehandhabt werden sollten.

Derzeit braucht man noch nicht einmal eine Betriebserlaubnis, um eine Babyklappe zu eröffnen. Bradna fordert klare Regeln für folgende Aspekte:

  • Was geschieht mit dem Kind?
  • Wer betreut es?
  • Wann wird das Jugendamt informiert?
  • Wie wird der Fall dokumentiert? Was dokumentiert der Träger, was das Jugendamt?
  • Wie ist die Beratung gestaltet?

Insbesondere der letzte Punkt ist problematisch. Bei manchen Trägern gibt es laut Bradna keine Beratung im professionellen Sinn, sondern moralisch aufgeladene Gespräche. "Manche Träger haben zum Beispiel die Haltung: 'Das Kind muss auf jeden Fall zurück zur Mutter.' Mütter werden dann sogar aufgesucht und bedrängt, ihr Kind zurückzunehmen."

Abhilfe könnte laut Bradna eine zentrale Internetseite schaffen, auf der umfassend über die Angebote und Unterstützungsleistungen informiert wird. Denn derzeit landeten Frauen auf der Suche nach Hilfe bei Internetsuchen oft auf Seiten von Trägern, die intensiv mit hoch professionell gestalteten Websites werben und im Suchranking weit oben stehen.

Mit einer neutralen Seite ließe sich vielleicht auch das Ungleichgewicht aufheben, das derzeit unter den Trägern herrscht: Der Studie zufolge wurden im Erhebungszeitraum insgesamt 278 Kinder in Babyklappen von 57 Trägern gefunden. Bei lediglich neun Trägern wurden insgesamt 105 Babys abgegeben. Bei anonymen Geburten ist das Gefälle noch krasser: Ein einziger von 65 Trägern kam auf 323 anonyme Geburten - nahezu die Hälfte aller 652 erfassten Fälle.

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Anonyme Kindesabgabe
 
In Deutschland haben sich drei Möglichkeiten der anonymen Kindesabgabe entwickelt.
Babyklappe
Die Vorrichtungen in Kliniken, Gebäuden der Kinder- und Jugendhilfe oder auch an Privatwohnungen ermöglichen die anonyme Abgabe eines Kindes. Das Baby wird in ein spezielles Wärmebett gelegt. Zeitlich verzögert wird ein Alarm ausgelöst, der das Personal auf das Kind aufmerksam macht. Durch die Pause hat die abgebende Person die Möglichkeit, unerkannt zu gehen. Die genaue Zahl der Babyklappen in Deutschland ist laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unbekannt. Es soll aber in mehr als 80 Städten insgesamt etwa hundert Babyklappen geben, in die insgesamt knapp 280 Kinder gelegt wurden.
Anonyme Geburt
Rund 130 Kliniken in Deutschland bieten Müttern an, Kinder zur Welt zu bringen, ohne dass die Frauen ihre Identität nennen müssen. Auf diese Weise sollen in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 650 Kinder geboren worden sein, die meisten wurden anschließend zur Adoption freigegeben.
Anonyme Übergabe
Eine Mutter vereinbart mit einer Betreuungsperson einen Ort und eine Zeit für die Übergabe eines Kindes. Die Absprache geschieht meist telefonisch oder per E-Mail. Nach der Übergabe kümmert sie die entsprechende Einrichtung um das Kind. Seit 1999 sollen 43 Kinder auf diese Weise übergeben worden sein.