Von Annette Langer
"Ich bin nicht deine Mutter", sagt die schwer demente Mutter.
"Wer bist du denn?", fragt der Sohn.
"Deine Schwiegermutter."
"Mhm. Könntest du dir eventuell vorstellen, dass ich dein Sohn bin?"
"Mhm. Auch möglich."
Es sind diese nur auf den ersten Blick komischen Dialoge, die Jörn Klares Buch "Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand" zu einem anrührenden Dokument über Demenz machen.
Der Autor erzählt die Krankengeschichte seiner bei Diagnose gerade einmal 70-jährigen Mutter. Er berichtet von ihren Ängsten, aber auch von seinen eigenen - und die sind am Anfang riesig: "Wird sie mich vergessen? Wird sie noch meine Mutter sein?"
Klare verkneift sich eine Schlüsselloch-Perspektive auf die große Katastrophe, die einen Erinnerungs- und Ich-Verlust für alle Beteiligten bedeutet. Er setzt auf Vielstimmigkeit. Die Mutter von einst kommt zu Wort, sie blickt zurück auf den Krieg, die Druckwellen im Keller und die Befreiung durch "schwarze Neger", die Weihnachtsfeste in der Mauerstraße Nr. 5.
Auszüge aus Pflegeberichten beleuchten nüchtern die mitunter konfliktgeladene Situation im Heim, dem die Mutter zu entfliehen sucht: "Da habe ich gemerkt, dass die Tür der Bewohnerin offen stand, diese selbst aber nicht im Bett lag. Dann habe ich die Polizei angerufen."
Auch Psychiater, Gerontologen und Pflegewissenschaftler diskutieren mit dem Autor über das Phänomen Demenz. Sie tun das mit großem Respekt vor den komplizierten Details. Die Wissenschaft, so heißt es in dem Buch, habe gerade mal fünf Prozent des Gehirns verstanden: "Im Moment ist das noch eher so, als wollten Sie mit einem Vorschlaghammer eine Quarzuhr reparieren", sagt der Psychiater Hans-Georg Nehen.
"Ist das mit der Vergesslichkeit besser geworden?", fragt der Sohn halbherzig die Mutter.
"Nein."
"Ist ja nicht so schlimm", beruhigt er sie und denkt: "Es ist ein Abgrund, ein Drama, eine verdammte Katastrophe."
Schuldgefühle der Angehörigen spielen eine große Rolle in dem Buch. Zu wenig Zeit, zu wenig Raum glaubt der berufstätige Vater seiner Mutter einzuräumen, in ein Heim habe er sie verfrachtet, wo sie ganz allein herumsitzt. Das drängende, wiederholte "Ich will nach Hause" bereitet dem Sohn Kummer. Dabei ist dieser Wunsch Experten zufolge eher selten Ausdruck einer Sehnsucht nach der alten, vertrauten Wohnung, sondern nach einer heilen Welt, dem Gleichgewicht der mentalen und physischen Kräfte.
Der Abschied von der Mutter ist für den Sohn auch die letzte Stufe des Erwachsenwerdens: "Auch wenn ich daran und dadurch sicher wachse, könnte ich auf das eine oder andere ganz gut verzichten. ( ) Ich vermisse ihre Anteilnahme."
Demenz und Menschenwürde
Die Zahl der Alten in der Gesellschaft nimmt stetig zu, damit auch die der Demenz-Betroffenen und die Berichterstattung darüber. Wer notorisch seinen Hausschlüssel verliert, immer wieder den Namen des Nachbarn vergisst oder massive Wortfindungsschwierigkeiten hat, bekommt dieser Tage schnell Panikattacken angesichts der angeblichen Symptome. In der Regel erweisen sich diese aber als simple Schusseligkeit.
Es ist positiv, dass viele von uns gute Chancen haben, 80 Jahre oder älter zu werden. Weniger schön ist, dass von den über 90-Jährigen jeder dritte an Demenz erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir selbst irgendwann in der Gruppe der Vergessenden landen, ist also nicht eben gering. Diese Erkenntnis könnte hilfreich sein, wenn wieder einmal über die erheblichen Betreuungskosten für Demente gestritten wird - laut Robert-Koch-Institut ungefähr 44.000 Euro pro Jahr.
Kontrollverlust kränkt die leistungsorientierte Mittelschicht
Die Angst der Angehörigen vor der Konfrontation mit der genetischen Disposition, der eigenen Vergänglichkeit, ist riesig.
"Die Demenz kränkt das Menschenbild der weißen Mittelschicht", zitiert Klare den US-Medizinethiker Jesse Ballenger. Das Irrationale, der Kontrollverlust, das Unberechenbare des Erinnerungsverlusts versetzen so manchen Gesunden in Panik. Klare hingegen hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Angehörige schlecht, viele Dementen hingegen gut fühlen: "Die Hand eines Freundes halten, einen Apfel essen, die Sonne im Gesicht spüren - sie sind glücklich in ganz banalen Situationen, innerhalb eines Wertekanons, der allerdings in der Leistungsgesellschaft nicht hoch angesiedelt ist."
Wer es zulässt, kann viel lernen von jenen, die nicht mehr "funktionieren": "Wenn ich mit meiner Mutter zusammen bin, lebe ich im Jetzt, nehme alles, wie es kommt und versuche, keine Erwartungen an sie zu haben. Ich nehme es ihr nicht mehr übel, wenn sie meinen Namen vergisst", sagt Klare. "Heute ist es mein größter Trost, wenn ich sie besuche und sie mich anlächelt, sie strahlt dann von innen, das macht mich sehr glücklich."
Klare hat ein anrührendes, informatives und trotz der eigenen Ratlosigkeit hilfreiches Buch geschrieben. Er stellt die richtigen Fragen, wie "Kann man sich selbst vergessen?" (Identität ist mehr als das Wissen um die eigene Biografie) oder "Wie kann ich dem Angehörigen und mir selbst das Leben mit Demenz erträglich machen?" (Das neue Ich der Kranken wahrnehmen, aber das alte nicht vergessen).
Ein schwacher Trost zum Schluss: Dem Psychologen Rüdiger Pohl zufolge gehen auch bei nicht dementen Menschen am Ende 99 Prozent der Erinnerungen verloren: "Weil wir uns nur an die Höhepunkte erinnern."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Demenz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH