Niederländisches Demenzdorf Hogewey Alles für den Augenblick

Jo Verhoeff ist 85 und dement. In den Niederlanden hat man ihr und anderen Erkrankten ein eigenes Dorf gebaut. Es ist eine Welt ohne Gestern und Morgen - mit größtmöglicher Freiheit. Und zugleich eine Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft mit Alten umgehen soll, die sich verhalten wie Kinder.

SPIEGEL ONLINE

Aus Amsterdam berichtet


Der Moment, in dem sich die Welt als Scheinwelt entpuppt, kommt unverhofft. Jo Verhoeff geht voran mit forschem Schritt, "wenn Sie mir bitte folgen würden". Sie ist eine stolze Frau, und das Wohnzimmer, das sie durchquert, ist ihr Reich. "Es ist schön, dass Sie gekommen sind". Höflichkeit ist ihr wichtig. Der Weg führt durch den Flur, an den Wänden hängen Bilder von der letzten Silvesterparty, vorbei an der Haustür, die nie verschlossen ist, vor der noch immer der lachende Schneemann steht, einen halben Meter hoch, die Sonne scheint ihm auf den dicken Plastikbauch, es ist Frühling.

Jahreszeiten, Gepflogenheiten, Tagesabläufe, Geschichten, alles verschwimmt. Hogewey ist eine Welt zum Zusammenbasteln. Ein Dorf für Menschen, die sich ihrer Erfahrungen nicht mehr bedienen können, die sich nach Freiheit sehnen, aber kein Gefühl mehr haben für Sicherheit.

Wenn es etwas gibt, das diesen Ort besonders auszeichnet, dann ist es Gelassenheit. Bewohner gehen im Winter ohne Mantel vor die Tür und im Sommer dafür mit zweien, sie spüren den Regen auf der Haut und lassen den Schirm zu Hause, sie trinken Kaffee zum Einschlafen und essen Schokolade zum Frühstück, gehen schimpfend über die Straße und singend durch den Flur.

"Es ist schön, mal wieder Deutsch sprechen zu können", sagt Jo Verhoeff nach einer langen Begrüßung.

"Es ist schön, dass Sie zu Besuch sind", sagt sie. "Ich zeige Ihnen gerne die Einrichtung."

"Wer sind Sie?", fragt sie. "Sprechen Sie Deutsch?"

Jo Verhoeff ist eine fröhliche Frau, sie lächelt viel, sie bewegt sich gerne. Sie ist eine eitle Frau, die gewellten Haare, der Strickpullover, die Kette mit den Plastikperlen, sie werden zurechtgezuppelt bis sie sitzen. Die Hände haben immer Haltung, meist berühren sich nur die Spitzen der feingliedrigen Finger. Jo Verhoeff ist eine gebildete Frau, sie besuchte die höhere Schule, lernte Englisch, Französisch, Deutsch, Rechnungswesen. Sie ist eine ehrgeizige Frau, sie arbeitete in einer Bank, Geld, Ordnung, Übersicht, das alles bestimmte ihren Alltag.

Und sie ist eine vergessliche Frau.

Seit die Demenz Teile ihres Gehirns lahmlegt, herrscht in ihrem Kopf Chaos. Die Vergangenheit ist zu einem dicken Klumpen verwachsen, manchmal spuckt die Erinnerung Momente aus, die etwas mit der Gegenwart zu tun haben, aber nicht unbedingt mit der Realität. Geblieben ist der Rhythmus eines Lebens, das mit Anstand gelebt wurde, mit einem durchgedrückten Rücken am Esstisch und guten Manieren gegenüber Fremden.

Hogewey knüpft an das an, was bleibt, trotz der Demenz. Vorlieben und Gefühle, die wichtiger werden, weil der Kopf nicht mehr funktioniert. Die Einrichtung im Speckgürtel von Amsterdam bietet eine Antwort darauf, wie die Gesellschaft mit den rund 1,3 Millionen Demenzkranken allein in Deutschland umgehen sollte. Indem sie sich auf deren Bedürfnisse einstellt, statt sie in Heimen isoliert zu verwahren, sie trocken, satt und sauber zu halten und ihnen den eigenen Willen abzusprechen.

Die Bewohner leben zusammen in Häusern

Jo Verhoeff hat 85 Jahre Leben in ihrem Kopf, geblieben ist ihr der Augenblick. Sie lebt für den Moment, seit es kein Gestern mehr gibt und erst recht kein Morgen. Das Jetzt ist schon gleich wieder vergessen. Es ist, als drücke jemand kontinuierlich die Reset-Taste. "Ich bin Brenda", sagt ihre Pflegerin, jeden Tag, Dutzende Male. Jo Verhoeff ist umgeben von Fremden, mit manchen von ihnen lebt sie seit vielen Jahren zusammen. Sie teilen Küche, Couch, Fernseher, Tisch, aber es verbindet sie nichts. Alles ist immer neu. Alles ist immer gleich wieder weg. Der Weg zur Toilette ist ein Rätsel, das Bedürfnis dorthin zu gehen auch, nach ihr zu fragen unmöglich. Wen auch? Wer nichts mehr weiß, für den ist alles bedrohlich.

Hogewey hat es sich zum Ziel gesetzt, die Angst zu nehmen, indem sie ernst genommen wird. Die insgesamt 152 Bewohner leben jeweils zu sechst in Häusern, die eine nach außen abgeschlossene Siedlung bilden. Sieben verschiedene Einrichtungsstile gibt es, sie entsprechen den Lebenswelten der Menschen in den Niederlanden, ermittelt hat sie ein Meinungsforschungsinstitut: rustikal, urban, christlich, wohlhabend, indonesisch, kulturell-versiert, häuslich. Hogewey ist eine geschrumpfte holländische Stadt.

Die Bewohner können sich in den Straßen frei bewegen, in der Sonne sitzen, durch den Regen spazieren, in andere Häuser gehen, die Türen sind offen. Hogewey bietet Freiheit in einem geschützten Raum. Wer selbst nicht mehr zurückfindet, wird von einem Betreuer zurückgebracht. Es gibt einen Supermarkt, wer das Bezahlen vergisst, kann trotzdem gehen, wer 14 Packungen Apfelmus in den Korb lädt, kann sie nach Hause bugsieren, und der Betreuer bringt sie später zurück.

Möglichst viel von dem, was das Leben der Menschen ausgemacht hat, soll sich wiederfinden. Vertraute Möbel, vertraute Einrichtungsgegenstände, vertraute Musik, vertrautes Essen, vertraute Biografien. Denn auch in der Demenz bleiben sie unterscheidbar.

Jo Verhoeff lebt in einem Haus urbanen Typs, ihre Mitbewohner stammen aus Amsterdam oder umliegenden Orten. Sie haben in der Stadt gearbeitet, als Bankangestellte, Unternehmer, Lastwagenfahrer. Sie mögen Volksmusik lieber als Bach. Sie falten die Wäsche auf dem Esstisch, schälen die Kartoffeln selbst, zu essen gibt es Hausmannskost. Jeden Tag wird gekocht, in jedem Haus. Im Wohnzimmer hängt der Geruch angeschmorter Zwiebeln.

Die Menschen, mit denen sie zusammenlebt, sind für sie Fremde

Es gibt Anleihen an das Leben der Vergangenheit, die Tapete ist grobgemustert, die Standuhr antik, über dem Esstisch hängen üppige Leuchter. In Hogewey ist die Zeit stehengeblieben, wie im Leben der Bewohner.

"Wann ich geboren bin?" Jo Verhoeff schaut an die Decke, lacht, "puuh", sagt sie, als habe man ihr eine unflätige Frage gestellt. "Jahrgang 27, Tante Jo", sagt Brenda Smart, die Krankenschwester. "Das ist eine lange Zeit", sagt Tante Jo und nickt, als müsse sie es sich selbst bestätigen.

Drei Plätze weiter sitzt ein alter Herr, ein drahtiger Helmut Schmidt, das Haar grau und gescheitelt, Sakko, Krawatte. Vor ihm liegen Karten, er spielt Solitär. Seine Frau wird hereingeschoben im Rollstuhl, er kommt sie besuchen, jeden Tag. Er nimmt ihre Hand in seine, mit der anderen legt er weiter die Karten, sie reden kein Wort. Irgendwann fängt sie an zu schluchzen, die Tränen rinnen ihre Wangen hinunter. Die Demenz raubt die Hemmungen, sie setzt Gefühle frei. Wortlos spielt er weiter, wortlos weint sie weiter. So sitzen sie da, schick gemacht für das Ende des Lebens. Sie wird an diesem Nachmittag noch häufiger in Tränen ausbrechen, sprechen wird sie nicht.

Jo Verhoeff sitzt neben den Menschen, mit denen sie Wand an Wand schläft, mit denen sie die Dusche teilt und den Fernseher und das, was von ihrem Leben übrig ist, und sieht sie nicht. Auch in Gemeinschaft bleibt jeder für sich.

Corry Otter hat heute keinen guten Tag. Sie tigert durch die Wohnung, eine Frau, die das Alter gestaucht hat, die schwarze Stoffhose flattert um die dünnen Beine, die graue Strickjacke hängt schlaff am Bauch und spannt sich um den Rücken, krumm vom jahrzehntelangen Schrubben, Wienern, Wischen. Die Haare hat sie karamellfarben gefärbt, Hogewey hat auch einen Friseur.

"Ein schlechter Sommer wird das", sagt sie und klammert sich an ihre Winterjacke, die sie zusammengeknuddelt an sich presst. "Ein schlechter Sommer." Sie geht zum Fenster, legt den Kopf schief, als wäre sie fünf, zieht Grimassen, fletscht den letzten Zahn und schimpft eindringlich in Phantasiesprache. Murmeln, fluchen, das Wetter prophezeien, so geht es heute den ganzen Tag. Zurück im Flur nimmt sie eine neue Route, raus aus der Haustür, die Jacke vor den Bauch gepresst, Chaos im Kopf und Hausschuhe an den Füßen. In Hogewey geht das.

"Ich mache hier Urlaub, wissen Sie?", sagt Jo Verhoeff und sitzt auf ihrem Bett, bezogen mit Ajax-Amsterdam-Wäsche, sie ist eine zufriedene Frau. An der Wand hängen gerahmt ihr Abschlusszeugnis von der höheren Schule, das Diplom der Ausbildung, Zertifikate, wie zum Beweis. "Wenn Sie das nächste Mal in Amsterdam sind, stelle ich Ihnen meine Eltern vor."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gaga007 28.03.2012
1.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEJo Verhoeff ist 85 und dement. In den Niederlanden hat man ihr und anderen Erkrankten ein eigenes Dorf gebaut. Es ist eine Welt ohne Gestern und Morgen - mit größtmöglicher Freiheit. Und zugleich eine Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft mit Alten umgehen soll, die sich verhalten wie Kinder. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823426,00.html
Jeder Blick über Deutschlands Grenzen macht deutlich, welchen geringen Stellenwert alte Menschen in unsere Gesellschaft haben. Trotz demografischen Wandels bleiben in Deutschland die 19 - 49-jährigen die bevorzugte Zielgruppe unserer Gesellschaft - alte Menschen, besonders wenn sie ein Handicap haben, werden im öffentlichen Leben als Hindernis und Störfaktor gesehen und entsprechend behandelt. Aber eine Hoffnung haben wir Alten, auch wenn wir es nicht mehr live erleben werden: die Tatsache, dass die Jungen von heute die Alten von morgen sind und dass die dann hoffentlich genauso behandelt werden, wie wir heute behandelt werden.
friedenspfeife 28.03.2012
2. Schade
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEJo Verhoeff ist 85 und dement. In den Niederlanden hat man ihr und anderen Erkrankten ein eigenes Dorf gebaut. Es ist eine Welt ohne Gestern und Morgen - mit größtmöglicher Freiheit. Und zugleich eine Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft mit Alten umgehen soll, die sich verhalten wie Kinder. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823426,00.html
in D ist so ein Projekt absolut nicht zu realisieren. Da muessten Sicht- und Schallschutzmauern gebaut werden, den "lieben" Nachbarn muesste der zu erwartende Wertverlust der eigenen Immobilie kompensiert werden. Nicht zu vergessen, das Jugendlichen der Anblick von Dementen erspart bleiben muss, sie haben ja sowieso schon so eine schwere Kindheit ect.pp.
testthewest 28.03.2012
3.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEJo Verhoeff ist 85 und dement. In den Niederlanden hat man ihr und anderen Erkrankten ein eigenes Dorf gebaut. Es ist eine Welt ohne Gestern und Morgen - mit größtmöglicher Freiheit. Und zugleich eine Antwort auf die Frage, wie die Gesellschaft mit Alten umgehen soll, die sich verhalten wie Kinder. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823426,00.html
Die machen es wie mit den Leprakranken früher: Sie werden auf eine Insel (Dorf) umgesiedelt... Raussepariert aus der Gesellschaft und das dann "größtmögliche Freiheit" nennen...
brasilpe 28.03.2012
4. Nur ein Wort.
Nachahmenswert!
brasilpe 28.03.2012
5. Nein.
Zitat von gaga007Jeder Blick über Deutschlands Grenzen macht deutlich, welchen geringen Stellenwert alte Menschen in unsere Gesellschaft haben. Trotz demografischen Wandels bleiben in Deutschland die 19 - 49-jährigen die bevorzugte Zielgruppe unserer Gesellschaft - alte Menschen, besonders wenn sie ein Handicap haben, werden im öffentlichen Leben als Hindernis und Störfaktor gesehen und entsprechend behandelt. Aber eine Hoffnung haben wir Alten, auch wenn wir es nicht mehr live erleben werden: die Tatsache, dass die Jungen von heute die Alten von morgen sind und dass die dann hoffentlich genauso behandelt werden, wie wir heute behandelt werden.
Da möchte ich widersprechen. Es steht zu hoffen,daß die Jungen, daß die Volksgemeinschaft ihre Ansicht ändert und daß es den heute Jungen einmal besser ergehen wird, als der Mehrzahl der Alten heute.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.