Wiederkehr der Demut: Ergebt euch!

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Demut galt einst als hohe Tugend, doch dann verlor der Begriff an Bedeutung. Heute wächst die Sehnsucht nach Werten wieder. SPIEGEL ONLINE sprach mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Sport und der Kirche über die Rückkehr einer verlorenen Haltung.

Wertgefühl: Was gilt Demut heute? Fotos
DPA

Langgestreckt liegen sie auf dem Bauch, über ihnen der hohe Raum der Kirche, vor ihnen am Kreuz Jesus Christus. Bevor Diakone die Priesterweihe erhalten, bevor sie dem Laienstand enthoben werden zu Stellvertretern Christi, demonstrieren sie ihre Haltung zu Gott, so sieht es die katholische Liturgie vor.

In keiner Geste manifestiert sich der Kern des Glaubens wie bei der Prostration: Der Diakon zeigt seine Ergebenheit vor Gott. Er zeigt mit ganzem Körper, mit welcher Haltung er sich der Welt stellt: in Demut.

Das Bild der Liegenden gibt den Blick frei auf eine Lebenshaltung, die von Augustinus einst zur "Mutter aller Tugenden" erkoren wurde und heute seltsam fremd anmutet. Demut ist eine Provokation für das Selbstverständnis des modernen Menschen: Der Demütige ist dienend, nicht weil er keine andere Wahl hätte, sondern weil er es für richtig hält.

Mit der Aufklärung verlor die Idee einer Gottheit an Macht, der Mensch übernahm die Hoheit über sich und entriss sie der himmlischen Hand. Später verglich Friedrich Nietzsche Demut mit Sklavenmoral, als Haltung eines kriechenden Wurms, der nichts anderes im Sinn habe, als nicht getreten zu werden.

Demut hat an Wirkung nicht verloren

Dahinter gibt es kein Zurück, von einer Renaissance der Religion sind westliche Gesellschaften weit entfernt. Und doch macht sich etwas breit, das der kanadische Philosoph Charles Taylor schon vor mehr als 20 Jahren in "Unbehagen an der Moderne" beschrieb: Das Gefühl, die Emanzipation von einer höheren Instanz habe nicht nur zur Befreiung des Menschen geführt, sondern auch eine Lücke hinterlassen, einen Mangel an moralischer Verbindlichkeit.

Nach der erfolgreichen Selbstermächtigung steigt der Wunsch nach einer neuen Selbstverpflichtung gegenüber Werten wie Solidarität, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit. Der Wunsch nach einer neuen Form von Demut.

Alexander Dibelius, Deutschlandchef und mächtiger Manager der Investmentbank Goldman Sachs, rief seine Branche zu "kollektiver Demut" auf. Medienmogul Rupert Murdoch sagte, als er vor dem britischen Unterhaus zu den menschenverachtenden Abhörmethoden seiner "News of the World" Stellung nehmen musste, es handle sich für ihn um den Tag "größter Demut". Karl-Theodor zu Guttenberg entschuldigte sich "in Demut" nach der Plagiatsaffäre, der damalige FDP-Generalsekretär Christian Lindner empfahl seiner Partei nach der Berlin-Wahl, das Ergebnis "in Demut aufzunehmen".

Es gibt unzählige weitere Beispiele, eines zeigen sie alle: Demut mag verstaubt sein, an Wirkung hat sie nicht verloren. Manager und Politiker bedienen sich ihrer, setzen sie ein, als würde das Wort allein ausreichen, um die Scheinwerfer zu dimmen, die auf sie und ihre Misere gerichtet sind.

Ist Demut lebbar?

Doch Demut ist mehr als ein verbales Spezialeinsatzkommando. Beispiel Matthias Sammer: Als Sportdirektor des Deutschen Fußball Bundes zuständig für die Jugendnationalmannschaften legt er großen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung der Jungprofis. Sie sollen demütig sein, trotz des Geldes, trotz des Ruhms, trotz der Branche.

Es ist dieser Trotz, den die Demut interessant macht in einer Zeit, da Protest alltäglich wird: gegen teure Bauten, von Lobbyisten gesteuerte Gesetze, Millionenboni für Manager. Was die Empörten von den Machthabern verlangen, ist Demut: vor der Verantwortung, die ihnen qua Amt oder Posten übertragen wurde.

Was wird heute unter Demut verstanden? Ist Demut im Politikbetrieb lebbar, wie FDP-Mann Lindner anmahnte? Wie hält es ein Künstler mit der Demut? Und wie kann die Kirche Demut noch propagieren, da Männer, die sich einst zur Weihe bäuchlings vor den Altar niederlegten, Kinder missbrauchten oder Täter schützten?

SPIEGEL ONLINE sprach mit Vertretern der Politik, des Sports, der Kultur und der Kirche über Demut: Matthias Sammer erklärt, warum Demut für den Erfolg der Nationalmannschaft unverzichtbar ist. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse sagt, was ihn Demut lehrte und warum sie unter Politikern kaum verbreitet ist. Konstantin Wecker spricht über sich als demütigen Rebell. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagt, warum ihn der Verlust der theologischen Deutungshoheit über die Demut nur in Maßen stört. Die Gespräche werden in den kommenden Tagen veröffentlicht.

Führende Vertreter der Investmentbranche wollten zu dem Thema nicht Stellung nehmen. In ihrer Begründung waren sie sich einig: Aussagen zur Demut würden ihnen "um die Ohren fliegen", das nehme ihnen "keiner ab".

Hier finden Sie die Gespräche:

Wolfgang Thierse: "Wer demütig ist, spricht nicht darüber"
Konstantin Wecker: "Für einen Rebellen ist Demut angebracht"
Matthias Sammer: "Die Verletzung hat mich demütiger gemacht" Franz-Josef Bode: "Wir nehmen uns Menschen nicht demütig genug an"

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1.
glen13 02.05.2012
Zitat von sysopDemut galt einst als hohe Tugend, doch dann verlor der Begriff an Bedeutung. Heute wächst die Sehnsucht nach Werten wieder. SPIEGEL ONLINE sprach mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Sport und der Kirche über die Rückkehr einer verlorenen Haltung. Demut: Die Wiederkehr der Werte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,829604,00.html)
Demut passt nicht zu unserer Kratz- und Beißgesellschaft, da der Demütige aus freien Stücken erkennt und akzeptiert, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt. Er schaut deshalb nie auf andere herab. Dies wird ihm von unserer Gesellschaft als Schwäche ausgelegt, obwohl es genau die charakterliche Stärke ist, die unser Zusammenleben angenehm machen könnte.
2. Demut in Grenzen
wkdw 02.05.2012
Zitat von sysopDemut galt einst als hohe Tugend, doch dann verlor der Begriff an Bedeutung. Heute wächst die Sehnsucht nach Werten wieder. SPIEGEL ONLINE sprach mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Sport und der Kirche über die Rückkehr einer verlorenen Haltung. Demut: Die Wiederkehr der Werte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,829604,00.html)
Die Sehnsucht ist auch gut und leider sind die wenigsten Menschen hier im Lande demütig. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Freude am Dienen dann endet, wenn es der, dem ich dienen will, einfach nicht verdient hat. Menschen mit dem immer häufer anzutreffenden "Arschlochfaktor" sollte man tunlichst nicht demütig entgegentreten.
3. Befürchtung
pepito_sbazzeguti 02.05.2012
Zitat von sysopDemut galt einst als hohe Tugend, doch dann verlor der Begriff an Bedeutung. Heute wächst die Sehnsucht nach Werten wieder. SPIEGEL ONLINE sprach mit Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Sport und der Kirche über die Rückkehr einer verlorenen Haltung. Demut: Die Wiederkehr der Werte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,829604,00.html)
Ich befürchte, die von Ihnen im Artikel genannten "Persönlichkeiten" sind höchstens mit Mühe und Not in der Lage, das Wort "Demut" zu schreiben. Ansonsten wissen diese wohl eher nichts mit dem begriff anzufangen.
4. .......
janne2109 02.05.2012
was hat Demut mit Werten zu tun? Dass sich in Deutschland die Werte vom Acker machen sehen wir daran wie Kinder mit Ihren Eltern sprechen
5.
yesnomaybe 02.05.2012
Wenn die es sagen, dann muss es ja stimmen. Mir wäre eine vernünftige Demokratie ehrlich gesagt lieber als zur Demut mahnende Plutokraten und eine Organisation die Säkularisierung als Verhandlungssache erachtet.
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