Kirchenasyl für Flüchtlinge in Den Haag "Für sie geht es um Leben und Tod"

Die Bethel-Kapelle in Den Haag hält seit Monaten einen Non-Stop-Gottesdienst ab - damit eine Flüchtlingsfamilie im Kirchenasyl nicht abgeschoben wird. Organisator Theo Hettema über besondere Nächstenliebe.

Gottesdienst in der Bethel-Kirche in Den Haag am 6. Dezember
KOEN VAN WEEL/ EPA-EFE/ REX

Gottesdienst in der Bethel-Kirche in Den Haag am 6. Dezember

Ein Interview von


Am Nachmittag des 26. Oktober begann im niederländischen Den Haag ein Gottesdienst, der nicht enden will. Tag und Nacht wechseln sich die Pfarrer in der protestantischen Bethel-Kapelle ab, ohne Pause. Es geht ihnen nicht um einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde. Es geht ihnen um den Schutz einer Familie.

Die Familie Tamrazyan hat die Kirche seit dem Tag nicht verlassen. Die Tamrazyans - die Eltern und ihre drei Kinder, Hayarpi, 21, Warduhi, 19, und Seyran, 15 - sind Christen, die aus Armenien stammen und vor neun Jahren aus politischen Gründen in die Niederlande flohen. Im Sommer lehnte ein Gericht ihren Asylantrag ab.

Die Organisatoren des bislang mehr als 1400 Stunden anhaltenden Gottesdienstes berufen sich auf ein niederländisches Gesetz, das es der Polizei verbietet, eine Kirche während des Gottesdienstes zu betreten, und verzögern so, dass die Familie abgeschoben wird. Die älteste Tochter der Tamrazyans, Hayarpi, twittert über den Alltag in der Kirche und schreibt Gedichte. In einem heißt es: "Kirchenasyl / Für so viele Wochen / Seit Monaten / Ich frage mich / Wie das möglich ist".

Auf Anfrage des SPIEGEL schrieb am Dienstag, 18. Dezember 2018, Lennart Wegewijs, ein Sprecher des Ministeriums für Justiz und Sicherheit: "Aus Datenschutzgründen kommentieren wir Einzelfälle nicht. Das Verstecken in einer Kirche ändert jedoch nichts daran, dass jemand nicht berechtigt ist, in den Niederlanden zu bleiben."

Die protestantische Kirche in Den Haag teilte am Freitag mit, der zuständige Staatssekretär Mark Harbers habe klargemacht, dass er seinen Ermessensspielraum im Hinblick auf den Status der Familie nicht ausnutzen werde. Die Organisatoren des Dauergottesdienstes betonten, dass sie weitermachen werden.

Interviews mit den Tamrazyans sind derzeit nicht möglich, die Organisatoren wollen die Familie auch vor zu viel Druck schützen. Einer dieser Organisatoren ist Theo Hettema, 53, Dozent für Theologie an der Universität in Amsterdam und Vorsitzender der protestantischen Kirche in Den Haag.

Theo Hettema
AP

Theo Hettema

SPIEGEL ONLINE: Herr Hettema, wie kam die Familie Tamrazyan in die Bethel-Kapelle in Den Haag?

Theo Hettema: Die Familie hatte zuvor in Katwijk gelebt, einer kleinen Stadt in der Nähe von Den Haag, wo sie hörte, dass sie nach Armenien abgeschoben werden soll. Sie floh dann ins Gebäude ihrer kirchlichen Gemeinde dort. Die konnte zwar etwas Platz für die Tamrazyans schaffen, aber keinen dauerhaften Gottesdienst gewährleisten. Nach einem Monat drohte die Polizei, die Familie zu verhaften. So erreichte uns am 24. Oktober die Frage: Kriegt ihr das hin? Wir dachten darüber nach. Wir beteten. Und entschieden uns einen Tag später, die Familie aufzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kannten die Familie vorher nicht?

Hettema: Die Tamrazyans kannten niemanden in Den Haag. Sie waren sehr verängstigt, als ich zum ersten Mal mit ihnen sprach. Ich werde das nicht vergessen. Das ist ja, als würde man sein Leben in die Hände eines Fremden legen.

SPIEGEL ONLINE: Bitte erklären Sie das mit dem dauerhaften Gottesdienst. Was ist das für ein Gesetz, auf das Sie sich berufen?

Hettema: In dem Gesetz geht es um das Betreten von Gebäuden. In Artikel 12b heißt es sinngemäß, dass der Polizei der Zutritt zu einem Raum, der für die religiöse Ausübung bestimmt ist, währenddessen verwehrt ist. Das heißt für uns: es muss einen pausenlosen Gottesdienst geben. Das Gesetz ist aus dem Jahr 1994, aber es geht auf einen mittelalterlichen Brauch zurück, nach dem man in Kirchen Schutz suchen kann. Und der wiederum geht zurück aufs Alte Testament, in dem es heißt, dass Menschen am Altar oder Tabernakel eines Tempels Zuflucht finden können. Es ist also verwurzelt in der christlichen Tradition.

Hayarpi Tamrazyan und ihr Bruder Warduhi (2. und 3. v.l.) am 30. Oktober
Niels Wenstedt/ EPA-EFE/ REX

Hayarpi Tamrazyan und ihr Bruder Warduhi (2. und 3. v.l.) am 30. Oktober

SPIEGEL ONLINE: Spielte es eine Rolle für Sie, dass die Tamrazyans Christen sind?

Hettema: Nein. Wenn es jetzt eine muslimische Familie gegeben hätte, deren Fall so dringlich gewesen wäre, hätten wir gleich gehandelt.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit Ihrer Aktion erreichen?

Hettema: Wir wollen für die Familie erreichen, dass sie eine Aufenthaltserlaubnis erhält. Dass sie sich legal in den Niederlanden bewegen kann.

SPIEGEL ONLINE: Man kann sagen, dass Sie mit Ihrer Aktion die Arbeit der niederländischen Behörden behindern. Wie sehen Sie das?

Hettema: Wir haben als Kirche die Pflicht, verantwortungsbewusst zu handeln. Es geht in einer Gesellschaft nicht nur darum, dass die Regierung den Anforderungen der Bürger gerecht wird, sondern dass die Bürger füreinander sorgen. Wenn mein Nachbar in Not ist, muss ich ihm helfen. Wir kämpfen nicht gegen die Regierung, wir appellieren an sie.

SPIEGEL ONLINE: Was ist falsch an der Entscheidung, die Familie abzuschieben?

Hettema: Für die Tamrazyans ist es nicht sicher, nach Armenien zurückzukehren. Wir haben Quellen, die das belegen, die wir aus Sicherheitsgründen aber nicht an die Medien geben wollen. Das ist das eine.

SPIEGEL ONLINE: Und das andere?

Hettema: Wir beziehen uns auf eine Regelung, nach der Flüchtlingskinder, deren Verfahren länger als fünf Jahre dauert und die in den Niederlanden leben, eine Aufenthaltserlaubnis kriegen sollen. Das gilt für diese Familie. Sie ist vollständig integriert, alle sprechen Niederländisch, die Kinder sind hier zur Schule gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Was sie jetzt nicht mehr können.

Hettema: Wir versuchen deshalb, die Kinder in der Kirche zu unterrichten. Für Hayarpi, die Ökonometrie an der Universität in Tilburg studiert, gibt es einige Onlinekurse. Und einer ihrer Dozenten hat sich bereit erklärt, für eine Prüfung in die Kirche zu kommen. Natürlich ist das alles nicht ideal, vor allem für den Jüngsten, Seyran. Deshalb haben wir den Bürgermeister gefragt, ob sich eine Ausnahme machen ließe und Seyran in eine Schule in der Nähe der Kirche gehen dürfe. Aber der Bürgermeister sagt, es sei ein Kirchenasyl, also müsse der Junge im Gebäude bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Alltag der Tamrazyans in der Kirche aus?

Hettema: Wir haben der Familie eine Wohnung in der Kirche zur Verfügung gestellt, mit kleinem Wohnzimmer, einer kleinen Küche, einer Dusche und einigen Schlafzimmern. Um frische Luft zu holen, können sie auf einen Balkon oder in einen Garten auf dem Gelände der Kirche.

Gottesdienst am 6. Dezember
AFP

Gottesdienst am 6. Dezember

SPIEGEL ONLINE: Wer geht für die Familie in den Supermarkt, um Lebensmittel zu kaufen?

Hettema: Wir haben hier ein Team mit 20 Koordinatoren, von denen ist immer einer in der Kirche, öffnet den Besuchern die Tür oder beantwortet E-Mails. Und wir haben etwa 50 Freiwillige, die putzen oder eben einkaufen gehen. Wir haben auch einen Arzt für die Familie, einen Physiotherapeuten und psychologische Hilfe. Die Tamrazyans sind in guten Händen.

SPIEGEL ONLINE: 20 Koordinatoren, 50 Freiwillige - und wie viele Pastoren haben sich für den Gottesdienst angemeldet?

Hettema: 680. Am ersten Wochenende kamen Pastoren aus Den Haag, dann aus dem ganzen Land. Jetzt kommen sie auch aus Belgien oder aus Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Augenblick in den knapp zwei Monaten hat sie besonders berührt?

Hettema: Vergangene Woche lud die Familie einen deutschen Pastor und mich zum Abendessen ein. Ich fragte Vater Tamrazyan, ob er das Gebet sprechen würde. Er sagte: Meine Frau kann das "Vater Unser" auf Armenisch beten, wärst du bereit, das Gleiche auf Niederländisch zu machen? Und der deutsche Pastor sagte: Ich mache mit, auf Deutsch. So beteten wir das "Vater Unser" in drei Sprachen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es der Familie jetzt?

Hettema: Sie haben es schwer. Zugleich haben sie eine große Hoffnung: Sie sind sehr davon überzeugt, dass dieses Kirchenasyl ihre einzige Möglichkeit ist. Sie ziehen wirklich viel Kraft aus ihrem Glauben. Eines ist klar: Für sie geht es um Leben und Tod.



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