Deutsche an der Costa Blanca: Unter Quadratschädeln

Aus Dénia berichtet

Die Heimat ist kalt, grau, bürokratisch. Viele Deutsche zieht es darum nach Dénia, an Spaniens Costa Blanca, vor allem Rentner. Doch die bleiben meist unter sich. Wie aber schafft man es, das Land, in dem man lebt, zu ignorieren?

Dénia an der Costa Blanca: Wo Spanien deutsch ist Fotos
Anna-Lena Roth

Die Deutschen, die nach Dénia kommen, verbringen dort ihre besten Jahre: die letzten im Job oder die ersten im Ruhestand. Sie sind alt genug, um die Plackerei hinter sich zu lassen, und jung genug, um das Leben noch genießen zu können. Es ist der pensionierte Mittelstand, der an die Costa Blanca kommt und dort heimisch werden will. Heimisch wie in Deutschland. Dénia ist für sie am schönsten, wenn es möglichst wenig mit Spanien zu tun hat.

Man kann leicht nachvollziehen, was sie an der Stadt reizt: Das Meer vor der Nase, im Rücken die Berge; eine Jahres-Durchschnittstemperatur von 20 Grad; ein Klima, das als angenehmstes des Landes beschrieben wird. Gut gegens Rheuma, sagen die Menschen hier.

Etwa 45.000 Bewohner hat Dénia, darunter sind nach Angaben der Stadt knapp 2600 Deutsche - mit Abstand die größte Gruppe an Ausländern. Aber nicht jeder Bundesbürger, der in Dénia lebt, meldet sich offiziell bei den Behörden. Einige hätten Angst vor Nachteilen bei ihrer Pension, sagt Enric Gil von der Stadtverwaltung. Andere würden einige Monate im Jahr in der Heimat verbringen und seien deshalb nicht meldepflichtig. In jedem Fall ist die tatsächliche Zahl der Deutschen in Dénia wohl noch deutlich höher, als die Statistik es vermuten lässt.

Man merkt es im Alltag. Wer durch die Straßen geht, sieht Hinweisschilder auf Deutsch, die Geschäfte werben mit "Wir sprechen Deutsch"-Schildern (und meinen es), das "Restaurant Albstübchen" feiert "Neueröffnung", das "Bistro Maxx" bietet Schnitzel, Eintöpfe und Currywurst an. Bei Aldi und Lidl hört man deutsche Stimmen, in vielen Straßencafés können Deutsche in ihrer Muttersprache bestellen. Mit Spaniern muss der "cabeza cuadrada", der deutsche Quadratschädel, im Alltag nicht zwingend zu tun haben.

Doch für viele ist es ein Idyll auf Zeit: Nehmen die Beschwerden des Alters zu, kehren viele Deutsche wieder in ihre Heimat zurück, zu deutschen Pflegekräften, zu den einst zurückgelassenen Verwandten. So kommt es, dass man in den Straßen tatsächlich kaum tattrige Senioren trifft. Vier Perspektiven auf das deutsche Leben in Dénia.


Der deutsche Vereinspräsident

Hans-Joachim Kuhl organisiert die Freizeit der Deutschen in Dénia: Dienstags steht Radfahren mit Peter auf dem Programm, mittwochs kann mit Ingrid gewandert und donnerstags bei Wolfgang und Karl für das Deutsche Sportabzeichen trainiert werden. Selbst wer gern aus Grünabfällen Deko-Gebinde machen möchte, wird im Programm des Euroclub Dénia fündig. Etwa 550 Mitglieder sind verzeichnet, man spricht Deutsch.

Das Durchschnittsalter liege bei circa 70 Jahren, sagt Club-Präsident Kuhl. "Viele Deutsche kommen nach Dénia, ohne hier jemanden zu kennen oder die Sprache zu sprechen." Allein unternehme man aber meist wenig, im Euroclub werde man aufgefangen. Seit 26 Jahren gibt es ihn bereits, in den vergangenen vier Jahren seien die Mitgliederzahlen noch einmal gestiegen.

Kuhl selbst ist vor acht Jahren mit seiner Ehefrau nach Dénia gekommen, die beiden wollen hier alt werden. In Deutschland war Kuhl Mechaniker, Feuerwehrmann und bis 2002 Geschäftsführer des FDP-Landesverbands Nordrhein-Westfalen; er galt als enger Vertrauter von Jürgen Möllemann.

Für Dénia hat er sich entschieden, weil die Stadt im Gegensatz zu vielen anderen an der Küste das ganze Jahr über lebendig ist - selbst im Winter sind Bars und Geschäfte geöffnet. Nur manchmal, da vermisst er den deutschen Klassiker: gute, weiße Brötchen.


Der deutsche Zahnarzt

Zahnarzt Wolfgang Philippeit: Aus Bürokratie-Frust nach Dénia Zur Großansicht

Zahnarzt Wolfgang Philippeit: Aus Bürokratie-Frust nach Dénia

Um die gesundheitliche Versorgung in Dénia kümmert sich unter anderem Wolfgang Philippeit. Der Zahnarzt arbeitet seit 13 Jahren in der spanischen Stadt, seine Praxis liegt direkt im Zentrum, im Wartezimmer stehen Palmen, an den Wänden hängen Chagall-Drucke.

Damals, als er noch in Wermelskirchen arbeitete, hatte der heute 62-Jährige eines dieser Leben, das bei anderen schnell Neid weckt: Mit seiner Ehefrau und den drei Kindern lebte er in einer Jugendstilvilla, er verdiente gut. War zwar sehr erfolgreich, aber immer unzufriedener.

Die zunehmende Bürokratie habe ihm zu schaffen gemacht, sagt Philippeit. Zwischen Arzt und Patient stünden in Deutschland mit Krankenkassen und Gutachtern zu viele Zwischenstufen. Er hatte das Gefühl, den Patienten nicht mehr so helfen zu können wie er wollte. Für eine einfache Kronenbehandlung habe er sechs DIN-A4-Seiten produzieren müssen. "Wenn ein Patient mit abgebrochenem Frontzahn zu mir kommt, musste ich ihn in Deutschland erst einmal wegschicken und eine Genehmigung der Kassen erstellen lassen", sagt Philippeit. In Spanien könne er ihm sofort eine Krone machen.

In Dénia verdient er nur noch ein Drittel von dem, was er früher bekam, die Villa ist Vergangenheit. Dafür stünden nun endlich seine Patienten im Mittelpunkt. Etwa 700 kommen jährlich zu ihm. Die meisten von ihnen kennt er; weiß, in wessen Ehe es gerade kriselt, und wer trotz Krise endlich einen neuen Job gefunden hat.

In seine Praxis kommen Deutsche, Schweizer, Franzosen, Niederländer und etwa 40 Prozent Spanier. Einige Patienten reisen extra aus dem Ausland an und lassen sich in ihrem Urlaub behandeln, andere leben in Dénia und sind froh, wenn sie nicht in einer Fremdsprache erklären müssen: Mein linker oberer Backenzahn tut höllisch weh.

Viele seiner deutschen Patienten seien in Spanien so gut integriert, dass sie nie mehr zurück wollten, sagt Philippeit. Andere würden mit der Zeit merken, dass ein Leben im Ausland auch schwierig sein kann; dass Pläne trotz guten Willens scheitern können. Den Cognac gebe es dann manchmal schon zum Frühstück.

Er selbst fühle sich wohl, angenommen, sagt Philippeit. In seiner Freizeit trifft er sich mit Bekannten, er ist Mitglied im spanischen Athletic-Club, geht Laufen, Rudern, Radfahren und Tango-Tanzen. Seine Ehefrau lebt in Deutschland, ist aber so oft es geht bei ihm; die beiden sind seit 39 Jahren verheiratet.

Doch seine Heimat, das sei Deutschland, sagt Philippeit. Dort leben seine Kinder, dort will er alt werden.


Der deutsche Pfarrer

Für die Spiritualität sorgt Rudolf Delbrück. Zweimal im Monat predigt er in Las Rotas am Rande Dénias und zwar so, wie es die Deutschen von zu Hause gewohnt sind.

Seit drei Jahren leitet Delbrück das deutschsprachige evangelische Pfarramt an der Costa Blanca, drei Jahre im Job hat er noch vor sich, dann wird die Stelle neu vergeben und Delbrück wieder nach Berlin-Brandenburg zurückkehren. Die Zahl der Besucher seiner deutschen Gottesdienste sei in den vergangenen Jahren recht konstant geblieben, sagt er. Im Winter bestehe die "Stammbesetzung" aus circa 40 Personen. Viele Gläubige hätten sich schon in Deutschland in der Kirche engagiert und wollten dies in Dénia nicht aufgeben, sagt Delbrück. Durch die Gottesdienste und Veranstaltungen könnten Deutsche in Dénia "ein Stück Heimat finden".

Es seien vor allem ältere Menschen, die eine Bindung zur Kirche suchten: Delbrück schätzt das Durchschnittsalter seiner Gottesdienstbesucher auf mindestens 65. Dementsprechend richtet er auch den Inhalt seiner Predigten aus.

Delbrück ist auch zuständig für den Konfirmationsunterricht in der Gegend. 2011 hatte er sieben deutsche Schüler, im Jahr davor waren es zwei. Dabei handle es sich meist um Kinder, deren Eltern im Service-Bereich arbeiten, sagt Delbrück.

Die Finanzkrise in Spanien sei zunehmend ein Thema in den Gesprächen mit Gläubigen. Für die Deutschen werde das Leben teurer, beispielsweise Lebensmittel und Maut-Gebühren. Vor allem gehe es aber den Spaniern schlecht: "Häuser und Firmen stehen leer, Wohnungen sind frei, es gibt Proteste", sagt Delbrück. Viele Spanier würden Deutsch lernen, um in der Ferne Arbeit zu suchen. In ihrem Heimatland fehle ihnen die Hoffnung.


Der deutsche Chefredakteur

Liebelt plant mit Anne Götzinger und Susanne Eckert (rechts) die nächste "CBN"-Ausgabe Zur Großansicht
Anna-Lena Roth

Liebelt plant mit Anne Götzinger und Susanne Eckert (rechts) die nächste "CBN"-Ausgabe

Thomas Liebelt weiß, was die Deutschen in Dénia beschäftigt, was sie interessiert. Er sorgt für die deutschen Nachrichten in der Region. Jeden Freitag erscheinen die "Costa Blanca Nachrichten" ("CBN") mit durchschnittlich 18.000 Exemplaren. Einen großen Platz nehmen klassische Service-Themen ein: Wann gebe ich meine Steuererklärung ab? Was muss ich bedenken, wenn ich mein Auto nach Spanien bringen will? Berichtet wird auch über Lokales und Politik.

Die Zeitung gibt es seit 1974. Im Sommer, wenn die Deutschen ihre eigene Heimat genießen, ist auflagenschwächste Zeit.

Das Durchschnittsalter der "CBN"-Leser schätzt Liebelt auf "65 Plus". Die wenigsten von ihnen würden Spanisch sprechen, umso dankbarer seien sie über Nachrichten in ihrer Muttersprache. Seit es deutsches Satellitenfernsehen gibt - und damit Informationen aus der alten Heimat in der neuen - halten es viele nicht mehr für nötig, sich in Dénia mit Spanien zu identifizieren, sagt Liebelt, 59. "Ein Großteil der Deutschen bleibt hier lieber unter sich."

In den vergangenen zehn Jahren sei die Auflage um ein Viertel zurückgegangen. Es kämen schlicht nicht so viele Deutsche nach wie weggingen. Stirbt der Partner, mit dem man ausgewandert ist, zieht es viele aus Angst vor der Einsamkeit wieder zurück in die Heimat. Auch wegen der Pflege im Alter würden viele lieber nach Deutschland zurückkehren, sagt Liebelt. Zudem ist das Leben in Spanien seit der Einführung des Euro deutlich teurer geworden. "Mit der deutschen Rente kann man heute in Dénia nicht mehr so einfach leben wie früher."

Der Chefredakteur selbst ist 2002 mit seiner Ehefrau nach Dénia gekommen, ein großer Schritt sei es für ihn nicht gewesen, sagt er. Er ist im Ausland aufgewachsen, hat Islamwissenschaften studiert, lange in Ägypten gelebt. Viele Deutsche hätten "diesen Traum vom Leben im Süden". Er lebe ihn.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Spanien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Karte

Bevölkerung: 46,196 Mio.

Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Spanien-Reiseseite