Denkmal für Martin Luther King Amerika ehrt seinen größten Träumer

Bisher wurde auf Washingtons Prachtmeile nur Weißer gedacht - jetzt gibt es endlich ein Denkmal für einen Schwarzen: Ein neues Monument ehrt Martin Luther King, den wohl einflussreichsten Bürgerrechtler der US-Geschichte. Der Besucheransturm ist riesig, dabei war der Bau heftig umstritten.

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Aus Washington berichtet


Deryl McKissacks Ur-Urgroßvater Moses war ein Sklave. 1790 wurde er von Afrika nach Amerika verschleppt, nach Tennessee, wo er als Bauhandwerker für seinen Besitzer arbeitete und sich so später seine Freiheit erkaufte. Er vererbte sein Talent an seine Söhne und Enkel, die wiederum die ersten selbständigen, afro-amerikanischen Architekten wurden.

Fünf Generationen nach Moses McKissack ringt seine Nachfahrin Deryl mit den Gefühlen. "Wenn er das noch erlebt hätte", sagt sie leise und hält inne. "Das ist ein großartiges Gefühl."

Sie steht am Tidal Basin, jener von ernsten Mahnmälern gesäumten Kunstbucht des Potomac Rivers an der National Mall, der Prachtmeile Washingtons. Auf der anderen Seite, hinter dem Obelisken des Washington Memorials, ist gerade die Sonne aufgegangen. Doch der Grund, aus dem McKissack zu so früher Stunde hergekommen ist, liegt hinter ihr.

Gut zehn Meter hoch erhebt sich das Monument aus sandfarbenem Granit. Sanft spielen Schatten und Licht über den Stein, aus dem die Statue geradezu herauswächst, Stolz, Kraft und Stärke projizierend. Arme verschränkt, Stirn gerunzelt, Augen gen Horizont, wo jenseits des Wassers Verfassungsvater Thomas Jefferson aus seinem weißen Säulentempel zurückgrüßt.

Das Antlitz von Martin Luther King Jr. ist sofort zu erkennen: Der mächtige Mund, das feine Oberlippenbärtchen, der präzise Haaransatz. "Ja", sagt McKissack zufrieden. "So sah er aus."

Deryl McKissack hat sich feingemacht für diesen Morgen, sie trägt ein Kostüm und darüber einen violetten Seidenschal. Wie ihre Ahnen ist auch sie Architektin geworden. Sie gehört zu der Gruppe von Menschen, die das Denkmal überhaupt erst realisiert haben.

Das Martin Luther King Jr. Memorial, das seit Montag der Öffentlichkeit zugänglich ist und am Sonntag von US-Präsident Barack Obama offiziell eingeweiht wird, ist das erste an der historischen Mall, das einem Schwarzen gilt. Bisher sahen sich hier nur weiße Staatslenker und Feldherren in Stein verewigt: Lincoln, Washington, Jefferson, Roosevelt, flankiert von kühlen Gedenkstätten für die Toten der Kriege.

Ein Tambourmajor für Gerechtigkeit

15 Jahre Planung und ein Votum des US-Kongresses bedurfte es, um den Bürgerrechtler, der 1968 einem Mordattentat zum Opfer fiel, in diese gigantische Ahnengalerie einzureihen. Ein nationaler Kraftakt mit internationaler Beihilfe: Das Geld - bisher 115 Millionen Dollar, fünf Millionen Dollar fehlen noch - kommt aus Spenden weltweit, der Bildhauer aus China, der Chefarchitekt aus Virginia und die 182 neu angepflanzten Yoshino-Kirschbäume aus Japan.

Deryl McKissacks Washingtoner Baufirma war am Gesamtdesign beteiligt. "Ich ließ nicht locker", sagt sie, "bis ich mitmachen durfte."

Einigen der Menschen, die mit einer kuriosen Mischung aus Aufregung und Andacht auf die sonnenüberflutete Plaza des Memorials strömen, kommen die Tränen. Tausende sind gekommen an den ersten Tagen.

"Überwältigend", sagt Kwanzaa Nivens und tupft sich mit einem Taschentuch die Augen. "Es ist nicht allzu lange her, dass wir Afroamerikaner hier nicht mal willkommen waren." Die 36-Jährige, die für die Steuerbehörde IRS arbeitet und eineinhalb Stunden angestanden hat, schaut zu der Statue hoch. "Er hat so viel erreicht, in so kurzer Zeit. Das ist fantastisch."

Der Mann, der sein Leben gab für das zentrale Prinzip der amerikanischen Verfassung - Gleichheit für alle - ragt nun exakt in der geografischen Mitte zwischen Lincoln Memorial, Washington Memorial und Jefferson Memorial empor, auf einer Sichtachse mit den drei berühmtesten Urvätern der Nation.

Die Statue ist nur eines von drei Elementen des Denkmals, das aus insgesamt 159 einzelnen Grantitblöcken gemeißelt ist. Vom Eingang her schreitet der Besucher durch zwei enorme Felsen, eine Schlucht aus Stein fast, die die Sonne verdunkelt und sich zum Platz öffnet, der von der Statue Kings beherrscht wird. Diese ist zum Tidal Basin gewandt. Umringt wird sie von zwei polierten, je 70 Meter langen Mauern, auf denen 14 Aussprüche Kings eingemeißelt sind.

"I was a drum major for justice, peace and righteousness", steht an einer Seite der Statue, ein Zitat aus einer Predigt, die King 1968 in seiner Kirche hielt: Ich war ein Tambourmajor für Gerechtigkeit, Frieden und Rechtschaffenheit. Zwei Monate später wurde er erschossen.

Die andere Seite trägt einen Halbsatz aus Kings "I Have A Dream"-Rede, die er am 28. August 1963 nicht weit von hier hielt, vor mehr als 200.000 Anhängern zu Füßen des Lincoln Memorials: "Out of the mountain of despair, a stone of hope." Aus dem Berg der Verzweiflung, ein Stein der Hoffnung. Die Einweihung des Denkmals fällt auf den Jahrestag der berühmtesten Rede Kings.

"Er gab sein Leben für seine Träume, nun sind sie wahr geworden"

Das Motto diente auch als Maßgabe für den chinesischen Bildhauermeister Lei Yixin. "Stone of Hope", so nennt er die Statue selbst, während die zwei Felsen davor den geborstenen Berg der Verzweiflung darstellen. "Dr. King ist nicht nur ein Held der Amerikaner", sagt Lei verhalten. "Er ist ein Held der ganzen Welt."

Lei ist ein wortkarger Mann mit langem Haar, der kein Englisch spricht. Der Ansturm der US-Reporter vor der Eröffnung scheint ihn fast zu überwältigen. Die Arme steif angelegt, lässt er die Fragen auf sich niederprasseln und antwortet via Dolmetscher. "Dr. King machte vieles durch, um seine Träume zu verwirklichen", sagt er. "Er gab sein Leben für seine Träume. Nun sind sie wahr geworden."

Es gab scharfen Protest an der Wahl Leis. Dieses Mahnmal müsse von einem Schwarzen geschaffen werden, hieß es, zumindest aber von einem Amerikaner, nicht einem Chinesen. Auch die Statue selbst wurde bekrittelt: Sie sei zu groß, zu kalt, zu hart, zu stalinistisch gar. Und der Granit - ebenfalls aus China!

Die Memorial-Gesellschaft, überwiegend von Afroamerikanern besetzt, steht jedoch zu ihren Entscheidungen. "King beurteilte die Menschen nicht nach Hautfarbe, sondern nach Charakter", erinnert ihr Chef Harry Johnson. "In diesem Fall gefiel uns der künstlerische Charakter Leis."

Wie viele Memorial-Akteure entstammt der Anwalt Johnson der schwarzen Burschenschaft Alpha Phi Alpha, deren Präsident er einst war und der auch King angehört hatte. Alpha Phi Alpha initiierte das Denkmal, bugsierte es 1996 durch den Kongress - alle Memorials auf der Mall müssen vom Parlament gebilligt werden - und stiftete die ersten vier Millionen Dollar.

Der Rest der Gelder kam durch zahllose Groß- und Kleinspenden zusammen. Dutzende Konzerne steuerten bei, von AT&T über Disney bis zu Viacom und Xerox. Die Top-Mäzene werden diese Woche auf VIP-Galas geehrt, schließlich wird das Denkmal durch Obama eingeweiht. Dass es den Afroamerikanern unter ihm ökonomisch schlechter geht als je zuvor, ist ein Wermutstropfen im King-Jubel dieser Tage.

Am Montag sind alle glücklich. Zumindest die, die Schlange stehen, um die Allerersten zu sein. Der Busfahrer Michael Barry hat eigens ein großes Porträt von King gezeichnet, mit Zitaten aus der "Dream"-Rede. "Vielleicht", hofft der 57-Jährige, "kann ich ja ein paar verkaufen."

Deryl McKissack nimmt sich unterdessen vor, an einem anderen Tag wiederzukommen, wenn hier weniger Trubel herrscht. Dann will sie auch ihre siebenjährige Tochter mitbringen und ihre Mutter und an Ur-Urgroßvater Moses denken: "Drei Generation, Hand in Hand, in Freiheit."



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