Die Familie lag im Bett, Dorothea in der Mitte, der kleine Otto links neben ihr. Martin packte Baby Norbert auf die andere Seite. Auf einmal schlief dieser Teufelsbraten. Dafür liebte Martin seinen Sohn. Alles, nur nicht normal, dachte er sich, immer wieder überraschend. Das würde mal ein echter Kerl.
Martin genoss die wenigen Minuten der Morgenruhe, die er für sich allein hatte. Manchmal griff er sich die Zeitung, die er von unten mitgebracht hatte, manchmal stöberte er in einem Buch, manchmal grübelte er einfach nur vor sich hin. Heute könnte er mit seinen kühnen Gedanken beim Brainstorming punkten.
Leider nahm die Agentur seine Elternzeit deutlich ernster als er. Man brauchte ihn einfach nicht. Er war offenbar zu ersetzen. Womöglich lümmelte dieser klugscheißerische Praktikant auf seinem Designer-Hocker aus Nussbaum. Dieser Hosenscheißer hatte Philosophie zu Ende studiert und trug ebenfalls eine Brille mit breitem schwarzen Hornrahmen. Elender Kopist.
Martin konnte nichts machen. Es war grausam. Aber er würde einen Weg finden, sich ins Brainstorming zu schleichen. Er würde beiläufig ein paar kluge Sätze verlieren, die Runde nur die Hälfte kapieren, aber andächtig schweigen. PR-Trottel halt. Und er konnte sich beruhigt in die nächsten vier Wochen verziehen.
Gleich nach der Kinder-Abwurf-Tour würde er im Büro anrufen. Martin wurde übel, als er ans Frühstück dachte. Seit zwei Monaten war Dorothea auf dem Jentschura-Trip. Sie hatte Schüssler-Salze ausprobiert, nach Farben gegessen und jede Diät durchlitten, die die "Brigitte" je verordnet hatte, sofern sie nicht auf dem Atkins-Trip war, der auch nicht viel anders funktionierte als Trennkost oder Montignac. Nur eines hatte sie nie versucht: einfach ganz normal zu essen.
Relativ solidarisch absolvierte Martin die Diät-Programme, jedenfalls solange Dorothea in der Nähe war. Kaum war sie aus dem Haus, holte er sich erst einmal einen Negerkuss aus dem Versteck hinter den Büchern oder saure Pommes, deren Geruch allein seine Speichelproduktion verdreifachten.
Müde und aufgeregt
Während sich seine Frau mit jedem neuen Trip einbildete, jünger, schöner, frischer zu sein, fühlte Martin sich durchgehend gleich: müde und aufgeregt, gestresst und gelangweilt, halbwegs erfüllt und völlig leer.
Den einzigen Unterschied, den Dorotheas jeweilige Ess-Philosophie bei ihm machte, war der Geruch seiner Fürze. Alles Eiweißlastige roch besonders giftig. Die Jentschura-Methode schwang, wie immer, im Einklang mit der Natur, ganzheitlich und glutenfrei, und erzählte zum hundertsten Mal die alte Säure-Basen-Geschichte. Die zog immer beim modernen Menschen, der auch ohne saure Pommes unter permanentem Sodbrennen litt.
Dorothea verordnete der Familie nun also "Wurzelkraft". Das Zeug sah aus wie die Krümel auf der Kehrschaufel, wenn man nach fünfzehn Jahren erstmals wieder hinter dem Kühlschrank gefegt hatte. Diesen "omni-molekularen" Streu konnte man überall einrühren, zum Beispiel in den Pflichtfrühstücksbrei "MorgenStund", auf Hirse- und Kürbiskernbasis.
"Teewurst" und "Leberwurst"
Otto, durchs Heimlich-Essen bei Oma deutlich aufgeschwemmt, meuterte jeden Morgen. Martin würgte still, aber Dorothea schwärmte, dass sie sich seit Langem nicht mehr so gut gefühlt habe. Nächste Stufe: die basischen Stulpen, die man sich feuchtwarm über die Waden zog, in den Farbtönen "Jade" und "Perle" - "Teewurst" und "Leberwurst" wäre treffender gewesen.
Oder das Einlaufgerät, mit dem man einen Liter Kräutertee auf eher unübliche Art in den Körper beförderte, aber dafür zweimal im Monat. Martin überlegte, ab wann die Jungs wohl derlei Foltern unterzogen würden. Griffen die Kinderschützer von Wildwasser eigentlich auch ein, wenn wurzelgläubige Mütter ihre Söhne mit Kräutertee-Einläufen traktierten?
Es war wahnsinnig anstrengend, ein trendiges Leben zu führen.
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