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Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Historikerkommission legt Bericht vor

Die deutsch-italienische Kommission hat in Rom einen Bericht über Kriegsverbrechen während der deutschen Besetzung vorgelegt. Außenminister Westerwelle bedauerte das Unrecht, das italienische Militärinternierte damals erlitten. Eine Gedenkstätte in Berlin soll die Erinnerung wach halten.

Rom - Dreieinhalb Jahre lang forschte die deutsch-italienische Historikerkommission, heute präsentierten die Gremiumsmitglieder ihren Bericht im italienischen Außenministerium in Rom. Eines der Ergebnisse: Zwischen dem 8. September 1943 und dem 8. Mai 1945 wurden jeden Tag durchschnittlich 165 italienische Zivilisten von deutschen Soldaten oder SS-Leuten getötet - Kriegsgefangene, internierte Militärangehörige oder Bürger, die aus politischen Gründen von der Wehrmacht gefangengenommen worden waren.

Das sind immens viele Opfer, auch angesichts der Tatsache, dass getöteten Partisanen sowie Tote aus Kämpfen zwischen Wehrmacht und italienischer Armee gar nicht in die Schätzung einbezogen wurden.

Am 8. September 1943 hatte Italien das Bündnis mit Deutschland aufgekündigt. Aus ehemaligen Verbündeten wurden Feinde - mit fatalen Folgen für die italienische Zivilbevölkerung. Auf dem Rückzug Richtung Norden hinterließen Wehrmacht und SS eine Spur der Verwüstung.

Im Zentrum des Berichts steht das Schicksal von geschätzt 600.000 sogenannten Militärinternierten - italienischen Soldaten, die nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im Jahr 1943 nach Deutschland verschleppt worden waren. Dort wurden sie als Zwangsarbeiter vorwiegend in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Man schätzt, dass mindestens 25.000 Italiener dabei den Tod fanden. Von etwa 5000 Gefangenen fehlt jede Spur.

Gedenkstätte für italienische Militärinternierte

Außenminister Guido Westerwelle sagte dem "Corriere della sera", die Verbrechen würden "durch die historische Aufarbeitung nicht relativiert". Die Bundesregierung bedauere zutiefst das Unrecht, das die italienischen Militärinternierten damals erlitten und wolle, dass ihr Schicksal eine angemessene Würdigung erfahre. Es gehe darum, "eine Erinnerungskultur zu schaffen und zu pflegen", so der Minister.

Mit einer neuen Gedenkstätte in Berlin soll künftig an die Militärinternierten erinnert werden. Als geeigneten Ort schlug die deutsch-italienische Historikerkommission am Mittwoch ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager im Stadtteil Niederschöneweide vor.

Die Historikerkommission wurde 2008 von den Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Franco Frattini ins Leben gerufen. Das Gremium besteht aus zehn Mitgliedern, darunter der Historiker Wolfgang Schieder von der Universität Köln sowie Mariano Gabriele von der Universität La Sapienza in Rom, die den Bericht am Mittwoch präsentierten.

2008 hatte das Oberste Gericht in Italien die Bundesrepublik Deutschland zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt, die auch die Konfiszierung deutschen Eigentums in Italien vorsah. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wies die Ansprüche gegen Deutschland allerdings zurück.

Ziel der Kommission ist die Aufarbeitung der deutsch-italienischen Kriegsvergangenheit. Allein bei dem Massaker von Marzabotto nahe Bologna wurden einigen Quellen zufolge mehr als 1830 Menschen getötet, die meisten von ihnen Zivilisten. SS-Leute und Wehrmachtsangehörige verübten im Herbst 1944 schwerste Kriegsverbrechen in der Region. Sie exekutierten, warfen Handgranaten, ermordeten Kinder und Behinderte und kehrten am Tag nach dem Massaker zurück, um gezielt Überlebende zu töten. Augenzeugen berichteten, deutsche Soldaten hätten unter anderem den Gemeindepriester vor dem Altar der Kirche erschossen.

ala/dpa

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