Deutscher Rettungswagenfahrer in Saudi-Arabien "Hör mal, dein Kind stirbt jetzt"

Von Rainer Leurs

AP

2. Teil: Vergewaltigungen, ausgesetzte Babys, verhungerte Bauarbeiter - alles Alltag


SPIEGEL ONLINE: War Ihnen klar, worauf Sie sich einlassen, als Sie nach Saudi-Arabien gegangen sind?

Bauer: Nicht, dass es so krass kommt. Ich bereue nicht, dass ich diesen Job angenommen habe. Aber mit dem Wissen von heute würde ich nicht nochmal nach Saudi-Arabien gehen. Dazu gehört auch, wie man dort mit ausländischen Arbeitern umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gesehen?

Bauer: Baustellen zum Beispiel, auf denen Arbeiter aus Bangladesch leben. Unter übelsten Bedingungen, bis zu dreißig Mann in einer Art Seecontainer. Oft war es so, dass man gleich morgens einen Einsatz bekam: bewusstlose Person im Industriegebiet. Dann war klar, da ist über Nacht einer gestorben, verdurstet, verhungert. Oft bin ich auch zu Einsätzen gefahren, bei denen Filipinas aus dem Fenster gesprungen waren.

Etwa acht Millionen Migranten sind nach einem Bericht des internationalen Gewerkschaftsbunds ITUC legal in Saudi-Arabien beschäftigt, fast ein Drittel der Menschen im Land sind Ausländer. Immer wieder gibt es Berichte über die miserablen Verhältnisse, in denen die Gastarbeiter leben. So nennt der ITUC-Bericht "extreme Fälle von Gewaltanwendung, Einschüchterung, Freiheitsberaubung und Bedrohung"; zudem würden viele Migranten gezwungen, von früh bis spät ohne Pause zu schuften.

Hintergrund ist das sogenannte Kafala-System, bei dem jeder Gastarbeiter einen Bürgen hat, in der Regel den Arbeitgeber. "Sobald diese Leute im Land sind, sind sie ihm ausgeliefert", sagt Rothna Begum. "Ohne Einwilligung des Arbeitgebers können sie ihren Job nicht wechseln und auch das Land nicht verlassen." Besonders prekär ist die Situation der rund 1,5 Millionen Frauen, die als Hausangestellte in Saudi-Arabien arbeiten und meist von den Philippinen, aus Indonesien oder Sri Lanka stammen. Von "faktischer Sklaverei" spricht ein philippinischer Parlamentsausschuss für die Belange von Gastarbeitern in Übersee.

SPIEGEL ONLINE: Was waren das für Frauen?

Bauer: Meistens Hausmädchen, die im Ausland angeworben werden. Kommen sie in Saudi-Arabien an, nimmt man ihnen den Pass weg. Wenn sie Glück haben, erwischen sie einen Arbeitgeber, der sie bezahlt wie verabredet. Wenn sie Pech haben, verlangt der Hausherr Zusatzdienste.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Bauer: Viele Ausländerinnen, die als Nanny arbeiten, werden von den Söhnen oder Hausherren vergewaltigt. Einmal habe ich eine Äthiopierin gefahren, die vor Schmerzen kaum laufen konnte. In der Klinik habe ich den Sachverhalt einer Ärztin geschildert. Sie sagte: Schlimm, aber da kann man nichts machen. Wenn wir jetzt die Polizei einschalten, geht diese Frau ins Gefängnis.

Es existieren keine konkreten Zahlen darüber, wie viele Hausangestellte in Saudi-Arabien misshandelt oder vergewaltigt werden. In einem HRW-Bericht aus dem Jahr 2008 heißt es jedoch, von 86 befragten Frauen hätten 28 über sexuelle Übergriffe geklagt. "Typischerweise sind Arbeitgeber oder männliche Familienangehörige die Täter", schreiben die Autoren. Und den Gang zur Polizei wagen in Saudi-Arabien nur die wenigsten Opfer. Wer eine Vergewaltigung anzeigt, gibt nach dortigem Verständnis automatisch zu, außerehelichen Sex gehabt zu haben - ein schweres Vergehen. Nur wer nachweisen kann, dass tatsächlich eine Vergewaltigung stattgefunden hat, entgeht einer Bestrafung. "Und dieser Nachweis ist unglaublich schwer", sagt Begum.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn eine dieser Frauen schwanger wird?

Bauer: Ins Krankenhaus können sie jedenfalls nicht, da droht ihnen die Verhaftung. Sie entbinden das Kind also zu Hause. Und in der Regel werden diese Babys ausgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: In der Regel?

Bauer: Ich hatte solche Fahrten einmal in der Woche, Einsatzstichwort: "abandoned baby". Wenn's gut läuft, wurde das Neugeborene kurz vor der Gebetszeit vor eine Moschee gelegt. Wenn's schlecht läuft, ist das Kind tot. Und ganz viele dieser Säuglinge haben asiatische Gesichtszüge. Nach meinem ersten Einsatz dieser Art - angeblich ein totes Kind vor einer Moschee, das dann aber doch noch lebte - habe ich im Krankenhaus eine Schwester gefragt, wie oft so etwas vorkommt. Da stellte sie einen vollen Leitz-Ordner auf den Tisch, mit den Einsätzen allein vom letzten halben Jahr. Und das war nur eines von vielen Krankenhäusern in Riad.

Auch Ex-Paramedic Frank Scharf spricht von einer erschreckend hohen Zahl ausgesetzter oder getöteter Neugeborener. "In schöner Regelmäßigkeit", sagt er, trügen vergewaltigte Nannys heimlich Kinder aus. Viele von ihnen würden nach der Geburt regelrecht entsorgt. "Allein zu einer Müllhalde in der Umgebung bin ich etwa alle zwei Wochen gefahren, nur um zu bestätigen: Ja, das Kind ist tot", sagt er.

Vom Roten Halbmond in Saudi-Arabien gibt es zu alledem keine Stellungnahme. Mehrere Anfragen von SPIEGEL ONLINE blieben bei der Hilfsorganisation unbeantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie den Entschluss gefasst, den Job hinzuschmeißen?

Bauer: Nach einem halben Jahr bin ich über Weihnachten in Deutschland gewesen; da fiel es mir schon schwer, zurückzufliegen. Im März 2012 habe ich dann beschlossen, Saudi-Arabien zu verlassen und meinen Vertrag nicht zu verlängern. Ich bin ohne Job zurück nach Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie Ihr ehemaliges Gastgeberland nach dieser Erfahrung?

Bauer: Wissen Sie, natürlich gibt es dort Fundamentalisten. Ich hatte in Riad aber auch viele junge Kollegen; Saudis, die verstehen, dass in ihrer Heimat ganz viele Sachen falsch laufen. Nur ändern können sie daran nichts. Weil es ihnen passieren kann, dass sie verhaftet werden, wenn sie dagegen aufbegehren.

SPIEGEL ONLINE: Wie dachten Ihre Kollegen zum Beispiel über die Geburt, bei der Sie nicht helfen durften?

Bauer: Einige haben sich darüber aufgeregt. Die sehen, dass Religion und Medizin zwei verschiedene Dinge sind. Es gab aber auch welche, die gesagt haben: Das Kind wäre auf jeden Fall gestorben, selbst wenn man seinen Kopf noch so sehr zurückgedrückt hätte. Weil es Allahs Wille war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 460 Beiträge
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jakam 10.06.2014
1. Zurück in die Steinzeit
Ich versuche wirklich, andere Kulturen zu verstehen und sowit es mir als westeuropäisch undogmatischem Menschen möglich ist...aber diese Religionskultur ist schlicht und ergreifend das bescheuerteste, worüber ich tagtäglich seit Jahren lese. Rückständig, barbarisch und menschenverachtend, ich hoffe, daß dieser unfassbare Schwachsinn irgendwann mal eine Ende findet, vielleicht ja auch durch mehr Bildung/Aufklärung/ich -weiß-leider-nicht-was... Religionen - größter Massenmörder der Geschichte und noch immer geduldet - Irrsinn.
DL2MCD1 10.06.2014
2. Erinnert mich an den Roman
Obwohl das dem hier Geschilderten gegenüber noch harmlos ist. Aber da wird ein deutscher Entwicklungshelfer, der als Lehrer arbeitet, in Abu Dhabi mit der arabischen Realität konfrontiert. Lesenswert.
spon-facebook-10000210271 10.06.2014
3. mit Koran hat das ...
Mit dem Koran hat das nichts mehr zu tun. Einfach eine eigene Gesellschaftsnorm. Tja, wenn alles so egal ist, dann sind die uns auch egal.
SirZaharoff 10.06.2014
4.
Was soll man da noch kommentieren? Außer an dieser Stelle nochmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass alle westlichen, ach so demokratischen und Menschenrechts-verpflichteten Regierungen, gerade auch die Deutsche, gerne und umfangreich Geschäfte mit der herrschend Sippe in diesem Land machen. In unser aller Namen.
schmuellöffelholz 10.06.2014
5. optional?
mir fehlen einfach die Worte ...
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