Deutscher Rettungswagenfahrer in Saudi-Arabien "Hör mal, dein Kind stirbt jetzt"

Ein Jahr lang arbeitete Stefan Bauer als Rettungsassistent für den Roten Halbmond in Saudi-Arabien. Viele der Geschichten, die der Deutsche über diese Zeit erzählt, sind kaum zu ertragen - und bieten einen seltenen Einblick in eine abgeschottete Gesellschaft.

Von Rainer Leurs

AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Bauer, Notärzte und Rettungsassistenten sind normalerweise einiges gewohnt, was blutige Szenen und menschliche Schicksale angeht. Sie haben ein Jahr als Paramedic in Riad gearbeitet; am Ende konnten sie nachts nicht mehr schlafen. Was war da los?

Bauer*: Zunächst mal habe ich in dem einen Jahr geschätzt 250 Verkehrstote gesehen. Das erleben Sie im deutschen Rettungsdienst in einem ganzen Berufsleben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum war das so?

Bauer: Die Leute halten sich nicht an Verkehrsregeln, anschnallen braucht man sich nicht. Dicke Autos sind zudem oft das einzige Hobby der jungen Männer: Kinos, Bars oder Konzerte gibt es keine, und mit Frauen treffen kann man sich auch nicht wirklich. Was es gibt, ist die Ring Road, einen Highway, der um die Stadt Riad herumführt. Dort gehen diese Leute driften, und irgendwann überschlägt sich eben einer. Dann haben Sie fünf, sechs Tote auf dem Highway liegen. Gerade am Wochenende war klar: Die ganze Nacht müssen Sie zu schlimmen Verkehrsunfällen fahren.

Stefan Bauer hatte sich 2011 als erfahrener Rettungsassistent auf eine Stellenanzeige beim Roten Halbmond beworben - Einsatzort: Riad. Was der Deutsche heute zu erzählen hat, zeigt die Verhältnisse in Saudi-Arabien aus einer extremen Perspektive: Als Rettungswagenfahrer lernte er die Hauptstadt in Ausnahmesituationen kennen.

Vieles von dem, was Bauer berichtet, klingt haarsträubend; manches ist nicht ohne Weiteres zu verifizieren. Unstrittig immerhin sind die Verhältnisse auf Saudi-Arabiens Straßen: Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es dort pro Jahr knapp 7000 Verkehrstote - gemessen an der Bevölkerungszahl mehr als sechsmal so viele wie in Deutschland. Inoffiziell soll die Zahl deutlich höher liegen.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich machte ein Fall aus Riad Schlagzeilen, bei dem eine Studentin an einem Herzinfarkt starb. Ein Rettungsteam war stundenlang nicht zu ihr gelassen worden, weil sie unverschleiert war. Haben Sie etwas Ähnliches erlebt?

Bauer: Das ist Alltag dort. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Sie werden zu einer Mädchenschule gerufen, weil dort eine Schülerin bewusstlos zusammengebrochen ist. Vor den Toren steht aber ein Sicherheitsmann, und der lässt Sie nicht rein - weil eben keine Männer in diese Schule dürfen. Sie müssen also die Polizei dazuholen, und dann wird eine halbe Stunde diskutiert. Bis irgendwer endlich das Mädchen rausbringt. Und dann dürfen Sie behandeln.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Fälle erlebt, in denen so eine Situation zum Tod eines Menschen geführt hat?

Bauer: Einmal wurden wir zu einer einsetzenden Geburt gerufen. Normalerweise schaut man dann: Müssen wir das Kind gleich hier entbinden, oder schaffen wir's ins Krankenhaus? Das habe ich über meinen Dolmetscher dem Ehemann erklärt - dreimal, bis er gesagt hat: Ja, du darfst mal unter die Abaya gucken (traditionelles dunkles Gewand - d. Red.). Dort habe ich gesehen, dass der Kopf des Kindes auf die Nabelschnur drückt; das ist lebensbedrohlich fürs Baby. Normalerweise würde man in so einer Situation den Kopf mit der Hand zurückschieben, um die Nabelschnur zu entlasten. Das haben wir dem Mann erklärt, aber der sagte: Nein, gucken durftest du, aber nicht anfassen.

SPIEGEL ONLINE: Er wollte nicht, dass Sie sein Kind retten?

Bauer: Wir haben ihm gesagt: Hör mal, dein Kind stirbt jetzt, wenn wir nichts machen. Das war ihm egal. Wir durften die Frau nur ins Auto laden und in die Klinik bringen. Dort wurde dann festgestellt, dass das Baby tot ist. Die Reaktion des Mannes war: Das ist nicht schlimm, wir können ein neues machen. Das ist dann der Punkt, an dem man nicht mehr weiß, was man antworten soll.

Tatsächlich liegt die Entscheidung, ob eine Frau von einem männlichen Helfer behandelt werden darf, in Saudi-Arabien ausschließlich beim Ehemann oder anderen männlichen Familienmitgliedern. "Natürlich können Sie Notsituationen erleben, in denen die Einsicht der Männer so gering ist, dass nicht mehr diskutiert oder erklärt werden kann", sagt Volker Klinnert, Regionalarzt der deutschen Botschaft in Kairo. Bauers Geschichte hält er für realistisch: Es sei in Saudi-Arabien oft nicht einfach, als männlicher Sanitäter so einzugreifen, wie man das erwarte.

Ähnliche Erfahrungen machte Frank Scharf, der selbst fünf Jahre lang als Paramedic für den Roten Halbmond in Riad arbeitete. "Das ist das tägliche Brot dort unten", sagt er. "Wenn Sie zu einem Unfall kommen, eine Frau ist schwerstverletzt und der Ehemann sagt: Nicht anfassen!, dann gucken Sie ihr eben beim Sterben zu." Sämtliche Berichte Bauers bestätigt Scharf, auch jene über den unter der Geburt gestorbenen Säugling: Er selbst habe solche Einsätze zehn- bis zwölfmal erlebt.

Offizielle Zahlen darüber, wie oft es zu solchen Fällen kommt, gibt es allerdings nicht. Jürgen Hofmann etwa, deutscher Chirurg und Notfallmediziner in Riad, hat nach eigener Aussage noch nie erlebt, dass er von Angehörigen oder Sicherheitspersonal von seiner Arbeit abgehalten worden wäre. Rothna Begum von der Hilfsorganisation Human Rights Watch (HRW) hält dagegen: "Das ist ein großes Thema", sagt sie und verweist auf einen Vorfall, der 2002 weltweit Schlagzeilen machte: Damals hinderte die islamische Sittenpolizei in Mekka Schülerinnen am Verlassen eines brennenden Schulgebäudes, weil die Mädchen keine Schleier und langen Gewänder trugen. 15 von ihnen starben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie mit den Situationen umgegangen, in denen Sie nicht helfen durften?

Bauer: Es hat mich schon belastet. Ich habe gemerkt, dass ich zunehmend laut werde, zum Beispiel gegenüber Angehörigen. Aber manches muss man eben akzeptieren. Zum Beispiel, dass Patientinnen erst angekleidet werden müssen, bevor man sie ins Krankenhaus bringt. Immer kommt erst die Familie und richtet die Frau her, Abaya an, Kopftuch an, da vergehen bis zu 15 Minuten, selbst wenn es um Leben und Tod geht. Einmal sind wir zu einem Privathaus gefahren, da hatte uns ein Vater gerufen, seine 14-jährige Tochter sei Diabetikerin und bewusstlos. Wir kommen also an, der Vater öffnet uns die Tür - und guckt dann ganz erstaunt, wo die Krankenschwester ist.

SPIEGEL ONLINE: Er wollte, dass eine Frau seiner Tochter hilft.

Bauer: Nur ist das in Saudi-Arabien nicht erlaubt, Krankenschwestern dürfen nicht draußen arbeiten. Das haben wir ihm erklärt. Und da sagt er: Dann kann er uns nicht reinlassen. Wir haben uns also nach langer Diskussion eine Erklärung unterschreiben lassen und sind wieder gefahren. Später stand ich mit den Kollegen vor der Klinik, da raste ein SUV über die Auffahrt. Es war dieser Vater, der sein Kind in die Notaufnahme trug. Das Mädchen war gestorben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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jakam 10.06.2014
1. Zurück in die Steinzeit
Ich versuche wirklich, andere Kulturen zu verstehen und sowit es mir als westeuropäisch undogmatischem Menschen möglich ist...aber diese Religionskultur ist schlicht und ergreifend das bescheuerteste, worüber ich tagtäglich seit Jahren lese. Rückständig, barbarisch und menschenverachtend, ich hoffe, daß dieser unfassbare Schwachsinn irgendwann mal eine Ende findet, vielleicht ja auch durch mehr Bildung/Aufklärung/ich -weiß-leider-nicht-was... Religionen - größter Massenmörder der Geschichte und noch immer geduldet - Irrsinn.
DL2MCD1 10.06.2014
2. Erinnert mich an den Roman
Obwohl das dem hier Geschilderten gegenüber noch harmlos ist. Aber da wird ein deutscher Entwicklungshelfer, der als Lehrer arbeitet, in Abu Dhabi mit der arabischen Realität konfrontiert. Lesenswert.
spon-facebook-10000210271 10.06.2014
3. mit Koran hat das ...
Mit dem Koran hat das nichts mehr zu tun. Einfach eine eigene Gesellschaftsnorm. Tja, wenn alles so egal ist, dann sind die uns auch egal.
SirZaharoff 10.06.2014
4.
Was soll man da noch kommentieren? Außer an dieser Stelle nochmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass alle westlichen, ach so demokratischen und Menschenrechts-verpflichteten Regierungen, gerade auch die Deutsche, gerne und umfangreich Geschäfte mit der herrschend Sippe in diesem Land machen. In unser aller Namen.
schmuellöffelholz 10.06.2014
5. optional?
mir fehlen einfach die Worte ...
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